Die Pfngstbewegung entstand vor etwa hundert Jahren und ist daher nicht
nur als weltweite Bewegung ein relativ junges Phänomen. Dies spiegelt sich auch
in der Literaturlage wider. Erst seit den 1960er Jahren gibt es auch (religions-)soziologische
Untersuchungen und Veröffentlichungen, die sich mit der Erscheinung der
Pfngstbewegung in Lateinamerika befassen. Als einer der Pioniere aus dieser Zeit
ist Emilio Willems zu nennen, dessen Arbeit bis heute einen wichtigen Grundstock
darstellt. Seine Beschreibung des Wachstums der Bewegung als ein dialektischer
Prozess mit kulturellen Veränderungen ist auch für diese Arbeit elementar. Im
deutschsprachigen Gebiet hat sich vor allem der Theologe und Soziologe Heinrich
W. Schäfer hervorgetan, der sich seit den 1980er Jahren mit dem Protestantismus in
Lateinamerika beschäftigt. Speziell für Guatemala, das zentralamerikanische Land,
welches im Zentrum dieser Arbeit steht, gilt es in geringerem Maße als für andere
Länder Mittel- und Südamerikas, dass es an Literatur fehlt. Dies lässt sich leicht mit
der überdurchschnittlich hohen Zahl an Pfngstlern in diesem Land,und der Tatsache, dass es bereits zwei protestantische Präsidenten hervorgebracht
hat, erklären.
Ein Themengebiet in der wissenschaftlichen Literatur behandelt die Frage, ob es sich
beim Protestantismus in Lateinamerika um ein kulturimperialistisches Erbe aus den
USA, oder um die, wie David Martin es formuliert hat, „Latin Americanization of
American Religion“ (Martin 1993:282) handelt. Vor allem in der Rechtfertigung
und Verteidigung der Monopolstellung der Katholischen Kirche angesichts der Konkurrenz
zu den protestantisch-pfngstlichen Bewegungen im religiösen Feld, und in
der Frage nach der Wertschätzung und der Bewahrung der Kultur der Maya, spielt
diese Debatte eine wichtige Rolle. Ein weiteres Themengebiet ist die Diskussion
über das politischen Potential des pfngstlichen Glaubens, in die sich auch diese Arbeit
einreiht. Im Zentrum des zweiten Teils steht dabei die Hypothese, dass spätestens
die Unterzeichnung des Friedensvertrages „Acuerdos de Paz“ am 29. Dezember
1996, mit der nach mehr als 30 Jahren der Bürgerkrieg in Guatemala offziell
beendet wurde, auch gesellschaftspolitische Veränderungen eingeleitet wurden, die
eine Wandlung innerhalb des pfngstlichen Millenarismus bewirkt haben, welche
nun auf die Gesellschaft zurückwirkt. Mit dieser Hypothese beginnt hier die Auseinandersetzung
mit der Thematik. [...]
Inhaltsverzeichnis
I. Einordnung der Fragestellung
1. Einleitung
II. Erster Teil
Begriffdefinitionen und theoretische Grundlagen
1. Pfingstbewegung
2. Quietismus/ Aktivismus
3. Millenarismus
3.1. Prämillenarismus
3.2. Postmillenarismus
4. Theoretische Grundlagen
4.1. Handlungstheorie nach Max Weber
4.2. Gesellschaftsmodell und Kapitaltheorie nach Pierre Bourdieu
III. Zweiter Teil
Wandel von Zeit und Weltbild
1. Der Prämillenarismus und seine praktische Logik in der Zeit vor 1996
2. Die Politics of the Spirit- Studie
2.1. Methodologisches Vorgehen
2.2. Die Ergebnisse
2.2.1. Die religiösen Glaubensvorstellungen
2.2.2. Die religiöse Erfahrung
2.2.3. Die kirchliche Intensität
3. Der Postmillenarismus und seine praktische Logik nach 1996
4. A 10 Country Survey of Pentecostal
4.1. Das Pew- Forum
4.2. Die religiöse Demographie Guatemalas
4.3. Methodologisches Vorgehen
4.4. Die Ergebnisse
4.4.1. Die religiösen Glaubensvorstellungen
4.4.2. Die religiöse Erfahrung
4.4.3. Die kirchliche Intensität
5. Zwischenfazit
IV. Dritter Teil
Weltbild und politische Potentiale
1. Weltabgewandtheit und antidemokratische Tendenzen
2. Weltzugewandtheit und demokratische Tendenzen
3. Der soziale Raum und die Kapitalien der Pfingstler
3.1 Die Entwicklungen in den sozialen Feldern
3.2. Das politische Feld
V. Schluss
1. Ausblick
2. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Wandel pfingstlicher Weltbilder in Guatemala und dessen Auswirkungen auf das politische Verhalten der Anhänger. Ziel ist es zu analysieren, wie sich Transformationen religiöser Glaubensvorstellungen nach dem Ende des Bürgerkriegs 1996 auf das zivilgesellschaftliche und politische Potenzial dieser religiösen Gemeinschaft auswirken.
- Religion und gesellschaftlicher Wandel in Guatemala
- Die Dialektik von Millenarismus und politischem Aktivismus
- Transformation des pfingstlichen Weltbildes (Prä- zu Postmillenarismus)
- Anwendung der Handlungstheorie nach Max Weber und Kapitaltheorie nach Pierre Bourdieu
- Analyse des politischen Potenzials pfingstlicher Gruppen
Auszug aus dem Buch
3. Millenarismus
Wenn Heinrich Schäfer von einer apokalyptischen bzw. einer charismatischen Identität spricht und dies in Verbindung setzt zu den oben bestimmten Begriffen Aktivismus/ Quietismus, so geschieht dies im Hinblick auf die Unterschiede im theologischen Konzept des Millenarismus. Norman Cohn beschreibt den Millenarismus, den Glauben an ein Tausendjähriges Reich, der schon seit dem frühen Christentum im Umlauf ist wie folgt:
Millenaristische Sekten und Bewegungen imaginierten die Errettung als
— kollektiv, da sie von den Gläubigen als gemeinschaftliche Errettung erlebt werden wird;
— irdisch, da sie sich auf dieser Erde und nicht in einem außerirdischen Himmel ereignen wird;
— unmittelbar bevorstehend, da sie bald kommen und überraschend einbrechen wird;
— vollständig, da die neue Ordnung nicht nur das Leben auf Erden verbessern, sondern das Bestehende vervollkommnen wird;
— wunderbar, da übernatürliche Kräfte sie vollziehen werden (Cohn 1988:11).
Zwar beschäftigt Cohn sich mit den millenaristischen Tendenzen im Mittelalter, seine Ergebnisse müssen aber keineswegs auf dieses Zeitalter beschränkt bleiben. Es finden sich in gewisser Hinsicht auch Parallelen zur gegenwärtigen Situation in Guatemala. So bezeichnet Cohn nicht allein die apokalyptische Prophetie als Voraussetzung für diese Art der religiösen Bewegung. Er nimmt sehr stark die Lebenswelt, der zumeist armen Menschen, die diesen Bewegungen angehörten, unter die Lupe. Der Ursprung solcher „millenaristischen Ausbrüche“ sieht er darüber hinaus nicht allein in der Armut, sondern vielmehr in den sich verändernden sozialen Bedingungen, die ab dem 11. Jahrhundert stattfanden. Anzeichen davon waren u.a. Überbevölkerung und ökonomischer, sowie sozialer Wandel. Eben jene Umstände, die auch auf Guatemala einwirkten bzw. gegenwärtig noch einwirken. Hier sollen zunächst die beiden theologischen Konzepte des Prä- und Postmillenarismus in Kürze erläutert werden. Das Thema Millenarismus ist theologisch sehr komplex und kann hier nicht in aller Ausführlichkeit dargestellt und diskutiert werden. Vielmehr soll versucht werden mit einfachen Worten zu beschreiben, worin der Prä- und der Postmillenarismus sich grundlegend unterscheiden.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einordnung der Fragestellung: Dieses Kapitel führt in die Pfingstbewegung als Phänomen in Guatemala ein und erläutert die Relevanz der Forschungsfrage im Kontext gesellschaftlicher Veränderungen nach dem Bürgerkrieg.
II. Erster Teil: Begriffsdefinitionen und theoretische Grundlagen: Hier werden die zentralen Begriffe Pfingstbewegung, Quietismus, Aktivismus und Millenarismus definiert und die theoretischen Bezugsrahmen von Max Weber und Pierre Bourdieu dargelegt.
III. Zweiter Teil: Wandel von Zeit und Weltbild: Dieses Kapitel analysiert anhand empirischer Studien (Steigenga, Pew-Forum) den Wandel der Glaubensvorstellungen von pfingstlichen Gruppen in Guatemala vor und nach 1996.
IV. Dritter Teil: Weltbild und politische Potentiale: Die Auswirkungen der veränderten Weltbilder auf die soziale Praxis, die zivilgesellschaftliche Teilhabe und das politische Verhalten der Pfingstler werden in diesem Teil untersucht.
V. Schluss: Die Arbeit fasst die Ergebnisse zusammen und diskutiert das demokratiefördernde Potenzial der pfingstlichen Gemeinschaft sowie Perspektiven für die Zukunft.
Schlüsselwörter
Pfingstbewegung, Guatemala, Millenarismus, Prämillenarismus, Postmillenarismus, Religion, Politik, Zivilgesellschaft, Sozialkapital, Max Weber, Pierre Bourdieu, Glaubensvorstellungen, politischer Aktivismus, Transformation, Demokratisierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Transformation des religiösen Weltbildes von Pfingstlern in Guatemala und dessen Einfluss auf ihr politisches Verhalten vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Entwicklungen seit dem Ende des Bürgerkriegs 1996.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zu den Schwerpunkten zählen die Konzepte des Millenarismus, die Differenzierung zwischen quietistischer und aktivistischer Haltung sowie die Rolle des sozialen Kapitals und der Zivilgesellschaft für das politische Handeln.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Analyse der Hypothese, dass sich das pfingstliche Weltbild von einer eher prämillenaristischen hin zu einer postmillenaristischen Ausrichtung gewandelt hat und welche neuen politischen Handlungsmöglichkeiten sich daraus ergeben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer religionssoziologischen Analyse, die Literaturrecherche sowie die Gegenüberstellung und Sekundärauswertung empirischer Studien (Steigenga-Studie und Pew-Forum) kombiniert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung (Kapital- und Handlungstheorie), die Analyse des Wandels des Weltbildes mittels empirischer Daten sowie die Untersuchung der politischen Potenziale in den sozialen Feldern Guatemalas.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Pfingstbewegung, Millenarismus, Zivilgesellschaft, Sozialkapital, politischer Aktivismus und Transformation.
Wie unterscheidet sich der Prämillenarismus vom Postmillenarismus im Kontext der Arbeit?
Der Prämillenarismus geht von einer baldigen Katastrophe und einer passiven Haltung gegenüber der Welt aus, während der Postmillenarismus eine aktive Gestaltung der Gesellschaft im Vorfeld der Wiederkunft Christi begünstigt.
Welche Bedeutung kommt dem Ende des Bürgerkriegs 1996 zu?
Das Friedensabkommen von 1996 wird als Wendepunkt betrachtet, der gesellschaftliche Transformationsprozesse einleitete, die zu einer Verschiebung im Weltbild der Pfingstler und einer neuen Wahrnehmung ihrer politischen Rolle führten.
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- Eva-Maria Döring (Author), 2009, Pfingstbewegung in Guatemala: Zwischen politischem Quietismus und politischem Aktivismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/194580