Eine Analyse der Backsteingotik anhand ausgewählter Beispiele: St. Marien zu Lübeck, Klosterkirche Doberan und Chorin, St. Marien zu Prenzlau


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2005

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
1. Die Entstehung der Backsteingotik
2. Materielle und technische Voraussetzungen des Backsteinbaus
3. Beispiele der Backsteingotik
3.1 Marien zu Lübeck
3.2 Grundriss
3.2.1 Außenbau
3.2.2 Innenraum
3.3 Klosterkirche Doberan
3.4 Kloster Chorin
3.5 Der Giebel der St. Marienkirche zu Prenzlau

III. Schluss

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Die Backsteingotik wird heute als eigener Stil in der kunstgeschichtlichen Forschung allgemein anerkannt, während sie lange Zeit missachtet wurde. Im frühen 20. Jahrhundert wurde die Backsteingotik von Heimatschutz- und Denkmalpflegeverbänden untersucht, doch der Abriss mehrerer noch ausbaufähiger gotischer Ruinen sowohl in der BRD als auch in der DDR war Zeichen des schwindenden Interesses mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges[1]. Erst in den 70er Jahren wurde in der BRD und in der DDR die Backsteingotik als wissenschaftliche Thematik wiederentdeckt. Der Kunsthistoriker Nikolaus Zaske lud zu den Greifswalder Backsteinkolloquien ein, deren Ergebnisse neue Ansatzpunkte in der Erforschung der Backsteingotik mit sich brachten[2]. Die Ausstellung „Die Sprache der Steine“ im Jahr 2002 baute darauf auf.

Auf der Basis dieser Forschungslage soll diese Arbeit die Backsteingotik thematisieren. Es soll geklärt werden, mit welcher Begründung und anhand welcher Befunde davon gesprochen werden kann, dass die Backsteinarchitektur sich zu einem eigenen Stil entwickelt hat. Hierzu wird der Einfluss der Hausteingotik auf die Backsteingotik analysiert, in dem an konkreten Beispielen gezeigt wird, welche Möglichkeiten das Material Backstein bot und welche Schwierigkeiten im Umgang mit dem Material zu beachten waren. Die Marienkirche zu Lübeck, die Klosterkirchen zu Bad Doberan und Chorin sowie der Giebel der St. Marienkirche zu Prenzlau sollen hierbei als charakteristische Bauten der Backsteingotik exemplarisch untersucht werden. Es muss darauf hingewiesen werden, dass die begrenzte Zahl der Beispiele nur einen Einblick in das Themenfeld Backsteingotik bieten kann.

II. Hauptteil

1. Die Entstehung der Backsteingotik

In der Region der Bachsteingotik stellen Granitfindlinge die einzigen Steinvorkommen dar. Diese wurden mit Wasser und quellenden Holzkeilen gespalten, um sie als Fundament und Sockelsteine zu verwenden[3]. Als andere Möglichkeiten blieben der Holz- oder der Backsteinbau. Wie Zaske betont, verlangte die Kirchenbautradition Steingebäude, denn nur sie konnten den Anspruch erheben, das Gotteshaus als Himmelsburg, als neues Jerusalem, als überirdische Sphäre aufzubauen[4]. So nutzte man die schon in der Antike bekannte Backsteintechnik, die jedoch erst mit dem Bau des Ratzeburger und Lübecker Domes auf Initiative von Heinrich dem Löwen um 1160 auf das Backsteingebiet Einfluss nahm[5]. Gotische Einflüsse gelangten im zweiten Viertel des 13. Jahrhunderts ins Gebiet der Backsteingotik. Welche gotischen Landschaften auf das Backsteingebiet wirkten, soll im weiteren Verlauf die Analyse der Beispielbauten klären.

2. Materielle und technische Voraussetzungen des Backsteinbaus

Die gleich bleibende Steingröße und der rechtwinklige Mauerverband haben die Backsteingotik entscheidend geprägt[6]. Formsteine für Portale, Fenstergewände, Pfeiler oder Rippenprofile mussten aus den lederhart getrockneten, bereits geformten und genormten Steinen geschnitten werden. Aus dem beschränkten Repertoire der Formsteine konnten nur Reihungen von Friesbändern abgeleitet werden[7]. Daraus kann aber nicht der Schluss gezogen werden, dass die Backsteinarchitektur mit Ausnahme der Friesbänder schlicht, ja geradezu karg ist, denn dieser Prozess der Vereinfachung und Beschränkung führte keinesfalls zur Verarmung oder Primitivität der Backsteingotik. Vielmehr sind im Gebiet der Backsteingotik mehrere ästhetisch höchst anspruchsvolle Dekorationsarten entwickelt worden[8]. Der Schmuck wurde an bestimmten Gebäudepartien angebracht. Diese mit geometrischen Mustern, filigranen Ornamenten und bildplastischen Ziermotiven aus gebranntem Ton bereicherten Bauteile, die neben den kompakten, sparsam gegliederten Großformen gesetzt wurden, sind charakteristisch für die Backsteingotik[9].

Giebel, Türme, Portale und Strebepfeiler werden vom Backsteinmaßwerk geprägt, die in der Hausteingotik reich verzierten Fenster konnten nicht übernommen werden[10]. Die Hauptlast der in Form von Winddruck und Windsog senkrecht zur Mauerebene angreifenden Kräfte wird im Stabwerk bei Haustein- und Backsteinmaßwerk unabhängig vom Material durch horizontale Windeisen getragen. Die notwendige Stabilisierung des Couronnements durch Verkeilung mit Hilfe des Steinschnitts kann, anders als beim Haustein, mit Backsteinen aufgrund der kleinen Teilstücke nicht ermöglicht werden. Auch ist die Vergrößerung der Festigkeit durch dübelartig eingebrachte Stifte, wie beim Hausteinmaßwerk, nicht möglich, weil durch die Hitze, die das flüssige Blei bedingt, Risse im Backstein entstehen würden. Auch die Vergrößerung der Materialdicke zur besseren Kraftübertragung konnte nicht umgesetzt werden, da sie den Aspekt der funktionalen Innenraumbeleuchtung erheblich eingeschränkt hätte[11]. Und gerade das Licht war für die mittelalterlichen Kirchen derart bedeutend, wurde doch in ihm das Göttliche gesehen[12]. Der weitgehende Verzicht auf Fenstermaßwerk in der gesamten Backsteingotik ist also vor allem auf die beschränkten Eigenschaften des Materials zurückzuführen[13].

Eine weitere materialtechnische Einschränkung beim Backsteinmaßwerk ist die auf die Länge eines Backsteins begrenzte Tiefengliederung. An den Strebepfeilern wurde dieses Problem durch frei vor die Mauerfläche gestellte Zierwimperge gelöst, die eine Bereicherung der Tiefenstruktur mit sich führen. Bei Schaugiebeln wird die Tiefenräumlichkeit häufig durch eine Zweischichtigkeit erreicht, wie am Beispiel der Marienkirche zu Prenzlau noch verdeutlicht werden wird. Die Einsetzung des Maßwerks an bestimmten Bauteilen führt zu einer formenreichen Akzentuierung des einfach konturierten Baukörpers[14]. Der Maßwerkformenschatz, mit dem ein vielseitiges Repertoire an Maßwerkfriesen geschaffen werden konnte, wurde von der hochgotischen Hausteinarchitektur übernommen. Mittels der Reihung und der Zusammensetzung von Formsteinen zu einem Gesamtkonzept, wie es der Giebel der Marienkirche zu Prenzlau zeigt, konnte auf jene mehrschichtige diaphane Struktur zurückgegriffen werden, die so charakteristisch für die Hausteinkathedralen ist[15].

Die reiche plastische Portalgestaltung der Hausteinarchitektur mit ihrem aufwendigen Bildprogramm an Skulpturen, Reliefs und Ornamentik konnte kaum umgesetzt werden. Ein vereinfachter Formenschatz musste durch Reduktion der Hausteinmuster und Ausarbeitung materialgerechter Dekorationsweisen hergestellt werden. So konnte bildplastischer Schmuck nur unter der Beachtung der Optionen und spezifischen Eigenschaften des Backsteins an den Portalen angebracht werden. Nur kleinformatige Skulpturen konnten aus Ton geformt werden. Trotz dieser eingeschränkten Möglichkeiten weisen etliche Backsteinbauten ein durch Formsteine gebildeten reichen plastischen Schmuck auf, der sich zumeist aus Kapitellen, Kämpferwülsten und Wandkonsolen mit figürlichen und pflanzlichen Motiven zusammensetzt[16].

Der für gotische Hausteinkathedralen charakteristische dreizonige Wandaufbau mit Arkadengeschoss, Triforium und Obergaden ist in der Backsteingotik nicht umsetzbar. Das feingliedrige Triforium hätte zwar aus Formsteinen zusammengesetzt werden können, doch wäre die Statik nicht gewährleistet gewesen[17]. Die typischen zweizonigen Anlagen der Backsteingotik erreichten nie die viel gestaltete Wandauflösung der Vorbilder aus der Hausteingotik. Wie Zaske akzentuiert, war die „tänzerische Leichtigkeit und elegante Straffheit[18] “ der französischen Kirchen nie umgesetzt worden. Runde und bündelartige Pfeiler prägen das Innere der Backsteinkirchen, die Pfeilerdienste sind schlank und spärlich ausgebildet, so dass die Vertikale keineswegs so stark hervorgehoben wird wie in den Kathedralen des Hausteinbereichs[19].

Typisch für die Backsteinbauten ist die Farbigkeit. Schon naturgemäß waren bei der handwerklichen Herstellung Schwankungen in der Tönung festzustellen. Doch gerade dieser Wechsel von hellerer und dunklerer Farbigkeit der Ziegel konnte künstlerisch genutzt werden. Ziegel wurden mit Glasuren versehen, so dass ein breites Farbspektrum von Ockergelb und Grün bis zu Braun und Schwarz für die Gestaltung genutzt werden konnte. Des Weiteren wurde die Mauerfläche mit der Einbindung kleiner Flächen von leuchtendem Kalkputz belebt. Tieffarbige Ziegel gegen geweißte Fugenschnitte, Rohmauer gegen helle Putzflächen, die geschlossene Wand gegen leichte Durchbrüche, Blenden und Vorsprünge von geringerem Reliefgrad gesetzt, kennzeichnen die vielseitige Gestaltung der Bauten der Backsteingotik, so vor allem in den Giebelzonen, wie der Giebel der Marienkirche zu Prenzlau eindrucksvoll beweist[20].

[...]


[1] Böker, Hans Josef, Die mittelalterliche Backsteinarchitektur Norddeutschlands, Darmstadt 1988, S. 1f.

[2] Backsteinarchitektur in Mitteleuropa, hrsg. von Ernst Badstübner und Uwe Albrecht, Studien zur Backsteinarchitektur Bd. 3, Berlin 2001, S. 8.

[3] Kiesow, Gottfried, Pfotenhauer, Angela, Backsteingotik, Bonn 2002, S. 5.

[4] Zaske, Nikolaus, Norddeutsche Backsteinkirchen, in: Backsteingotik in Norddeutschland. Kirchenbauten des Mittelalters – Symbole der Gegenwart, hrsg. von Thomas Beyer, Köln 1996, S. 8.

[5] Pfefferkorn, Rudolf, Norddeutsche Backsteingotik, Hamburg 1984, S.10.

Zaske, Nikolaus, Norddeutsche Backsteinkirchen, S. 8.

[6] Zaske, Nikolaus, Gotische Backsteinkirchen Norddeutschlands zwischen Elbe und Oder, 1970, S. 8.

[7] Monheim, Florian, Schäfke, Werner, Mittelalterliche Backsteinarchitektur. Von Lübeck bis zur Marienburg, Köln 1995, S. 11.

Lissok, Michael, Von Maßwerk und Bogenfries, in: Ehlers, Ingrid, Gebrannte Größe. Wege zur Backsteingotik. Die Sprache der Steine, Bonn 2002, S. 50.

[8] Lissok, Michael, Von Maßwerk und Bogenfries, S. 48f.

[9] Lissok, Michael, Von Maßwerk und Bogenfries, S. 44.

[10] Roggatz, Annette, Die technischen und konstruktiven Bedingungen und Möglichkeiten des Backsteinmaßwerks. Dargestellt an St. Katharinen zu Brandenburg, in: Backsteinarchitektur in Mitteleuropa, Studien zur Backsteinarchitektur, hrsg. von Ernst Badstübner und Uwe Albrecht, Bd. 3, Berlin 2001, S. 124.

Lissok, Michael, Von Maßwerk und Bogenfries, S. 47.

[11] Roggatz, Annette, Die technischen und konstruktiven Bedingungen und Möglichkeiten des Backsteinmaßwerks, S. 126.

[12] Kiesow, Gottfried, Backsteingotik, S. 8.

[13] Roggatz, Annette, Die technischen und konstruktiven Bedingungen und Möglichkeiten des Backsteinmaßwerks, S. 127.

[14] Roggatz, Annette, Die technischen und konstruktiven Bedingungen und Möglichkeiten des Backsteinmaßwerks, S. 127f.

[15] Lissok, Michael, Von Maßwerk und Bogenfries, S. 69.

[16] Lissok, Michael, Von Maßwerk und Bogenfries, S. 59f.

[17] Pfefferkorn, Rudolf, Norddeutsche Backsteingotik, S. 16.

Zaske, Nikolaus, Gotische Backsteinkirchen Norddeutschlands zwischen Elbe und Oder, S. 46.

[18] Zaske, Nikolaus, Gotische Backsteinkirchen Norddeutschlands zwischen Elbe und Oder, S. 46.

[19] Pfefferkorn, Rudolf, Norddeutsche Backsteingotik, S. 34.

[20] Pfefferkorn, Rudolf, Norddeutsche Backsteingotik, S. 20f.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Eine Analyse der Backsteingotik anhand ausgewählter Beispiele: St. Marien zu Lübeck, Klosterkirche Doberan und Chorin, St. Marien zu Prenzlau
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für Kunstgeschichte)
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
17
Katalognummer
V193971
ISBN (eBook)
9783656198741
ISBN (Buch)
9783656200635
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Prenzlau, Doberan, Chorin, Backsteingotik, Gotik, Backstein, Norddeutschland
Arbeit zitieren
Adrian Hartke (Autor), 2005, Eine Analyse der Backsteingotik anhand ausgewählter Beispiele: St. Marien zu Lübeck, Klosterkirche Doberan und Chorin, St. Marien zu Prenzlau, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/193971

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