Volkskrankheit Depression: Kann Sport Medikamente ersetzen?


Bachelorarbeit, 2009

55 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Depression als Krankheitsbild
2.1 Definition und Symptome
2.2 Abgrenzung zwischen normalen Tiefs und Depressionen
2.3 Ursachen, Auslöser und Erklärungsmodelle
2.4 Diagnostik
2.5 Klassifikation depressiver Erkrankungen
2.6 Komorbidität

3 Bewegungstherapie
3.1 Richtlinien des Deutschen Sportärztebundes
3.2 Integrative Bewegungstherapie
3.3 Konzentrative Bewegungstherapie
3.4 Rhythmische Bewegungstherapie

4 Vergleich verschiedener Studien zur Effektivität der Sporttherapie

5 Resümee

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) zählen Depressionen, zu den häufigsten, und hinsichtlich ihrer Schwere, am meisten unterschätzten, psychischen Erkrankungen, unserer Zeit. Nach Angaben der WHO leiden weltweit ca. 340 Millionen Menschen an depressiven Störungen. In Deutschland liegt die Rate, der derzeit Erkrankten, laut des „Kompetenznetzwerks Depressionen/Suizidalität“ bei ca. 5% der Gesamtbevölkerung. Insgesamt erkranken ca. 20% der deutschen Bundesbürger ein- oder mehrmals in ihrem Leben an einer Depression. Weltweit sind laut WHO, die unipolaren Depressionen, der verbreitetste Grund, in allen Altersgruppen für „mit Behinderung gelebte Lebensjahre“ (Weltgesundheitstag 2001).

Die Wahrscheinlichkeit im Laufe des Lebens an einer Depression zu erkranken liegt bei Männern bei 12% und bei Frauen sogar bei bis zu 26%. Die Zahl derer, die an einer chronischen, depressiven Störung leiden wird auf 30% geschätzt (Online Gesundheitsportal Vitanet).

Während in Deutschland die Krankenstände im Allgemeinen rückläufig sind, stieg die Zahl der durch Depressionen verursachten Krankheitstage im Zeitraum 2000-2004 um 42%. Laut dem Verband der Deutschen Rentenversicherungsträger waren Depressionen 2003 die häufigste Ursache für eine Berentung (Bewegungstherapie und Gesundheitssport, 2008, S.147).

Der Barmer Gesundheitsreport 2009 beschreibt, dass sich in den letzten fünf Jahren der Krankenstand in der Diagnosegruppe „Psychische und Verhaltensstörungen“ mehr als verdoppelt hat und inzwischen Platz 2 der wichtigsten Krankheiten einnimmt (Barmer, 2009, S.1).

Die Experten der WHO gehen weiterhin davon aus, dass im Jahre 2020 Depressionen die zweit häufigste Ursache, neben Herz- Kreislauferkrankungen, für Arbeitsunfähigkeit und „verlorene Jahre“ sein wird. Somit handelt es sich hiermit um ein sehr bedeutendes gesellschaftliches und volkswirtschaftliches Problem, dass sich auf die verschiedensten Lebensbereiche des Betroffenen auswirkt und somit auch gesellschaftspolitisch von Interesse ist (Weltgesundheitstag 2001).

Da das Thema Depression von so großer Bedeutung, nicht nur für den Betroffenen, sondern für unsere ganze Gesellschaft und Volkswirtschaft ist und weil die meisten Menschen aus Unwissenheit dieser Erkrankung mit Vorurteilen begegnen wendet sich diese Arbeit dem Thema Depression zu. Vor diesem Hintergrund soll die Frage nach Qualität und Effektivität von Therapieformen, in diesem Fall der Sport- und Bewegungstherapie, geklärt werden.

Die Arbeit ist so aufgebaut, dass im ersten Teil die Grundlage für das Verständnis gelegt wird, indem der Begriff Depression definiert wird und die Symptomatik auf den verschiedenen Ebenen (psychisch, psychomotorisch, somatisch und psychosozial) beschrieben wird. Dann wird depressive Stimmung, die jeder kennt von der Erkrankung Depression abgegrenzt und näher auf die Auslöser einer Depression eingegangen. Damit verbunden sind die verschiedenen Erklärungsmodelle, die versuchen zu erklären, warum der eine an einer Depression erkrankt und ein anderer nicht.

Danach wird auf die auf die Diagnosefindung näher eingegangen, denn die ist bei psychischen Erkrankungen weitaus schwieriger, als bei anderen Erkrankungen, die der Arzt anhand von Blutwerten oder Röntgenbildern feststellen kann.

Es folgt die Klassifikation der Erkrankung nach dem aktuellen internationalen Standard ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation.

Daraufhin wird auf das Problem der Komorbidität eingegangen, denn Depressionen treten häufig im Zusammenhang mit Angststörungen, Zwängen, Schizophrenie und Suchterkrankungen auf.

Der zweite Teil der Arbeit beschäftigt sich mit der Sport- und Bewegungstherapie und ihrer Wirkungsweise und Effektivität, die ich anhand von Studien versuchen möchte zu belegen.

2 Depression als Krankheitsbild

2.1 Definition und Symptome

Heutzutage lesen und hören wir viel über depressive Menschen, doch was wissen wir eigentlich über Depressionen? Das, was wir wissen sind meist Vorurteile, oder Halbwahrheiten und genau das macht es uns oft schwer mit diesem Krankheitsbild und mit den Menschen, die betroffen sind richtig umzugehen. Deshalb geht es zu Beginn der Bachelorarbeit erstmal um das Verständnis des Krankheitsbildes.

Das Wort „Depression“ stammt ursprünglich von dem lateinischen „deprimere“ ab und bedeutet so viel wie herunterdrücken, unterdrücken (Faust, 1983, S. 9).

Bezeichnet wurde damit eine generelle Minderung und Beeinträchtigung psychischer Funktionen. Im Laufe der Zeit entwickelte sich jedoch über eine ganze Reihe von Depressionsbegriffen eine relativ einheitliche Zuordnung, die sich in erster Linie an der Symptomatik orientiert (Faust, 1983, S. 9).

Heute wird die Depression als ein Syndrom angesehen, dass neben den psychischen Beeinträchtigungen in zunehmenden Maße auch somatische und psychomotorische Minderungen mit einbezieht. Daraus wiederum erfolgen psychosoziale Konsequenzen (Faust, 1983, S. 9).

Durch die Beschreibung der Symptome ist ein erster Schritt zur Diagnose getan. Im folgenden werden die hauptsächlichen Symptome einer Depression näher erläutert und beschrieben. Wenn mehrere der folgenden Symptome vorliegen, wird von einer Depression gesprochen (Althaus, Hegerl, Reiners, 2005, S. 17-18).

Die psychischen Symptome einer Depression äußern sich im Allgemeinen in trauriger Verstimmung, Unfähigkeit zur Freude, Denkhemmung, Entschlussunfähigkeit, Apathie, Angst, innerer Leere, Hoffnungslosigkeit, Kraft- und Antriebslosigkeit, Suizidgedanken und negativen Gedanken (Faust, 1983, S. 10).

Das Symptom der deprimierten Stimmung zählt zu den drei Kernsymptomen der Depression und bedeutet niedergedrückt zu sein. Allein die gedrückte Stimmung reicht jedoch nicht aus, um eine Depression zu diagnostizieren. Es können auch andere psychische Symptome im Vordergrund stehen. Zum Beispiel das zweite Kernsymptom, eine tiefsitzende und alle Lebensbereiche betreffende Freud- und Interessenlosigkeit. Hierbei ist das Gefühl an irgendetwas Freude zu haben völlig abgestellt und nicht damit zu erklären oder zu vergleichen, dass der Patient lediglich das Gefühl hat an einer bestimmten Sache keine Freude zu haben. Bei besonders schweren Depressionen mündet dies in dem Gefühl der Gefühllosigkeit. Die Patienten fühlen sich wie versteinert und innerlich abgestorben (Althaus, Hegerl, Reiners, 2005, S. 18).

Das dritte Kernsymptom ist die Energie-, Kraft- und Antriebslosigkeit. Die alltäglichen Dinge wie z.B. das anziehen werden für den Patienten fast unmöglich (Althaus, Hegerl, Reiners, 2005, S. 18).

Die psychomotorischen Symptome können sich entweder so äußern, dass der Patient eine sogenannte Plus-Symptomatik aufweist, die sich durch motorische Unruhe und innere Getriebenheit auszeichnet, oder es kommt zu einer MinusSymptomatik, die genau das Gegenteil, nämlich eine Antriebshemmung bewirkt. Beides ist für den Erkrankten sehr qualvoll und kann nur durch den eigenen Willen, oder durch ein „sich zusammenreißen“ nicht aus eigener Kraft überwunden werden (Faust, 1983, S. 10).

Zu den somatischen Symptomen zählen Störungen der Vitalgefühle und eine große Anzahl von subjektiven und objektivierbaren vegetativen Symptomen wie z.B. Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Magen- und Darmbeschwerden oder auch Herzbeschwerden (Faust, 1983, S. 10).

Früher wurde hinter somatischen Beschwerden selten eine Depression vermutet. Heute kennen wir diese Art der Depression unter dem Begriff larvierte, oder maskierte Depression. Diese Form der Depression führt meist dazu, dass Patienten lange leiden müssen, bis sie die richtige Diagnose gestellt bekommen und sich einer passenden Therapie unterziehen können, weil erst alle anderen in Frage kommenden Krankheiten ausgeschlossen werden müssen und erst wenn der Patient als körperlich, gesund erscheint wird die Depression als Ursache in Betracht gezogen (Faust, 1983, S. 12).

Die Depression wirkt in diesem Fall wie ein Vergrößerungsglas, weil die tatsächlich vorhandenen körperlichen Beschwerden viel stärker verspürt werden, als das sonst der Fall ist. Leichte Schmerzen werden zu nahezu unerträglichen Schmerzen und alle Empfindungen werden zu Missempfindungen. Die normalen Ängste, die mit körperlichen Beschwerden einhergehen werden völlig übersteigert erlebt. Hinter harmlosen Kopfschmerzen werden vom Patienten z.B. Hirntumore vermutet (Althaus, Hegerl, Reiners, 2005, S. 19)

Heute wissen wir, dass das, was bisher als typisch depressive Erscheinung angesehen wurde, nicht zur genauen Erfassung einer Depression geeignet ist und dass das, was man als typisch depressiv angesehen hat z.B. Energielosigkeit und der Verlust an Freude und Interessen, nur Randerscheinungen mit geringem Aussagewert sind (Giger-Bütler, 2003, S. 195).

Das sich eine Depression oft somatisiert und hinter körperlichen Symptomen versteckt ist Ausdruck einer depressiven Überforderung, die anzeigt, dass die psychische Spannkraft zusammengebrochen ist und „die Batterien leer sind“. Somit haben die körperlichen Symptome auch eine Art Schutzfunktion, so dass sich der Betroffene nicht noch weiter überfordert. Sie schaffen dem Patienten einen sanktionierten Schonraum. Außerdem vermeiden oder lindern die körperlichen Symptome einer Depression, Schuldgefühle und Ängste und sie legalisieren die Depression für den Patienten und die Gesellschaft, weil wir uns oft nur als krank ansehen, wenn wir körperlich krank sind (Giger-Bütler, 2003, S. 200).

Außerdem kann der Patient durch die Depression einen Teufelskreis entwickeln, denn durch die Anspannung können sich körperliche Symptome zeigen z.B. Spannungskopfschmerzen, die dann wiederum vom Patienten als hoffnungslose Situation gedeutet werden (Althaus, Hegerl, Reiners, 2005, S. 20)

Die psychosozialen Konsequenzen ergeben sich aus der Symptomatik und dem Verhalten des Depressiven sowie den Reaktionen seiner Umwelt (Faust, 1983, S. 10).

Wenn die Umwelt des Erkrankten, kein Verständnis für die Erkrankung und das Verhalten des Depressiven hat und ihm mit Unverständnis, Vorwürfen und unqualifizierten Ratschlägen begegnet wird es der Erkrankte schwerer haben wieder gesund zu werden, als wenn seine Umwelt ihm Geborgenheit und Verständnis signalisiert.

Die oben genannten Symptome sind sehr vielschichtig und machen die Diagnose einer Depression so schwer. Es müssen auch nicht bei allen Depressionsformen alle Symptombereiche im Vordergrund stehen. Bei der larvierten Depression beispielsweise werden die psychischen Symptome fast vollständig von den somatischen überdeckt und werden erst dann sichtbar, wenn die somatischen Beschwerden abklingen.

Wie die Ärzte aus der Vielzahl an Symptomen die richtige Diagnose finden werde ich in Kapitel 2.3 noch näher erläutern.

Im nächsten Kapitel geht es erstmal darum, die klinische Depression von einer leichten depressiven Verstimmung abzugrenzen und damit zu zeigen, wie vielschichtig der Begriff ist.

2.2 Abgrenzung zwischen normalen Tiefs und Depression

Die ersten schriftlichen Hinweise auf Depressionen gibt es bereits aus dem 8. Jahrhundert v. Chr.. Damals wurde von Kummer, Verzweiflung und Vereinsamung gesprochen. Erst viel später beschäftigten sich Ärzte zum ersten mal mit dem Thema dieser schmerzhaften, psychischen Veränderungen. In der ersten Sammlung medizinischer Abhandlungen aus Griechenland, den „Hippokratischen Schriften“ heißt es „Wenn Angst und Traurigkeit lange andauern, sonst handelt es sich um einen melancholischen Zustand“. Seither haben sich in der Medizingeschichte die Bezeichnungen für diesen Zustand mehrfach geändert. Erst im 19. Jahrhundert entwickelte sich der Begriff Depression (Niedergeschlagenheit) (Hell, 2006, S. 28).

Es ist und bleibt problematisch den Begriff hinsichtlich verschiedener Schweregrade und Ausprägungsformen abzugrenzen, aber den Kernpunkt, nämlich das depressive Erleben hat es wohl schon immer gegeben und gehört zum Mensch sein dazu. Bis heute wird darüber gestritten, ob die Depression eine Ausnahmeerscheinung ist, die nur auf wenige Menschen zutrifft, oder ob es eine allgemeine menschliche Reaktion ist, die häufiger auftritt. Dies kann bis heute nicht eindeutig beantwortet werden, weil es von der Definition der Depression abhängt und auch davon wie umfassend die gesamte Bevölkerung auf Depression hin untersucht wird, denn wie bereits in der Einleitung erwähnt wurde gibt es eine hohe Dunkelziffer der Erkrankung (Hell, 2006, S. 28).

Früher wurden nur die sehr schweren Verläufe depressiver Erkrankungen wahrgenommen. Das zeigt, das seit der Jahrhundertwende eingeführte Klassifizierungssystem, dass zum Teil heute noch gilt. Dort wurden nur schwer Depressive, manisch Depressive und Patienten, die unter zyklischen Depressionen litten aufgeführt. Erst viel später, als sich auch die niedergelassenen Ärzte und Ärztinnen mit dem Thema der psychischen Erkrankungen befassten, wurden die leichteren depressiven Verstimmungen mit einbezogen (Hell, 2006, S. 29).

Heute nach vielen epidemiologischen Untersuchungen in der Allgemeinbevölkerung stellt sich ein ganz anderes Bild dar. Die Patienten mit den schweren Depressionen, die zu Beginn den Begriff prägten, stellen nur noch eine Minderheit von einem Prozent dar. Die Mehrheit der Erkrankten hat leichtere Verläufe der Erkrankung (Hell, 2006, S. 29).

Durch repräsentative Befragungen zeigt sich, dass es zu einem Übergang zwischen gesundem Wohlbefinden und depressiver Verstimmung kommt. Das bedeutet, dass die Depression aus dem Gesunden heraus erwächst und eine mögliche Reaktionsweise auf eine Belastung darstellt. Es gibt also zum einen einen fließenden Übergang zwischen gesund und depressiv und zum anderen eine natürliche Reaktion auf eine Belastung, die Depressionen auslöst. Dies macht es so schwierig behandlungsbedürftige Depressionen zu erkennen (Hell, 2006, S. 30-31).

Selbst die Fachleute können nur sehr schwer die Grenze zwischen einer behandlungsbedürftigen Depression und einer lediglich gedrückten Stimmung als nachvollziehbare Reaktion auf ein belastendes Ereignis, ziehen. Die folgenden Symptome können bei der Abgrenzung jedoch hilfreich sein und dem Fachmann Aufschluss geben (Althaus, Hegerl, Reiners, 2005, S. 35).

Ein Symptom der Depression ist die Affektstarre d.h. Der Depressive kann keine positiven Gefühle empfinden und auf positive Nachrichten mit positiven Gefühlen reagieren. Jemand der nur an einem Stimmungstief leidet, könnte sich zumindest kurzfristig über positive Ereignisse freuen. Ein depressiver Mensch kann dies nicht (Althaus, Hegerl, Reiners, 2005, S. 35).

Ein weiteres Symptom, welches sich dazu eignet ein Stimmungstief von einer Depression abzugrenzen, ist die Gefühllosigkeit. Der Depressive ist unfähig Gefühle wie z.B. Trauer, Wut oder Enttäuschung zu empfinden. Wenn der Depressive wieder weinen kann ist dies ein erstes Zeichen der Besserung (Althaus, Hegerl, Reiners, 2005, S. 35).

Bei einer echten Depression kommt es auch zu Tagesschwankungen der Stimmung. Die Betroffenen berichten meist darüber, dass sich die Stimmung im Laufe des Tages verbessert und die Symptome Abends fast verschwinden. Morgens starten Depressive hingegen meist mit einem Morgentief in den Tag (Althaus, Hegerl, Reiners, 2005, S. 35).

Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal sind unangemessene Schuldgefühle des Betroffenen, die überhaupt nicht zutreffen oder auch Wahnvorstellungen z.B. schwer krank zu sein oder die Angst zu haben völlig zu verarmen (Althaus, Hegerl, Reiners, 2005, S. 35).

Und ein letztes Unterscheidungsmerkmal ist die Vorgeschichte des Patienten z.B. wenn es schon früher mal depressive Episoden gab, oder auch wenn Depressionen bei nahen Angehörigen vorliegen. Dann sollte der Arzt eher an eine Depression denken, als an ein normales Stimmungstief (Althaus, Hegerl, Reiners, 2005, S. 35).

Im nächsten Kapitel geht es um die Ursachen, Auslöser und die Erklärungsmodelle einer Depression.

2.3 Ursachen, Auslöser und Erklärungsmodelle

Trotz intensiver Forschung, ist das Wissen um die Entstehung von Depressionen noch lückenhaft. Die Ursachen einer Depression scheinen genauso vielfältig zu sein, wie ihre Erscheinungsformen. Es gibt nicht nur die eine Ursache, sondern ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren kann die Entstehung einer Depression begünstigen. In diesem Fall sprechen wir von einem multifaktoriellen Geschehen (Schäfer, 2001, S. 35).

Bei den Erklärungsmodellen wird zwischen biologischen und psychologischen unterschieden. Die psychologischen Erklärungsmodelle unterscheiden sich in tiefenpsychologische und lerntheoretisch-kognitive Ansätze. Die Gemeinsamkeit der Modelle besteht darin, dass sie von einer negativen IchBewertung ausgehen. Der Patient leidet unter einer Selbstwertstörung und es fehlt ihm häufig an sozialer Kompetenz, die sich darin äußert, dass der Patient z.B. schlecht „nein“ sagen kann, oder zu wenig auf seine eigenen Bedürfnisse achtet (Schäfer, 2001, S. 35).

Das lerntheoretisch-kognitive Modell geht davon aus, dass die Betroffenen keine Kontrolle über eigene wichtige Lebensbedingungen verspüren. Sie fühlen sich ausgeliefert, geben Verantwortung ab und erleben sich als hilflos. Das führt dazu, dass sie sich von ihrer Zukunft nichts mehr erwarten und sich dementsprechend passiv verhalten. Diese Patienten nehmen die Realität oftmals verfälscht wahr und sehen sich selbst und andere sehr negativ. Es kommt oft zu Verallgemeinerungen z.B. wird eine bestimmte Situation so bewertet, als ob dies immer so wäre. Depressive Menschen suchen nach diesem Modell die Fehler immer bei sich und sehen die Welt sehr subjektiv. Sie sehen nur das schlechte, nie das gute (Schäfer, 2001, S. 40).

Das tiefenpsychologische Modell geht davon aus, dass es in der Vergangenheit zu Verletzungen gekommen ist, die noch nicht verarbeitet wurden. Dieses Modell geht von mangelnder Wertschätzung und Anerkennung aus, oder auch von ständigen Überforderungen, gekoppelt an hohe Leistungserwartungen (Schäfer, 2001, S. 41).

Die biologischen Modelle gehen von genetischen Faktoren einerseits und andererseits von einer gestörten Neurotransmitter-Balance im Gehirn aus. In diesem Fall sind die Neurotransmitter wie z.B. Serotonin und Noradrenalin vermindert und zusätzlich besteht ein hormonelles Ungleichgewicht im Bereich des Hypothalamus und der Hypophyse sowie der Nebennierenrinde und der Schilddrüse (Schäfer, 2001, S. 35).

Der Einfluss von genetischen Faktoren wird auf ca. 41% geschätzt. Durch das Zusammenspiel anderer Risikofaktoren, kann es zum Ausbruch der Depression kommen. Deshalb ist es wichtig, die Familienanamnese mit in die Therapie einzubeziehen (Schäfer, 2001, S. 41).

Depressionen können in manchen Fällen auch scheinbar aus heiterem Himmel auftreten, ohne das es ein auslösendes Ereignis im Vorfeld der Erkrankung gibt (Althaus, Hegerl, Reiners, 2005, S. 57).

So sind bei ca. einem Viertel aller depressiven Patienten keine auslösenden Lebensereignisse feststellbar (Schäfer, 2001, S. 44).

Meistens jedoch tritt eine Depression als einfache Reaktion auf ein bestimmtes Ereignis, dass einen persönlich betrifft z.B. Arbeitsplatzverlust, Todesfall, oder Scheidung, auf. Jeder Mensch verarbeitet diese Ereignisse anders und die Trauerreaktion ist natürlich und erfolgt bei jedem Menschen (Lenne, 1976, S. 23).

Bei 10 bis 30% ist eine schwere psychische Belastung, oder eine Konfliktsituation der Auslöser einer Depression (Tölle, 2003, S. 46).

Wenn allerdings eine bestimmte Vulnerabilität bei einer Person vorliegt, dann kann es sein, dass diese Person auf ein entsprechendes Ereignis mit einer Depression reagiert. Wir sprechen dann von einer posttraumatischen Belastungsreaktion (Schäfer, 2001, S. 36).

Weitere Ursachen der Depression können wiederholte, oder lange andauernde Traumen sein, die zu einer psychischen Erschöpfung führen z.B. beruflicher Dauerstress oder Unzufriedenheit im Beruf. Hierbei sprechen wir von einer Erschöpfungsdepression. In unsere modernen Gesellschaft tritt diese leider sehr häufig auf, denn wir sind alle von Arbeitslosigkeit bedroht und müssen mit unserem Einsatz über unsere Grenzen hinausgehen. Wenn dann noch ungerechte Entlohnung oder schlechtes Betriebsklima hinzukommen ist die Erschöpfungsdepression meist vorprogrammiert (Faust, 1983, S. 10).

Von einer neurotischen Depression wird gesprochen, wenn die Ursache in verdrängten Schäden in der frühen Kindheit liegen. Diese Form der Depression ist für den Betroffenen meist besonders schwer zu verstehen und zu akzeptieren, weil die Ursachen dem Betroffenen nicht bewusst sind (Faust, 1983, S. 10).

Eine weitere Ursache für Depressionen sind körperliche Veränderungen z.B. in den Wechseljahren oder nach einer Schwangerschaft. Die hormonellen Veränderungen im Körper der Frau können Auslöser einer Depression sein (Faust, 1983, S. 10).

Frauen weisen ein doppelt so hohes Erkrankungsrisiko auf, als Männer und ebenfalls eine erhöhte Rückfallneigung. Die hormonellen Veränderungen sind ein Grund dafür. Ein weiterer Grund sind die psychosozialen Konfliktsituationen, denen die Frauen vermehrt ausgesetzt sind. Dazu zählen die Doppelbelastung von Familie und Beruf und der eigene, meist zu hohe Anspruch an sich selbst (Schäfer, 2001, S. 36-37).

Bei vielen Menschen tritt eine Depression erst im Alter auf, weil es einige Faktoren gibt, die Depressionen im Alter begünstigen z.B. die verminderte Produktion von Botenstoffen, körperliche Erkrankungen und die damit verbundenen Schmerzen. Zu den psychosozialen Auslösern zählen z.B. die Vereinsamung, der Rückzug aus dem Berufsleben, Hilflosigkeit, der Auszug der Kinder und Krankheiten (Schäfer, 2001, S. 36-38).

Oft zu finden als Ursache für Depressionen ist ein übertriebener Perfektionismus der Betroffenen. Viele Patienten, die an Depression erkranken können mit Fehlern und Unzulänglichkeiten nicht leben und wollen immer alles 200% machen. Dies führt dauerhaft zu einer großen Belastung und kann eine Depression begünstigen (Schäfer, 2001, S. 38).

Bei der oben genannten Vielzahl der Ursachen zeigt sich, dass die Experten von unterschiedlichen und zum Teil widersprüchlichen Erklärungsmodellen ausgehen. Die einen sehen als Ursache einer Depression eher Probleme in der Kindheit, die anderen eher gegenwärtige Belastungen z.B. Stress. Manche sehen als Ursache mangelnde Liebe und Wertschätzung und andere genau das Gegenteil, nämlich übermäßiges verwöhnen. Die einen gehen vom Individuum aus und sehen die Ursachen bei der erkrankten Person und die anderen sehen die Ursachen in den äußeren Umständen unserer Leistungsgesellschaft, die sich im Vergleich zu früher verändert hat und Probleme z.B. Vereinsamung und Leistungsdruck aufwirft, die für einige Menschen vielleicht zu belastend sind (Althaus, Hegerl, Reiners, 2005, S. 61).

Im nächsten Kapitel geht es darum, wie der Arzt eine Depression, trotzt vielfältiger Symptome und Ursachen, diagnostizieren kann.

2.4 Diagnostik

Ganz wichtig ist es, dass der Patient oder die Angehörigen erkennen, dass sich hinter der Gemütsverfassung eine Depression verstecken könnte.

[...]

Ende der Leseprobe aus 55 Seiten

Details

Titel
Volkskrankheit Depression: Kann Sport Medikamente ersetzen?
Hochschule
Universität Paderborn  (Sportwissenschaft)
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
55
Katalognummer
V193842
ISBN (eBook)
9783656192473
ISBN (Buch)
9783656193296
Dateigröße
608 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
depressionen, sporttherapie, welchen, anteil, therapieerfolg
Arbeit zitieren
Viola Wellsow (Autor), 2009, Volkskrankheit Depression: Kann Sport Medikamente ersetzen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/193842

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Volkskrankheit Depression: Kann Sport Medikamente ersetzen?



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden