Entfernung von der Wehrmacht

Deserteure und wehrpflichtige Regimegegner in der Nachkriegsliteratur von Autoren der Gruppe 47


Forschungsarbeit, 2012

341 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Vorüberlegungen zum Spannungsfeld von Fakten und Fiktion in der Historiografie

I Einleitung
1. Einführung in das historische Thema
2. Überblick über die Arbeit und Fragestellung
2.1 Historische Relevanz des Themas, Materialauswahl und Einordnung in die Wissenschaft
2.2 Hermeneutik und Methode
2.3 Vorgehensweise
2.4 Fragestellung
3. Abgrenzung

II Nachkriegsliteratur, die „Gruppe 47“, Dissidenten und Forschung
1. Nachkriegsliteratur
1.1 Überblick über die publizistische Situation in der Nachkriegszeit
1.2 Formale und inhaltliche Neuanfänge
1.3 Zusammenfassung
2. Die Gruppe 47
2.1 Ethisch-politische Immanenz und Gründung der Gruppe 47
2.2 Etablierung der Gruppe 47
2.3 Öffentliche Wirkung der Gruppe 47
2.4 Das Ende der Gruppe 47
2.5 Zusammenfassung
3. Dissidenten als die „anderen Soldaten“ in Wehrmachtskameradschaften
3.1 Deserteure
3.2 „Anti-Nazis“ innerhalb der Wehrmacht
3.3 Dissidenten innerhalb der Wehrmachtskameradschaften
4. Forschung über Wehrmachtsdeserteure und „Anti-Nazis“ in Uniform
4.1 Forschungsbeginn
4.2 Kritische Forschung über Wehrmachtsdeserteure
4.3 Desertionsmotive
4.4 Desertion in der Widerstandsforschung
4.5 Rehabilitierung der Wehrmachtsdeserteure
4.6 Ausblick
4.7 Regimegegner innerhalb der Wehrmacht
4.8 Zusammenfassung

III Ausgewählte Nachkriegsliteratur von Autoren der Gruppe 47
1. Die Autoren als Verfasser von Kriegserinnerungen
2. Nachkriegsliteratur von Autoren der Gruppe 47
2.1 Walter Kolbenhoff: „Von unserm Fleisch und Blut“
2.1.1 Biografischer Hintergrund
2.1.2 Form und Inhalt des Romans
2.1.2.1 Form des Romans
2.1.2.2 Textinhalt und -interpretation
2.1.3 Rezensionen und Wirkung
2.1.4 Zusammenfassung
2.2 Hans Werner Richter: „Die Geschlagenen“
2.2.1 Biografischer Hintergrund
2.2.2 Gestaltung und Inhalt des Romans
2.2.2.1 Gestaltung des Romans
2.2.2.2 Textinhalt und -interpretation
2.2.3 Rezensionen und Wirkung des Romans
2.2.4 Zusammenfassung
2.3 Alfred Andersch: „Die Kirschen der Freiheit. Ein Bericht“
2.3.1 Biografischer Hintergrund
2.3.2 Edition, Gestaltung und Inhalt des Textes
2.3.2.1 Edition und Gestaltung
2.3.2.2 Textinhalt und –interpretation
2.3.4 Zusammenfassung
2.4 Heinrich Böll: „Entfernung von der Truppe“
2.4.1 Biografischer Hintergrund
2.4.2 Gestaltung und Inhalt der Erzählung
2.4.2.1 Gestaltung
2.4.2.2 Textinhalt und –interpretation
2.4.3 Rezensionen und Wirkung
2.4.4 Zusammenfassung

IV. Untersuchungsergebnis
1. Wirkungsabsicht der Autoren
1.1 Motivation
1.2 Wirkungsabsichten
1.3 Zusammenfassung
2. Erkenntnisse über die Nachkriegszeit
2.1 Historische Position der Autoren
2.2 Politische und gesellschaftliche Entwicklung
2.3 Kulturelle Stellung der Gruppe 47
2.4 Forschung
2.5 Schriftsteller als Akteure der Nachkriegsgeschichte
2.6 Der Kritikerstand
2.7 Zusammenfassung
3. Fazit

V Schluss

Anhang

Abkürzungsverzeichnis

Gedruckte Quellen

Literatur

Vorwort

Vorüberlegungen zum Spannungsfeld von Fakten und Fiktion in der Historiografie

Dieser Arbeit liegen vier Werke von Kriegsteilnehmern zugrunde, die als Regimegegner in die Wehrmacht gezwungen worden waren; zwei von ihnen hatten sich von der Truppe entfernt, wobei einer der Autoren nur vorübergehend untergetaucht war, während der andere desertierte, um durch Gefangennahme beim Kriegsgegner Sicherheit zu finden. Die beiden anderen Schriftsteller hatten sich mit innerem Widerstand dem Kriegsdienst gefügt. Nach dem Krieg schrieben sie in literarischen Formen ihre Kriegserlebnisse nieder. Die künstlerische Verarbeitung der Eindrücke von Zeitzeugen führt zu der Frage, ob Literatur in Form von Fiktion oder doch künstlerischer Bearbeitung des Erlebten grundsätzlich für erweiterte Erkenntnisse der Historiografie tragbar ist.

Nach dem Befund eines der bekanntesten Historiker des 20. Jahrhunderts, Reinhart Koselleck, gehöre die „Antithese der res factae und der res fictae [...] zu den topoi, die seit alters her in immer neuen Zuordnungen reflektiert wurden.“ Aristoteles z.B. habe „bekanntlich die Historie gegenüber der Dichtung abgewertet, weil sie sich nur nach dem Ablauf der Zeit richte, in der vielerlei geschehe, wie es sich gerade trifft. Die Dichtung ziele dagegen auf das Mögliche und das Allgemeine“[1] ; die aktive, schaffende Rolle des Autors wurde durch den Philosophen zur reaktiven Rolle des Historikers kontrastiert.

Das unter Geschichtsschreibern diskutierte methodische Problem der Heranziehung von Fiktionen zur ergänzenden Untersuchung historischer Inhalte gelte nach des Historikers Hans-Ulrich Ludewig stichprobenartiger Überprüfung in der englischsprachigen Fachliteratur nicht: „Wenn aber die traditionelle Unterscheidung zwischen Fakten und Fiktionen in ihrer grundsätzlichen Gegenüberstellung nicht mehr haltbar ist, verwundert es umso mehr, dass nach wie vor literarische Bearbeitungen vergangener Ereignisse in historischen Untersuchungen nicht herangezogen werden.“[2]

In seiner Schrift „Der Historische Roman“ differenziert Alfred Döblin die unterschiedliche Verarbeitung von Wirklichkeit durch Historiker und Literaten:

Der Historiker will das Bild einer abgelaufenen Realität heraufbeschwören, der Romanautor auch, jedoch ein kleineres, aber volleres und konkretes. Der Künstler arbeitet entschlossen und bewusst, springt mit seinem kleinen Material wie ein Herr u. Meister um, der Historiker wühlt im Material, durchsucht es, er ist gehandicapt und hat ein schlechtes Gewissen. Denn er folgt einem wahnhaften Wahrheitsideal, einem wahnhaften Objektivitätsideal.[3]

In beiden Fällen wird die Wahrnehmung selektiert und interpretiert: Der involvierte Autor strebt nach einer sublimierten, nicht nur intellektuell, sondern auch sinnlich erfahrbaren Darstellung historisch erregender Gegenstände, um seine Wahrnehmung der Wirklichkeit ästhetisch zu vermitteln. Doch auch der Historiker ist bei der Auswahl und Interpretation seiner Quellen nicht frei von Werten, Idealen, Zielen, die ihn leiten. Gleich dem Dichter unterwirft er das erreichbare Faktenmaterial seinem individuellen Interessenfilter, sichert die Erschließung der Quellen methodisch-theoretisch ab, reflektiert und interpretiert auf der Basis seines Erkenntnisvermögens und stellt das Ergebnis bestmöglich dar. Koselleck beschreibt das Prozedere des Geschichtsschreibers:

Der Historiker geht von vornherein davon aus, dass kein sprachliches Zeugnis zur Gänze jene Wirklichkeit erfasst, um deren Erkenntnis es ihm geht. Er befragt keinen Text, kein Tagebuch, keinen Brief, keine Urkunde, keine Chronik, keine Darstellung um ihrer selbst willen. Im allgemeinen dienen sie ihm nur als Quellen, um einen Verweisungszusammenhang herzustellen, der auf etwas zielt, das hinter den Texten steht.“ Quellen werden „vom Historiker daraufhin befragt, was sie verschweigen oder stilisieren, um auf Bewegungen zu schließen, die sich nur indirekt aus dem Quellentext ermitteln lassen.“ Der Geschichtsschreiber „bleibt auf dem Boden jener wissenschaftlichen Empirie, die gegen Behauptungen gefeit ist, die mit dem Anspruch einer von sich selbst überzeugten Gewissheit auftreten.[4]

Aus der quellenfundierten Wirklichkeit wird seine methodisch errungene, dennoch subjektive, vom Erkenntnisziel geleitete Darstellung der historischen Ereignisse. Dass Forschungsergebnisse aufgrund unterschiedlicher Werte oder Wertungen zu extremen, antagonistischen Positionen führen können, hat z.B. der Historikerstreit von 1986/87 über die Einordnung nationalsozialistischer Judenvernichtung in ein identitätsstiftendes Geschichtsbild der Bundesrepublik Deutschland ins öffentliche Bewusstsein getragen.

Der Historiker Magnus Koch versteht sprachliche Äußerungen, zu denen gewiss Literatur gehört, als „Speicher sozialen Wissens“[5]:

Die moderne historiographische Beschäftigung mit dem Phänomen Krieg kann [...] nicht umhin, sich die methodologische Vielfalt der gegenwärtigen Geschichtswissenschaft zunutze zu machen. In diesem Sinne ist Krieg in der Geschichte offen für die unterschiedlichsten Ansätze in der Auseinandersetzung mit dem historischen Sujet.[6]

Koch bekräftigt die Notwendigkeit, zur historiografischen Erfassung des Krieges unterschiedlichsten Perspektiven Geltung zu verschaffen. Eine dieser Perspektiven ist die Wirkungsgeschichte, wie sie sich als Literatur von Zeitzeugen niedergeschlagen hat. Literatur von Kriegsteilnehmern ist von der durch ein Subjekt gegangenen, empfindend wahrgenommenen Wirklichkeit geprägt, im vorliegenden Fall der als Regimegegner erlebten NS-Zeit, nach Kriegsausbruch in Wehrmachtsuniform. Analog dem Historiker filtert der Künstler aus dem Chaos seiner Erlebnisse Fragen heraus, die er seiner Leserschaft durch ästhetische Darstellung zur Erörterung vorlegt. Es wird sich zeigen, dass die besonderen Umstände der Nachkriegszeit die ausgewählten Autoren der Gruppe 47 zur Darlegung ihrer politischen Position auf die schriftstellerische Arbeit verwiesen.

Im Rahmen ihrer Poetikvorlesungen in Tübingen konstatierte die amerikanische Literaturwissenschaftlerin Ruth Klüger, Literatur strebe bei der Thematisierung geschichtlicher Vorgänge

durch [...] Deutung [...] über die Wirklichkeit zur Wahrheit“. Sie wolle „vom Standpunkt der künstlerischen Wahrheit [...] der Wirklichkeit einen Sinn abgewinnen [...]. Historiografie und Literatur gehen ihre eigenen Wege[...]. Dort, wo Geschichte zu Literatur verarbeitet wird, überschneiden sich beide Bereiche. [...] Für die Historiker wie für die Literaten ist die Geschichte, das Geschehen, Rohmaterial, dem sie eine Interpretation, eine Form angedeihen lassen,

wobei sich die Einstellung zu den Fakten kollektiv wie persönlich durchaus ändern könne , wie es in unserer Gegenwart die Diskussion um die Beurteilung des Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr durch den infolge etlicher Soldatenopfer veränderten Kontext erweist. [7]

Reinhart Koselleck befürwortet die Legitimität fiktiver Texte als Quellen der Historiografie:

So mag sie denn der Historiker als Quelle verwenden, mit der gebotenen methodischen Vorsicht, um aus den [...] erzählten Geschichten Rückschlüsse zu ziehen [, die den Blick auf die historische Faktizität freilegen]. Wir verbleiben, indem wir diese methodischen Schritte des Historikers nachvollziehen, im Bannkreis der Trennung zwischen den res fictae und den res factae. Vom einen soll auf das andere geschlossen werden. Jede fiktionale Texteinheit kann dann besser oder weniger gut, jedenfalls grundsätzlich als Zeugnis für Faktizität eingebracht werden.[8]

Um eben dieses geht es in dieser Arbeit: ergänzend zu den über die Vita der Autoren Aufschluss gebenden res factae durch künstlerisch sublimierte res fictae zu erschließen, welche subjektive Wahrnehmung der NS- und Kriegs-Wirklichkeit „Anti-Nazis“ innerhalb der Wehrmacht hatten, als welche Westalliierte erwiesene Regimegegner kategorisiert haben. Welchen Sinn räumen sie dem Erlebten ein und welche Wirkungsabsicht ist aus ihren Texten zu deuten? Es wird sich zeigen, dass Literatur für diese Autoren nicht Nabelschau bedeutete, sondern intellektuelle Verpflichtung.

Es ist begriffsimmanent, dass Fiktion nicht für die Wirklichkeit genommen werden kann. Dennoch lässt die künstlerische Sublimierung des Kriegserlebnisses aus einer widerständigen Position erwarten, dass sie die damalige Realität dieser spezifischen Wehrmachtsoldaten besser zu entdecken vermag, als es der historischen Forschung aus Quellenmangel gelingen konnte. Literarische Verarbeitung von Kriegserlebnissen ergänzt das Faktenmaterial:

Dass dabei, wie immer wieder von Kritikern empirischen Arbeitens mit Literatur vorgebracht, angeblich ‚dünne’ oder ‚trivial’ anmutende Resultate erzielt werden, kann als Argument gegen diesen Ansatz nicht gelten, denn die Kriterien seines Erfolges beziehen sich auf die Nachprüfbarkeit, Verifizierbarkeit und Falsifizierbarkeit [...], nicht auf deren ästhetischen Bedeutungsgehalt.[9]

Historiografisch zu befragen sind die res factae in Form der Autoren-Biografien im Hinblick auf Herkunft, ideologische Prägung, auf ihre Position während der NS-Zeit sowie anhand von Publikationen auf ihren politisch gestalterischen Anspruch und auf ihre nachweisbare und interpretierbare Wirkungsabsicht; Rezeption und Effekt der Werke in der Nachkriegszeit ist aufgrund von Rezensionen belegbar, die indessen ohne die Vorstellung der Texte einhergehend mit der Darstellung des geschichtlichen Hintergrundes, der die Autoren zu ihrer Abfassung gedrängt hat, haltlos sind. Historisch interessant sind die Prozesse, aus denen das literarische Werk hervorgegangen ist wie auch deren Rezeption in der Nachkriegszeit bzw. ihre Nachhaltigkeit bis in unsere Gegenwart.

I Einleitung

1. Einführung in das historische Thema

Am 17. Mai 2002 wurde durch Kriegsgerichte verurteilten Deserteuren durch Gesetzesänderung der Opferstatus zuerkannt.[10] Vorausgegangen war ein knapp ein Vierteljahrhundert währender Schlagabtausch zwischen den divergierenden gesellschaftlichen Lagern über den Wandel der Perspektive auf Wehrmachtsdesertionen, weg von der traditionellen, negativ konnotierten Deutung als Täter, Vaterlandsverräter, Feiglinge hin zum Erkennen unmäßiger politischer Verfolgung Fahnenflüchtiger durch die Militärjustiz des Unrechtsstaates. Angestoßen wurde diese Auseinandersetzung durch Initiativen zur Errichtung von Deserteursdenkmälern, die Kriegsgegner, Kriegsdienstverweigerer und die Bundesvereinigung der Opfer der NS-Militärjustiz Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger Jahren betrieben, um wegen der verächtlichen Umstände des Hitler-Krieges Fahnenflüchtiger als NS-Opfer zu gedenken. Dies stieß bei Konservativen auf empörten Widerstand und zumeist auf Verhinderung von Deserteursgedenkstätten; nur wenige Kommunen zeigten sich für Deserteursdenkmäler aufgeschlossen. Gestützt wurde dieses überwiegend vergebliche Engagement dann Ende der Achtziger Jahre durch den Beginn einer kritischen Wehrmachtjustiz-Forschung, die sich gegen historische Beschönigungen seitens ehemaliger Militärrichter seit den Sechziger Jahren wandten, die unter anderem die Marginalisierung von Deserteursverurteilungen beinhalteten; diesen Richtern musste aufgrund ihrer Wiederverwendung in der Justiz der Bundesrepublik Deutschland daran gelegen sein, ihre politische Willfährigkeit zugunsten des Nazi-Regimes im demokratischen Deutschland zu vertuschen.

In der NS-Forschung war vor Beginn der irreführenden Arbeit der ehemaligen Militärrichter und erst recht in der Nachkriegszeit vom Schicksal Fahnenflüchtiger aus Hitlers Krieg nicht die Rede. Debattenbeiträge im Deutschen Bundestag, insbesondere diejenige am 16. März 1995, die sich gegen die generelle Anerkennung Fahnenflüchtiger als NS-Opfer wandten, lassen immense Ressentiments gegenüber Deserteuren in der Nachkriegszeit erahnen, zumal die Geschichte den Deserteuren recht gegeben hat.

Der Verdrängungsmentalität der deutschen Nation traten in der Nachkriegszeit junge Schriftsteller entgegen, die unter den Bedingungen des Unrechtsstaates als Regimegegner in den Krieg gezwungen worden waren. In Gefangenschaft hatten sie Muße, ihren politischen Anspruch im Nachkriegsdeutschland vorzubereiten; für sie stand fest, dass sie über ihre terrorbedingte Kriegsteilnahme nicht schweigen würden. Nachdem deutlich geworden war, dass sich ihnen kein anderes Medium bieten würde, um von der Nation Rechenschaft für die politische Unterstützung der Nationalsozialisten zu erlangen, forderten sie literarisch zur Diskussion heraus. Hiervon handelt diese Arbeit. Sie befasst sich mit vier Werken regimegegnerischer Autoren, die der Nachkriegsgesellschaft ihre Wahrnehmung der historischen Ereignisse aus sehr unterschiedlicher Perspektive in Form von Romanen, einer Erzählung und einem autobiographischem, literarisch bearbeitetem „Bericht“ vorgelegt haben. Sie hatten nicht erahnen können, dass ihnen seitens der auf die untadelige Traditionspflege der Wehrmacht verpflichteten Verbände zum Teil ein scharfer Wind begegnen würde.

2. Überblick über die Arbeit und Fragestellung

2.1 Historische Relevanz des Themas, Materialauswahl und Einordnung in die Wissenschaft

Mein Interesse an Fragen zur Verfolgung von Wehrmachtsdeserteuren im Dritten Reich und Andersdenkenden innerhalb der Truppe hat sich als Folge der Beschäftigung mit der zum politischen Instrument des NS-Regimes geratenen Militärjustiz im Zweiten Weltkrieg entwickelt, deren Opfer in sehr großer Zahl Fahnenflüchtige und „Wehrkraftzersetzer“ geworden waren. Aus der nur vagen Klärung von Desertionsmotivationen habe ich mich gefragt, ob es unter den Deserteuren oder innerhalb der Wehrmacht politisch Andersdenkende gegeben hat. Da Forschungsergebnisse dieses durch Faktenmaterial gar nicht bzw. nur durch Rückschlüsse aus dem Vorleben von Verurteilten beantworten konnten, habe ich meine Erwartung, über die Innensicht von Dissidenten etwas zu erfahren, auf die in Forschungsarbeiten erwähnten Texte des Deserteurs Alfred Andersch „Die Kirschen der Freiheit“ und die Erzählung „Entfernung von der Truppe“ des zur Verweigerung animierenden Heinrich Böll gelegt. Chronologisch ließen sich diese Werke um den bereits 1946 in amerikanischer Gefangenschaft geschriebenen und prämierten Roman von Walter Kolbenhoff „Von unserm Fleisch und Blut“ und durch Hans Werner Richters gleich nach der Heimkehr in Angriff genommenen Roman „Die Geschlagenen“ sinnvoll ergänzen. Ich erwarte, dass aus der künstlerischen Verdichtung von Kriegserlebnissen die Perspektive regimegegnerischer Deserteure und von widerständigen Soldaten ersichtlich wird. Interessant sind Beweggründe zur Desertion, zur „Wehrkraftzersetzung“ oder zum stillschweigenden, auf Überlebensstrategien sinnenden Bleiben in der Armee.

Die Autoren-Biografien interessieren mich hinsichtlich des Realitätsgehalts der überwiegend fiktionalen, mit Ideenträgern besetzten Texte, die über die Wirkungsabsicht der Autoren befragt werden sollen; eingebettet ist die Frage nach politisch motivierten Wehrmachtsdeserteuren. Der weiter unten zu zeigende skandalöse, von Interessen ehemaliger NS-Militärrichter beeinflusste Forschungsbeginn zur NS-Militärjustiz durch Otto Peter Schweling und Erich Schwinge sowie die heftige Resonanz auf diese evidenten Klitterungsversuche durch die kritische Forschung Messerschmidt/Wüllners, deren Forschungsergebnis wegweisend zu justiziablen Aussagen über Wehrmachtsdeserteure als Opfer der Militärjustiz geführt hat, lässt die Brisanz des Desertionsthemas erkennen. Öffentliche Reaktionen auf Initiativen, Deserteure als NS-Opfer zu deklarieren, haben eine erschreckende Gleichgültigkeit gegenüber zahllosen Deserteurshinrichtungen, der Verwerflichkeit des Nazi-Regimes, seiner Kriegsziele und der Kriegsführung sowie der Zwangssituation Wehrpflichtiger in der Wehrmacht gezeigt. Bundestagsdebatten in den Neunziger Jahren und bis zum Jahr 2002 haben durch die ablehnende Argumentation von konservativer Seite erwiesen, dass sich ein Teil der bundesrepublikanischen Gesellschaft Jahrzehnte nach Kriegsende und der Erforschung der Nazi-Zeit noch immer damit schwer tut, den Missbrauch der Wehrmacht für Verbrechen an der Menschheit anzuerkennen.

Zur Ergänzung der Forschung aus Faktenmaterial soll aus den fiktiven oder dem literarisch bearbeiteten autobiografischen Text erschlossen werden, ob die Autoren ihre Inhalte mit politischer Absicht verfasst haben; die Innensicht regimegegnerischer Soldaten ist zeitnah anders nicht überliefert.[11] Zur Ergänzung der Geschichtsschreibung aus der Perspektive der „Helden- und Schlachten-, Klatsch- und Hofgeschichten“[12] untersucht diese Arbeit literarische Texte zur Wehrmachtsgeschichte aus der Sicht „von unten“, wie sie sich Regimegegnern auf der untersten Hierarchiestufe der Mannschaftssoldaten dargeboten hat. Die Materialwahl ist eingebettet in die Kulturgeschichte, die danach fragt, wie die Menschen unter den konkreten Gegebenheiten ihrer Zeit und vor dem Hintergrund ihrer sozialen Prägung wahrgenommen, welchen Sinn sie historischen Abläufen gegeben und wie sie darauf reagiert haben.[13] Historische Quellen aus der Alltagswelt mit ihren Emotionen, Deutungen, Erwartungen und Entscheidungen sind geeignet, „vollere und komplexere soziale und moralische Fragen“[14] zu eröffnen als die jedes anderen Erkenntnistyps. Literatur bereichert als Medium der Welterkundung und hat als historische Quelle den Vorzug, in künstlerisch beherrschter Sprache die Wirkungsabsicht ihres Autors episch zu eruieren, metaphorisch zu veranschaulichen oder durch Kontrastierung die Problematik zu verdeutlichen. Die verschriftlichte sprachliche Quelle als Vermittler des von einem Subjekt isoliert Gedachten steht im Zentrum der Untersuchung. Sprache gehört nach Ernst Cassirer zu den „symbolischen Formen“, durch welche Menschen ihre individuelle Realität gestalten, durch die geschaute, gefühlte oder gedachte Dinge erst entstehen.[15] Als „Genommenes“, also erlesenes Untersuchungsmaterial dienen mir in der Nachkriegszeit erschienene Werke von Autoren der seinerzeit avantgardistischen Gruppe 47.[16] Sie machten sich nach ihrer Rückkehr aus alliierter Gefangenschaft zunächst publizistisch, anschließend literarisch zu Wortführern politischer und sozialer Kontroversen in der Nachkriegszeit. Mit ihren narrativ strukturierten Texten leisten sie einen Beitrag zur Erklärung historischer Vorgänge. Es soll die Frage beantwortet werden, mit welcher Absicht sie ihre regimegegnerische Haltung in der Wehrmacht öffentlich dargelegt haben.

Literatur junger Kriegsheimkehrer als erste verfügbare schriftliche Reflexion über Desertion und Regimegegner innerhalb der Truppe zeigt durch das Vereinzelte, Beispielhafte das Allgemeine einer kleinen Gruppe politisch andersdenkender Wehrmachtsoldaten.[17] Sie erlaubt einen Einblick in die Perspektive regimegegnerischer Landser, die als Mannschaftssoldaten zur Kategorie sogenannter „Frontschweine“ oder „Kanonenfutter“ zählten.[18] Neben literarischen Texten lagen in der Nachkriegszeit andere Dokumentationen über individuelle Wahrnehmung politisch motivierter Deserteure und widerständiger Soldaten innerhalb der Truppe nicht vor.[19] Zwar wurden, sofern die Umstände dies erlaubten, in Einheiten, Verbänden und Großverbänden Kriegstagebücher (KTB) geführt, um historischer Forschung das Kriegsgeschehen aus der Führungsperspektive darzubieten; Mannschaftssoldaten spielten darin jedoch normalerweise keine Rolle; Feldpostbriefe in die Heimat und private Tagebuchaufzeichnungen wurden erst Jahrzehnte später erforscht.[20] Quellenkritisch beurteilt ist die Subjektivität der Dichteraussagen evident; als persönliche Beiträge zur Kriegserinnerung sind die ausgewählten literarischen Texte als historische Quellen „sicher und unveränderlich“[21].

Meine Perspektive bei der Beurteilung der literarischen Überlieferungen ist geprägt durch den rechtsstaatlichen Standpunkt, von dem aus es unerträglich ist, dass Dissidenten vom NS-Staat kriminalisiert und verfolgt wurden, ohne dass dies meines Erachtens nach dem Krieg durch die Gesellschaft hinreichend reflektiert worden wäre. Mit dieser Arbeit möchte ich das Vorhandensein politisch Andersdenkender innerhalb der Wehrmacht bewusst machen, deren individueller Widerstand nach allem der Nation zur Ehre gereichen sollte.

Zugrunde gelegt wird die These:

Literarische Quellen mit ihrem subjektiven Ansatz ergänzen das Bild von Wehrmachtsoldaten um den kleinen Anteil von Regimegegnern, deren politische Motivation zur faktischen Desertion oder inneren Distanz zur Wehrmacht die Forschung aus Tausenden Deserteursgerichtsakten nicht belegen konnte.[22] Die Autoren sind erkennende Subjekte als empfindende und denkende Menschen im Sinne Kants.[23] Ausgegangen wird von der These, dass Schriftsteller mit ihrem Sprachvermögen die Wirkung der Kriegsteilnahme auf Regimegegner intensiver und emotional wirksamer vermitteln können, als es die Forschung mit ihrem auf Abstraktion des Befundes zielenden Faktenwissen vermag. Texte dieser Autoren hat man nach 1945 abträglich als „Trümmerliteratur“ bezeichnet; sie kehrten aus dem Krieg heim in ein von Trümmern übersätes Deutschland und erzählten von ihren Kriegserlebnissen und von der Wahrnehmung der zerstörten Heimat, so dass der Begriff: Kriegs-, Heimkehrer- und Trümmerliteratur von Heinrich Böll als gerechtfertigt angenommen wurde.[24] Literarisch haben sie ihre Regimegegnerschaft nicht ohne Stolz überliefert.[25] Die Verdrängungsmentalität der Deutschen, verklärende Kriegserinnerungen an den Zweiten Weltkrieg, Wiederbewaffnungsbestrebungen in Westdeutschland und die Verschärfung des Kalten Krieges in den Sechziger Jahren sind der zeitgenössische Einfluss auf die Autoren.[26]

2.2 Hermeneutik und Methode

Hermeneutisch folgt die Arbeit dem narrativen Erklärungsmodell, wie es in der jüngeren Zeit der postmodernen, pluralistisch orientierten Historiografie angewandt wird; die Wahrnehmung der Autoren soll erzählend interpretiert werden.[27] Der Philosoph Georg Simmel argumentierte:

Wenn Erkenntnistheorie überhaupt von der Tatsache ausgeht, dass das Erkennen ein Vorstellen und sein Subjekt eine Seele ist, so wird die Theorie des historischen Erkennens weiter dadurch bestimmt, dass auch sein Gegenstand, das Vorstellen, Wollen und Fühlen von Persönlichkeiten, dass seine Objekte Seelen sind. Alle äußeren Vorgänge, politische und soziale, wirtschaftliche und religiöse, rechtliche und technische würden uns weder interessant noch verständlich sein, wenn sie nicht aus Seelenbewegungen hervorgingen und Seelenbewegungen hervorriefen. Soll die Geschichte nicht Marionettenspiel sein, so ist sie die Geschichte psychischer Vorgänge...[28]

Die psychische Erregung der Autoren durch das erlittene Unrecht im NS-Staat ist der Antrieb ihres Erzählens. Es soll untersucht werden, welche Wirkungsabsicht die Autoren in der Nachkriegszeit mit diesen kritischen Texten verfolgten und was als Ergebnis dieser Arbeit über die Nachkriegszeit zu erkennen ist.

Methodisch werden die literarischen Quellen durch Textanalyse erschlossen. Die der Fiktion zugrunde liegende Wirklichkeit wird durch Forschungserkenntnisse untermauert werden.[29]

2.3 Vorgehensweise

Kapitel I enthält als Hintergrund der wissenschaftlichen Fragestellung eine Einführung in die historische Bedeutung des Themas, einen Überblick über die Arbeit, die Fragestellung, sowie die Abgrenzung der verwendeten Literatur gegen andere literarische Texte zum Thema der Regimegegnerschaft, Kriegsgegnerschaft oder Fahnenflucht.

Kapitel II schließt zur Abgrenzung der kritischen Literatur der jungen Autoren einen Überblick über die Bedingungen der Nachkriegsliteratur unter den Restriktionen der Besatzung an. Vorgestellt werden die mit den Nachkriegsbedingungen korrespondierenden Formen und thematischen Richtungen der Literaturproduktion als Kontrast zu den ausgewählten Autoren, um die Auswahl der Texte für das Erkenntnisinteresse zu begründen. Die Gruppe 47 wird mit ihrer künstlerisch-politischen Immanenz und Wirkung innerhalb des Literaturbetriebes der Nachkriegszeit als Forum und intellektuelle Heimat junger, engagierter Schriftsteller beschrieben, wo ein kritisches Potenzial zur NS-Vergangenheit gedeihen konnte. Inhaltlich in den Werken vorkommende Wehrmachtsdeserteure und Regimegegner innerhalb der Truppe sowie deren Position innerhalb der Kameradschaften werden an der historischen Wirklichkeit gemessen. Das Kapitel wird abgerundet durch eine Zusammenfassung der Desertionsforschung, die für den gesellschaftlichen Umgang mit Wehrmachtsdeserteuren und den chronologischen Wandel des Deserteursbildes aufschlussreich ist. Es zeigt den apologetischen Beginn der Forschung in den Sechziger Jahren durch ehemalige Militärrichter, die Resonanz der kritischen Forschung, die hohe Zahl von Deserteursverurteilungen und solcher gegen „Wehrkraftzersetzer“ als Kritiker des Nazi-Regimes, den Wandel des Deserteursbildes in der Widerstandsforschung, die gesetzliche Rehabilitierung der Wehrmachtsdeserteure und einen Ausblick auf den Paradigmenwechsel in der öffentlichen Meinung.

Kapitel III zeigt die für die Textinhalte relevante Sozialisation der vier ausgewählten Autoren; dabei interessieren insbesondere die Prägung ihrer Wahrnehmung durch ihr Herkunftsmilieu sowie politische oder ethische Einflüsse, die auf den Sinn ihrer Darstellungen einwirkten. Daran schließt sich chronologisch die Vorstellung ihrer Werke sowohl im Handlungsverlauf als auch durch am Thema orientierte ausgewählte Quellen an. Zum Leseverständnis werden die intendierten historischen Ereignisse durch Forschungserkenntnisse erläutert. Rezensionen der Texte in den zeitgenössischen Medien belegen deren öffentliche Wirkung.

Kapitel IV präsentiert das Untersuchungsergebnis durch Beantwortung der formulierten Fragen und zieht das Fazit im Hinblick auf die aufgestellte These.

Kapitel V beschließt die Arbeit und verweist auf die Aktualität des Themas Wehrpflicht im Zusammenhang mit der Bundeswehr.

2.4 Fragestellung

Aus der Befassung mit der ausgewählten Literatur ergeben sich folgende Fragen:

1. Welche Wirkungsabsicht verfolgten die Autoren?

Welche Motivation liegt ihren Werken zugrunde? Welche individuellen Wirkungsabsichten hatten sie?

2. Ergeben sich Erkenntnisse über die Nachkriegszeit?

Hatten die Autoren nach dem Krieg eine besondere historische Position? Welche politische und gesellschaftliche Entwicklung nahm die Nachkriegszeit? Welche kulturelle Stellung hatte die Gruppe 47? Welche Rolle spielten Schriftsteller als Akteure der Nachkriegsgeschichte? Hatte der sie beurteilende Kritikerstand historische Besonderheiten?

3. Abgrenzung

Als sprachliche Kunstwerke unterscheiden sich die ausgewählten Texte von schriftlich überlieferten Kriegserlebnissen, die ohne künstlerische Ambition, jedoch unter dem nachdrücklichen Anspruch der Zeitzeugenschaft auf der Ebene des Faktischen bleiben.[30] Gegenüber anderen Literaten, die ihrerseits über das „Wolfsgesetz des Krieges“[31] geschrieben haben , grenzen sich die Autoren der Gruppe 47 durch das distinkte Merkmal ihrer Gruppenzugehörigkeit mit deren ethisch-politischer Immanenz ab. Jene können hier nur erwähnt werden. Zu ihnen gehörte in Westdeutschland der frühvollendete Dichter Wolfgang Borchert mit seinen Erzählungen und dem Heimkehrerdrama „Draußen vor der Tür“, das als „bittere Beichte einer ganzen Generation“ gelten kann, „der Generation, die nicht nur im Feuer des Krieges vernichtet, sondern die ans Kreuz geschlagen, erniedrigt und auf die Knie gezwungen wurde von der Wirklichkeit des Dritten Reiches“[32]. Sein früher Tod im Jahr der Gründung der Gruppe 47 hat seine Aufnahme in ihren Kreis verhindert. Arno Schmidt historisiert das Desertionsthema in seiner Erzählung „Aus dem Leben eines Fauns“(1953), indem er es in die Napoleonzeit verlegt. Heinar Kipphardt veröffentlichte aus einem unterbliebenen Romanprojekt die Erzählung „Der Deserteur“ (1977.) Aufschluss über das Frustrations- und Gefahrenpotential eines in den Pariser Untergrund abgetauchten Wehrmachtsdeserteurs gibt Franz Justus Wittkops „Pariser Tagebuch“ erst 1985. In dem selben Jahr erzählt und reflektiert der Gestalter Otl Aicher seine Desertion im autobiografischen Essay „innenseiten des kriegs“. Zeitlich später liegende Veröffentlichungen sind als Reflexe auf frühere Werke anzunehmen.

In Deserteursdarstellungen der DDR-Literatur finden sich grundlegender Antimilitarismus, Umdenken und Entwicklung aufgrund des Kriegsverlaufs, aber auch ideologische Töne. Bertolt Brechts Kriegsgegnerschaft fand ihren Niederschlag in der Lyrik aus den Jahren 1941-1947 und dem Drama „Mutter Courage und ihre Kinder“ (1949). Von der philosophischen Weisheit eines Deserteurs berichtet er in der Erzählung „Der verwundete Sokrates“; der Protagonist ist „ein Held der Wahrheit, nicht des Krieges [..., der] darum in die richtige Richtung läuft: nach hinten.“[33] Erzählungen über öffentlich zur Abschreckung aufgeknüpfte Deserteure von Franz Fühmann (1955) veranschaulichen die Abschreckungsfunktion hingerichteter Fahnenflüchtiger. Dieter Nolls Adoleszenzroman „Die Abenteuer des Werner Holt“ (1960) zeigt die Entwicklung eines jugendlichen Kriegsenthusiasten der sogenannten Flakhelfergeneration des Zweiten Weltkriegs zwischen Idealismus und Desillusionierung. Das ebenfalls 1960 erschienene Drama „Wie die Tiere des Waldes“ von Friedrich Wolf richtet sich gegen Militaristen und Faschisten. Ebenfalls hierher gehört Peter Hacks Deserteursdrama „Die Schlacht bei Lobositz“ als soziologisches Lehrstück über das Funktionieren einer Klassenarmee (Erstveröffentlichung 1957).[34] Neben den genannten literarischen Deserteursdarstellungen gibt es weitere, die sich im Erzählmuster ähneln.[35]

Die zuletzt genannten Autoren der Deutschen Demokratischen Republik konnten unter den spezifischen politischen Bedingungen ihres Staates über Wehrmacht und Kriegsereignisse im Gegensatz zu den westlichen Autoren kritisch schreiben, ohne gesellschaftlichen Widerstand befürchten zu müssen, denn zum Gründungsmythos der DDR gehörte deren Antifaschismus. Das in der DDR konstruierte Geschichtsbild hatte die deutsche Kriegsniederlage in einen Sieg antifaschistischen Widerstands an der Seite der Sowjetarmee umgedeutet. Kontinuität mit dem untergegangenen NS-Staat wurde durch dieses Konstrukt rundheraus negiert und die DDR als völlig neuer, politisch unbelasteter Staat definiert. Dieses manipulierte Bild des eigenen Staates und seiner Geschichte diente vor allem der Integration der Bevölkerung, kultureller Identitätsbildung und einer Herrschaftslegitimierung, die zu der mit der NS-Vergangenheit belasteten Bundesrepublik kontrastieren sollte; es diente der Abgrenzung und jahrzehntelang als Kampagneinstrument gegen den anderen deutschen Staat. Weil Kriegsverbrechern im Osten entschiedener begegnet wurde als in Westdeutschland, hatten sich tatsächlich etliche Belastete in den Westen abgesetzt, auf die die DDR verweisen konnte.[36]

II Nachkriegsliteratur, die „Gruppe 47“, Dissidenten und Forschung

1. Nachkriegsliteratur

1.1 Überblick über die publizistische Situation in der Nachkriegszeit

Die literarischen Quellen zu dieser Arbeit liefern junge Schriftsteller, die vor dem Krieg noch kaum oder gar nicht publiziert hatten: Im Wesentlichen traten sie als Autoren erst nach dem Krieg in Erscheinung. Welchen Zeitrahmen umspannt die Nachkriegszeit? Startete die deutsche Literatur mit einem Neuanfang oder haben ältere Strukturen das Dritte Reich überdauert? Hatte sich trotz Gleichschaltung und Bücherverbrennung eine literarische Öffentlichkeit erhalten? Welche Erwartungen richtete sie gegebenenfalls an die Literatur? Hatte der Besatzungsstatus operational oder inhaltlich Einfluss auf Publikationen? Sind literarische Richtungen thematisch zu benennen? Welche Rolle übernahmen die heimgekehrten jungen Literaten im Nachkriegsszenario im Verhältnis zu den etablierten Schriftstellern? Aufschluss soll ein Blick auf publizistische Bedingungen im besetzten Westdeutschland zwischen 1945 und 1949 sowie auf die Entwicklung der Nachkriegsliteratur geben.

Die zeitliche Zuordnung des Begriffes „Nachkriegsliteratur“ ist uneinheitlich; ihr Ende wird mit „um 1950, um 1959/60 und dann um 1968“ angegeben.[37] Die ausgewählten Texte wurden zwischen 1947 und 1964 publiziert, fügen sich demnach in den am weitesten gespannten Rahmen epochaler Zuordnung ein. Ob sich nach 1945 ein literarischer Neubeginn behaupten lässt, ist strittig; konsensfähig ist, dass die Prosa zwischen 1945 und 1949 einen von der orientierungslosen Gegenwartsbewältigung geprägten Übergangscharakter trug.[38] Schriftsteller Urs Widmer und Literaturkritiker Heinrich Vormweg votieren gegen einen radikalen Neubeginn.[39] Von den Zeitgenossen wurden die Nachkriegsjahre als Zwischenzeit wahrgenommen zwischen dem, was erst kurz zuvor durchlitten worden war, und einer herbeigesehnten besseren Zukunft; sie waren eine Zeit kränkender sozialer Desintegration. Wie konnte sich unter diesen Gegebenheiten Literatur entfalten, welche faktischen und ideellen Bedingungen bestimmten ihre Entwicklung?

Der Schriftsteller Wolfgang Koeppen bezweifelte nach der politischen Katastrophe die Entwicklung einer deutschen Literatur als kulturellen Neubeginn[40] ; dagegen beurteilte Literaturkritiker Joachim Kaiser die unmittelbare Nachkriegszeit positiver:

Als der Krieg zu Ende ging, als man plötzlich überlebt hatte, als man eben doch ungeheuerlich viel freier wieder seine Meinung sagen durfte, weiter existieren konnte, Hoffnungslichter am Horizont erblickte: in diesem heillosen und heilvollen Jahr 1945 brach nicht etwa alles zusammen für die meisten jüngeren Menschen, die es durchmachten, sondern es brach vielmehr etwas auf![41]

Pessimismus oder Optimismus determinieren diese extremen Einschätzungen. Aus subjektiven Gründen scheute die Mehrheit der Leser vor einer literarischen Konfrontation mit den Auswirkungen der Diktatur zurück und strebte nach Privatheit und Rückzug in eine politisch unbelastete fiktive Welt durch „Flucht in die Ferne“; sie suchte Orientierung im traditionellen Wertesystem älterer Heimat- und Abenteuerliteratur und der Klassiker des Realismus des 19. Jahrhunderts, was zeitgenössisch als Trend zu einer neuen Romantik kritisiert wurde.[42] Evident ist, dass der überwiegende Teil der entstehenden westdeutschen Nachkriegsliteratur kaum Zeichen eines dokumentarisch nüchternen Realismus’ aufwies, der die Alltagsmisere nach dem Krieg oder die Jahre nationaler Deformierung unter dem Nationalsozialismus beschrieben hätte.

Erschwert wurde der literarische Neubeginn durch operationale Restriktionen der westdeutschen Besatzungszeit, die Verlage oder Zeitungen von alliierter Lizenzerteilung abhängig machten; nur Lizenzinhaber erhielten das für Druckerzeugnisse notwendige Papier. Ausschlaggebend hierfür war, inwieweit ein Lizenzbewerber nationalsozialistisch belastet war. „Lizenzvergabe, Zensur und Papierzuteilung wurden für die nächsten Jahre die Hauptinstrumente der alliierten Kultur- und Literaturpolitik [...].“[43] Viele politisch unbelastete Neulinge erhielten Lizenzen.[44] Zu diesem Politikum vermerkte das „Börsenblatt“:

Der Verleger, bei dem das Schriftwerk seinen Weg zum Leser antritt, hat [...] eine sehr genaue Befragung und eine ins einzelne gehende Prüfung seiner geschäftlichen und persönlichen Verhältnisse zu erwarten. Nach befriedigendem Ausgang dieses Verfahrens erhält er eine Zulassung (license). Solche Zulassungen werden an Bewerber erteilt, die politisch und charakterlich einwandfrei sind [...], die nicht mit oder für die Partei gearbeitet haben, die mit den kulturellen und politischen Idealen der Alliierten grundlegend übereinstimmen, und die gewillt und im Stande sind, durch ihre Veröffentlichungen am Aufbau Deutschlands in diesem Sinne mitzuwirken.[45]

Die Quelle belegt die ideologische Instrumentalisierung der Lizenzerteilung zur Demokratisierung Westdeutschlands auf der Basis westlicher Werte, die zunehmend durch die stärkste Siegermacht amerikanisch interpretiert wurden. Ziel war ein Literaturmarkt im freien Spiel kapitalistischer Kräfte, begrenzt durch die ideologische Maxime der Besatzer; als nach 1947 die Allianz der Westmächte mit der Sowjetunion gescheitert war, zeigte sich eine grundlegende Tendenz zum Antikommunismus, der zu Beginn der Fünfziger Jahre unter dem Begriff McCarthyism seine inquisitorischen Blüten treiben sollte.[46]

Im Gegensatz zur sowjetischen Besatzungszone existierte im Westen kein ideologisch fundiertes, geschlossenes Literaturkonzept als Vorgabe der Besatzungsmächte.[47] Alliierte Umerziehungsziele unter den Schlagworten „re-education“ und „democratization“ gaben lediglich die Richtung vor, in der sich Literatur entwickeln sollte.[48] Verboten waren alle nationalsozialistischen, militaristischen, rassistischen Tendenzen sowie jede Kritik an den Besatzungsmächten.[49] Diese Richtlinie stieß in der Publizistik auf breite Ablehnung; zwölf Jahre politisch gleichgeschalteter Kulturproduktion bewirkten eine Frontstellung der Künstler gegenüber ideologischer Einflussnahme.[50] Zur Erreichung geistiger Unabhängigkeit von den Besatzern wurde es notwendig, Schriftstellerinteressen zu bündeln, doch folgten diese divergierenden Pfaden. Sie schieden sich an der Frage, ob die älteren, etablierten Autoren die Nachkriegszeit als nach der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 ins Ausland gegangene Exilanten oder als daheimgebliebene „innere Emigranten“ erreicht hatten, die sich mehr schlecht als recht dem NS-System widersetzt hatten, oder ob sie noch relativ jung als Schreibanfänger aus dem Krieg heimgekehrt waren.[51] Öffentliche Wortführer waren die Älteren. Diesen stellten sich seit September 1947 jüngere Schriftsteller als „Gruppe 47“ gegenüber.[52] Nach deren erster Tagung fanden sich auch die Älteren unter dem Motto Heinrich Manns: „Die Bücher von heute sind die Taten von morgen“ zum Ersten deutschen Schriftstellerkongress im Oktober 1947 in Berlin zusammen.[53] Eine tiefe Kluft erwies sich zwischen Exilanten, die weder Krieg noch Terror durchlitten hatten, und „inneren Emigranten“, die als Autoren der „Innerlichkeit“ oder als die „Stillen im Lande“ im Unterdrückungsstaat überdauert hatten.[54] An der Kontroverse um die Rückkehr eines der namhaftesten Schriftsteller, die zum „Fall Thomas Mann“ wurde, erwies sich die Uneinigkeit der Intellektuellen und „die tiefe Verunsicherung im Westen Deutschlands, die zwischen Versöhnungswünschen, purer Verdrängung und schroffer Selbstverteidigung oszillierte“.[55] Gestritten wurde zwischen den sich gegenseitig ablehnenden Exilanten und Daheimgebliebenen um intellektuelle Autonomie gegenüber den Alliierten. Dabei verstellte sich ihnen der Blick dafür, dass der Restaurationsprozess längst begonnen hatte.[56] Anstatt sich emanzipiert der Vergangenheit zu stellen und mit ihr zu brechen, geriet den älteren Schriftstellern bei Ausblendung eigener inhaltlicher Zauderei die Auflehnung gegen die ideologischen Postulate der Besatzer zum Selbstzweck. Autoren der „inneren Emigration“[57], die für sich beanspruchten, auch unter dem Nationalsozialismus geistig integer geblieben zu sein, verglichen die Vorgaben der Alliierten mit der Ideologisierung der Kulturproduktion während des Dritten Reiches. Sie verwahrten sich dagegen, „die Rolle des Reeducation-Subjekts“ zu übernehmen.[58] Den Exilanten warfen diese Autoren wegen der Tatsache, dass sie sowohl das Dritte Reich als auch Hitlers Krieg nur aus dem Ausland wahrgenommen hatten, „Feigheit vor dem Feind“ vor. Erreicht wurde auf diesem Kongress die Einigung zwischen Exilanten und inneren Emigranten, Stärkung des Standesbewusstseins und die Verinnerlichung des intellektuellen Führungsanspruchs der Literatur.[59] Die jungen Autoren wandten sich gegen die durch das Symposion Versöhnten und erklärten „innere Emigration für null und nichtig als ‚Elfenbeinturm’ und die Exilliteratur als ‚Tendenz’“.[60] Sich selbst definierten sie als die mit allen Traditionen brechende Dichtergeneration der Nachkriegszeit; publizistisch strebten die für diese Arbeit ausgewählten Autoren nach politischem Einfluss zur Durchsetzung eines humanitären Sozialismus’ in Deutschland und Europa.[61]

1.2 Formale und inhaltliche Neuanfänge

Literarische Kreise erwarteten von den Schriftstellern, dass sie in der chaotischen Nachkriegssituation geistig Ordnung schafften und die Deutschen zu Wandlung, Umkehr und Reue bewegten, wie es Wilhelm Hausensteins Vorstellung entsprach:[62]

Ceterum censeo: die Deutschen in ihrer Mehrheit bereuen nicht. Sie geben sich auch angesichts der fürchterlich substantiellen Nürnberger Anklageschrift keine Rechenschaft über ihre kollektive und über ihre individuelle Schuld. Sie beziehen nicht, verknüpfen nicht – im großen Ganzen gesprochen; sind nicht außer sich um ihrer selbst willen; treiben ihr Leben auf der Oberfläche weiter und maulen.[63]

Tatsächlich sehnte sich das überwiegende Lesepublikum nach Rückzug ins Private. Nur vereinzelt wurde die Thematisierung der Nazi-Opfer gefordert.[64] Andere verlangten „energisch eine ‚zeitnahe’ Literatur[...], die das Nächstliegendste“ präsentiere und „Aufklärung über die letzten Jahrzehnte“ oder „Lehren“ aus der Vergangenheit zu bieten habe.[65] Diesem Leserbedürfnis wurde im wesentlichen durch Zeitungsreportagen entsprochen, die zeitnah in Kurzform das Gefühl sozialer Desintegration der deutschen Bevölkerung wiedergaben; der breiter angelegte Roman, wie ihn Walter Kolbenhoff schon in Gefangenschaft geschrieben hatte und Hans Werner Richter nach seiner Heimkehr entwarf, ließ zumeist noch auf sich warten.[66] Reportagen dienten als Medium, in der Nachkriegs-„Wirklichkeit Antwort und Lösung zu finden, um auf den vielen Wegen auf einen Weg zu stoßen, der in ein festes Ziel mündet.“[67] Heimkehrende Exilanten und ausländische Beobachter korrigierten bzw. konterkarierten in derselben literarischen Form diese subjektiven Berichte:

Schriftsteller und Journalisten wie Stefan Heym, Peter Weiss, Stig Dagerman, Isaac Deutscher, Edgar Morin und Alfred Döblin lieferten nicht nur, wie Thomas Mann oder Max Frisch, knappe Urteile und Impressionen von ihrer Reise [durch Nachkriegsdeutschland], sondern schrieben umfangreiche Reportageserien, in denen die Eindrücke des fremden oder fremd gewordenen Deutschland mit analytischer Schärfe reflektiert wurden.[68]

Zeitungsreportagen dienten sowohl individueller Entladung und Entlastung als auch der perspektivischen Zurechtrückung subjektiver Verstrickung in die Katastrophe, um der beklemmenden Gegenwart Stand zu halten und die Schultern für die nächste Zukunft zu straffen. Wandlung, Umkehr oder Reue wurden indessen nicht thematisiert: Anstatt die NS-Zeit zu analysieren, wurde sie nicht selten tabuisiert. Machart und Wirkungsstrategie der umfangreichen Reportage-Literatur in der Zeit der Zeitschriften hingen mit den provisorischen Literaturgegebenheiten nach 1945 zusammen.

Der Übergang von der Reportagevielfalt zur an die amerikanische Short-Story angelehnten Kurzgeschichte war anfangs kaum zu bemerken; sie wurde als literarische Form nach 1945 nicht nur bei Autoren der Gruppe 47 überaus erfolgreich.[69] Die reduzierte Darstellung ihrer Themen spricht mehr an, als im Text gesagt wird und überlässt dem Rezipienten ein offenes Ende, das mit den Unwägbarkeiten und fehlenden Perspektiven der Nachkriegsleser korrelierte. In einem Ausschnitt konnte die ganze Trümmerlandschaft imaginiert werden und „aus dem weiträumigen Kriegsgeschehen die alltägliche umfassende Sinnlosigkeit des Krieges vergegenwärtigen.“[70] Diese „‚Momentaufnahme’ entsprach den Schockerlebnissen und Erfahrungsfetzen in Krieg und Nachkrieg, für die ein ‚deutender’, einordnender Zusammenhang noch fehlte, wie ihn der Roman voraussetzt.“[71]

Trotz aller Zukunftsskepsis der Deutschen entstand allmählich eine, die Wirklichkeit fliehende, Romanliteratur: „Unfähig, in der gegebenen Realität, die weitgehend von Entsagung geprägt war, irgendeinen ‚Sinn’ zu entdecken, versuchte man diesen Sinn wenigstens im Höheren, bei den sogenannten ‚großen Werten’ zu entdecken.“[72] Inhaltlich erfüllte sich diese Sinnsuche einerseits in der Erinnerung überlieferter Werte wie Antike, Humanismus, Christentum, Abendland, Kunst oder Kultur im allgemeinen, andererseits in vagen Zukunftsspekulationen, mit denen man Bewährtes in eine ungewisse Zukunft zu tradieren suchte; weder Sinnvermittlung für die Gegenwart noch Ansätze zur Vergangenheitsbewältigung oder Eruierung der Schuldfrage wurden Romangegenstand. Der Rückzug auf das eigene Ich bzw. der „Zusammenschluss kleiner Gruppen, Orden oder Gemeinden, die sich in bürgerlich-aristokratischer Absonderungstendenz auf Inseln, in Höhlen, Klöster oder Wüsten zurückziehen, um dort ein einfaches, aber edles Menschentum zu kultivieren“, bestimmten die Romaninhalte etablierter Schriftsteller. Die positiven Figuren dieser Texte tendierten dahin, sich aus allen größeren Zusammenhängen herauszuhalten, sich weder an eine Partei, noch Idee oder Gesinnung zu binden. In Volk und Masse sahen die Protagonisten dieser Rückzugsromane nur einen von primitiven, unbürgerlichen Instinkten geleiteten wankelmütigen Mob. Die Autoren dieser Romane stützten

meist bürgerliche Individualitätsvorstellungen oder gar bewusst zyklisch-reaktionäre Geschichtsanschauungen. [...] Alles spielt sich in einem zeitlosen Mittelalter ab, das so grau, so unsinnlich, so vergeistigt, so verinnerlicht ist, dass man jedes Gefühl für Geschichtlichkeit verliert und in eine Welt rein metaphysischer oder rein naturhafter Ereignisse gerät, in der selbst der Faschismus (falls überhaupt auf ihn angespielt wird) nur als Dämonie oder Naturkatastrophe dargestellt werden kann.[73]

Diese Schriftsteller gingen hinsichtlich der Deutung der vergangenen zwölf Jahre unter dem Nationalsozialismus konform mit denjenigen Deutschen, die retrospektiv die Zeit der NS-Verbrechen noch lange als schicksalhafte Verstrickung deuten sollten. Kontrastierend zu den rückwärtsgewandten Autoren handelten etwa 120 Romane in der Zeit zwischen 1945 und 1950/51 von utopischen Inhalten, fernab einer Idee für die gesellschaftspolitische Gestaltung Westdeutschlands, die

Bilder einer völlig andersgearteten Zukunft zu entwerfen versuchen.[...] Was fast alle diese Werke charakterisiert, ist eine seltsame Zeitferne und Unrealistik.[...] Anstatt ihre Hoffnungen im Sinne der Blochschen Dialektik von ‚Freiheit und Ordnung’ an irgendwelchen politischen oder sozialen Konzepten festzumachen, weichen die meisten Autoren dieser Utopien vor allen wahrhaft ‚konkreten’ Problemen weitgehend in ein Niemandsland der abstrakten Sinnspekulationen aus.[74]

Ausgehend vom Nationalsozialismus als Grundübel vertraten diese Schriftsteller in ihren Texten kosmopolitisch-staatenlose Vorstellungen; vor dem Hintergrund atomarer Bedrohung wurde die Hoffnung auf einen Weltstaat gesetzt, der technische Fortschritte im Gegensatz zum als größenwahnsinnig und kriegslüstern diskriminierten Nationalstaat ausschließlich zum Wohle der Menschen lenke.[75] Technikkult wurde in diesen Science-Fiction-Romanen gelegentlich mit der Überlegenheit der Vereinigten Staaten gegenüber dem Kommunismus in Verbindung gebracht, gegen den zwei Strategien bemerkbar sind: einerseits die „Free-World-Ideologie“ der großen Konzerne, andererseits die abendländische Gesinnung des institutionalisierten Christentums. Beide Strategien prägten die Adenauer-Ära der fünfziger Jahre.[76]

Konträr zu den sich inhaltlich der bedrückenden Realität verweigernden Schriftstellern strebten junge Kriegsheimkehrer danach, literarisch von ihren Erlebnissen zu berichten, wie es Hans Werner Richter in der in München erschienenen Zeitschrift „DER RUF“ durch sein kämpferisches Manifest „Literatur im Interregnum“ eröffnete.[77] Diese Autoren begegneten der „Trost oder gar Rechtfertigung“[78] spendenden Literatur der „inneren Emigranten“ distanziert: Während Stephan Hermlin Innerlichkeit als „Flucht in die dämonisierte Natur“[79] deutete, lehnte Gustav René Hocke diese Literatur rundheraus als „Kalligraphie“[80] ab, weil die Gegenwart klarer Aussagen bedürfe. Die „stilistische Esoterik“ sei unter der Diktatur ein wirksames Mittel gewesen, um der „wölfischen Zensur auszuweichen“; angesichts des Leids sei es jetzt aber geboten, offen zu bezeichnen, „was man am Rande der Wege und Ruinen findet.“ Hocke verwies auf Honoré de Balzac, der in realistischer Sprache „schildern, deuten, entwirren, anklagen, anregen, ermutigen“ wollte, um die Gesellschaft seiner Zeit geistig zu gestalten.[81] Die kritisierten Autoren wehrten sich und verwiesen auf ihren passiven Protest gegen den Nationalsozialismus; sie hätten durch Bewahrung zeitloser Werte ihren Lesern unter der Diktatur Trost und Zuflucht geboten.[82] Die desillusionierten Jungen dagegen machten die „inneren Emigranten“ politisch verantwortlich.[83] Der kommenden Literatur stelle sich die Aufgabe der „Hinwendung an die größeren übergeordneten Zusammenhänge der menschlichen Gesellschaft und damit einer Bejahung von Entwicklung und Sinn“.[84] Junge Autoren, die sich in Westdeutschland zunächst um die Zeitschrift „DER RUF“ gruppiert hatten und später den anfangs kleinen Kreis der „Gruppe 47“ ausmachten, räumten dem „Wahren“ vor dem „Guten“ und „Schönen“ den Vorrang ein.[85] „Wahrheit“ bedeutete für sie, der Leser solle unter Verzicht auf Führung durch einen auktorialen Erzähler über die dichterische Darstellung zu einem eigenen Urteil finden.[86] Die für diese Arbeit ausgewählten Autoren schrieben sehr konkret über die durchlebte und durchlittene Realität der NS-Zeit aus regimegegnerischer Perspektive; sie konfrontierten die literarische Öffentlichkeit mit ihrer subjektiven Wahrnehmung des Krieges und forderten von der Nation Rechenschaft für das historische Desaster. Einige von ihnen hatten im amerikanischen Elitelager für „Anti-Nazis“ über zeitgenössische amerikanische Literatur verfügt, an deren Lektüre sich erste eigene Prosatexte stilistisch orientierten, die in der Lagerzeitung DER RUF erschienen waren.[87] Nicht zuletzt befassten sich diese Beiträge mit der Darstellung der Regimefeindschaft ihrer Verfasser.[88] Insassen der „Anti-Nazi“-Lager waren darauf vorbereitet worden, in Westdeutschland als demokratische Wegbereiter zu wirken.[89] Für die Kerngruppe des nach dem Krieg in Deutschland erschienenen RUF und der frühen Gruppe 47 bildete das Amerikaerlebnis den Start in die westdeutsche Nachkriegsliteratur.[90]

Aus der Perspektive der jungen, erst kürzlich aus dem Krieg heimgekehrten Schriftsteller analysierte Hans Werner Richter in seinem literarischen Manifest im März 1947 die Nachkriegssituation:

Wir leben zwischen zwei Welten [und] ringen um ein neues Weltbild[...].Unsicher und sich selbst unfassbar geworden [...] ringt der Mensch[...] um eine neue Sinngebung seines Lebens, um die Gestaltung seiner geistigen Existenz [...In der] Literatur [wurde] der scharfgeschliffene Dolch des Widerstandes [...] zum wohlgeformten Wortspiel.[...Aus der ] Flucht [der Literatur der Innerlichkeit] in die Einsamkeit [...] wird es keine Rückkehr mehr geben. Eine Generation hat versagt, eine Literatur ist tot.[...] Der künstlerische Leerlauf der Emigration war gleich dem ästhetischen Leerlauf der inneren Emigration.[91]

Mit überkommenen stilistischen Mitteln seien ihre Kriegserlebnisse literarisch nicht zu überliefern:

Diese Erlebnisse sind nicht mehr fassbar mit den Stilmitteln von gestern. Sie verlangen nach neuen Formen der Gestaltung und des Ausdrucks. Zwischen 1933 und 1947 liegt eine Welt. Es ist nicht nur ein Jahrzehnt, das an uns vorüberging, sondern es war der Abschied eines Zeitalters, das sich in blutigen Orgien austobte, und es ist dabei mehr zerrissen als ein paar Fahnen. Deshalb wirkt die Literatur, die vor dieser Zeit ihre Erfolge feierte, ebenso blass und schemenhaft auf uns wie die ästhetischen Spielereien während dieser Zeit. Mit der Idylle der Sternen-, Wald- und Wiesenlyrik verstarb auch der psychologische und analytische Geist des Romanischen Cafés. Die Emigration, so bewundernswert ihr politischer Widerstand auch immer sein mag, konnte dieses Absterben in ihrer individuellen Einsamkeit nicht verhindern. Es wird ihr kaum gelingen, den Sprung über den Schatten zu tun, der unsere Erlebniswelt von der ihren trennt.[92]

Dieses Resümee des nachmaligen Initiators der Gruppe 47 impliziert die ideelle Position junger Literaten: Nur ein neuer literarischer Anfang mit politischen Aussagen unter Einbeziehung des unter der Nazi-Herrschaft Erlebten könne sich verdrängenden und restaurativen Bestrebungen widersetzen.

Richter veranschaulichte, was der jungen Generation während des Krieges widerfahren war und literarisch zur Rigorosität gegenüber den Älteren dränge:

Abgründe und Abgründiges haben sich vor uns aufgetan, Abgründe, die wir nie zuvor gesehen, erlebt oder auch nur bemerkt haben. Aus diesen Abgründen ist unser andersgeartetes Lebensgefühl geboren worden. Dieses Lebensgefühl aber verlangt den Mut zur Realität, verlangt das Bekenntnis zum Realismus unserer Zeit. [...] Was neu entstand [im Verhältnis zum literarischen Naturalismus] war das Erlebnis. Es ist das Erlebnis der Gefährdung des Menschen und das Sichtbarwerden einer grausigen Wirklichkeit in einer scheinbar chaotischen Zeit.[93]

In den Nachkriegsjahren hatte Richter sich für das gesellschaftliche Engagement von Schriftstellern eingesetzt, um eine Wiederholung politischer Entgleisung zu verhindern.[94] Die „Sklavensprache“ der „inneren Emigrationsliteratur“ wurde von den Jungen als Propagandasprache denunziert, weil das Gesagte durch Redundanz an Deutlichkeit und Schärfe verliere; sie solle durch einen „Kahlschlag“ von Ballast befreit werden, weil nur in einer neuen, rudimentären Schreibweise die erschütternden Kriegserlebnisse zu schildern seien.[95] Richters Postulat zeichnet Roland Barthes Sprachkritik nach, der Sprache als ideologischen gesellschaftlichen Ausdruck beurteilte. Literatur müsse dem gemäß auf die chaotische Nachkriegssituation durch einen neuen Realismus wirken:[96]

Es ist das blutige Erlebnis unserer Zeit und unseres Lebens, es ist die Fragwürdigkeit unserer geistigen Existenz und es ist die Unsicherheit unserer seelischen Verwirrung, die ihn [den Nachkriegs-Realismus] aus der bloßen Wahrnehmung des Objektiven ins Magische erhebt. Dieser Realismus ist weit entfernt von dem Realismus der anderen [der amerikanischen Realisten Hemingway, Faulkner und Wolfe]. [...] Realismus – das bedeutet Bekenntnis zum Echten, zum Wahren und zur Wirklichkeit des Erlebten, das bedeutet, dass sich die Sprache dem Gegenständlichen anpasst wie ein festgeschneidertes Kleid, das bedeutet die unmittelbare Aussage und die lebendige Gestaltung. Das Ziel einer solchen Revolution aber kann immer nur der Mensch sein, der Mensch unserer Zeit, der aus der Verlorenheit seiner zertrümmerten Welt nach neuen Bindungen strebt. Er, der durch die Konzentrationslager und über die Schlachtfelder unserer Zeit ging, der seine Existenz in den Nächten des Massensterbens nur noch wie einen irrationalen Traum empfand, er verlangt zu seiner Gestaltung mehr als den einfachen Realismus der Vergangenheit. Die Aufgabe einer neuen Literatur wird es sein, in der unmittelbaren realistischen Aussage dennoch hinter der Wirklichkeit das Unwirkliche, hinter der Realität das Irrationale, hinter dem großen gesellschaftlichen Wandlungsprozess die Wandlung des Menschen sichtbar werden zu lassen. Das Leben unserer Zeit als das Erlebnis des Menschen unserer Zeit in seinen Tiefen und Höhen, seiner Tragik und Verworrenheit als Ganzes zu erfassen und zu gestalten, das mag man vielleicht noch als Realismus oder als magischen Realismus oder als Objektivismus bezeichnen – es ist dennoch nichts anderes als der Weg aus dem Vakuum unserer Zeit zu einer neuen Wirklichkeit.[97]

Richter fordert, dass sich der literarische Nachkriegs-Realismus mit den Zumutungen auseinander zu setzen habe, gegen die sich die Menschen unter dem Nazi-Terror nicht hatten wehren können. Hinter dem vermeintlich Rationalen der historischen Vorgänge habe er die mystische Wundergläubigkeit der Deutschen an die Versprechen der Nationalsozialisten und deren Folgen zu zeigen. Literatur müsse die Verführungsmechanismen der Staatsdoktrin offen legen und deren Wirkung auf die Menschen analysieren; nur sorgfältige Auseinandersetzung mit der jüngsten Geschichte führe aus dem Chaos zu einer neuen gesellschaftlichen Ordnung.

Von ihren Gegnern wurden die „Männer des Kahlschlags“ verdächtigt, programmatisch nur so radikal einfach zu schreiben, weil sie es nicht besser verstünden. Doch Hans Werner Richter rückte diese Unterstellung rückblickend in dem 1962 erschienenen „Almanach der Gruppe 47“ zurecht:

Die vom Kahlschlag wissen, oder sie ahnen es doch mindestens, dass dem neuen Anfang der Prosa in unserem Land allein die Methode und die Intention des Pioniers angemessen sind. Die Methode der Bestandsaufnahme. Die Intention der Wahrheit. Beides um den Preis der Poesie. Wo der Anfang der Existenz ist, ist auch der Anfang der Literatur.[98]

Gegen eine „völlig flache Deutung des Realismus“, wie sie die Schrift „Objektivismus“ des Verlegers Walter Kahnert und des Schriftstellers Wolfgang Weyrauch auswies, wandten sich Ernst Schnabel und Alfred Andersch, deren Anliegen es war, „stets die Tiefe des Erlebnisses von der Oberfläche des empirisch Wahrnehmbaren“ abzusetzen, in Richters Worten: das Unwirkliche und Irrationale hinter der Empirie bewusst zu machen.[99] Die tiefe Zäsur in der Nachkriegsliteratur wurde durch die selbstgestellte Aufgabe determiniert, der sich die jungen Autoren gegenüber sahen: „Unser Weg führt nur noch nach innen, zu den Gründen“[100], die die nationalsozialistische Katastrophe verursacht hatten. Ästhetik ohne Therapieeffekt galt den jungen Schriftstellern als sinnlos.[101] Gesellschaftlichen und politischen Einfluss machten sie für ihre Literatur geltend wie sie zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts bereits Franz Kafka veranschaulicht hatte: „Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch? Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“[102]

Eine Revolutionierung der literarischen und publizistischen Ausdrucksmittel hatte in Westdeutschland unter dem Besatzungsstatus und im Zuge der Restauration der Adenauer-Ära überwiegend nicht stattgefunden. Die „Stunde Null“ hatte nicht sogleich auch eine neue Denk-, Sprach- und Schreibweise hervorgebracht. Die Mühsal des Schreibens nach dem Krieg beschrieb Heinrich Böll später in seinen Frankfurter Vorlesungen:

Die ungeheure, oft mühselige Anstrengung der Nachkriegsliteratur hat ja darin bestanden, Orte und Nachbarschaft wiederzufinden. Man hat das noch nicht begriffen, was es bedeutete, im Jahre 1945 auch nur eine halbe Seite deutscher Prosa zu schreiben.[...] Wer jetzt – im Krieg, nach dem Krieg – zu reden, zu schreiben anfing, der setzte mit Vorsicht an, mit Zweifel und mit kühler Nüchternheit. Sprache versuchen, das hieß: sich zur Vorsicht gegenüber den Wörtern erziehen; nicht gleich Sätze machen und Wohllaut erstreben; nicht gleich Reime klingen lassen und Sprache auf Musik hinleiten. Jetzt war es nötig, eins neben das andere zu stellen, sorgfältig, zweiflerisch, Wort neben Wort; Addition, nicht Erguss. [...] Die Literatur begab sich auf [...] den mühseligen Weg der Sprachfindung, durchforschte den Abfall nach Humanem, verloren dahinschwimmend in einer wahren Flut nachgeholter ausländischer Literatur.[103]

Aus der Sprachlosigkeit über das durchlebte Grauen zu einer der deprimierenden Realität angemessenen, unverdorbenen Sprache zu finden war die Aufgabe, mit der sich die jungen Schriftsteller konfrontiert sahen. Nach Alfred Anderschs Befund stand „die junge Generation vor einer tabula rasa, vor der Notwendigkeit, in einem originären Schöpfungsakt eine Erneuerung des deutschen geistigen Lebens zu vollbringen.“[104] Schreibexperimente und erzählerische Modellversuche offenbarten sich in dieser frühen Nachkriegszeit beispielsweise bei Arno Schmidt und Alfred Andersch, bei denen „sich eine Haltung [äußert], die sich deutlich gegen den historischen Indikativ wendet und damit die Tendenz zur literarischen Imagination einer anderen deutschen Geschichte möglich macht [...]“[105], die auf die westdeutsche Zukunft zielte. Diese Erzählungen befassten sich mit der kontinuierlichen Aufarbeitung der unbewältigten Vergangenheit, zu der auch die Nachkriegszeit zählte. Ihre Autoren fanden sich als deutsche Avantgarde in der Gruppe 47 zusammen. Geistesgeschichte, resümiert Manfred Durzak, kenne zwar keinen totalen Neubeginn, „dennoch gab es eine weitgehend durch die Gruppe 47 repräsentierte deutsche ‚Nachkriegsliteratur’, die sich deutlich von Vergangenem unterscheidet.“[106]

Die jungen Autoren publizierten ihre Prosa, als sich jenseits der Währungsreform am 21. Juni 1948 die Literaturverhältnisse durch das Ende der Lizenzierungspflicht und Papierzuteilung zu normalisieren begannen.[107] Je weiter das Kriegsende zurück lag, umso mehr glätteten sich die Richtungsstreitigkeiten im Literaturbetrieb. Auf die von Walter Kolbenhoff 1949 in der „Frankfurter Rundschau“ angeregte Diskussion zur Frage „Für wen schreiben die Schriftsteller?“ gab der Autor Horst Lange seine Marktorientierung preis, als er sagte: „So schreibe ich für alle, die mich lesen mögen.“[108] Einflussnahme der Politik auf Literatur wurde zugunsten selbständigen Denkens des Lesepublikums abgelehnt.[109] Allmählich traten auch die durch die „schwarzen Listen“ der Alliierten als nationalsozialistisch diskriminierten Autoren wieder in Erscheinung.[110] Einer von ihnen, Gottfried Benn, fasste seine Erkenntnisse als Dichter während der Nazi-Zeit in den Satz: „Wir haben erlebt und erfahren, dass Politik die Sabotage der Kunst ist, weiter nichts.“[111] Die Teilung Deutschlands im Jahre 1949 brachte auch für die „literatur-politischen Rahmenbedingungen den Abschluss einer ersten Nachkriegsphase.“ Die ideologisch-politische Trennung Deutschlands wirkte sich trotz der durch die DDR-Schriftsteller angestrebten „Wiedervereinigung“ negativ auf das Heranwachsen einer gemeinsamen Literatur aus.[112]

1.3 Zusammenfassung

Die Autoren Kolbenhoff, Richter, Andersch und Böll hatten nach dem Krieg gegenüber anderen mehrere Vorteile aufzuweisen. Diejenigen, die in amerikanischer Gefangenschaft gewesen waren, brachten den Nachweis mit, dass sie dort als „Anti-Nazis“ kategorisiert und durch „re-education“ darauf vorbereitet worden waren, in Westdeutschland Funktionen in der Publizistik zu übernehmen. Unter operationalen Restriktionen hatten sie als politisch Unbelastete nicht zu leiden und konnten als Verlagsangestellte der „Neuen Zeitung“ und beim RUF zunächst einmal frei publizieren. Ihre Themen bezogen sie aus ihren Kriegs- und Nachkriegserlebnissen.

Der von der jungen Generation postulierte absolute Neuanfang zielte auf Distanz zur Literatur der Älteren und der unter dem Nationalsozialismus inkriminierten Sprache. Sie strebte nach neuen Formen, wie z.B. die an der amerikanischen „short story“ orientierte Kurzgeschichte, vor allem aber nach kritisch-realistischer Auseinandersetzung mit Kriegs- und Nachkriegserlebnissen. Anders als die etablierten Schriftsteller fassten sie Literatur als politischen Beitrag zur gesellschaftlichen Entwicklung auf, so dass insoweit durchaus ein Neubeginn in der Nachkriegsprosa festzustellen ist.

Walter Kolbenhoff hatte seinen in amerikanischer Gefangenschaft geschriebenen Roman „Von unserm Fleisch und Blut“ bereits 1947 in Stockholm publiziert; Form wie Inhalt waren neu: Formal ist er aus expressionistischen Elementen und solchen der Kurzgeschichte montiert; inhaltlich wird ein völlig neuer Stoff ausgebreitet. Er handelt von Kausalitäten der Nazi-Zeit sowie Schuldvorwürfen und -anerkenntnissen, die in der Nachkriegsrealität kollektiv verdrängt wurden. Hans Werner Richter kaprizierte sich in seinem 1949 erschienenen Roman „Die Geschlagenen“ im Kontrast zu den gering geschätzten „Kalligraphen“ auf die von ihm postulierte rudimentäre „Landsersprache“. Inhaltlich schrieb er über das Schicksal von „Anti-Nazis“ in Wehrmachtsuniform inmitten fanatisierter Nazis. Alfred Andersch legte mit seinen „Kirschen der Freiheit. Ein Bericht“ (1952) eine neue literarische Form vor, in der Reminiszenzen, Empfindungen und Stimmungen mit Essays und politisch-philosophischen Erkenntnissen durchwirkt sind. Der Text ist ein Plädoyer für Desertion aus jeder Armee, die sich nicht ausschließlich zur Vaterlandsverteidigung versteht. Heinrich Böll hat für seine erst 1964 publizierte Erzählung „Entfernung von der Truppe“ eine, dem auf leichtlebige Zerstreuung gerichteten Lebensstil der Sechziger Jahre entsprechende, feuilletonistische Form gewählt; sie ist im seinerzeitigen politischen Kontext zu verstehen. Inhaltlich ist der Text radikal anarchistisch.

Die Quellentexte folgen sowohl formal als auch inhaltlich dem von den jungen Autoren beabsichtigten Neuanfang: Sie sind weder rückwärtsgewandt noch utopisch, sondern politisch fortschrittlich mit Zielrichtung auf ein geeintes Europa, dem seinerzeit eine internationale Bewegung junger Menschen entgegenstrebte.[113] Deren Ideologie sei

ein neuer, von aller Tradition abweichender Humanismus, ein vom Menschen fordernder und an den Menschen glaubender Glaube, ein sozialistischer Humanismus.[...] Sozialistisch – das meint in diesem Fall, dass Europas Jugend ‚links’ steht, wenn es sich um die soziale Forderung handelt. Sie vertritt wirtschaftliche Gerechtigkeit und weiß, dass diese sich nur im Sozialismus verwirklichen lässt. [...] Die sozialistische Forderung schließt die Forderung nach einer geplanten Wirtschaft und eine – trotz allem – Bejahung der Technik ein. ‚Links’ steht dieser Geist ferner in seiner kulturellen Aufgeschlossenheit, seiner Ablehnung nationaler und rassischer Vorurteile, seiner Verhöhnung des provinziellen Konservativismus.[114]

Von den zurückgekehrten Exilanten und den gebliebenen „inneren Emigranten“ unterschieden sich die jungen Schriftsteller durch unbequeme Inhalte, durch eine sehr konkrete Sprache, die Nüchternheit zur Kunstform erhob, die sich nicht ängstlich hinter Mythen oder Parabeln versteckte bzw. durch Redundanz konkrete Aussagen vernebelte und vor allem durch ihren Anspruch, Nazi-Zeit und Kriegserlebnisse zu eruieren und Rechenschaft zu fordern. Ihre Literatur verstand sich als eine Ästhetik des Widerstands, als Opposition gegen restaurative Tendenzen.

2. Die Gruppe 47

2.1 Ethisch-politische Immanenz und Gründung der Gruppe 47

Engagiert war Hans Werner Richter mit seinem Manifest „Literatur im Interregnum“ mit dem Anspruch vor die Nachkriegsöffentlichkeit getreten, zur Überwindung der „Fragwürdigkeit [...der] geistigen Existenz“ eine neue Schriftstellergeneration zu generieren, die den irritierten Menschen eine Orientierung gäbe. Nach dem „blutigen Erlebnis“ habe eine neue Literatur nüchtern die „Gefährdung des Menschen“ und die „Wirklichkeit des Erlebten“ zu erhellen und die „unsicher und sich selbst unfassbar geworden[en]“ Derangierten aus dem Chaos des Krieges und dem „Vakuum“ in eine „neue Wirklichkeit“ zu leiten: Lebenshilfe durch Literatur also für diejenigen, die zur Übernahme von Verantwortung bereit waren. Diese Literatur müsse die Kausalität der geschauten „Wirklichkeit“ sachlich analysieren.[115]

Mit seinem Manifest sprach Richter ethisch-politisch gleichgesinnte Freunde an, die er seit September 1947 zu Lesungen zusammenrief. Aufklärerische Prinzipien, Demokratie und Humanismus sowie Distanzierung vom Nationalsozialismus waren der Gruppe immanent; ohne diese ideellen Gemeinsamkeiten hätten die Literatur-Tagungen keine Basis gehabt.[116] Richter suchte den geistigen Austausch politisch fortschrittlicher Autoren; entschieden wandte er sich gegen die ältere Schriftsteller-Generation mit ihren konservativen oder indifferenten Zirkeln. Wie sich zeigen wird, liegt eine dezidiert linkspolitische Haltung bei den ausgewählten Autoren im Herkunftsmilieu begründet. Sie waren literarisch gebildete Freidenker und Autodidakten.

Erwähnt wurde bereits, dass sich einige der jungen Schriftsteller in amerikanischer Gefangenschaft bei der Erstellung der Kriegsgefangenenzeitung „DER RUF“ begegnet waren, die unter demselben Titel seit dem 15.8.1946 in München erschienen und zunächst von Alfred Andersch und Hans Werner Richter herausgegeben worden war. Vor ihrer schriftstellerischen Tätigkeit hatten beide dieses Blatt zum Gewinn publizistischen Einflusses auf die politische Entwicklung Westdeutschlands genutzt. Der große Zuspruch aus der jüngeren Generation ließ erkennen, dass auf ein derartiges Medium zur intellektuellen Auseinandersetzung über die Gestaltung eines demokratischen Deutschlands förmlich gewartet worden war.[117]

Obwohl der Münchner „RUF. Unabhängige Blätter der jungen Generation“ mit einer Auflage von „angeblich zeitweise 120 000“ bei jungen Lesern eine enorme Resonanz gefunden hatte, endete die Herausgeberschaft von Andersch und Richter noch vor Ablauf eines Jahres.[118] Beide für das Blatt Verantwortlichen wie auch ihre Beiträger, von denen einige später zur Gruppe 47 zählten, hatten die demokratische Flexibilität der amerikanischen Besatzer und Lizenzgeber, unter denen sie in der Kriegsgefangenschaft „re-education“ und „democratization“ genossen hatten, überschätzt.[119] Nachdem diesen deutlich geworden war, dass weder Andersch noch Richter für westlich-kapitalistische Werte, sondern für einen humanen europäischen Sozialismus eintraten, schritt die Information Control Division (ICD) gegen die Herausgeber des RUF ein: Unter dem Vorwand einer Änderungskündigung wurde Andersch und Richter die Schriftleitung des Blattes entzogen und dem gemäßigteren Mitarbeiter der ICD Erich Kuby übertragen.[120] Dahinter steht die während des Kalten Krieges gestartete amerikanische Kampagne gegen linkspolitische Tendenzen, die sich in den nachfolgenden Jahren mit den Namen John Foster Dulles und Joseph Raymond McCarthy verband. In älteren Darstellungen der Geschichte der Gruppe 47 wird das Ende des RUF dramatischer dargestellt: Danach wurde er von den Besatzern verboten.[121] Wenn dem auch nicht ganz so war, bleibt festzuhalten: Andersch und Richter hatten sich durch ihre politischen Orientierung mit immanenter Kritik an der amerikanischen Besatzungsmacht als Herausgeber des RUF nachhaltig in Misskredit gebracht.[122]

2.2 Gründung der Gruppe 47

Das Ende der publizistischen Möglichkeiten, die der RUF Alfred Andersch und Hans Werner Richter geboten hatte, gilt in der Forschung als Keimzelle der späteren Gruppe 47.[123] Der Verlust des Publikationsorgans für die Linken, in dem sie sich mit Verve für ihre politische Überzeugung eingesetzt hatten, führte zur Suche nach einem unabhängigen Kommunikationszentrum zur Diskussion zukunftsweisender literarischer Entwürfe.[124] Das Resultat war die Gründung der Gruppe 47, die weder der Lizensierung noch der Papierzuteilung bedurfte. Mitbestimmt wurde die Bildung der Gruppe 47 demzufolge durch die publizistischen Restriktionen der Besatzungszeit.[125]

Vorausgegangen war ein Treffen junger und älterer Autoren, zu dem die Verlagsinhaberin Inge Stahlberg Ende Juli 1947 auf ein Gut in Altenbeuren eingeladen hatte. Die konservative Tendenz einiger Beiträge führte zu heftigen Diskussionen und zur Spaltung der Tagung in zwei Lager. Nach dem ebenso anregenden wie kontroversen Ablauf der Veranstaltung entschied der teilnehmende Hans Werner Richter, so etwas „sollte man öfter machen, Manuskripte vorlesen, diskutieren – da kommt was dabei heraus.[126] Nur die richtigen Leute müssen zusammenkommen – das hier ist zu gemischt.“[127]

Konsequent lud Richter einige Freunde zum Schriftstellertreffen für das erste Wochenende im September 1947 auf das Gut Bannwaldsee der Dichterin Ilse Schneider-Lengyel ein. Die männlichen Teilnehmer waren von Krieg und Gefangenschaft geprägt; sie verband das Gefühl, einer Schicksalsgemeinschaft anzugehören.[128] Viele von ihnen waren während des Krieges unter ständiger Lebensgefahr von einer Front zur anderen unterwegs gewesen. Die „ständige Bedrohung, die brutale Unterdrückung eigener Interessen, die totale Reduzierung auf den Nullpunkt, wo nur der Wille zum Überleben gilt“[129], hatte sie gezeichnet. Das Gefühl eines gemeinsamen Schicksals speiste sich aus der Landser-Erfahrung, die ihnen nach 1945 zunächst die Themen vorgab; erlebte Kriegsschrecken bildeten die Brücke, über die eine Anzahl biografisch durchaus heterogener Autoren in die frühe Gruppe 47 gelangte.[130] Für Gleichgesinnte gründete Hans Werner Richter sein Forum für Autorenlesungen. Trotz ihres grundsätzlichen politischen Konsenses bildeten sie durchaus eine pluralistische Gesellschaft.[131]

Zwölf Jahre kultureller Gleichschaltung während der Nazi-Herrschaft hatten die im 18. Jahrhundert entstandene literarische Öffentlichkeit des deutschen Bürgertums eliminiert. Eine Hauptstadt als kulturelles Zentrum, in dem sie hätte wiedererstehen können, war angesichts der Teilung Deutschlands in vier Besatzungszonen nicht abzusehen; für eine kleine Schar Interessierter half Richters private Initiative diesem Mangel ab. Wie zuvor dargestellt wurde, bewegten sich andere Richtungen der Nachkriegsliteratur inhaltlich in Sphären, die sowohl die Aufarbeitung der jüngsten Vergangenheit vermieden als auch an der Überwindung des gesellschaftspolitischen Vakuums bei Kriegsende kein Interesse zeigten; Richters eingeladener Autorenkreis dagegen sah sich gefordert, den geistigen Neubeginn mitzugestalten. Auf Richters Tagungen

sammelten sich alle Impulse, alle ideellen Bemühungen, alle Bestrebungen und alle Sehnsüchte nach einem neuen Anfang und nach einer Regeneration des gesamten deutschen gesellschaftlichen Lebens. Für viele Jahre war [die Gruppe 47] der einzige Kommunikationspunkt dieser jungen deutschen Schriftsteller und ersetzte für sie zugleich die literarische Öffentlichkeit, die nach dem Krieg nicht mehr bestand [...].[132]

Aus dem ersten Treffen eines kleinen Freundeskreises entstand die Gruppe 47, wie sie auf Vorschlag des Schriftstellers Hans Georg Brenner fortan genannt wurde.[133] Über den Spiritus Rector der frühen Zusammenkünfte sagte Hans Werner Richter 1986 rückblickend:

Alle waren dabei von einer überschäumenden Lebenslust, die alle Tagungen der ‚Gruppe 47’ in den ersten Jahren kennzeichnete. Alle hatten viel nachzuholen, die verlorenen Tage ihrer frühen Jugend [...]. Die Literatur war ‚pralles Leben’, sozusagen das Leben schlechthin [...][134]

Die jungen Männer feierten ihre glückliche Heimkehr, indem sie in vertrauter Runde die literarische Verarbeitung ihrer Erlebnisse vorstellten. Ziel des Kreises war eine empirisch fundierte Literatur in klarer Sprache, die durch kollegiale, handwerkliche Kritik und Diskussion im Rahmen einer „intimitätsgeschützten[...] literarische[...]n Werkstatt freundschaftlich verbundener Schriftsteller“[135] reifen konnte. Neben Hans Werner Richter als Initiator und Alfred Andersch gehörte auch der ebenfalls für den RUF tätig gewesene Walter Kolbenhoff zu den frühen Teilnehmern der Gruppe 47.[136] Heinrich Böll wurde erst vier Jahre später durch Anderschs Vermittlung zu den Tagungen eingeladen.

Ideelle Erwartungen und Vorgaben wurden nach Richter „nie ausgesprochen, auch nicht innerhalb der Gruppe. Sie waren von Anfang an immanent. Sie waren durch ihren Vorläufer [...] DER RUF [...] wie selbstverständlich gegeben.“[137] Die jungen Autoren richteten sich gegen

jene[...] ältere[...] Generation, die aus ihrem olympischen Schweigen nach zwölf Jahren heraustrat. [Die junge Generation] weiß, dass jenes Bild des Menschen, das die ältere Generation von ihren Vorvätern geerbt hat und das sie nun wieder errichten möchte, nicht mehr aufgebaut werden kann. [...] Aus der Perspektive dieses intuitiven Wissens heraus gewinnen die Dinge des menschlichen Lebens ein anderes Gesicht, werden sie dem äußeren Bild jener Landschaft adäquat, deren Profil von den Ruinen und Trümmern der großen Städte gezeichnet ist. Der moralische, geistige und sittliche Trümmerhaufen, den ihr eine wahrhaft ‚verlorene’ Generation zurückgelassen hat, wächst ins Unermessliche und erscheint größer als jener real sichtbare. Vor dem rauchgeschwärzten Bild dieser abendländischen Ruinenlandschaft, in der der Mensch taumelnd und gelöst aus allen überkommenen Bindungen irrt, verblassen alle Wertmaßstäbe der Vergangenheit. Jede Anknüpfungsmöglichkeit nach hinten, jeder Versuch, dort wieder zu beginnen, wo 1933 eine ältere Generation ihre kontinuierliche Entwicklungslaufbahn verließ, um vor einem irrationalen Abenteuer zu kapitulieren, wirkt angesichts dieses Bildes wie eine Paradoxie. Aus der Verschiebung des Lebensgefühls, aus der Gewalt der Erlebnisse, die der jungen Generation zuteil wurden und die sie erschütterten, erscheint ihr heute die einzige Ausgangsmöglichkeit einer geistigen Wiedergeburt in dem absoluten und radikalen Beginn von vorn zu liegen...[138]

Diese Quelle belegt die entschiedene Absage an politische Restauration sowie den immensen Konflikt, den die jungen, fortschrittlichen Autoren mit der älteren Schriftstellergeneration hatten: Sie habe sich durch Rückzug ins „olympische Schweigen“ als Reaktion auf den Nationalsozialismus sittlich disqualifiziert. Vor dem Hintergrund der „Gewalt der Erlebnisse“ seien überlieferte Werte für die junge Kriegsgeneration nicht mehr tragfähig. Der im Manifest „Literatur im Interregnum“ angesprochenen literarischen Radikalität entsprach diejenige innerhalb der Gruppe 47: Als Folge der Hitler-Zeit lehnten die jungen Schriftsteller jeden Zwang in Form von Organisationen, Parteien, Vereinen und dogmatischen Weltanschauungen ab.

2.2 Etablierung der Gruppe 47

Als private Initiative unterlag die Gruppe 47 gemäß ihrer freiheitlichen Maxime keinem Organisationsstatut wie es auch keinen Anspruch auf Zugehörigkeit gegeben hat. Richter allein entschied, wer zu den jährlich oder halbjährlich stattfindenden Tagungen eingeladen wurde. Waren es anfangs etwa 15 von ihrer Zeit geprägte Autoren der jungen Generation, die sich am Bannwaldsee nahe Füssen getroffen hatten, so stieg die Zahl der Tagungsteilnehmer im Jahre 1960 auf rund hundert; damit verschob sich die inhärente private Struktur der Gruppenlesungen in Richtung einer öffentlichen Veranstaltung.[139]

Anstelle eines Organisationsstatuts stellten sich bei der Gruppe 47 sogenannte „Gewohnheiten“ ein, die Joachim Kaiser 1962 rückblickend beschrieben hat:

Zu den Gewohnheiten gehörte der Tonfall. In der Gruppe 47 ist es unmöglich, sich auch nur im mindesten ‚faschistisch’, ‚nazihaft’ oder sonst wie antirepublikanisch zu äußern.“ Jahrelang „waren viele der von H.W. Richter Eingeladenen nicht bereit, den Blick gleichmütig vom Elend wegzuwenden, wie es die übrigen Entronnenen taten, die (begreiflicherweise) froh waren, der Not nicht mehr gedenken zu müssen und sich gern der ‚Freß’- ‚Kleider’-‚Reise’-Welle überließen.[140]

Kaiser bringt die grundlegende Tendenz vieler Autoren der Gruppe 47 auf den Punkt: Sie wollten die Deutschen mit ihrer Verantwortung für die Katastrophe konfrontieren. Es wird sich zeigen, dass thematische Abmahnungen durch Verleger und Rundfunkredakteure die von der Gruppe 47 bevorzugten Kriegs- und Nachkriegsthemen beendeten, weil sich hierfür kein Lesepublikum fand. Wer schnell beleidigt war, eignete sich zum Vorlesen seiner literarischen Erzeugnisse auf den Tagungen nicht. Nur wer härteste Kritik an seinem Vortrag auf dem sogenannten „elektrischen Stuhl“ ertragen konnte und Haltung bewies, wurde wieder eingeladen.[141] Diese überaus strenge Kritik in der Gruppe 47 hatte ihren

Ursprung in den ersten Nachkriegsjahren. Aus dem kritiklosen Zustand im Dritten Reich war die Sehnsucht nach härtester Kritik entstanden. Der ‚Kunst- und Buchbesprechungs-Politik’ der immer noch fortwuchernden zwölf Jahre wollte man wieder die wirkliche Kritik entgegensetzen. So schlug das Pendel vorerst nach der anderen Seite aus. Es entstand eine kritische Rücksichtslosigkeit, die heute kaum noch fassbar ist.[142]

So stringent, wie sich Richter die literarischen Inhalte der Gruppe-Autoren unter Zugrundelegung seines literarischen Manifestes gedacht hatte, fielen die Resultate indes nicht aus. Die Themen entwickelten sich durchaus heterogen; ein literarisches Programm hat es nicht gegeben. Zehn Jahre nach der ersten Tagung der Gruppe waren Richters radikalen Postulate nicht mehr zeitgemäß. Die Gruppe fraktionierte sich in „Realisten“ und „Formalisten“ und es drohte zwischen den Gegnern zu einem „ästhetisch-poetologischen“ Debakel zu kommen, doch gelang es Richter, die feindlichen Parteien mehr schlecht als recht zusammen zu halten.[143]

Die Zahl derjenigen Autoren, die sich in der Gruppe 47 der Kritik gestellt hatten, ist groß.[144] Ihre Literatur leistete einen wesentlichen Beitrag zu der nach 1945 in deutscher Sprache hervorgebrachten Dichtung.[145] Anreiz schaffte ein Förderpreis aus Sponsorengeldern, den seit der Tagung im Kloster Inzighofen im Jahre 1950 Schriftsteller erringen konnten, die noch nichts oder kaum veröffentlicht hatten. Zu den Preisträgern gehörten später so renommierte Autoren und Autorinnen wie Günter Eich, erster Preisträger der Gruppe (1950), Heinrich Böll (1951), Ingeborg Bachmann (1953) und Martin Walser (1955). Spätestens seit der Verleihung des Preises an den nachmaligen Literaturnobelpreisträger von 1999 Günter Grass (1958) und bis zum Ende der Gruppe 47 wurde er zum geschätztesten Literaturpreis der Bundesrepublik; in seiner Bedeutung erreichte ihn später nur der Büchner-Preis.[146]

Die Wirkung des Förderpreises erregte in den 50er Jahren zunehmend öffentliches Interesse. Während auf Richters Treffen anfangs nur eingeladene Autoren im gegenseitigen Vertrauen Texte vorstellten und diese anhand gemeinsamer Prämissen und Kriterien kritisierten, so weiteten sich die Tagungen der prominent gewordenen Gruppe 47 im Laufe der Jahre unter zunehmend ökonomischem Interesse zum literarischen Spektakel einer großen Zahl teilnehmender Schriftsteller, Kritiker und Journalisten aus, so dass sich Struktur und Atmosphäre der Tagungen in der Zeit zwischen 1947 und 1967 erheblich wandelten. Bestimmt wurden die Zusammenkünfte nun durch

[...]


[1] Koselleck, Reinhart: Fiktion und geschichtliche Wirklichkeit. Vortrag auf dem Düsseldorfer Germanistentag 1976 (nachfolgend zitiert: Koselleck: Fiktion), in: Zeitschrift für Ideengeschichte, Bd. 1, H.3, München 2007, S. 37-54, hier S. 39f.

[2] Ludewig, Hans-Ulrich: Alfred Döblin: November 1918, in: Stauf, Renate, Berghahn, Cord-Friedrich (Hrg.): Weltliteratur. Eine Braunschweiger Vorlesung, erschienen in der Reihe „Braunschweiger Beiträge zur deutschen Sprache und Literatur“, hrg. v. Hans-Joachim Behr, Herbert Blume, Eberhard Rohse und Renate Stauf, Bd. 7, S. 389-408, hier S. 390.

[3] Döblin, Alfred: Der Historische Roman, 1936, zit. n.: Ludewig, Hans-Ulrich: Alfred Döblin: November 1918, in: Stauf, Renate, Berghahn, Cord-Friedrich (Hrg.): Weltliteratur. Eine Braunschweiger Vorlesung, erschienen in der Reihe „Braunschweiger Beiträge zur deutschen Sprache und Literatur“, hrg. v. Hans-Joachim Behr, Herbert Blume, Eberhard Rohse und Renate Stauf, Bd. 7, S. 395.

[4] Koselleck: Fiktion, S. 48f.

[5] Koch, Magnus: Fahnenfluchten (nachfolgend zitiert: Koch: Fahnenfluchten), Paderborn 2008, S. 36.

[6] Koch: Fahnenfluchten, S. 9 (Vorwort).

[7] Klüger, Ruth: Gelesene Wirklichkeit. Fakten und Fiktionen in der Literatur (nachfolgend zitiert: Klüger: Fakten und Fiktionen), Göttingen 2006, S. 7 f., 69, 83f.

[8] Koselleck: Fiktion, S. 45.

[9] Düsterberg, Rolf: Soldat und Kriegserlebnis. Deutsche militärische Erinnerungsliteratur (1945-1961) zum Zweiten Weltkrieg. Motive, Begriffe, Wertungen (nachfolgend zitiert: Düsterberg: Kriegserlebnis) , Tübingen 2000, S. 20.

[10] Gesetz zur Änderung des Gesetzes zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile in der Strafrechtspflege, Drucksache 14/8276, S. 23 735 bis 23 743, in: Deutscher Bundestag, 14. Wahlperiode, 237. Sitzung, Berlin, 17. Mai 2002.

[11] Haase, Norbert: Deutsche Deserteure, Berlin 1987 (nachfolgend zitiert: Haase: Deserteure), S. 108.

[12] Voltaire: Neue Betrachtungen über die Geschichte, in: ders.: Kritische und satirische Schriften, München 1970, S. 557-561, hier S. 558 ff.

[13] Daniel, Ute: Kompendium Kulturgeschichte. Theorien, Praxis, Schlüsselwörter (nachfolgend zitiert: Daniel: Kompendium), Frankfurt am Main, 3. verbesserte Auflage 2002, S. 19.

[14] Dewey, John: Die Suche nach Gewissheit (nachfolgend zitiert: Dewey: Suche), Frankfurt/M., 1998 (Titel der Originalausgabe: The Quest for Certainty. A Study on die Relation of Knowledge and Action, New York 1929), S. 199f.

[15] Cassirer, Ernst: Philosophie der symbolischen Formen, I. Teil: Die Sprache, Darmstadt 1994; Bourdieu, Pierre: Rede und Antwort, Frankfurt/M. 2002, S. 74.

[16] Dewey: Suche, S. 179.

[17] Haase: Deserteure, S. 108.

[18] Wette, Wolfram (Hrg.): Der Krieg des kleinen Mannes: Eine Militärgeschichte von unten (nachfolgend zitiert: Wette: Militärgeschichte), München, Zürich 1992, S. 15f.

[19] Wette: Militärgeschichte, S. 22.

[20] Wette: Militärgeschichte, S. 18f.; Haase: Deserteure, S. 25, 30, 87.

[21] Dewey: Suche, S. 187.

[22] Klessmann, Christoph, Pingel, Frank (Hrg.): Gegner des Nationalsozialismus, Frankfurt am Main, New York 1980, Vorwort der Herausgeber, S. 7; Haase: Deserteure.

[23] Simmel, Georg: Was ist uns Kant?, in: ders.: Gesamtausgabe, Bd. 5, hrg. v. Heinz-Jürgen Dahme und David P. Frisby, Frankfurt/Main 1992, S. 145-177, hier S. 149.

[24] Böll, Heinrich: Bekenntnis zur Trümmerliteratur, in: Balzer, Bernd (Hrg.): Heinrich Böll. Essayistische Schriften und Reden 1, 1952-1963 (nachfolgend zitiert: Balzer: Böll, Reden 1), Köln 1979, S. 31-35: Böll stellte dazu fest: „Merkwürdig, fast verdächtig war nur der vorwurfsvolle, fast gekränkte Ton, mit dem man sich dieser Bezeichnung bediente: man schien uns zwar nicht verantwortlich zu machen dafür, dass wir es gesehen hatten und sahen, aber wir hatten keine Binde vor den Augen und sahen es: ein gutes Auge gehört zum Handwerkszeug des Schriftstellers [...], ein Auge, gut genug, ihn auch Dinge sehen zu lassen, die in seinem optischen Bereich noch nicht aufgetaucht sind.“

[25] Böll, Heinrich: Offener Brief an den Pfarrer von Meyenn, in: Balzer: Böll, Reden 1, S. 76-78, hier S. 76. Belege für diese Intention der Autoren Richter, Andersch und Kolbenhoff finden sich mehrfach in Beiträgen zum RUF.

[26] Evans, Richard J: Im Schatten Hitlers? Frankfurt am Main 1991, S. 23 ff.

[27] Lorenz, Chris: Konstruktion der Vergangenheit. Eine Einführung in die Geschichtstheorie, Köln 1997, S. 127ff.

[28] Simmel, Georg: Die Probleme der Geschichtsphilosophie (Zweite Fassung 1905/1907), in: ders.: Gesamtausgabe, Bd. 9, hrg. v. Oakes, Guy und Röttgers, Kurt, Frankfurt/M. 1997, S. 227-419, hier S. 233.

[29] Wolfrum, Edgar: Die Bundesrepublik Deutschland 1949-1990 (nachfolgend zitiert: Wolfrum: Bundesrepublik), in: Gebhardt. Handbuch der Deutschen Geschichte, 10., völlig neu bearb. A., Bd. 23, Stuttgart 2009, S. 223.

[30] Düsterberg: Kriegserlebnis, S. 12.

[31] Barner, Wilfried u.a. (Hrg.): Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis zur Gegenwart (nachfolgend zitiert: Barner: Gegenwartsliteratur ), München 1994, S. 303.

[32] Böll, Heinrich: Die Stimme Wolfgang Borcherts (1956). Nachwort zu Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür und ausgewählte Erzählungen“, in: Balzer: Böll, Reden 1 , S. 161-164: „...er schrieb [...], was die Toten des Krieges [...] nicht mehr sagen konnten [...]. [Der] Dialog Beckmanns mit dem Obersten allein weisen Borchert als einen Dichter aus, der unvergesslich macht, was die Geschichte so gern vergisst: Die Reibung, die der einzelne zu ertragen hat, indem er Geschichte macht und sie erlebt.“; Eljaschewitsch, A.: Menschen mit leiser Stimme. Der schöpferische Weg Heinrich Bölls (nachfolgend zitiert: Eljaschewitsch: Böll), in: Kunst und Literatur. Zeitschrift für Fragen der Ästhetik und Kunsttheorie, Berlin 1965, Heft 13, S. 1151-1183, hier S. 1152.

eroismus

[33] Mecklenburg, Norbert: Hilfloser Antimilitarismus? Deserteure in der Literatur (nachfolgend zitiert: Mecklenburg: Antimilitarismus), in: Krieg und Literatur: Jahrbuch zur Kriegs- und Antikriegsliteratur, Osnabrück 1990, Bd. 2, H. 3, S. 135-158, hier S. 140.

[34] Mecklenburg: Antimilitarismus, S. 145.

[35] Mecklenburg: Antimilitarismus, S. 146 f.

[36] Reichel, Peter: Vergangenheitsbewältigung in Deutschland. Die Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur von 1945 bis heute, München 2001, S. 13 ff.

[37] Barner: Gegenwartsliteratur, Vorwort S. XVI.

[38] Wehdeking, Volker: Anfänge westdeutscher Nachkriegsliteratur (nachfolgend zitiert: Wehdeking: Nachkriegsliteratur), Aachen 1989, S. 17f.

[39] Vormweg, Heinrich: Deutsche Literatur 1945-1960: Keine Stunde Null, in: Durzak, Manfred (Hrg.): Die deutsche Literatur der Gegenwart, Leipzig 1976, S. 13-30.

[40] Wehdeking: Nachkriegsliteratur, S. 15.

[41] Kaiser, Joachim, in: Süddeutsche Zeitung vom 28./29.4.1979.

[42] Laubach, Jakob: Was liest der Arbeiter? In: Hochland 42. 1949/50, S. 626; Peitsch, Helmut: Politisierung oder „geistige Freiheit“? (nachfolgend zitiert: Peitsch: Politisierung), in: Hermand, Jost u.a. (Hrg.): Nachkriegsliteratur in Westdeutschland. 1945-49 (nachfolgend zitiert: Hermand: Nachkriegsliteratur), Berlin 1982, S. 165-198, hier S. 180; Meden, Heilwig von der, in: Die Welt vom 21.11.1946.

[43] Barner: Gegenwartsliteratur, S. 4.

[44] Peitsch: Politisierung, S. 168.

[45] Börsenblatt 1. 1945, Nr. 1, S. 3 (ohne Autorenangabe): Über die Vergabe von Lizenzen an politisch Unbelastete.

[46] Hermand, Jost: Unbewältigte Vergangenheit. Westdeutsche Utopien nach 1945 (nachfolgend zitiert: Hermand: Vergangenheit), in: Hermand: Nachkriegsliteratur, S. 102-128, hier S. 121f.

[47] Barner: Gegenwartsliteratur, S. 4,19.

[48] Andersch, Alfred: Das junge Europa formt sein Gesicht (nachfolgend zitiert: Andersch: Europa), in: DER RUF, Nr. 1, 15.8.1946; Direktive JCS 1779 vom 17.7.1947 der amerikanischen Regierung über die ideologische Richtung einer neuen deutschen Literatur für General Clay, in: Ruhl, Hans-Jörg (Hrg.): Neubeginn und Restauration. Dokumente zur Vorgeschichte der Bundesrepublik Deutschland 1945-1949, München 1982, S. 375.

[49] Barner: Gegenwartsliteratur, S. 4 f.

[50] Umlauff, Ernst: Der Wiederaufbau des Buchhandels. Beiträge zur Geschichte des Büchermarkts in Westdeutschland nach 1945. In: Archiv für Geschichte des Buchwesens 17 (1977-78), Sp. 1-1724, Sp. 217.

[51] Thieß, Frank: Die innere Emigration, in: Münchner Zeitung, 18.8.1933.

[52] Barner: Gegenwartsliteratur, S. 14.

[53] Ebd., S. 17.

[54] Beheim-Schwarzbach, Martin: Vom Unwert der Publizität. In: Italiaander, Rolf und Benninghoff, Ludwig (Hrg.): ... und ließ eine Taube fliegen. Ein Almanach für Kunst und Dichtung, Reinbek 1948, S. 99.

[55] Barner: Gegenwartsliteratur, S. 10.

[56] Peitsch: Politisierung, S. 165.

[57] Schnell, Ralf: Innere Emigration und kulturelle Dissidenz, in: Löwenthal, Richard: Widerstand im totalen Staat, in: Löwenthal, Richard und von zur Mühlen, Patrik (Hrg.): Widerstand und Verweigerung in Deutschland. 1933 bis 1945, Berlin, Bonn 1982, S. 211-225, hier S. 220.

[58] Peitsch: Politisierung, S. 167.

[59] Kristallkugel. Beiträge zum Berliner Kulturleben (ohne Autorenangabe): Zum Postulat des intellektuellen Führungsanspruchs der Literatur, Berlin 1948, S. 33.

[60] Barner: Gegenwartsliteratur, S. 15; Andersch, Alfred: Die sozialistische Situation. Versuch einer synthetischen Kritik (nachfolgend zitiert: Andersch: Situation), in: DER RUF, Nr. 15, 15.3.1947; Richter: Interregnum, S. 10/11.

[61] Andersch: Situation.

[62] Peitsch: Politisierung, S. 185.

[63] Hausenstein, Wilhelm: Licht unter dem Horizont. Tagebücher von 1924 bis 1946, München 1967, S. 410.

[64] Die Welt: Leserdiskussion: „Mit den Augen des Lesers“, 26.2.1948: Eine Leserin forderte Tatsachenberichte über die Leiden und Qualen der von den Nazis Verfolgten anstelle von Zeitungsromanen. ‚Solange die Wiedergutmachung noch nicht ausgeführt ist und sich das Volk gegen die OdF so stellt, wie es das heute noch tut, haben wir kein Recht auf den Zeitungsroman.“

[65] Loosen, Johann: Arbeiter und Buch. In: Nordwestdeutsche Hefte 1. 1946, H.6, S. 62; Mari, Werner: Leserbrief. In: Nordwestdeutsche Hefte 2. 1947, H.12, S. 48.

[66] Hermand, Jost (Hrg.) Nachkriegsliteratur in Westdeutschland 1945-1949 (nachfolgend zitiert: Hermand: Nachkriegsliteratur), Berlin 1982, Vorwort, S. 4 f. ; Vorspann: „Menschen und Schicksale. Dies war mein Leben. Interview mit einer ‚politischen Frau’, Hamburg, 2.4.1946, zitiert nach: Scherpe, Klaus R.: Erzwungener Alltag. Wahrgenommene und gedachte Wirklichkeit in der Reportageliteratur der Nachkriegszeit (nachfolgend zitiert: Scherpe: Alltag), in: Hermand: Nachkriegsliteratur, S. 35-102, hier S. 37.

[67] Hocke, Gustav René: Deutsche Kalligraphie oder Glanz und Elend der modernen Literatur, in: Ruf Nr. 7, 15. November 1946.

[68] Scherpe: Alltag, S. 49 f.

[69] Lüth, Paul E.H. (Hrg.): Der Anfang. Anthologie junger Autoren, Wiesbaden 1947. Beispiele sind: Schnurre, Wolfgang: Blick hinter die Fassade. In: Athena 1. 1946/47. H. 2, S. 9-15; Weyrauch, Wolfgang: Wind ihre Wand, Regen ihr Dach. In: Ulenspiegel 1, 1946, Nr. 7, S. 7; Böll, Heinrich: Kumpel mit dem langen Haar. In: Karussell 2. 1947, H. 17, S. 46-49; Eich, Günter: Am Bahndamm. In: Die Welt, Hamburg, 1.4.1947 und: Züge im Nebel; Scherpe: Alltag, S. 76.

[70] Barner: Gegenwartsliteratur, S. 55.

[71] Wehdeking: Nachkriegsliteratur, S. 73.

[72] Hermand: Vergangenheit, S. 103.

[73] Ebd., S. 109 f.

[74] Hermand: Vergangenheit, S. 104.

[75] Eggebrecht, Axel: „Was wäre, wenn...Ein Rückblick auf die Zukunft der Welt“ (Hörspiel), 1947, als Beispiel; Graf, Oskar Maria: „Die Eroberung der Welt”, 1949.

[76] Hermand: Vergangenheit, S. 122.

[77] Richter, Hans Werner: Literatur im Interregnum (nachfolgend zitiert: Richter: Interregnum). In: Der Ruf. Nr. 15, 15.3.1947.

[78] Barner: Gegenwartsliteratur, S. 10.

[79] Hermlin, Stephan: Wo bleibt die junge Dichtung? In: Welt und Wort 2. 1947. S. 310-312.

[80] Ho>

[81] Ebd., S. 170.

[82] Schmitt-Sulzthal, Rudolf: Die „Stillen“. In: Welt und Wort 3. 1948. S. 136.

[83] Peitsch: Politisierung, S. 189 f.

[84] Müller, Bastian: Die „Verlorene Generation“ und wir. In: Welt und Wort 1. 1946. S. 163-175, hier S. 175.

[85] Weyrauch, Wolfgang: Tausend Gramm. Sammlung neuer deutscher Geschichten. Hamburg u.a. 1949, S. 217; Kahnert, Walter: Objektivismus. Gedanken über einen neuen Literaturstil. Berlin 1946; Schnurre, Wolfdietrich: Wahrheit. In: Italiaander, Rolf und Benninghoff, Ludwig (Hrg.): Ulenspiegel 3. 1948. Nr. 11, S. 6.

[86] Schnurre, Wolfdietrich: Für die Wahrhaftigkeit. Eine Antwort an Walter Kolbenhoff. In: Der Skorpion 1. 1948, H.1, S. 44.

[87] Kolbenhoff, Walter: Schellingstraße 48. Erfahrungen mit Deutschland (nachfolgend zitiert: Kolbenhoff: Schellingstraße), Frankfurt am Main 1984, S. 11ff.

[88] Steinbach, Peter: „Die Brücke ist geschlagen.“ Die Konfrontation deutscher Kriegsgefangener mit der Demokratie in amerikanischer Kriegsgefangenschaft, in: Müller, Rolf-Dieter und Volkmann, Hans-Erich: Die Wehrmacht. Mythos und Realität, München 1999, S. 990-1011, hier S. 993.

[89] Barner: Gegenwartsliteratur, S. 5.

[90] Kröll, Friedhelm: Gruppe 47 (nachfolgend zitiert: Kröll: Gruppe 47), Stuttgart 1979, S. 17.

[91] Richter: Interregnum, S. 10.

[92] Ebd., S. 10.

[93] Richter, Hans Werner: Zum Thema des Abgründigen auf der Bühne unserer Zeit, Ruf Nr. 8, 1. Dezember 1946.

[94] Richter, Hans Werner: Im Etablissement der Schmetterlinge. Einundzwanzig Portraits aus der Gruppe 47 (nachfolgend zitiert: Richter: Portraits), München 1986, S. 129.

[95] Richter, Hans Werner: Gespräch mit Volker Wehdeking am 6.10.1988 in München (nachfolgend zitiert: Richter: Gespräch), in: Wehdeking: Nachkriegsliteratur, S. 188; Brand, Werner: Der Schriftsteller als Anwalt der Armen und Unterdrückten. Zum Leben und Werk Walter Kolbenhoffs (nachfolgend zitiert: Brand: Kolbenhoff), Frankfurt am Main 1991, S. 107.

[96] Weyrauch, Wolfgang: Über die Notwendigkeit einer realistischen Nachkriegsliteratur, in: Richter, Hans Werner und Mannzen, Walter (Hrg.): Almanach der Gruppe 47, 1947-1962 (nachfolgend zitiert: Richter, Mannzen: Almanach), Eschwege 1962, S. 7-16, hier S. 8 f.

[97] Richter: Interregnum, S. 10.

[98] Richter, Hans Werner: Fünfzehn Jahre (nachfolgend zitiert: Richter: Jahre), in: Richter, Mannzen: Almanach, S. 10.

[99] Andersch, Alfred: Eine amerikanische Erzählung. In: Frankfurter Hefte 2. 1947, S. 940.

[100] Schnabel, Ernst: Form und Stoff künftiger Dichtung. In: Die Welt. 17.5.1946.

[101] Hartung, Rudolf: Aufgaben und Bedeutung der Dichtung. Antworten junger Schriftsteller auf eine Umfrage. In: Literarische Revue 4. 1949, H.4, S. 196.

[102] Kafka, Franz: Brief an Oskar Pollak, 27. Januar 1904.

[103] Böll, Heinrich: Frankfurter Vorlesungen (1964, nachfolgend zitiert: Böll: Vorlesungen), in: Balzer, Bernd (Hrg.): Heinrich Böll. Essayistische Schriften und Reden 2, 1964-1972 (nachfolgend zitiert: Balzer: Böll: Reden 2), Köln 1979, S. 76.

[104] Andersch, Alfred: Deutsche Literatur in der Entscheidung (nachfolgend zitiert: Andersch: Literatur), in: Haffmans, Gerd (Hrg.): Das Alfred Andersch Lesebuch (nachfolgend zitiert: Haffmans: Andersch-Lesebuch), Zürich 1979, S. 111-134, hier S. 128.

[105] Hermand: Nachkriegsliteratur, Vorwort, S. 4 f.

[106] Durzak, Manfred (Hrg.): Deutsche Gegenwartsliteratur. Ausgangspositionen und aktuelle Entwicklungen, Stuttgart 1981, S. 74.

[107] Schulz, Hans Ferdinand: Das Schicksal der Bücher und der Buchhandel. System einer Vertriebskunde des Buches., 2., stark erw. u. völlig umgearbeitete A., Berlin 1960, S. 11f.

[108] Lange, Horst: Appell an die Kritik. In: Frankfurter Rundschau. 11.6.1949.

[109] Berl, Heinrich: Die geistige Situation des deutschen Schriftstellers, Baden-Baden 1947, S. 16ff.

[110] Peitsch: Politisierung, S. 195.

[111] Benn, Gottfried: Briefe an F.W. Oelze 1945-1949. Wiesbaden, München 1979, S. 101.

[112] Barner: Gegenwartsliteratur, S. 20f.

[113] Arendt, Hannah: Das „deutsche Problem“ (1945, nachfolgend zitiert: Arendt: Problem), in: Dies.: Zur Zeit. Politische Essays, Berlin 1986, S. 33f.

[114] Andersch, Alfred: Die sozialistische Situation. Versuch einer synthetischen Kritik, in: DER RUF, H. 15, 15.3.1947.

[115] Richter: Interregnum.

[116] Richter: Jahre, S. 14.

[117] Richter: Jahre, S. 12f.

[118] Arnold: Gruppe 47, S. 17 ff.; Barner: Gegenwartsliteratur, S. 13; Friedrich, Heinz: Das Jahr 1947 (nachfolgend zitiert: Friedrich: Jahr 1947), in: Richter: Almanach, S. 17-26, hier S. 20 f.; Kolbenhoff, Walter, in: Heinz-Ludwig Arnold: Gruppe 47. Zwei Jahrzehnte deutscher Literatur“. Hörbuch mit 2 CDs (nachfolgend zitiert: Arnold, Hörbuch Gruppe 47), München 2002.

[119] Richter, Hans Werner: Brief an Alfred Andersch. Zu seinem 65. Geburtstag, in: Haffmans, Gerd (Hrg.): Über Alfred Andersch (nachfolgend zitiert: Haffmans: Andersch), Zürich 1980, S. 60-64, hier S. 60f: „Sozialismus und Demokratie, das war das Zauberwort, unter dem der ‚Ruf’ von Anfang an stand, und keiner von uns konnte sich eine andere Lösung der damals gesellschaftlichen Probleme für die Zukunft vorstellen.“; Reinhardt, Stephan: Alfred Andersch. Eine Biographie (nachfolgend zitiert: Reinhardt: Andersch), Zürich 1990, S. 143; Andersch, Alfred: Rundfunkinterview, nachzuhören in: Arnold: Hörbuch Gruppe 47.

[120] Barner: Gegenwartsliteratur, S. 14; Arnold: Gruppe 47, S. 27 f.; Richter: Gespräch, S. 197.

[121] Neunzig, Hans A. (Hrg.): Der Ruf. Unabhängige Blätter für die junge Generation. Eine Auswahl, München 1976, S. 18: „Der Ruf erschien bis September 1948 in München, unter der Herausgeberschaft von E. Fritz von Schilling noch bis in das Jahr 1949 hinein in Mannheim. Eine Reprint-Ausgabe, 1975 in Nendeln (Liechtenstein) erschienen, enthält den Ruf bis Heft 18, 3. Jahrgang, 20.9.1948.“ ; Richter: Gespräch , S. 197.

[122] Kolbenhoff: Schellingstr., S. 186f.

[123] Barner: Gegenwartsliteratur, S. 13, 16.

[124] Arnold, Heinz Ludwig: Die Gruppe 47, Hamburg 2004 (nachfolgend zitiert: Arnold: Gruppe 47), S. 23.

[125] Richter: Jahre, S. 8.

[126] Arnold: Gruppe 47, S. 32 f.

[127] Friedrich, Heinz: Das Jahr 1947 (nachfolgend zitiert: Friedrich: Jahr 1947), in: Richter, Mannzen: Almanach, S. 17-26, hier S. 23.

[128] Ebd., S. 24 f.

[129] Richter: Portraits, S. 163.

[130] Kröll, Friedhelm: Zero Point. Zur Frühgeschichte der Gruppe 47 (nachfolgend zitiert; Kröll: Gruppe 47), in: Das Plateau, 1997, H. 44, S. 43 f.

[131] Vaillant, Jérôme: Der Ruf. Unabhängige Blätter der jungen Generation (1945-1949). Eine Zeitschrift zwischen Illusion und Anpassung, München-New York-Paris 1978, S. 140.

[132] Richter: Jahre, S. 12 f.

[133] Richter, Hans Werner: Wie entstand und was war die Gruppe 47? In: Neunzig, Hans A.: Hans Werner Richter und die Gruppe 47, München 1979, S. 85 ff. Der Name der Gruppe 47 wurde zum erstenmal in der Überschrift der NEUEN ZEITUNG, München, am 4.11.47 veröffentlicht.

[134] Richter: Portraits, S. 161f.

[135] Kröll: Gruppe 47, S. 26.

[136] Embacher, Erich: Hans Werner Richter. Zum literarischen Werk und zum politisch-publizistischen Wirken eines engagierten deutschen Schriftstellers (nachfolgend zitiert: Embacher: Richter), Frankfurt am Main 1985, Vorwort S. 2.

[137] Richter: Portraits, S. 30.

[138] Richter: Jahre, S. 15f.

[139] Kaiser, Joachim: Physiognomie einer Gruppe, in: Richter, Mannzen: Almanach, S. 57-64 (nachfolgend zitiert: Kaiser, Physiognomie), hier S. 63; Eibach, Maria, erste Berichterstattung über die noch namenlose Gruppe im Ostberliner „Ulenspiegel“, Septemberheft 1947, zitiert nach: Ferber, Christian: Die Gruppe 47 und die Presse, S. 47-55, in: Richter, Mannzen: Almanach, hier S. 51.

[140] Kaiser: Physiognomie, S. 63.

[141] Richter: Jahre, S. 9f., S. 13.

[142] Richter: Jahre, S. 14.

[143] Arnold: Gruppe 47, S. 87.

[144] Richter: Almanach, S. 630f.

[145] Arnold: Gruppe 47, S. 58 f.

[146] Arnold: Gruppe 47, S. 61.

Ende der Leseprobe aus 341 Seiten

Details

Titel
Entfernung von der Wehrmacht
Untertitel
Deserteure und wehrpflichtige Regimegegner in der Nachkriegsliteratur von Autoren der Gruppe 47
Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig
Autor
Jahr
2012
Seiten
341
Katalognummer
V193913
ISBN (eBook)
9783656189961
ISBN (Buch)
9783656191896
Dateigröße
2054 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nachkriegsliteratur, Gruppe 47, Wehrmacht, Deserteur, Regimegegner, Walter Kolbenhoff, Hans Werner Richter, Alfred Andersch, Heinrich Böll
Arbeit zitieren
Jutta Tempel (Autor), 2012, Entfernung von der Wehrmacht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/193913

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