Zur literarischen Konfiguration exklusiver Autorschaft am Beispiel „Ecce homo“ von Friedrich Nietzsche

Wie Nietzsche ein Schicksal wurde


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

24 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Selbstlegitimation und Inszenierung von Exklusivität in „Ecce homo“ – Wie man ein Schicksal wird
2.1. Inszenierung des exklusiven Autors – Wer ist Friedrich Nietzsche?
2.1.1. Definition durch Exklusion – Wie man wird, was man ist, indem man sagt, was man nicht ist
2.1.2. Familiäre Konstellationen
2.1.3. Nationale Identität
2.1.4. Physiologische Aspekte
2.1.5. Exklusive Inspiration
2.1.6. Grundlegung zur Apotheose – Warum „Ich“ so viel besser sein muss
2.1.7. Vom Autor zum Gott – Figuration als Dionysos
2.2. Rezeptionsvorgaben: Verhältnis des exklusiven Autors und seiner Leser
2.2.1 Der gute Leser
2.2.2 Nietzsches Biographie als Werkkommentar

3. Siehe, welch ein „Ich“!

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„[…] was ich bin, projizierte sich auf irgendeine zufällige Realität […].“ (66)[1]

Mit Ecce homo - Wie man wird, was man ist hat Friedrich Nietzsche ein Manifest seiner Selbst erschaffen, durch das er sich, wie der Titel programmatisch ankündigt, zu dem machen wollte, was er ist. Durch die herausragende Einzigkeit seiner Schrift, lässt sie sich schwerlich der konventionellen Kategorie „Autobiographie“ zuordnen, obwohl sie oft als eine ebensolche betitelt wird. Philippe Lejeune stellt in Der autobiographische Pakt als Grundbedingung für den Titel „Autobiographie“ die Bedingung auf, dass eine Identität zwischen dem Autor, dem Erzähler und dem Protagonisten besteht.[2] Diese Identität ist in Ecce homo keinesfalls gegeben. Das schreibende Ich wird während der Textgenese vom Autor separiert, um mit dem vorbereitenden Schriftstück für der Antichrist zu einem Schicksal zu verschmelzen[3]. Diese Arbeit wird die inszenatorischen Komponenten Nietzsches letzten niedergeschriebenen Werkes beleuchten und dabei untersuchen, wie sich im Werk das Verhältnis von Schrift, Textereignis und Autor(de-)figuration verhält.

Um der Frage nach der Inszenierung von Exklusivität nachzugehen, ist es zunächst von Nöten, zu klären, wie das Verhältnis von Ich, Autor und Text zu bewerten ist. Hierfür orientiert sich diese Arbeit zunächst an den Ausführungen Erich Kleinschmidts, sowie Hugh J. Silvermans. In seinem Artikel The Autobiographical Textuality of Nietzsche’s Ecce Homo beschreibt dieser das Verhältnis des Autors und seines Textes wie folgt:

Nietzsche – as autobiographical textuality – stands between Dionysus and Zarathustra, but against the followers of Socrates and of Christ. […] In order to become his own destiny, Nietzsche applies this appellation to himself: behold the man. But the man does not appear. He is the anti-Christ […]. The man is nowhere to be found. He is born post-humously. He cannot be understood except by being whatever his destiny may become. He must be the autobiographical textuality in which his own life is written as Ecce Homo.[4]

Kleinschmidts Darlegungen ergänzen die Silvermans Ausführungen und tragen zur Profilierung des Konzeptes eines Selbst bei, welches in Ecce homo vorzufinden ist:

Das Ich entwirft sich als inverse, kombinatorische Topologie von An- und Abwesenheit, von Sinnsetzung und Sinnaufhebung: »Abgerechnet nämlich, dass ich ein décadent bin, bin ich auch dessen Gegensatz.« [...] Die sprachliche Bedeutungsreferenz des Subjekts löst sich auf diesem Wege in einem dialektischen Zeichenmodus stets alternierender und damit unentscheidbarer Prädikationen auf. Der autobiographische Text verliert so seine >logische< Stillstellung, die Identität(en) stiftet.[5]

Man hat es also mit einem Konstrukt zu tun, dass sich zwischen Text, Lektüre und Wirkung verortet, gleichzeitig an- wie abwesend ist und die konventionellen Vorstellungen von Autor, Autobiographie, Identität und Selbst auf den Kopf stellt, um sich zu einem Schicksal zu machen und die Umwertung aller Werte vorzubereiten[6]. Dies erfolgt hauptsächlich durch die Inszenierung einer exklusiven Sonderstellung, die das konstruierte Selbst definieren.

Die vorliegende Arbeit soll nachvollziehen, welche Strategien in Ecce homo - Wie man wird was man ist auf welche Art und Weise verwendet werden, um jenes Ich-Konstrukt zu schaffen, das die Jahrhunderte überdauern wollte, stets im Bewusstsein, vor seiner Zeit zu leben. Zu diesem Zwecke wird nachvollzogen werden, wie sich dieses im Text darstellt und erschafft, wie es seine Persönlichkeit im Text konfiguriert, um sich schließlich durch die Inszenierung außerordentlicher Exklusivität in die höchsten Sphären zu heben. Zu diesem Zwecke werden jedoch aus Kapazitätsgründen nur exemplarische Belege für die jeweiligen Inszenierungsaspekte angeführt, die zwar keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben können, den Inszenierungsprozess innerhalb Nietzsches Werkes Ecce homo jedoch offenlegen wird.

2. Selbstlegitimationsstrategien und Inszenierung von Exklusivität in „Ecce homo“ – Wie man ein Schicksal wird

2.1 Inszenierung des exklusiven Autors – Wer ist Friedrich Nietzsche?

2.1.1. Definition durch Exklusion – Wie man wird, was man ist, indem man sagt, was man nicht ist

Im Vorwort stilisiert sich das Ich zunächst als verkanntes Genie[7], das unter dem „Missverhältnis […] zwischen der Größe [s]einer Aufgabe und der Kleinheit [s]einer Zeigenossen“ leidet und das man „weder gehört, noch auch nur gesehen hat.“. (7) Die Motivation zur Niederschrift des Werkes wird wie folgt begründet: „[Auf Grund der] Voraussicht […] mit der schwersten Forderung an die Menschheit, die je an sie gestellt wurde, scheint es [dem Verfasser] unerlässlich zu sagen“, (7) wer er ist. Das schreibende Ich kann man also als unter einem gewissen Legitimationsdrang stehend sehen, dass sich, um diesen zu erfüllen, vorerst näher beschreibt.

Dezidiert betrachtet hat man es mit jemandem zu tun, der der Menschheit eine Neuerung bringt, die einen Wendepunkt markiert und eine neue Ordnung schaffen will.

Die Definition des Selbst-Konstrukts findet zunächst durch Ausschluss statt; der Leser erfährt, was das Ich nicht ist: „kein Popanz, kein Moral-Un-geheuer – […] sogar eine Gegensatz-Natur zu der Art Mensch, die man bisher als tugendhaft verehrt hat.“ (7). Das Subjekt stilisiert sich zunehmend als Gegensatz zu einer alten Ordnung, der er bei- und die er überkommen will. Im Ausschluss der bisher Tugendhaften findet gleichzeitig die Vorbereitung zur Umwertung aller Werte, sowie ihrer Legitimation statt. Ferner erfolgt eine paradoxale Zuschreibung von Eigenschaften zu einer eigentümlichen Konstruktion des Ichs.[8]

Diese Strategie wird im Folgenden durch gleichzeitiges In- und Exkludieren seiner „Person“ zu einer spezifizierten Personengruppe deutlich: „Abgerechnet nämlich, dass ich ein décadent bin, bin ich auch dessen Gegensatz.“ (15). Im Gegensatz zum décadent wähle er zwar ihm gegenüber ungünstigen Zuständen die richtigen Mittel. Er sei jedoch in seiner „Spezialität“ wiederum décadent. (Vgl. 15)[9]

Durch Zufügungen von Eigenschaften, die im weiteren Verlauf der Schrift erkennbar werden, wird das Konstrukt des Ichs von der konformen Masse separiert. Es verfügt über „[…] Energie zur absoluten Vereinsamung und Herauslösung aus gewohnten Verhältnissen“ und über eine „unbedingte Instinkt-Gewissheit darüber, was damals vor allem not tat.“ (15). Anstatt sich, wie gewöhnlich üblich, ärztlich behandeln zu lassen, hat ihm dieser Instinkt dazu verholfen „sich selber wieder gesund“ (15) zu machen[10]. Somit wird eine heterotope[11] Verortung gesellschaftlicher (Un-)Zugehörigkeit geschaffen. Er schreibt seiner Person ferner eine „ Wohlgeratenheit “ (16) zu, die die Attribute „hart, zart und wohlriechend zugleich […]“ in sich vereint (16). Es ist eine Inszenierung einer Einzigartigkeit festzuhalten, die sich durch antagonistische Attribute etikettiert. Ferner verfügt das sich bildende Konstrukt eines Ichs über eine instinktive Sicherheit über gewisse Nezessitäten. Diese Zuschreibung eines Instinktes lässt sich bereits benanntem Legitimationsdrang zuschreiben, zu erklären, wer, bzw. was das schreibende Ich ist, um damit zu beweisen, nicht überflüssig zu sein.

Die Wohlgeratenheit wird weiter präzisiert: „Er [der Wohlgeratene] sammelt instinktiv aus allem, was er sieht, hört, erlebt, seine Summe: er ist ein auswählendes Prinzip, er lässt viel durchfallen.“ (16). Er beschließt dieses Kapitel seiner ambivalenten Geisteshaltung als Anti- décadent: „Wohlan, ich bin das Gegenstück eines décadent: denn ich beschrieb eben mich.“ (16) Seine Gegensatznatur wird im zehnten Abschnitt des Kapitels Warum ich so klug bin vertieft. Er vergleicht sich mit Menschen, die man, fälschlicherweise, als „ erste Menschen“ (47) geehrt habe und grenzt sich somit auch von diesen ab: „Ich rechne diese angeblich »Ersten« nicht einmal zu den Menschen überhaupt - sie sind […] unheilbare Unmen-schen, die am Leben Rache nehmen … Ich will dazu der Gegensatz sein.“ (47)[12]

Dies führt er aus, indem er konstatiert, dass er die Feinheit für alle Zeichen gesunder Instinkte habe, keine krankhaften Züge besitze, nicht fanatisch, anmaßlich oder pathetisch sei und keine Attitüden habe. (Vgl.15) Er bringt diese exkludierende Passage wie folgt zu ihrem Ende:

Wer mich in den siebzig Tagen dieses Herbstes gesehn hat, wo ich, ohne Unterbrechung, lauter Sachen ersten Ranges gemacht habe, die kein Mensch mir nachmacht, mit einer Verantwortlichkeit für alle Jahrtausende nach mir, wird keinen Zug von Spannung an mir wahrgenommen haben, umso mehr eine überströmende Frische und Heiterkeit. (47)

Seiner außergewöhnlichen künstlerischen Sonderstellung wird eine über-zeitliche Dimension zugeschrieben, die ihn in seiner Exklusivität der Unsterblichkeit näher bringt. Jene „Verantwortlichkeit für Jahrtausende nach mir“ (47) kann somit als Anspielung auf die folgende Konfiguration als Dionysos gelesen werden.[13]

In einer weiteren Passage wird die Etablierung des Selbst durch Ausschluss fortgesetzt:

„Wir wissen alle, […] was ein Langohr ist. […] [I]ch wage zu behaupten, dass ich die kleinsten Ohren habe. […] Ich bin der Antiesel par excellence und damit ein welt-historisches Untier – ich bin auf griechisch und nicht nur auf griechisch, der Antichrist.“. (53) Dies lässt sich mit Kleinschmidt folgendermaßen lesen:

Inszenierungsformen von Autorschaft verschwinden vor dem Ereignis >Text<, auch und gerade im Gestus ihrer höchsten Behauptung und Überhöhung [...]. Solcher thematischen Einschrei-bung ihrer Präsenz entspricht nämlich ihre explizite Verkehrung, vermittels negierender Ironismen, als Schriftsteller ein »Antiesel« und damit ein »welthistorisches Unthier« [...] und damit auch »Antichrist« [...] zu sein.[14]

Im Kapitel Die Geburt der Tragödie, 2 gibt sich das Ich weiterhin als einzigartig, indem es behauptet, das wundervolle Phänomen des Dionysischen als erster begriffen zu haben. (Vgl. 61) Die Tatsache, die Moral als Décadence-Symptom zu begreifen, sei darüber hinaus eine Einzigkeit ersten Ranges in der Geschichte der Erkenntnis. (Vgl. 62) Im Kapitel Die Unzeitgemäßen, 1 bezeichnet es sich und sein Tun als „eine ganz neue Art Freigeisterei“ (70) und grenzt sich von der überkommenen Art seiner Gegner ab; sie werden polemisch als „Flachköpfe und Hanswürste“ (70) bezeichnet, wobei sich das Subjekt selbst als „der erste Immoralist “ (70) kennzeichnet. Hierdurch schließt es sich von deren Glauben ans „Ideal“ aus und inszeniert sich als notwendiger Wendepunkt der Philosophiegeschichte, indem es alles da gewesene verwirft und seine Schriften als einzigartig und wegweisend darstellt.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass eine inszenierte Gegensatz-Natur vorliegt, deren charakterliche Zuschreibungen sich von der breiten Masse des Gewöhnlichen deutlich abheben und damit eine außerordentliche Form der Autorschaft schaffen. Deren herausragende Einzigkeit profiliert sich dadurch, dass der Versuch stattfindet, das eigene Dasein und Schaffen zu legitimieren. Dies findet durch die Inszenierung der Notwendigkeit und historischen Einzigkeit des Ichs statt. Eine weitere Abgrenzung schärft das Profil dieses Ichs, indem es sich von anderen ausschließt. Diese Definition durch Ausschluss, also zu sagen, was man nicht ist, um zu werden, was man ist, erkennt Leander Scholz als „Abschottung gegen jenen Blick, der in der Lacanschen Fassung des Spiegelstadiums die Wiedererkennung im Spiegelbild rahmt und diese al-lererst möglich macht.“.[15] [16] Es werden also die ausschließenden Grundbedingungen für das Ziel des Buches geschaffen; zu werden, was man ist.

2.1.2. Familiäre Konstellationen – Warum „Ich“ so notwendig bin

Das Kapitel „Warum ich so weise bin 1“ wird mit einem Paradoxon eingeleitet: „Das Glück meines Daseins, seine Einzigkeit vielleicht, liegt in meinem Verhängnis: ich bin, um es in Rätselform auszu-drücken, als mein Vater bereits gestorben, als meine Mutter lebe ich noch und werde alt“. (13)[17] Diese Textstelle, die die „doppelte Herkunft“ (13) des Ichs erklärt, wird von Erich Kleinschmidt als „textgenetische Autobiographie-Urszene von gleichzeitiger An- wie Ab-wesenheit“[18] bezeichnet. In dieser gerate die zentrierende Behauptung eines autobiographischen Ichs in eine Krise, da sie sich einer Unentscheidbarkeit hingebe, in der die Bedeutung disparat werde.[19]

Besagte Dialektik von Tod und Leben könne, so der Schreibende weiter, „jene Neutralität, jene Freiheit von Par-tei im Verhältnis zum Gesamtproblem des Lebens, die [ihn] vielleicht auszeichnet […]“, erklären. (13) Darauf sei auch seine Fähigkeit, „die Zeichen von Auf-gang und Niedergang [zu erkennen]“ (13) zurückzuführen, für die er „eine feinere Witterung als je ein Mensch gehabt hat […]“. (13) Er sei darüber hinaus „der Lehrer par excellence hierfür“, (13) da er beides kenne und beides verkörpere, sowohl Auf- als auch Niedergang. (13)

Über seine dialektisch inszenierte Herkunft hinaus wird hier also ein weiterer als außerordentlich-inszenierter Zug seines Wesens erkennbar. Nicht nur, dass er sich durch seine sensibilisierte Wahrnehmung gegenüber Auf- und Niedergang deutlich von anderen abhebt, darüber hinaus fungiert er als musterhafter, herausstehender Vermittler von Weisheit. Somit erfolgt ein weiterer Schritt in der Rechtfertigung seines Daseins als Verkündung der Umwertung.

Außerdem wird auf „ein großes Vorrecht, einen solchen Vater gehabt zu haben“ (18) referiert, womit sich das Vorrecht erkläre, sich auf höheren geistigen Ebenen zu bewegen: „ich bin dort [in einer Welt hoher und zarter Dinge] zu Hause, meine innerste Leidenschaft wird dort erst frei.“. (18) Die Identität eines Autors wird hier auf paradoxe Weise dekonstruiert; indem Nietzsche sich mit seinen Eltern vergleicht, um Identität zu konstruieren, dekonstruiert er diese im selben Moment wieder. Diese dialektische Konfiguration der Persönlichkeit enthält nach Daniela Langer zugleich mehrere inszenatorische Aspekte. Die antithetische Beziehung von „Glück“ und „Verhängnis“, die sich zugleich auflöse, da das eine das andere bedinge, sowie die Selbstinszenierung als Gestorbener und Lebendiger, die ihn mit Christus gleichsetze[20], figuriert das Autor-Konstrukt bereits in Richtung des Göttlichen.[21] Die Dopplung seines Wesens dient außerdem der Herausstellung der Notwendigkeit seines Daseins.

Die an und für sich ja zufälligen Bedingungen von Nietzsches Herkunft werden in diesem Kapitel also als notwendige Bedingungen seiner Einzigartigkeit und seiner individuellen Befähigung angesehen, die »Größe« der sich stellenden Aufgabe [...] überhaupt erfüllen zu können.[22]

Es lässt sich resümieren, dass das Ich, dass sich zunächst dadurch definiert, was es nicht ist, im Weiteren als außerordentliche Notwendigkeit inszeniert. Durch die Darstellung seiner dialektisch inszenierten Herkunft wird der Boden für eine Apotheose des Ichs geschaffen, welches sich zunächst jedoch durch seinen nationalen (Nicht-) Charakter profiliert.

2.1.3. Nationale Identität

„Soweit Deutschland reicht, verdirbt es die Kultur.“ (36)

In den Darstellungen zur nationalen Identität des „Autors“, festigen sich die bereits getätigten Beobachtungen. Während es ihn keine Mühe kostet, „ein »guter Europäer« zu sein“, (17) gibt er sich „vielleicht mehr deutsch, als jetzige Deutsche, bloße Reichs-deutsche […]“, ferner sogar als „letzte[n] anti-politische [n] Deutsche[n].“. (17)

Nicht ohne sich jedoch im nächsten Satz wieder einer anderen politisch-nationalen Identität einzuschreiben: seine Vorfahren seien polnische Edelleute, auf Grund dessen er viel Rassen-Instinkte innehabe. (Vgl. 17) Er bezeichnet seine spezielle Form des Nationalcharakters pointiert als „ an-gesprenkelten Deutsche[n].“. (17) Dies lässt sich im Zusammenhang mit der Tatsache, dass Nietzsche kein Pole war, mit Langer „als Umformung […] von zufälligen Bedingtheiten […] in Notwendigkeiten“[23] verstehen. Somit wird die Einzigkeit seiner Existenz wiederholt betont und somit die Umwertung als notwendig dargestellt. Im Kapitel Warum ich so gute Bücher schreibe, stellt das Ich fest: „Deutsch denken, deutsch fühlen – ich kann alles, aber das geht über meine Kräfte […]“ (52) und setzt schließlich das Wort „dumm“ mit „deutsch“ gleich (53). Im Kapitel Die Unzeitgemäßen, 1 führt Nietzsche diese Tradition der Verunglimpfung alles Deutschen fort. Der erste Angriff seiner kriegerischen Natur „galt der deutschen Bildung, auf die [er] […]“ damals schon schonungslos hinabblickte. Hier erfolgt der Anschluss an die bereits aufgezeigte Strategie des Ausschlusses, nun einer klar definierbaren nationalen Identität. Ihre inszenatorische Natur wird, auf Grund der Tatsache, dass Nietzsche eben nicht deutsch war, offengelegt. Es liegt nahe, diesen Aspekt als bewusstes Spiel mit fingierter Identität und Autorschaft zu betrachten. Durch die Anreicherung des Realen mit einer inszenierten Herkunft wird nämlich ein weiteres Paradox geschaffen, dass das dargestellte Ich über herkömmliche Formen der Identität abhebt.

[...]


[1] Hier und im Folgenden zitiert nach: , Friedrich; Ecce homo – Wie man wird was man ist, Anaconda

Verlag GmbH, Köln, 2007. Seitenangaben erfolgen in Klammern.

[2] Siehe: Lejeune, Philippe; Der autobiographische Pakt, Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1994. S. 15.

[3] Zur wegbereitenden Funktion Ecce homos für der Antichrist siehe: Barros, Fernando de Moraes: Geist und

Fleisch gewordene "Umwerthung aller Werthe" : "Ecce homo". In: Nietzscheforschung 12, Akademie Verlag,

Berlin, 2005. „Nietzsche, Umwertung gewordener Körper und Blut, wandelt sich in das Hauptargument seiner

letzten Unternehmung um. Er wagt als lebendiges Beispiel das Experiment, seiner Unternehmung eine

körperliche Dimension hinzuzufügen. […] Er sieht ihn [ der Antichrist ] nicht als Buch. Er unterscheidet

sich nicht von ihm.“ S. 168 f.

[4] Silverman, Hugh J.; The Autobiographical Textuality of Nietzsche’s Ecce Homo; in: boundary 2, Vol. 9/10,

Vol.9, no.3 – Vol.10, no.1, Why Nietzsche Now? A Boundary 2 Symposium, Duke University Press, 1981. S.

153.

[5] Kleinschmidt, Erich; Abwesende Gegenwärtigkeit – Grenzpositionen der Autorschaft in Friedrich Nietzsches

»Ecce homo«; in: Weimarer Beiträge, 46, Berlin, 2000. S. 166.

[6] Zur auf die Umwertung aller Werte ausgerichteten Wirkungsabsicht siehe: Langer, Daniela; Wie man wird, was

man schreibtSprache, Subjekt und Autobiographie bei Nietzsche und Barthes, Wilhelm Fink Verlag,

München, 2005, S.120 f.

[7] Zum Geniebegriff und dessen schicksalhafter Natur bei Nietzsche siehe: Stegmaier, Werner; Schicksal

Nietzsche? Zu Nietzsches Selbsteinschätzung als Schicksal der Philosophie und der Menschheit (Ecce Homo,

Warum ich ein Schicksal bin 1), ebd. S 98 ff.

[8] Vgl. hierzu: Langer, S.142 f.

[9] Langer nennt dies eine „Eingabelung“: „In der Eingabelung [„Sowohl-als-auch“, P.H.] öffnet sich zwischen den

antithetischen Termen der Raum eines unmarkierten Dritten, der allerdings semantisch eine Leerstelle bleibt.“

Siehe: Langer , S. 143.

[10] Auf diesen Instinkt kommt er im Bezug auf seine Verneinung des Christentums zurück: „Ich kenne den

Atheismus durchaus nicht als Ergebnis, noch weniger als Ereignis: er versteht sich bei mir aus Instinkt.“ (28)

[11] Der Begriff „heterotop“ wird hier unkonventionell auf gesellschaftliche Verortung übertragen, um eine

abgeschottete Anwesenheit des Ich-Konstrukts innerhalb des Topos „Gesellschaft“ auszudrücken. Zum

Begriff Heterotopie siehe: Foucault, Michel; Andere Räume in: Barck, Karlheinz (Hg.), Aisthesis.

Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik, Leipzig 1992, S. 34-46.

[12] Auch diese Passage kann, in diesem Fall mit Kleinschmidt, als ein selbstreflexiver Abgesang auf die Instanz

des Autor-Ichs gelesen werden: „Das herkömmlich Wichtige wird […] figurativ durch das scheinbar

Unwichtige ersetzt[…]. Das ist für Nietzsche ein kontingentes >>Spiel<< […], das die gesellschaftliche

Ordnung der Dinge dadurch stört, daß [sic!] sie in diese […] Zufälligkeit der Wörter und Bilder getauscht

werden. […] Die Texte erzeugen sich selbst und sprechen für sich selbst.“ Kleinschmidt, S.170.

[13] Siehe Kapitel 2.1.7. Vom Autor zum Gott – Figuration als Dionysos S. 14 ff.

[14] Kleinschmidt, S. 170.

[15] Leander Scholz: Nietzsche und die Figur des unsichtbaren Feindes. In: Weimarer Beiträge 56, Heft 2, Berlin 2010. S. 176 ff.

[16] Zum Spiegelstadium bei Lacan siehe; Lacan Jacques; Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion - wie sie

uns in der psychoanalytischen Erfahrung erscheint in: Schriften I, Quadriga-Verlag, Weinheim, 1996. S. 63 ff.

„Man kann das Spiegelstadium als eine Identifikation verstehen, im vollen Sinne, den die Psychoanalyse diesem

Terminus gibt: als eine beim Subjekt durch die Aufnahme des Bildes ausgelöste Verwandlung.“ (S.64).

[17] Diese genealogische Abhandlung betreffend hat Joergen Kjaer herausgestellt, dass ein Großteil des Schaffens Nietzsches, seines Misanthropismus und seiner Übermenschen-Theorie auf unbewältigte Probleme in der Kindheit bzw. einer daraus resultierenden narzisstischen Persönlichkeitsstörung zurückzuführen sei. Nachlesbar bei Kjaer, Joergen; Die Relevanz der Berücksichtigung von Nietzsches Kindheit beim Interpretieren und Gebrauch seiner Philosophie. Zwei Beispiele der Tradierung unbewältigter Probleme der Nietzscheschen Philosophie (Gilles Deleuze und Richard Rorty); in: Nietzsche-forschung Band 1, Akademie Verlag, Berlin, 1994. S. 207 ff. Ecce homo betreffend v.a. S.217 ff.

[18] Kleinschmidt, S. 166.

[19] Ebd.

[20] Vgl Langer, S.102.

[21] Siehe Kapitel 2.1.6. und 2.1.7.

[22] Langer, S.103.

[23] Ebd. S.104.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Zur literarischen Konfiguration exklusiver Autorschaft am Beispiel „Ecce homo“ von Friedrich Nietzsche
Untertitel
Wie Nietzsche ein Schicksal wurde
Hochschule
Universität Konstanz
Autor
Jahr
2012
Seiten
24
Katalognummer
V194555
ISBN (eBook)
9783656198475
ISBN (Buch)
9783656199533
Dateigröße
557 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nietzsche, 2012, Ecce Homo, Autobiographie, Exklusivität, Ergriffenheit, Selbstinszenierung
Arbeit zitieren
Phillip Horch (Autor:in), 2012, Zur literarischen Konfiguration exklusiver Autorschaft am Beispiel „Ecce homo“ von Friedrich Nietzsche, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/194555

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