Die folgende Arbeit wird im Rahmen des Seminars Fernando Ortiz: Afrokubanische Kultur und Transkulturation unter der Leitung von Herrn Dr. Vejmelka verfasst. Im Zuge dieses Seminars wurden die Werke des kubanischen Anthropologen Fernando Ortiz (1881-1969) Hampa afrocubana: los negros brujos, Los factores humanos de la cubanidad und vor allem sein bedeutendstes Werk, der Essay Contrapunteo cubano del tabaco y el azúcar (Ausgabe von Enrico Mario Santí aus dem Jahr 2002; Erstveröffentlichung 1940) besprochen, sowie einige Aufsätze über seine Werke. In seinem Contrapunteo beschäftigte sich Ortiz mit den Unterschieden zwischen Tabak und Zucker, den zwei wichtigsten Produkten der kubanischen Industrie. In der folgenden Arbeit soll nun auf die von Ortiz angeführten Unterschiede zwischen beiden Produkten eingegangen werden. Eines sei jedoch an dieser Stelle angemerkt: Bei der Beschäftigung mit Ortiz‘ Werk fällt bereits nach kurzer Zeit dessen Neigung auf, die Tabakindustrie zu positiv darzustellen, während die Zuckerindustrie größtenteils sehr negativ bewertet wird. Historische Quellen stimmen dem jedoch nicht völlig zu; im Gegenteil, es gilt als erwiesen, dass auch beim Tabakanbau und -handel teilweise ähnlich negative Effekte zu verzeichnen waren wie beim Zuckeranbau, eine Tatsache, die Ortiz jedoch verschwieg oder zumindest beschönigte. Die Thesen der vorliegenden Arbeit dürfen daher, da sie wie gesagt größtenteils auf dem Contrapunteo basieren, nicht als rein objektiv aufgefasst werden; der Leser muss sich darüber im Klaren sein, dass sie auf einer sehr subjektiven Perspektive fußen. Ortiz selbst gestand am Ende seines Essays ein, dass es die beschriebenen Unterschiede zwischen Zucker und Tabak zwar gebe, diese jedoch bei weitem nicht so drastisch seien, wie es seine Darstellung nahelege (siehe Punkt 2).
Im Folgenden werde ich zunächst kurz auf die Struktur des Contrapunteo eingehen, bevor ich mich detailliert mit Ortiz‘ Thesen zu Tabak und Zucker beschäftigen werde. Hierbei werde ich der Reihe nach auf folgende Aspekte eingehen: die Entwicklung der Tabak- und der Zuckerindustrie, die industrielle Verarbeitung, Natural- und Geldlohn, freie Arbeiter und Sklaven, Aufstände und Rebellionen, das Vorlesen (eine Besonderheit der Tabakindustrie), die Auswirkungen des Kapitalismus sowie das Verhältnis zwischen Tabak und Zucker. [...]
1 Einleitung
2 Über den Contrapunteo
3 Contrapunteo cubano del tabaco y el azúcar
3.1 Die Entwicklung der Tabak- und der Zuckerindustrie
3.2 Industrielle Verarbeitung
3.3 Natural- und Geldlohn
3.4 Freie Arbeiter und Sklaven
3.5 Aufstände und Rebellionen
3.6 Vorlesen – eine Besonderheit der Tabakindustrie
3.7 Auswirkungen des Kapitalismus auf die Tabak- und die Zuckerindustrie
3.8 Das Verhältnis zwischen Tabak und Zucker
4 Historische Daten zur Tabakproduktion
5 Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das bedeutende Werk "Contrapunteo cubano del tabaco y el azúcar" des kubanischen Anthropologen Fernando Ortiz. Das primäre Ziel ist es, die von Ortiz herausgearbeiteten Kontraste zwischen der Tabak- und der Zuckerindustrie in Kuba kritisch zu analysieren und einer historischen Überprüfung zu unterziehen.
- Gegenüberstellung von Entstehung und Entwicklung beider Industriezweige.
- Analyse der Arbeitsbedingungen, Lohnformen und sozialen Strukturen.
- Untersuchung der kulturellen Besonderheiten, wie etwa die Tradition des Vorlesens in Tabakfabriken.
- Einfluss des Kapitalismus auf die kubanische Wirtschaft und Unabhängigkeit.
- Kritische Reflexion der Subjektivität von Ortiz’ Thesen im Vergleich zu historischen Fakten.
Auszug aus dem Buch
3.6 Vorlesen – eine Besonderheit der Tabakindustrie
Die kubanischen Tabakarbeiter entwickelten bereits relativ früh ein proletarisches Klassenbewusstsein und waren zudem ungewöhnlich gebildet. Dieser Umstand ist vor allem auf eine ungewöhnliche Tradition zurückzuführen, die für die Tabakproduktion charakteristisch war: das Vorlesen, ein Brauch, den man von den Refektorien der Klöster übernommen hatte. Hierbei las einer der Arbeiter laut vor, während die anderen ihrer Arbeit nachgingen. Dies war in den Tabakfabriken möglich, da die Arbeit größtenteils manuell und in Stille vonstatten ging (vgl. Ortiz 2002: 244ff.).
In den Zuckerfabriken hingegen wurde inmitten von Maschinenlärm gearbeitet, sodass die Arbeiter kaum miteinander sprechen konnten, geschweige denn einem Vorleser zuhören. Früher pflegten sich die Arbeiter noch mit Gesang Mut zu machen, doch nach Beginn der Industrialisierung war auch dies aufgrund des Lärms nicht mehr möglich (vgl. Ortiz 2002: 245f.).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Vorstellung des Seminars und der Absicht, die Thesen von Fernando Ortiz kritisch zu beleuchten.
2 Über den Contrapunteo: Kurze Einführung in den Aufbau und den schematischen Charakter von Ortiz' Essay sowie die ergänzenden Dokumente.
3 Contrapunteo cubano del tabaco y el azúcar: Detaillierte Analyse der Unterschiede in Entstehung, Verarbeitung, Arbeitswelt und ökonomischer Ausrichtung der beiden Industriezweige.
3.1 Die Entwicklung der Tabak- und der Zuckerindustrie: Darstellung der unterschiedlichen Entstehungsgeschichten beider Industrien unter dem Einfluss von Kolumbus und der europäischen Nachfrage.
3.2 Industrielle Verarbeitung: Kontrastierung der leichten, manuellen Tabakverarbeitung mit der kapitalintensiven und maschinengeprägten Zuckerproduktion.
3.3 Natural- und Geldlohn: Untersuchung der verschiedenen Entlohnungssysteme und des Privilegs der Tabakarbeiter, einen Teil ihrer Produktion behalten zu dürfen.
3.4 Freie Arbeiter und Sklaven: Beschreibung der demografischen Unterschiede zwischen der Sklavenarbeit in Zuckerplantagen und der meist freien Arbeit in der Tabakbranche.
3.5 Aufstände und Rebellionen: Analyse der Ursachen für Arbeiterunruhen, die in der Zuckerindustrie aus Feudalsystemen und in der Tabakbranche eher aus steuerlichen Gründen resultierten.
3.6 Vorlesen – eine Besonderheit der Tabakindustrie: Erläuterung der bildungsfördernden Tradition des Vorlesens als Instrument des proletarischen Klassenbewusstseins.
3.7 Auswirkungen des Kapitalismus auf die Tabak- und die Zuckerindustrie: Untersuchung der negativen Folgen kapitalistischer Strukturen, wie Industrialisierung und ausländischer Einfluss, auf die cubanische Wirtschaft.
3.8 Das Verhältnis zwischen Tabak und Zucker: Reflexion über das Zusammenspiel der beiden Produkte und deren poetische Verknüpfung im Gesamtwerk von Ortiz.
4 Historische Daten zur Tabakproduktion: Kritische Gegenüberstellung von Ortiz’ Aussagen mit den Erkenntnissen des Herausgebers Santí.
5 Schlussbetrachtung: Zusammenfassende Bewertung des Werkes und kritische Stellungnahme zur voreingenommenen Darstellung durch Ortiz.
Schlüsselwörter
Fernando Ortiz, Contrapunteo, Kuba, Tabakindustrie, Zuckerindustrie, Transkulturation, Sklaverei, Industrialisierung, Kapitalismus, Arbeitsbedingungen, Arbeiterbewegung, Vorlesertradition, koloniale Wirtschaft, nationale Identität, Havanna.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit einer kritischen Analyse des Essays "Contrapunteo cubano del tabaco y el azúcar" des kubanischen Anthropologen Fernando Ortiz.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind der historische Vergleich der Tabak- und Zuckerproduktion, die sozialen Arbeitsbedingungen in Kuba sowie der Einfluss des Kapitalismus auf die wirtschaftliche Unabhängigkeit des Landes.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die von Ortiz beschriebenen Unterschiede zwischen Tabak und Zucker objektiv zu hinterfragen und seine teils subjektive, pro-tabakorientierte Sichtweise anhand historischer Fakten zu prüfen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Literaturanalyse und einen komparativen Ansatz, um Ortiz' Thesen mit historischen Belegen und der Perspektive des Herausgebers Enrico Mario Santí zu kontrastieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Unterschiede in der Entstehungsgeschichte, der industriellen Verarbeitung, der Entlohnung, der Arbeitskraft (frei vs. Sklaven) und den soziopolitischen Auswirkungen wie dem Vorlesen in Fabriken detailliert diskutiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Transkulturation, Sklavenhandel, Industrialisierung, Kapitalismus und nationale Identität charakterisiert.
Warum spielt das Vorlesen in den Tabakfabriken eine solche Rolle?
Das Vorlesen gilt als einzigartige Tradition, die zur hohen Bildung und zum frühen Klassenbewusstsein der kubanischen Tabakarbeiter beitrug und sie als Vorreiter der Arbeiterbewegung auszeichnete.
Wie unterscheidet sich laut Arbeit die Arbeitswelt bei Tabak und Zucker?
Während die Zuckerindustrie durch massenhafte Sklavenarbeit und harte körperliche Bedingungen unter Maschinenlärm geprägt war, zeichnete sich die Tabakproduktion durch handwerkliche Arbeit in kleinerem Maßstab und einen kulturellen Austausch während der Arbeit aus.
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- B.A. Annette Julia Ranz (Author), 2012, Über den Contrapunteo cubano von Fernando Ortiz, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/194009