Sprache um der Sprache Willen?

Sprache als Medium in Eugène Ionescos „Die kahle Sängerin“


Seminararbeit, 2011
16 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Eugène Ionesco: „Die kahle Sängerin“
2.1. Entstehung
2.2. Inhaltszusammenfassung :

3. Die Tragödie der Sprache in Ionescos „Die kahle Sängerin“
3.1. Ehekommunikation ad absurdum
3.2. Vom Satz zum Wort zum Laut - De(kon)struktion durch Sprache

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Sprache als Medium dient, nicht zuletzt in Form von Bühnensprache im Theater und Film, dem Austausch von Informationen und beruht wie auch im menschlichen Zusammenleben auf Gegenseitigkeit und bestimmten Konventionen. Doch was geschieht mit dem Medium Sprache, wenn eben diese Konventionen konsequent und plakativ verletzt, nahezu negiert und zerstört werden? Eugène Ionesco (1912-1994) setzte mit seinem Erstlingswerk „Die kahle Sängerin“ (Uraufführung 1950 am Théâtre des Noctambules, Paris) eben solch einen Missbrauch der Sprache als Medium in Szene und schuf damit einen der Meilensteine in der Geschichte des Absurden Theaters in Frankreich und schließlich begründete dieses Theaterstück den internationalen Ruf des Theaterautors.

Doch wie verhält es sich mit dem Medium der Sprache in Ionescos Stück bzw. von ihm benannten Anti-Stück? Was ist das Besondere, Absurde, Tragische oder Zynische an der Sprache der Personen und welche Rückschlüsse lassen sich daraus in Bezug auf die Sprache als Medium und dessen Funktionen und Besonderheiten ziehen? Darauf möchte ich in meiner Arbeit im Folgenden eingehen. Zunächst empfehlen sich Informationen bezüglich der Entstehungsgeschichte des Stückes sowie eine Zusammenfassung seines Inhalts. Daran knüpft sich eine grobe Betrachtung zweier Szenen der „Kahlen Sängerin“ unter Berücksichtigung der Sprache als Medium sowie ihrer Gestaltung und damit verbundener Funktionen und medientheoretischer Rückschlüsse. Schließlich sollen die Betrachtungen und daraus resultierende Ergebnisse in einer Zusammenfassung komprimiert verdeutlicht werden.

2. Eugène Ionesco: „Die kahle Sängerin“

2.1. Entstehung

Selten geht mit einem Theaterstück eine derart interessante wie unterhaltsame Entstehungsgeschichte einher wie es bei Ionescos „Die kahle Sängerin“ der Fall ist. Dabei habe vor der Arbeit am Stück (oder ‚Anti-Stück‘, wie Ionesco es bezeichnete) keinerlei Wunsch nach dem Beruf des Dramatikers bestanden, so Ionesco später in seinem gesammelten Schriften „Argumente und Argumente“.

Ionesco berichtet später rückblickend folgendermaßen über seine vorherrschenden Beweggründe:

„ Ich hatte ganz einfach die Ambition, Bekanntschaft mit dem Englischen zu machen. Englisch lernen führt nicht unbedingt zur Dramaturgie. Im Gegenteil, weil ich es nicht schaffte, Englisch zu lernen, bin ich Theaterschriftsteller geworden. “ (1 )

Der Wunsch und die Unternehmungen, die englische Sprache zu erlernen und die damit verbundene Lektüre englischer Lehrbücher führte bei Ionesco zu einer anderen, gewissermaßen für sein Werk immanente Neubetrachtung der Sprache generell, jedoch nun speziell, des Englischen. Die Tatsache, dass das Lernen auf dem Aufschreiben und Auswendiglernen bestimmter Sätze beruhte und die damit verbundenen (scheinbaren) Erkenntnisse schildert der Dramatiker wie folgt:

„ Beim aufmerksamen Wiederdurchlesen lernte ich zwar nicht Englisch, aber ich stie ß auf erstaunliche Wahrheiten, Z.B., da ß die Woche sieben Tage hat. Für mich nichts Neues, nebenbei. Oder, da ß der Fu ß boden unten ist und die Decke oben. [ … ] Ich habe sicher einen ausreichend philosophischen Sinn, um begreifen zu k ö nnen, da ß ich nicht einfache englische Sätze in ihrer franz ö sischen

Übersetzung, sondern fundamentale Wahrheiten und tiefsinnige Feststellungen in mein Heftübertrug. “ (2 )

So spielen Aspekte des Fremdsprachenerwerbs im Entstehungsprozess und der damit verbundenen sprachlichen Gestaltung, aber auch der Auffassung von Sprache durch Ionesco zweifelsohne eine große Rolle bei der späteren Betrachtung des Stückes. Denn nicht nur die Sprache der Figuren, ihre ‚Kommunikation‘ (ob real oder scheinbar, soll im späteren Verlauf der Arbeit behandelt werden) sondern selbst ihre Namen stammen aus der Sprachschule, welche Ionesco als Lektüre für sein Erlernen des Englischen. Lediglich das Hausmädchen Mary und der Feuerwehrmann entstammen den schöpferischen Ideen des Autors. Nicht zuletzt deswegen wird „Die kahle Sängerin“ von Ionesco selbst im Nachhinein als „Plagiat“ bezeichnet (Ionesco: Argumente, 174). Aus den Lehrbuchweisheiten alltäglich und simpler Natur wird in einem späteren Teil der Sprachschule zunächst ein Ehepaar Smith, später ihre Freunde, das Ehepaar Martin eingeführt und es beginnt das, was Ionesco in seinem Theaterstück beschreibt: Eine Unterhaltung. Eine Unterhaltung, welche Hauptbestandteil des absurden Theaterstückes darstellt, welches nicht ohne Grund von Ionesco als „Tragödie der Sprache“ bezeichnet wurde (Ionesco, Argumente, 175) Umso mehr verwunderte den Autor die Reaktion des Publikums bei der Uraufführung 1950 in Paris:

„ Bei der Aufführungüberraschte es mich ziemlich, als ich die Zuschauer lachen h ö rte. Mein Stück amüsierte sie (und amüsiert sie immer noch). Für sie war es ja klar, da ß es sich um eine Kom ö die [ … ] handelte. Nur wenige täuschten sich nicht [ … ]. “ (3 )

Es folgt eine grobe Zusammenfassung des Inhalts der Ionesco’schen Sprachtragödie.

2.2. Inhaltszusammenfassung *:

Ionesco leitet sein Anti-Stück mit einem vermeintlichen Ehegespräch zwischen Mr. und Mrs. Smith ein. Themen sind unter anderem das Essen, gestorbene Personen. Aus dem Gespräch geht in regemäßigen Abschnitten ein Streit hervor, welcher jedoch stets nicht zum Höhepunkt gelangt, da in englischer Manier stets zuvor die Versöhnung erfolgt. Hinzu kommen Schweigen, Langeweile und eine Vielzahl von Banalitäten und Absurditäten.

Noch bevor sich das Ehepaar zu Bett legen kann, um ein Nickerchen abhalten zu können, erscheint ihr Dienstmädchen Mary und erklärt, es habe sich Besuch in Gestalt der Eheleute Martin angekündigt. Während Ehepaar Smith sich (vermeintlich) dem Besuch gemäß kleiden will, entsteht im Wohnzimmer erneut ein Ehedialog, allerdings in skuriler und noch absurderer Form als der erste. Die Eheleute Martin, sich vermeintlich als Unbekannte begegnend, entdecken im Gespräch eine beträchtliche Zahl von Gemeinsamkeiten aneinander. Die gleiche Anfahrt, die gleiche Herkunft, ja sogar die gleich heißenden Kinder. Schließlich fallen sie sich mit folgender, einer Erleuchtung gleichenden Erkenntnis in die Arme:

Mr. Martin [ … ]: In diesem Falle, ch è re Madame, steht es außer Zweifel: Wir haben uns bereits einmal gesehen

und sie sind meine Gattin … Elisabeth, ich habe dich wieder! [ … ]

Mrs. Martin: Donald, bist du ’ s, Darling! “ (4 )

Nachdem das Ehepaar Smith unverändert gekleidet zu den Gästen zurückkehrt, entwickelt sich ein Gespräch über verschiedenste Formen von banalen Aussagen, Diskussionen und Streitgespräche. Bis schließlich der Feuerwehrmann auftritt, welcher zunächst verzweifelt nach Feuer sucht, welches er löschen könnte und anschließend die Gesellschaft durch absurde

* Anmerkung: Die folgenden Informationen basieren auf: Ionesco: Die kahle Sängerin.

[...]


1 Ionesco, Argumente, S. 171

2 Ionesco, Argumente, 171

3 ebd., 175.

4 Ionesco, Sängerin, 19

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Sprache um der Sprache Willen?
Untertitel
Sprache als Medium in Eugène Ionescos „Die kahle Sängerin“
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für Deutsche Philologie )
Veranstaltung
Literaturtheorie I: Medientheorien
Autor
Jahr
2011
Seiten
16
Katalognummer
V194495
ISBN (eBook)
9783656199182
ISBN (Buch)
9783656200420
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ionesco, Eugene Ionesco, Sprache, Theater, Absurdes Theater, Die kahle Sängerin, Medientheorien, Kommunikation, Destruktion, Bühne
Arbeit zitieren
Florian Leiffheidt (Autor), 2011, Sprache um der Sprache Willen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/194495

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