Dimensionen des euphemistischen Sprachgebrauchs im Nationalsozialismus

Eine Analyse des Gebrauchs von Euphemismen in der Rede von Joseph Goebbels anlässlich des 10. Jahrestages der Machtübernahme der Nationalsozialisten


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011
22 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Theoretische Betrachtungen zu Euphemismen
2.1 Eine Definition für Euphemismus und Euphemisierung
2.2 Kommunikative Funktionen von Euphemismen
2.2.1 Der verhüllende Euphemismus
2.2.2 Der verschleiernde Euphemismus
2.3 Die sprachliche Realisierung von Euphemismen
2.3.1 Die formale Ebene
2.3.2 Die semantische Ebene
2.4 Euphemismen in Abgrenzung zu ähnlichen sprachlichen Mitteln

3. Die Methode der Textanalyse nach dem pragmatisch-textlinguistischem Ansatz von Braun

4. Die Analyse der Rede von Joseph Goebbels vom
4.1 Textexterne Faktoren
4.1.1 Allgemeine textexterne Faktoren
4.1.2 Der historische Kontext zum Zeitpunkt der Rede
4.1.3 Die Situation und die Motive des Sprechers
4.1.4 Die Adressaten der Rede
4.2 Die Funktion des Textes und die Textsorte
4.3 Das Textthema und die Binnenstruktur
4.4 Die Untersuchung von Euphemismen in der Goebbels-Rede
4.4.1 Euphemismen im Beginn der Rede
4.4.2 Euphemismen im Abschnitt zur Entwicklung des NS-Staates
4.4.3 Euphemismen im Abschnitt über das deutsche Volk und den Krieg
4.4.4 Euphemismen im Abschnitt über den Zweiten Weltkrieg
4.4.5 Euphemismen im Schlussabschnitt der Rede
4.5 Das Wirkungspotenzial des Textes durch die Euphemismen

Literaturverzeichnis:

1. Einleitung

„Worte können sein wie winzige Arsendosen: sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.“

(Klemperer 1978, S. 21)

Diese Beschreibung aus Viktor Klemperers „LTI“ kennzeichnet meiner Ansicht nach sehr treffend die systematische Manipulation der deutschen Sprache während der Herrschaft des Nationalsozialismus in Deutschland. Eine solch beschriebene verdeckte und schleichende Sprachsteuerung basiert auf der Verwendung von bestimmten sprachlichen Mitteln, die bei einem zielgerichteten und geplanten Gebrauch der Sprache einen manipulativen Charakter verleihen können. Ein Beispiel für diese sprachlichen Mittel sind Euphemismen. Sie lassen sich in jeder Sprache finden, müssen aber nicht zwingend einen manipulativen Charakter besitzen. Doch gerade in totalitären politischen Systemen wie dem Nationalsozialismus in Deutschland wurden Euphemismen für die sprachliche Manipulation eingesetzt.

Das Ziel dieser Arbeit ist es, einen Überblick über das sprachliche Phänomen der Euphemismen zu geben und den spezifischen Gebrauch derselben im Nationalsozialismus am Beispiel einer „Festtagsrede“ von Joseph Goebbels zum 10. Jahrestag der nationalsozialistischen Machtergreifung zu analysieren.

Um die genannten Ziele in dieser Arbeit zu erfüllen, folgt zunächst eine Auseinandersetzung mit dem Begriff des Euphemismus aus sprachwissenschaftlicher Perspektive sowie eine Betrachtung der sprachlichen Realisierungsmöglichkeiten von Euphemismen. Im Anschluss daran wird das Modell für die Textanalyse von Christian A. Braun vorgestellt werden, da dieses Modell als Grundlage für die darauffolgende Analyse der Goebbels-Rede dient. Den Abschluss und das Zentrum der Untersuchung in der Hausarbeit bildet die Analyse der Rede von Joseph Goebbels anlässlich des zehnten Jahrestages der nationalsozialistischen Machtergreifung.

2. Theoretische Betrachtungen zu Euphemismen

2.1 Eine Definition für Euphemismus und Euphemisierung

Obgleich es keine systematischen Untersuchungen zur Etymologie des Wortes „Euphemismus“ und „euphemistisch“ gibt (vgl. Forster 2009, S. 35.), gibt es dennoch viele Definitionen für dieses sprachliche Phänomen. Peter Ernst versteht darunter zum Beispiel die Vermeidung und Ersetzung von negativ besetzten Ausdrücken mit neutralen oder positiv besetzten Termini, welche immer der Verschleierung dienen (vgl. Ernst 2005, S. 231f.). Für die Analyse der Sprache im Nationalsozialismus erweist sich diese Definition als unzureichend, da sie die Möglichkeiten der sprachlichen Realisierung sehr einschränkt und die Funktion von Euphemismen zu sehr simplifiziert. Eine meines Erachtens geeignetere Definition hat dagegen Iris Forster mit ihrem kommunikativ-pragmatischen Ansatz erarbeitet:

„Unter „Euphemismus“ wird […] die Bezeichnung für ein sprachliches Gebilde gefasst, das in einem bestimmten sprachlichen und außersprachlichen Kontext eine verhüllende oder verschleiernde Funktion erfüllt.“ (Forster 2009, S. 74.)

Im Gegensatz zu Ernst differenziert Forster die Funktionen von Euphemismen. Sie dienen nach Forster keineswegs nur der Verschleierung von Sachverhalten, sondern auch der Verhüllung von bestehenden Tabus. Diese Differenzierung ist ein wichtiger Bestandteil für die Analyse der Sprache im Nationalsozialismus und wird unter den kommunikativen Funktionen von Euphemismen genauer betrachtet werden (vgl. 2.2). Ein weiterer Unterschied zwischen den beiden Definitionen besteht in der Beschreibung der sprachlichen Realisierung von Euphemismen. Ernst versteht unter Euphemismen lediglich „Termini“, welche negativ besetzte Ausdrücke ersetzen. Forster spricht dagegen von „sprachlichen Gebilden“. Diese müssen nicht nur als Lexeme realisiert sein, sondern können nach Forster auch auf der Satz- oder Textebene existieren (vgl. 2.3.1). Das Primat für eine Euphemismus-Definition liegt für Forster in der euphemistischen Funktion, die Wörter ausüben können:

„Mit „Euphemismen“ oder „euphemistischen Ausdrücken oder Wendungen“ sind immer Wörter oder Wortkomplexe gemeint, die in einem gewissen Kontext in euphemisierender Weise verwendet werden können .“ (Forster 2009, S. 74)

Der Euphemismus wird dabei nicht als rhetorische Figur, sondern als eine Funktion von Wörtern betrachtet, denn nicht alle Wörter sind - separat betrachtet – im Nationalsozialismus als Euphemismus zu verstehen (vgl. Forster 2009, S. 74). Eine ähnliche Position nimmt Christian A. Braun ein, für welchen Euphemismen in erster Linie funktionale Merkmale sind, die als Verbalstrategie im öffentlichen und politischen Sprachgebrauch ebenso wie in der Propaganda des Nationalsozialismus als Bestandteile des nationalsozialistischen Stils angesehen werden können (vgl. Braun 2007, S. 224).

Die Verwendung von Euphemismen ist nach Iris Forster eine Möglichkeit, über bestehende Tabus zu kommunizieren ohne die sprachlichen Benennungen, auf welche das Tabu übertragen wurde, nutzen zu müssen. Der Euphemismus ist in diesem Sinne eine sprachliche Form, die verwendet wird, um ein existierendes Tabu zu umgehen (vgl. ebd. S. 40). Werden die von Iris Forster aufgeführten sprachlichen Gebilde verwendet, die einen Sachverhalt, einen Gegenstand, eine Idee oder ein Ziel verschleiern oder verhüllen, spricht Forster von Euphemisierung (vgl. ebd. S. 74).

Weitere von Forster benannte Kriterien sind der sprachliche und der außersprachliche Kontext. Um bei der metasprachlichen Betrachtung ein sprachliches Gebilde als Euphemismus bestimmen zu können, müssen sowohl der sprachliche als auch der außersprachliche Kontext stets bekannt sein (vgl. Forster 2009, S. 76).

2.2 Kommunikative Funktionen von Euphemismen

Jeder Euphemismus hat eine kommunikative Funktion. Nach der Definition von Iris Forster muss diese jedoch weiter differenziert werden. Forster unterscheidet hauptsächlich den verhüllenden und den verschleiernden Euphemismus . Ein weiterer Nebentypus, der sogenannte Renommier-Euphemismus (vgl. Forster 2009, S. 49), ist für die Sprache im Nationalsozialismus wenig bezeichnend und wird aus diesem Grund nicht näher betrachtet werden. Durch die Unterscheidung der Euphemismen anhand ihrer Funktion kann die Intention des Sprechers genauer bestimmt werden. Eine absolute Trennung beider Funktionen ist allerdings nicht möglich. Durch Überschneidungen können Euphemismen auch eine Doppelfunktion haben (vgl. Forster 2009, S. 49). Die jeweiligen Spezifika der kommunikativen Funktionen von Euphemismen sollen im Folgenden erläutert werden.

2.2.1 Der verhüllende Euphemismus

Nach Forster ist die verhüllende Funktion des Euphemismus auch seine ursprüngliche Funktion. Der verhüllende Euphemismus ist eine „unbewusste Reaktion des Menschen auf die Tabuisierung eines bestimmten Wortes in der sozialen Gemeinschaft“ (Forster 2009, S. 48). Er wird vor allem aus Scham und aus Taktgefühl verwendet, um den Kommunikationspartner nicht persönlich zu kränken oder um gesellschaftliche Umgangsnormen einzuhalten. Die tabuisierten Wörter stammen meist aus den Bereichen des Todes, der Religion, der Krankheit, der Verdauung oder der Sexualität. Unangenehme und anstößige Wörter werden mit dem Euphemismus verhüllt (vgl. ebd. S. 46). Zwischen dem Hörer und Sprecher besteht eine gleichberechtigte Beziehung. Beide Personen verfügen über das Wissen, welche Information oder welcher Sachverhalt durch den Euphemismus verhüllt werden soll. Der Sprecher nimmt dabei Rücksicht auf die Hörerinteressen. Von einem offenen Euphemismus spricht Forster, wenn Hörer und Sprecher den „wahren“ dahinterstehenden Begriff kennen und der Sprecher auch Kenntnis davon hat, dass der Hörer den Begriff kennt (vgl. Forster 2009, S. 47f.).

2.2.2 Der verschleiernde Euphemismus

Der für eine Verschleierung fungierende Euphemismus basiert auf einer unsymmetrischen Kommunikationssituation. Im Gegensatz zu dem verhüllenden Euphemismus besitzt der Sprecher einen Informationsvorsprung dem Hörer gegenüber. Der Sprecher nutzt den Euphemismus für seine Interessen und versucht den Hörer bewusst zu beeinflussen. Aus diesem Grund können der Hörer und der Sprecher auch unterschiedliche Intentionen während der Kommunikationssituation haben. Während der Hörer beispielsweise an dem Wahrheitsgehalt der Informationen interessiert ist, kann der Sprecher das Interesse verfolgen, den Hörer in die Irre zu führen, indem er der Sprache durch eine bewusste Wortwahl einen manipulativen Charakter verleiht. Mit einem Euphemismus dieser Funktion sollen unliebsame Tatsachen für den Hörer verschleiert werden, sodass der verschleierte Sachverhalt für den Hörer nicht mehr klar ersichtlich ist (vgl. Forster 2009, S. 46). Verschleiernde Euphemismen werden häufig in den Bereichen der Politik, Werbung und der Wirtschaft gebraucht. Die Motive für den Gebrauch finden sich häufig im außersprachlichen Kontext wieder und können beispielsweise die Erfüllung von Gewinnstreben oder eines Machtanspruchs sein. Verschleierungseuphemismen treten tendenziell vermehrt in der indirekten Kommunikation, wie zum Beispiel in den Massenmedien, auf. Die Wirkung von verschleiernden Euphemismen auf den Hörer ist in einem hohen Maß von der Grundhaltung desselben und dem außersprachlichen Kontext abhängig (vgl. ebd. S. 50). Euphemismen mit einer Verschleierungsfunktion gehen seltener in den gewöhnlichen Sprachgebrauch über. Sie werden eher okkasionell gebildet. Iris Forster verortet verschleiernde Euphemismen in der Nähe der Lüge, verhüllende Euphemismen im Gegensatz dazu in der Nähe der Synonyme (vgl. ebd. S. 48).

2.3 Die sprachliche Realisierung von Euphemismen

Euphemismen können auf zwei Ebenen sprachlich realisiert werden: Zum einen auf der formalen Ebene und zum anderen auf der semantischen Ebene der Wortbildung

[...]

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Details

Titel
Dimensionen des euphemistischen Sprachgebrauchs im Nationalsozialismus
Untertitel
Eine Analyse des Gebrauchs von Euphemismen in der Rede von Joseph Goebbels anlässlich des 10. Jahrestages der Machtübernahme der Nationalsozialisten
Hochschule
Universität Rostock
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
22
Katalognummer
V194260
ISBN (eBook)
9783656195221
ISBN (Buch)
9783656196488
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Goebbels, Euphemismus, Euphemismen, Rede, Nationalsozialismus, Sprachwissenschaft
Arbeit zitieren
Michel Stark (Autor), 2011, Dimensionen des euphemistischen Sprachgebrauchs im Nationalsozialismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/194260

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