In dieser Hausarbeit möchte ich einerseits die Signifikanz des Phänomens Rogue im gesamtgesellschaftlichen Kontext näher untersuchen, andererseits aber auch der Frage nachgehen, inwieweit der Rogue als literarische oder historische Figur zu bewerten ist.
Hierfür wird es zunächst notwendig sein, den Begriff Rogue näher zu definieren. Geprägt wurde er in den 1560er Jahren in England, zum ersten Mal verwendet hat ihn vermutlich Thomas Harman. Dieser setzte die Bezeichnung Rogue zur Beschreibung von Landstreichern ein, die sich verkleideten, ihre rhetorischen Fähigkeiten zu ihrem Vorteil einsetzten und sich selbst in der Öffentlichkeit als gesetzestreue Bürger erscheinen ließen. Mit der Zeit wurde der Rogue zu einer Art Sammelbegriff für eine Vielzahl von sozial Ausgegrenzten und Geächteten, umfasste also das gesamte Spektrum der Gesetzlosen, vom ländlichen Vagabunden bis zum urbanisierten Trickbetrüger.
In Folgenden werde ich die polysemantische Aufladung des Begriffs insofern begrenzen, indem ich die Bezeichnung Rogue allein in ihrer ursprünglichen Bedeutung verwende – und damit auch in Abgrenzung zum gemeinen Landstreicher. Zudem verzichte ich auf eine Übersetzung ins Deutsche, da die gängigen Synonyme Schurke, Gauner oder Spitzbube dem Rogue mit all seinen Facetten meiner Meinung nach nicht sehr nahe kommen.
Meine Untersuchung stützt sich in erster Linie auf drei Bücher: „Elizabethan Rogues and Vagabonds“ von Frank Aydelotte, in dem der Autor sich zunächst mit den Ursachen und Formen der Landstreicherei auseinandersetzt, um sich dann den Gegenmaßnahmen des Staates in Form von Gesetzen zuzuwenden und schließlich auf die sogenannten Rogue Pamphlets eingeht. In „The Elizabethan Underworld“ von A.V. Judges findet sich eine Auswahl dieser Pamphlets. „Rogues and Early Modern English Culture“ ist ein aus mehreren Essays bestehender Sammelband, der sich dem Thema aus einer theoretischeren Perspektive widmet.
Zunächst wird es für das Verständnis unerlässlich sein, kurz auf den historischen Zusammenhang einzugehen, indem sich der Rogue bewegt. Im Anschluss daran werde ich Ursachen für sein Auftreten auf der Bühne der Geschichte ausgerechnet im England des 16. Jahrhunderts aufzeigen, um dann anhand von Beispielen seine bis heute andauernde kulturelle Bedeutung zu erklären. Abschließend gehe ich auf den Rogue als literarische und historische Figur ein und versuche dies anhand einer Quelle, dem „Blackbook Messenger“ von Robert Greene, zu vertiefen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hauptteil
3. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die kulturelle Signifikanz des Phänomens „Rogue“ im elisabethanischen England und hinterfragt, inwieweit diese Figur zwischen historischer Realität und literarischer Konstruktion einzuordnen ist. Dabei wird die Rolle der sogenannten „Rogue Pamphlets“ analysiert, um zu verstehen, wie diese Texte sowohl zur Dokumentation der sozialen Bedingungen als auch zur moralischen Unterhaltung und Belehrung des Publikums beitrugen.
- Historischer Kontext der Landstreicherei im 16. Jahrhundert
- Die Rolle der „Rogue Pamphlets“ als Quelle und literarisches Sub-Genre
- Struktur und Methoden der „Rogue-Literatur“ am Beispiel von Robert Greene
- Soziale und ökonomische Ursachen der Vagabundierung
- Die Figur des „Rogue“ als kulturelle Metapher und Vorbote gesellschaftlichen Wandels
Auszug aus dem Buch
The Black Book`s Messenger by Robert Greene
Dem eigentlichen Text vorangestellt sind ein kurzes Vorwort von Greene, in dem er gesundheitliche Gründe für die sich verzögernde Erscheinung des geplanten Schwarzbuchs angibt, und eine kurze Liste mit Erläuterungen der verwendeten Slang-Begriffe.
The life and death of Ned Brown, a notable cutpurse and cony-cathcher.
Der Messenger selbst ist aus der Sicht von Ned Brown verfasst, der sich vor seinem nahen Tod durch den Strick zu den Sünden seines Lebens bekennen will. Diese zeichnet er als kontinuierliche Entwicklung von kleinen Sünden als Minderjähriger zu mit den Jahren immer schwerwiegenderen Verfehlungen nach. Mit der Wahl dieser Erzählperspektive erweckt Greene beim Leser den Anschein, es handle sich bei dem Text um einen Tatsachenbericht.
Greene beschreibt, wie sich sein Protagonist als Fechter ausgab, um seine Identität zu verschleiern und bedient sich dabei nicht nur an dieser Stelle eines bildlichen und anschaulichen Schreibstils:
„Yet, as sin to openly manifasted to the eye of the magistrate is either sore revenged or soon cut off, so I, to prevent that, had a net wherein to dance, and divers shadows to colour my knaveries withal, as I would title myself with the name of a fencer, and make gentlemen believe that I picked a living out by that mystery, whereas, God wot, I had no other fence but with my short knife and a pair of purse strings, and with them in troth many a bout have I had in my time in troth.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert das Phänomen Rogue, erläutert die Auswahl der Primärliteratur und skizziert die methodische Herangehensweise zur Untersuchung des Spannungsfeldes zwischen Fakt und Fiktion.
2. Hauptteil: Der Hauptteil analysiert die historischen Ursachen der Vagabundierung, die Funktion und den Einfluss der Rogue-Pamphlets sowie die literarische Darstellung des Rogues am Beispiel von Robert Greenes Werk.
3. Schluss: Das Schlusskapitel fasst die Ergebnisse zusammen, diskutiert die Bedeutung des Rogues für die moderne Identitätsdebatte und zeigt Potenziale für weiterführende sozial- und wirtschaftshistorische Forschungen auf.
Schlüsselwörter
Rogue, Elisabethanisches England, Landstreicherei, Rogue Pamphlets, Robert Greene, Fakt und Fiktion, Sozialgeschichte, Vagabunden, Kriminalität, Wirtschaftsgeschichte, Identität, Soziale Mobilität, Ned Brown, Englische Literatur, Kulturgeschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der kulturellen Bedeutung der Figur des „Rogue“ (Landstreicher/Gauner) im England des 16. Jahrhunderts und beleuchtet das Spannungsfeld zwischen der historischen Realität und der literarischen Überhöhung dieser Figur.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die sozialen Ursachen der Vagabundierung, die Entwicklung der sogenannten „Rogue-Literatur“ sowie die Darstellung von Kriminalität und Moral in frühneuzeitlichen Pamphleten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu klären, wie der Rogue sowohl als historischer Akteur wahrgenommen werden kann als auch als eine durch Pamphlets konstruierte literarische Figur fungiert, die gesellschaftliche Ängste und Wünsche widerspiegelt.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Analyse historischer Quellen und Forschungsliteratur, insbesondere der „Rogue Pamphlets“, und wendet einen hermeneutischen Ansatz an, um das literarische und soziale Kontinuum der Figur zu erfassen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der historischen Entstehungsursachen, die Analyse der Quellengattung „Rogue Pamphlets“ und eine detaillierte Betrachtung von Robert Greenes Werk „Black Book Messenger“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Rogue, Elisabethanisches England, Landstreicherei, Rogue Pamphlets, Robert Greene und das Spannungsfeld von Fakt und Fiktion.
Wie bewertet die Arbeit die Glaubwürdigkeit der Rogue-Pamphlets?
Die Arbeit betont, dass die Pamphlets keine objektiven Tatsachenberichte sind, sondern eine Mischung aus Beobachtung und Fiktion darstellen, die stark von den kommerziellen Interessen des Autors und dem Zeitgeschmack geprägt war.
Warum wird der Rogue als Vorbote des modernen Kapitalismus bezeichnet?
Der Rogue verkörpert Eigenschaften wie Mobilität, Wandelbarkeit, Individualismus und ein risikoreiches Geschäftsgebaren, die laut der Arbeit Parallelen zum Verhalten moderner Akteure im urbanen Kapitalismus aufweisen.
Welche Rolle spielt Ned Brown in der Argumentation?
Ned Brown dient als zentrales Fallbeispiel aus Robert Greenes „Black Book Messenger“, an dem die typischen Merkmale der Rogue-Erzählungen – von der Gaunersprache bis hin zur moralischen Belehrung – aufgezeigt werden.
Was schlussfolgert die Arbeit hinsichtlich der Identität des Rogues?
Die Arbeit stellt fest, dass der Rogue durch seine ständigen Identitätswechsel eine stabile, eigene Identität verliert, was ihn zu einer Allegorie auf die Anonymität und Verfremdung in einer sich wandelnden Gesellschaft macht.
- Citar trabajo
- Hendrik Platte (Autor), 2010, Die kulturelle Bedeutung des Rogue, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/193992