Wirtschaftskrisen, Rekordsommer, Ernteausfälle in Afrika: Die Erdbevölkerung muss sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts enormen Herausforderungen stellen. Ressourcenkriege, das Ansteigen der Ozeane, der fortschreitende Verlust von Biodiversität: Für kommende Generationen ist eine Zuspitzung der Probleme zu erwarten. Die allgemeine Besorgnis wächst, ebenso der Druck eine Lösung zu finden. Der Schlüsselbegriff, der unsere Ge-sellschaft zu einer nachhaltigen machen soll, ist Verantwortungsübernahme. Jeder Ak-teur der Gesellschaft wird von dieser dazu angehalten, seinen eigenen Beitrag zu erken-nen und Verantwortung zu übernehmen. Er muss sich für die gute Sache einsetzen, rich-tig handeln. Was dabei ‚gut’ und ‚richtig’ ist, ist nicht nur eine Frage des Gesetzes, son-dern auch der Moral. Die moralische Verantwortungsübernahme von Einzelpersonen und auch – oder gerade – anderen Akteuren wie Unternehmen spielen eine wichtige Rolle, denn oft haben sie einen größeren Wirkungskreis als Individuen. Ihre Materialströme sind es beispielsweise, in denen enormes Potential zur Ressourcenschonung steckt.
Im Unterschied zu Individuen aber haben Unternehmen nicht selten problematische Grundvoraussetzungen ihre moralische Verantwortung zu erkennen und zu übernehmen. Sie sind ein Zusammenschluss verschiedener Individuen, die selbst in ihrer Position funk-tionale Verantwortung tragen. Der Vorstand einer AG beispielsweise wird seiner Rolle laut Aktiengesetz dann gerecht, wenn er „zum Wohle der Gesellschaft“ (AktG §93) han-delt, wobei mit ‚Gesellschaft’ das Unternehmen gemeint ist. Zum Wohle der Gesellschaft bedeutet auch dem Unternehmen zu einem guten Ruf zu verhelfen, damit es in der Öf-fentlichkeit als legitim anerkannt wird und erfolgreich sein kann. Moralische Verantwor-tungsübernahme spielt für Unternehmen deshalb vor allem dort eine Rolle, wo die Öffent-lichkeit sie sehen kann. Diese inkonsequente Übernahme von moralischer Verantwortung kann dazu führen, dass jenes Handeln, das nach Ansicht der Öffentlichkeit nicht mora-lisch korrekt ist, entlarvt wird. Das Unternehmen wird Gegenstand eines Skandals.
Ziel der vorliegenden Arbeit ist die Beschreibung dieses Konflikts. Es soll ein Verständnis dafür entwickelt werden, in welchem Dilemma Unternehmen sich befinden, deren System es nicht erlaubt, einwandfrei moralische Verantwortung zu übernehmen, von denen aber eben dies verlangt wird.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Perspektiven der Verantwortung
2.1 Begriffliche Auffassung
2.2 Korporative moralische Verantwortung
2.3 Verantwortung des Einzelnen in Organisationen
3 Unternehmen im Verantwortungsdilemma
3.1 Moralische Erwartungshaltungen
3.2 Gesellschaftliches Engagement als ökonomisches Kalkül
3.3 Imitation von moralischer Verantwortungsübernahme
4 Lösungsansätze
5. Zusammenfassung und Schlussteil
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, das sogenannte Verantwortungsdilemma zu beschreiben, in dem sich Unternehmen befinden, von denen die Gesellschaft die Übernahme moralischer Verantwortung fordert, während die systemischen Rahmenbedingungen innerhalb der Organisationen dies häufig erschweren oder unmöglich machen.
- Definition verschiedener Arten von Verantwortung (rechtlich, funktional, moralisch)
- Analyse der moralischen Erwartungshaltung der Gesellschaft an Unternehmen
- Untersuchung des gesellschaftlichen Engagements als ökonomisches Kalkül
- Aufzeigen der strukturellen Hürden für moralisch motiviertes Handeln in Unternehmen
- Diskussion potenzieller Lösungsansätze zur Entschärfung des Verantwortungsdilemmas
Auszug aus dem Buch
3.3 Imitation von moralischer Verantwortungsübernahme
Aus den vorhergegangenen Kapiteln lässt sich die Situation wie folgt zusammenfassen. Die Gesellschaft erwartet von Unternehmen, dass sie moralische Verantwortung übernehmen. Unternehmen können zwar jene Handlungen ausüben, die von Außenstehenden als moralisch erwünscht angesehen werden. Dieses Engagement ist aber weder auf die moralische Orientierung von Unternehmen zurückzuführen – denn diese gibt es nach vorliegender Auffassung nicht – noch sind sie gänzlich auf die moralische Orientierung Einzelner zurückzuführen – denn diese handeln nach den hier festgelegten Prämissen verstärkt nach ihrer funktionale Verantwortung.
Stattdessen ist das Engagement von Unternehmen vor allem das Produkt eines ökonomischen Kalküls. Logik des Kalküls ist es unter anderem, das Engagement von Unternehmen als moralisch-intendiert auszugeben, um die Erwartungen Außenstehender zu befriedigen und so ökonomische Ziele zu verwirklichen. Es kann also von einer Imitation moralischer Verantwortungsübernahme gesprochen werden. Diese Imitation findet nur dort statt, wo die Anspruchssteller das Handeln des Unternehmens sehen und als moralisch korrekt bewerten können. Dort wo Handlungen des Unternehmens nicht moralisch bewertbar sind, da sie zum Beispiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden, gibt es für das Unternehmen keinen Anreiz den auferlegten Maßstäben von moralisch korrektem Handeln nachzukommen. Die Imitation ist also nicht vollkommen, sondern lückenhaft.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik ein, dass Unternehmen angesichts wachsender globaler Herausforderungen unter dem Druck stehen, moralische Verantwortung zu übernehmen, was jedoch oft im Widerspruch zu ihrer strukturellen Organisation steht.
2 Perspektiven der Verantwortung: Dieses Kapitel definiert die grundlegenden Prämissen der Arbeit, indem es zwischen rechtlicher, funktionaler und moralischer Verantwortung unterscheidet und die Fähigkeit von Organisationen und Individuen zur moralischen Verantwortung analysiert.
3 Unternehmen im Verantwortungsdilemma: Das Kapitel verknüpft die theoretischen Grundlagen, um das Verantwortungsdilemma zu beschreiben, wobei insbesondere die Diskrepanz zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und ökonomisch motiviertem Engagement untersucht wird.
4 Lösungsansätze: Hier werden Möglichkeiten zur Milderung oder Lösung des Dilemmas erörtert, sowohl durch veränderte Rahmenbedingungen als auch durch eine kritische Hinterfragung der zugrunde liegenden Prämissen.
5. Zusammenfassung und Schlussteil: Der Schlussteil fasst die zentralen Ergebnisse der Arbeit zusammen und gibt Impulse für weiterführende wissenschaftliche Untersuchungen.
Schlüsselwörter
Verantwortungsdilemma, moralische Verantwortung, funktionale Verantwortung, Unternehmen, Gesellschaft, gesellschaftliches Engagement, ökonomisches Kalkül, Organisation, moralische Orientierung, CSR, Imitation, Interessensgruppen, Legitimität, Handlungsfähigkeit, Skandalprävention.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Diskrepanz zwischen den hohen moralischen Erwartungen der Gesellschaft an Unternehmen und den tatsächlichen, systemisch bedingten Möglichkeiten der Unternehmen, dieser Verantwortung gerecht zu werden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die theoretische Abgrenzung von Verantwortungstypen, die Analyse von Unternehmensorganisationen als soziale Systeme und die Untersuchung von gesellschaftlichem Engagement als strategisches Instrument.
Welches Ziel verfolgt die Arbeit?
Das primäre Ziel ist die Beschreibung und theoretische Herleitung des sogenannten „Verantwortungsdilemmas“, um ein besseres Verständnis für die Konflikte zu schaffen, die bei der moralischen Verantwortungsübernahme von Unternehmen entstehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine diskursive Auseinandersetzung mit existierenden Theorien und Modellen der Verantwortungsethik und Sozialpsychologie, um Prämissen für die Analyse des unternehmerischen Handelns aufzustellen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine begriffliche Fundierung, eine Analyse der gesellschaftlichen Erwartungshaltungen, die Aufdeckung der ökonomischen Motive hinter CSR-Aktivitäten sowie die explizite Herausarbeitung des Verantwortungsdilemmas.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist insbesondere durch Begriffe wie Verantwortungsdilemma, moralische vs. funktionale Verantwortung, ökonomisches Kalkül und gesellschaftliches Engagement charakterisiert.
Wie unterscheidet die Autorin zwischen moralischer und funktionaler Verantwortung in einer Organisation?
Während funktionale Verantwortung die Loyalität gegenüber dem Organisationsziel und Vorgesetzten beschreibt, setzt moralische Verantwortung eine eigene, gefühlsbasierte moralische Orientierung voraus, die in der Hierarchie einer Organisation oft zugunsten der Aufgabenerfüllung vernachlässigt wird.
Warum stellt das gesellschaftliche Engagement laut der Autorin ein Risiko dar?
Engagement macht Unternehmen angreifbar, da es die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die Moralität des gesamten Handelns lenkt; bei einer Diskrepanz zwischen kommuniziertem Anspruch und tatsächlichem Handeln drohen Vorwürfe der Täuschung und Skandale.
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- Pia Niehues (Autor), 2012, „Zum Wohle der Gesellschaft.“, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/194540