Will man sich über die Bedeutung des Schweigens der Intellektuellen und dabei insbesondere der kirchlichen Vertreter angesichts der Ereignisse des Herbstes 1989 klar werden, so muss man als erstes diese Ereignisse selbst betrachten.
Im allgemeinen Sprachgebrauch ist meist von der „Wende“ die Rede, aber auch der Begriff der „friedlichen Revolution“ wird gebraucht. Diese unterschiedliche Benennung kann auch zu einer sehr unterschiedlichen Würdigung der Bedeutung der damaligen Ereignisse führen.
Je nachdem, ob man von Wende oder Revolution spricht, wird auch das Schweigen und das Reden der Intellektuellen und der Vertreter der großen Kirchen in dieser Zeit verschieden bewertet werden.
In der vorliegenden Arbeit wird davon ausgegangen, dass die Ereignisse von 1989 den Charakter einer Revolution aufweisen, wenn auch der allgemeine Sprachgebrauch von der „Wende“ Verwendung findet. Auf diesem Hintergrund wird in einem ersten Schritt auf die Reaktionen der Intellektuellen eingegangen und diese auf der Grundlage von Joachim Fests Artikel „Schweigende Wortführer“ beurteilt. In einem zweiten Schritt wird dann ausgehend von Eugen Bisers Artikeln „Wir dürfen nicht schweigen.“ und „Weder Gold noch Silber.“ sowie einem Abschnitt aus seinem Werk „Einweisung ins Christentum“ das öffentliche Auftreten von Vertretern der evangelischen und der katholischen Kirche näher betrachtet. Dabei wird sich die Untersuchung nicht nur auf die unmittelbare Zeit der Ereignisse des Herbstes 1989 beziehen, sondern auch Äußerungen in den Monaten vor und nach diesen mit berücksichtigen. Das Hauptaugenmerk der Überlegungen wird hierbei darauf liegen, inwieweit die Äußerungen kirchlicher Vertreter eine Deutung der Ereignisse im Sinne Bisers erkennen lassen. Es wird nicht Gegenstand dieser Arbeit sein zu untersuchen, wie groß der jeweilige Anteil der beiden Großkirchen an der friedlichen Revolution ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Schweigende Wortführer? - Die Intellektuellen und die Wende
2.1. Der Begriff des Intellektuellen
2.2. Joachim Fests Kritik an den Intellektuellen
2.3. Äußerungen von Intellektuellen um die und nach der Wende
2.4. Fazit zu Joachim Fest
3. Die kirchliche Sprachlosigkeit - Theorie oder Tatsache?
3.1. Eugen Biser und seine Kritik an den Kirchen
3.2. Äußerungen kirchlicher Vertreter in den Jahren 1989 und 1990
3.3. Fazit zu Eugen Biser
4. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhalten und die öffentliche Resonanz von Intellektuellen sowie kirchlichen Vertretern während der friedlichen Revolution im Herbst 1989. Dabei wird der Frage nachgegangen, ob das ihnen oft unterstellte „Schweigen“ oder eine vermeintliche „Sprachlosigkeit“ tatsächlich als solche zu bewerten sind oder ob ihre Äußerungen in einem anderen Kontext stehen, der ihre Distanz zum revolutionären Geschehen verdeutlicht.
- Analyse der Definition und Rolle des Intellektuellen in der Wendezeit.
- Kritische Auseinandersetzung mit der Position von Joachim Fest zur Rolle der Intellektuellen.
- Untersuchung der kirchlichen Sprachlosigkeit anhand der Thesen von Eugen Biser.
- Betrachtung von Äußerungen kirchlicher Repräsentanten in den Jahren 1989 und 1990.
- Gegenüberstellung von theoretischer Kritik und tatsächlichem öffentlichem Auftreten.
Auszug aus dem Buch
2. Schweigende Wortführer? - Die Intellektuellen und die Wende
Wenn immer wieder davon die Rede ist, dass es die Intellektuellen in den Jahren 1989 und 1990 versäumt haben, sich zu den Ereignissen zu äußern, ja gestaltend mitzuwirken, so muss man zunächst klären, wer mit den Intellektuellen überhaupt gemeint ist.
Hier stößt man sehr schnell auf das Problem, dass es eine einheitliche Definition für die Intellektuellen nicht gibt. So wird z.B. in der Einleitung in die Diskussion des IASL online Forum - Geschichte und Kritik der Intellektuellen darauf hingewiesen, dass „zum Begriff und Phänomen des Intellektuellen … die unterschiedlichsten und z.T. sich widerstreitenden Definitionen und Konnotationen, Theorien und Auffassungen über die Rolle und Funktion des Intellektuellen“ existieren. Ein Autor, auf den man in diesem Zusammenhang immer wieder stößt, ist M.R. Lepsius mit seinem Werk „Kritik als Beruf“. Nach ihm sind die Intellektuellen diejenigen, die inkompetente und quasi-kompetente Kritik üben, um gesamtgesellschaftliche Zielvorstellungen zu formulieren. Dieses würde vor allem auf Schriftsteller, Künstler, Journalisten und Publizisten zutreffen. Dabei wird unter inkompetenter Kritik eine Kritik verstanden, welche sich nicht auf formale Kompetenz (aufgrund von sozialer Stellung oder Berufszugehörigkeit) berufen kann. Eine quasi-kompetente Kritik wird Journalisten zugeschrieben, deren Berufsautonomie keinen Beschränkungen unterliegt. Auch wenn man weitere Definitionen betrachtet, scheint ein wesentlicher Punkt in den meisten zu sein, dass es sich bei einem Intellektuellen um jemanden handelt, der ein „Spezialist für das Wort … [mit] Distanz zur Realität, Mangel an praktischer Erfahrung [und] Neigung zur Kritik“ ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik des Schweigens von Intellektuellen und Kirchen während der Ereignisse des Herbstes 1989 ein und erläutert die unterschiedlichen Deutungen als „Wende“ oder „Revolution“.
2. Schweigende Wortführer? - Die Intellektuellen und die Wende: Das Kapitel analysiert den Begriff des Intellektuellen und setzt sich kritisch mit Joachim Fests These auseinander, dass diese ihre Rolle als Wortführer während der friedlichen Revolution verpasst hätten.
2.1. Der Begriff des Intellektuellen: Hier werden verschiedene wissenschaftliche Definitionen des Intellektuellen erörtert, um eine Grundlage für die weitere Untersuchung der Akteure zu schaffen.
2.2. Joachim Fests Kritik an den Intellektuellen: Dieses Kapitel arbeitet Fests Vorwurf heraus, dass Intellektuelle durch ihr Festhalten an Utopien und ihre Fixierung auf Ideologien die Distanz zum Volk und zum realen Geschehen verloren hätten.
2.3. Äußerungen von Intellektuellen um die und nach der Wende: Anhand konkreter Beispiele wird dargelegt, dass sich Intellektuelle durchaus äußerten, diese Stellungnahmen jedoch oft diametral zu den Forderungen der Demonstranten standen.
2.4. Fazit zu Joachim Fest: Das Kapitel bestätigt Fests Einschätzung, dass die Intellektuellen keine Wortführer der revolutionären Ereignisse waren, da ihre Haltungen den Wunsch nach einer friedlichen demokratischen Umgestaltung kaum unterstützten.
3. Die kirchliche Sprachlosigkeit - Theorie oder Tatsache?: Dieses Kapitel untersucht die von Eugen Biser kritisierte Sprachlosigkeit der Kirchen und deren Versäumnis, die Wende als religiös deutbares Zeitzeichen zu begreifen.
3.1. Eugen Biser und seine Kritik an den Kirchen: Es wird Bisers Forderung analysiert, dass Theologen eine religiöse Deutung der historischen Ereignisse hätten leisten müssen, was jedoch weitgehend ausblieb.
3.2. Äußerungen kirchlicher Vertreter in den Jahren 1989 und 1990: Anhand von Hirtenbriefen und Erklärungen wird aufgezeigt, wie kirchliche Vertreter zwar auf die Situation reagierten, dabei aber oft bei innerdeutschen Fragen verblieben, statt eine globale religiöse Deutung zu finden.
3.3. Fazit zu Eugen Biser: Abschließend wird Biser zugestimmt, dass ein Mangel an einer tiefgreifenden religiösen Deutung der Ereignisse seitens der Kirchen und Theologen zu konstatieren ist.
4. Resümee: Dieses Kapitel fasst die Analysen zusammen und kommt zu dem Schluss, dass sowohl Intellektuelle als auch kirchliche Vertreter ihre spezifischen Rollen als Deuter des Geschehens in unterschiedlicher Weise nicht ausfüllten.
Schlüsselwörter
Friedliche Revolution, Herbst 1989, Intellektuelle, Kirche, Sprachlosigkeit, Joachim Fest, Eugen Biser, Utopie, Wende, gesellschaftliche Kritik, Theologie, DDR, Demokratisierung, Zeitzeichen, deutsche Einheit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das Verhalten der Intellektuellen und der Kirchen während der Umbruchszeit im Herbst 1989 in der DDR und prüft die Vorwürfe, diese Gruppen hätten zu den Ereignissen geschwiegen oder seien sprachlos gewesen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die Rolle der Intellektuellen als gesellschaftliche Wortführer, die Kritik an utopischem Denken, die kirchliche Verantwortung zur Deutung von Zeitzeichen sowie die Wahrnehmung der Ereignisse als Wende oder Revolution.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt danach, inwieweit die Vorwürfe des Schweigens gegenüber Intellektuellen (nach Joachim Fest) und der Sprachlosigkeit gegenüber den Kirchen (nach Eugen Biser) berechtigt sind und wie diese Akteure die Ereignisse von 1989 aus ihrer jeweiligen Perspektive deuteten.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine theoretisch-analytische Arbeit, die auf der Auswertung von Primärtexten und Expertenkritiken (wie von Fest und Biser) sowie der Untersuchung zeitgenössischer Dokumente und Stellungnahmen basiert.
Was steht im Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil gliedert sich in zwei große Analyseschritte: Die Beurteilung der Intellektuellen anhand von Joachim Fests Thesen und die Untersuchung der kirchlichen Haltung anhand der Kritik von Eugen Biser sowie durch die Analyse offizieller kirchlicher Hirtenbriefe und Erklärungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen die Friedliche Revolution, das Schweigen der Intellektuellen, die kirchliche Sprachlosigkeit, Utopiekritik, das Wirken Jesu im Kontext der Revolution und die gesellschaftliche Verantwortung.
Inwiefern unterscheiden sich die Kritiken von Fest und Biser?
Fest fokussiert primär auf die politische Rolle und das Versagen der Intellektuellen als gesellschaftliche Wortführer während der Revolution, während Biser die Theologen und Kirchen für ihr Versäumnis kritisiert, eine religiöse Deutung für die weltweite Bedeutung des Geschehens zu finden.
Konnte die These der Sprachlosigkeit der Kirchen vollständig bestätigt werden?
Die Arbeit stellt fest, dass es zwar Deutungsversuche gab, diese jedoch oft auf innerdeutsche Belange wie die Wiedervereinigung beschränkt blieben, womit Biser im Kern zuzustimmen ist, dass eine umfassende religiöse Deutung der historischen Zäsur ausblieb.
- Citation du texte
- Dipl. theol. Brigitte Benz (Auteur), 2010, Das Schweigen der Intellektuellen und die Sprachlosigkeit der Kirchen angesichts der Ereignisse des Herbstes 1989, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/194366