Bahá'u'lláh in Akko

Gesellschaftlicher Status eines Gefangenen des Osmanischen Reiches


Hausarbeit, 2012
19 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Überblick über die Geschichte Akkos
1.1 Akko im Osmanischen Reich (1517 bis 1920)
1.1.1 Wirtschaft und Politik
1.1.2 Bevölkerung
1.2 Akko zwischen 1865 und 1890
1.2.1 Wirtschaft und Verwaltung
1.2.2 Wahrnehmung der Stadt durch die Bahá'í

2 Person Bahá'u'lláhs und Gründe für die Verbannung

3 Baháulláhs gesellschaftlicher Status in Akko
3.1 Einordnung der Quellenliteratur
3.2 Erste Periode von 1868 bis 1877
3.2.1 Rechtsstatus und Privilegien
3.2.2 Verhältnis zu Bewohnern und Besuchern von Akko
3.3 Zweite Periode von 1877 bis 1892
3.3.1 Rechtsstatus und Privilegien
3.3.2 Verhältnis zu Bewohnern und Besuchern von Akko

4 Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Primärquellen

Sekundärliteratur

Einleitung

Seit sich zwei Bábí 1852 mittels eines Anschlags auf den persischen Shah für die Hinrichtung des Báb rächen wollten, befand sich Bahá'u'lláh in Gefangenschaft, bzw. in Verbannung, die bis zum Ende seines Lebens andauerte. Nachdem er den Iran 1853 verlassen musste hielt er sich stets im Osmanischen Reich auf. Er wurde von Bagdad über Konstantinopel nach Adrianopel verbannt und erreichte schließlich Akko.

Akko war 1517 ein Teil des Osmanischen Reiches geworden, bis zu seiner Blüte im 18. Jahrhundert jedoch relativ unbedeutend. Zu dieser Zeit entstand die Stadt durch den Handel mit Europa von Neuem. Doch als Bahá'u'lláh dorthin verbannt wurde, war davon vermutlich nur noch sehr wenig zu sehen, da das Stadtbild durch Eroberungen zerstört wurde und andere Städte wie Beirut und Haifa zunehmend als konkurrierende Handelsmächte auftraten.

So kommt es, dass es aus dieser Zeit nur eine unzureichende Anzahl von Reiseberichten oder anderen mir zugänglichen Primärquellen im englischen oder französischen Sprachraum gibt - Länder, die noch 30 Jahre zuvor Akkos stärkste Handelspartner waren. Da es mir an wichtigen anderen Sprachkenntnissen mangelt, beziehe ich mich in dieser Arbeit vor allem auf Geschichtswerke der Bahá'í-Literatur, deren Begrifflichkeiten und Schreibweisen ich zur besseren Verständlichkeit zu einem großen Teil übernehmen werde. Sie beschreibt ausführlich das Leben und Werk Bahá'u'lláhs und jener, die mit ihm verbannt wurden, in Akko. Anhand dieser sowie einiger kurzer Berichte von Bahá'í-Pilgern soll die gesellschaftliche Stellung Bahá'u'lláhs in dieser Stadt herausgearbeitet werden. Denn obwohl er bis zum Schluss ein Gefangener blieb, veränderte sich sein Status drastisch - soweit, dass er Akko verlassen und in einem Landhaus außerhalb der Stadtmauern wohnen durfte.

Im Folgenden soll daher die Sozialgeschichte Akkos unter der osmanischen Herrschaft mit Schwerpunkten auf ihrer Blütezeit vor Bahá'u'lláhs Ankunft und während seiner Anwesenheit im Überblick dargestellt werden. Nach einer kurzen Erläuterung der Vorgeschichte Bahá'u'lláhs und der Gründe für seine Verbannung nach Akko werden sein offizieller Rechtsstatus und seine eher inoffiziellen Privilegien, sowie sein Verhältnis zu anderen Bewohnern der Stadt anhand der genannten Primärliteratur herausgearbeitet. Zusammenfassend soll die Entwicklung anhand eines Vergleichs seiner Stellung in der Stadt am Anfang und am Ende seiner Gefangenschaft reflektiert und offen gebliebene Fragen gestellt werden.

1 Überblick über die Geschichte Akkos

Die Stadt Akko hat viele Namen. Die Kreuzfahrer nannten sie St. Jean d'Acre, die Bahá'í 'Akká, andere Ptolemais, Acca, Akkon und vieles mehr. In der Wissenschaft finden sich beinahe alle Namen und Schreibweisen wieder, viele bevorzugen die französische Variante Acre. Für diese Arbeit habe ich mich für die Schreibweise Akko entschieden, da dies der heutigen Selbstbeschreibung der Stadtvertreter und daher der Kenntnis der meisten Israel- und Palästinainteressierten entspricht. Auf diese Weise soll der Graben zwischen Wissenschaft und „Normalbevölkerung“ etwas verkleinert werden.

Akko ist eine Hafenstadt an der südlichen syrischen Küste und war zu römischer Zeit ein wichtiger Militärhafen (vgl. Philipp 2012). Ab dem 12. Jahrhundert wurde die Stadt nochmals für die Kreuzfahrer strategisch wichtig, nach der vollständigen Zerstörung bei der Eroberung durch Sultan al-Malikal-Ashraf 1291 allerdings nicht wieder aufgebaut (vgl. Buhl 2012). So blieb die Stadt auch im Osmanischen Reich zwei Jahrhunderte lang bedeutungslos.

1.1 Akko im Osmanischen Reich (1517 bis 1920)

Als Akko von den Osmanen erobert wurde, war die Ruinenstadt nur für einige arabische Fischer interessant, doch im 18. Jahrhundert erlebte sie einen dramatischen Aufschwung. Schon 1785 war sie daraufhin nach Aleppo und Damaskus die drittgrößte syrische Stadt mit dem größten Hafen an der syrischen Küste (vgl. Philipp 2001, 1).

Das Osmanische Reich hatte zu dieser Zeit bereits seine Schwäche offenbart und die Regierung war darum bemüht, in den Provinzen ihre Macht zu demonstrieren. Traditionelle Machtzentren, die unter der osmanischen Herrschaft an Bedeutung verloren hatten, gewannen dadurch wieder an Macht oder entstanden durch den Handel mit Europa neu. Dazu gehört auch Akko, denn „after the Crusades Acre had never again been a center of political or administrative, let alone economic, power. Yet it was to become the center of the first region in the Arab provinces touched profoundly by new European demands for raw materials“ (Philipp 2001, 4). Dies wirkte sich auf alle Gesellschaftsbereiche aus.

1.1.1 Wirtschaft und Politik

In der syrischen Region war Aleppo schon Ende des 15. Jahrhunderts durch den Handel zwischen Europa und Zentral- und Südasien, bzw. dem Iran, die drittgrößte Stadt des Osmanischen Reichs geworden. Mitte des 18. Jahrhunderts lösten die Franzosen die Engländer als wichtigste europäische Handelsmacht vor Ort ab. In Damaskus hingegen fanden sich kaum europäische Händler, da die Stadt eher als Handelspunkt der Pilger nach Mekka diente, die Waren aus Südarabien, Ostafrika und Indien austauschten. Diese Entwicklungen bildeten den Kontext für den später florierenden Handel an der Küste. Beide Städte waren jedoch vorher bedeutend, während Akko eher einen untypischer Fall von syrischer Stadtgeschichte darstellte, da es im 18. Jahrhundert von Immigranten als Handelsknotenpunkt zwischen Europa und dem Nahen Osten quasi neu gegründet wurde. Auch das Hinterland der Stadt wurde von Einwanderern aus verschiedenen Richtungen und Beweggründen besiedelt, sodass keine „traditional society, however defined“ (Philipp 2001, 5-6) vorliegt. Die noch immer vorhandenen Ruinen wurden als Materialquelle für den Wiederaufbau genutzt und die ehemalige in die neue Stadtstruktur integriert (vgl. Philipp 2001, 170). Das neu erbaute Akko hatte nur ein Stadttor zur Küste im Osten, von dem aus eine Hauptstraße zum Bazar und dem Gouverneurssitz führte.

Zwischen 1730 und 1831 war Akko eine von der Regierung des Osmanischen Reiches weitgehend unabhängige politische und wirtschaftliche Einheit, die ihre Macht einerseits dem Handel, andererseits dem Aufstieg von fähigen Lokalregenten verdankt, von denen drei eine besonders wichtige Rolle spielen. Der Händler Zähir al-'Umar al-Zaydäm (1690-1775) erkannte als Erster in der Region die enge Verbindung zwischen wirtschaftlicher und politischer Macht. Er siedelte Baumwollbauern in Galiläa an und machte damit das ganze Gebiet und speziell Akko zu einem Monopol des Baumwollhandels. Seine Macht basierte zum Einen auf seinem Familienclan und seinen Söhnen als regionalen Kontrollinstanzen, zum Anderen auf den Mitgliedern der lokalen griechisch-katholischen Gemeinde, die die Administration und Verwaltung seiner Regierung übernahmen. Durch seine Bündnisse mit Nachbarn im Norden und Südosten genoss Galiläa zwischen Mitte der 1740er und Mitte der 1760er eine Phase des Wohlstands und der Sicherheit. Nachdem er auch mit den ägyptischen Nachbarn Frieden schloss, wurde die Osmanische Regierung auf ihn aufmerksam und eroberte die Stadt 1775 zurück, wobei al-'Umar starb (vgl. Philipp 2012).

Anschließend ließ sich der Osmanische Gouverneur von Sidon, Ahmad Pasha al-Jazzär (1722-1804) in Akko nieder und ergänzte das dort bereits vorhandene Militär mit seinen bosnischen Landsleuten. Die Katholiken kontrollierten weiterhin die Administration, aber der jüdische Haim Farhï wurde 1790 zum Wesir des Pashas. Durch die Konkurrenz von Smyrna und die Französische Revolution sanken die Baumwollpreise, sodass al-Jazzär versuchte, sein Einkommen durch höhere Steuern von den Bauern aufzustocken, weshalb viele von ihnen die Gegend verließen. Außerdem ließ er von Zwangsarbeitern die heutigen Festungsanlagen und „probably the most graceful Ottoman mosque in all of Palestine” (Philipp 2012) bauen. Als er starb, war die Wirtschaft ruiniert und die Bevölkerung hatte stark abgenommen.

Einen letzten Aufschwung erlebte Akko unter Sulaymän Pasha al-'Ädil, der die Armee drastisch verkleinerte und sich auf den Getreidehandel konzentrierte. Doch schon bald übernahm Beirut die Rolle der für Europa wichtigsten Handelsstadt der syrischen Küste (vgl. Philipp 2001, 191). Auch Haifa, das bislang im Schatten Akkos stand, gewann durch seinen für die neu eingerichteten Dampfschifffahrtslinien geeigneteren Hafen an Bedeutung (vgl. Schölch 1986, 139). Hinzu kam, dass schließlich ägyptische Truppen in Palästina und Syrien einmarschierten und Akko 1832 zerstörten, wovon die Stadt „never entirely recovered“ (Krämer 2008, 70). 1840 wurde sie erneut angegriffen, als die türkische Flotte mithilfe der Briten und Österreicher sie zurückeroberte (vgl. Buhl 2012).

Wieder die Stadt regierend wollte das Osmanische Reich die Region neu organisieren, um mit den Machtzentren Beirut und Damaskus umgehen zu können. In den 1860er Jahren wurden „the sub-provinces of Nablus [...] and Acre (which included the town of Haifa) [..] annexed to the newly created province of Syria, of which Beirut became the capital” (Pappe 2006, 25-26). Hierher wurde für oft nicht mehr als ein oder zwei Jahre ein Provinzgouverneur, auch Wali oder Pasha genannt, gesandt, der jedoch die ihm unterstehenden einheimischen Gouverneure kleinerer Distrikte in ihrer spezifischen Funktion nicht weiter beeinflussen konnte (vgl. Krämer 2008, 54). Trotzdem ließen sich die europäischen Konsuln „in Haifa nieder, obwohl sie sich zur Abwicklung jedes wichtigen offiziellen Geschäfts nach Akka bemühen mußten, wo die osmanische Verwaltung ausharrte“ (Schölch 1986, 144). Diese Entwicklung spiegelte sich auch in der städtischen Demografie wider.

1.1.2 Bevölkerung

Die Bevölkerung der Stadt Akko lebte aus Sicherheitsgründen in der Regel innerhalb der Stadtmauern mit einer „strict functional division between different parts of the city“ (Philipp 2001, 172) . Im Norden befindet sich noch heute der Regierungs- bzw. Militärkomplex, dessen Herzstück die Zitadelle mit der anliegenden Moschee darstellt. Im Osten lag das Handelsareal mit vier Khans zum Lagern und Vorbereiten der Waren und dem Bazar. Die Einwohner lebten vorallem im Zentrum, Westen und Süden der Stadt (vgl. ebd., 172). Wie schon erwähnt setzte sich die Bevölkerung vorallem aus Einwanderern zusammen, sodass sich unter den 25.000 Bewohnern der Stadt in den frühen 1770ern kaum ein Erwachsener fand, der dort geboren worden war (vgl. ebd., 173) . Zu dem kam, dass die Stadt um 1800 mehrmals von der Beulenpest heimgesucht wurde, woran bis zu 50 Prozent der Bevölkerung starben. Obwohl bekannt ist, dass beim letzten Ausbruch der Pest hauptsächlich Muslime starben, weil die Christen sich in Quarantäne begeben hatten, gab es vermutlich keine nennenswerte räumliche Trennung verschiedener Einwohnergruppen, zumal die Stadt zu klein war um sich aus dem Weg gehen zu können (vgl. ebd., 177). Die Bevölkerungszahlen lagen in Akko zwischen ca. 8000 Einwohnern um 1800, 10.000 um 1840 und I860 und erneut 8.500 im Jahr 1880 (Ben-Arieh, zit. in: Schölch 1986, 40). Da in dieser Zeit die Bahá'í in die Stadt kamen, soll diese Epoche näher betrachtet werden.

1.2 Akko zwischen 1865 und 1890

Alexander Schölch fasst die Atmosphäre zu dieser Zeit folgendermaßen zusammen:

„Akka war Verwaltungs-, Festungs-, Garnisons- und Sträflingsstadt, mit der 'Bastille des Nahen Ostens'; dennoch, oder deswegen, machte sie auf die Besucher der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre einen ausgesprochen deprimierenden Eindruck. Es gab ein Stadttor auf der Landseite und eines am Hafen. Außerhalb der Stadtmauern durfte nicht gebaut werden, aber es bestand auch kein Bedarf. Niemand hatte sich bemüht, die Spuren des Bombardements von 1840 innerhalb der Mauern ganz zu beseitigen [...] Die Festungsanlagen waren zwar eindrucksvoll, doch teilweise zerstört, und die Geschütze waren hoffnungsvoll veraltet. Die osmanische Garnison beherrschte das Leben in der Stadt' (Schölch 1986, 142).

Was dies konkret bedeutete und wie die dorthin Verbannten Bahá’í die Stadt wahrnahmen wird im Folgenden gezeigt.

1.2.1 WirtschaftundVerwaltung

Nachdem 1864 die Provinz (auch: Eyalet/Vilayet) Syrien mit der Hauptstadt Damaskus gebildet worden waren, unterstanden ihr die Bezirke (auch: Liva/Sangaq/Muta§amfhq) Akko, Nablus und Jerusalem. „Die Gestaltung der Qazas innerhalb eines Sangaqs bzw. der Nahiyes innerhalb eines Qaza war vielfachen Veränderungen unterworfen“ (Schölch 1986, 24), doch da diese für Bahá’u’lláhs gesellschaftlichen Status in Akko nicht direkt relevant sind, soll die Momentaufnahme eines Provinz-Salnames aus dem Jahr 1288 muslimischer, bzw. 1871/72 christlicher Zeitrechnung, also ca. drei Jahre nach Ankunft Bahá’u’lláhs in der Stadt, genügen. Zur Liva Akko gehörten zu dieser Zeit die Qazas Akko, Haifa, Nazareth, Tiberias und Safad, zur Qaza Akko wiederum die Stadt Akko und die Nahiyes Sahil und Çagur. Für die Stadt Akko wurden insgesamt 763 Haushalte registriert, davon 547 muslimische, 97 griechisch-orthodoxe, 99 katholische, 8 lateinische, 6 maronitische und 6 jüdische.

[...]

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Details

Titel
Bahá'u'lláh in Akko
Untertitel
Gesellschaftlicher Status eines Gefangenen des Osmanischen Reiches
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Veranstaltung
Cities in the Ottoman Empire
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
19
Katalognummer
V193904
ISBN (eBook)
9783656198765
ISBN (Buch)
9783656199731
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bahá'u'lláh, Bahá'í, Bahai, Bahaullah, Osmanisches Reich, Stadt, Städte, Gefangenschaft, Akko, Akká, Acre, St. Jean d'Acre, Akkon, Ptolemais, Israel, Turkologie, Orientalistik, Religion, Religionswissenschaft
Arbeit zitieren
Hanna A. Langer (Autor), 2012, Bahá'u'lláh in Akko, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/193904

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