Die Pädagogik Rousseaus im Kontext der Aufklärungsbewegung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Begriffsbestimmung: Aufklärung im historischen Kontext
1.2 Die Aufklärung – Ein pädagogisches Zeitalter?

2. Jean-Jacques Rousseau
2.1 Biographische Annäherung
2.2 Der philosophische Pädagoge Rousseau
2.3 Vordenker Rousseaus auf dem Gebiet der Pädagogik
2.4 Emile - Das Erziehungskonzept Rousseaus

3. Die Encyclopédie – Das Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers
3.1 Die Encyclopédie und ihre Väter
3.2 Ein pädagogisches Projekt?
3.3 Positionen und Wirkung

4. Der Mensch im Mittelpunkt – Ein Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Begriffsbestimmung: Aufklärung im historischen Kontext

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. (...) Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“[1]

So bemüht sich der Philosoph Immanuel Kant 1784 schon mehr rückblickend in der Berlinischen Monatsschrift um die „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“. Der Begriff Aufklärung läßt sich auf verschiedenen Ebenen definieren. Als Etikett für eine geschichtliche Epoche, oft eingegrenzt auf Europa in der Zeit zwischen 1750 und 1789[2], lenkt er den Blick auf den historischen Kontext, in den sowohl Rousseaus Emile, als auch andere Werke unterschiedlichster Themengebiete gehören, die im allgemeinen mit dem Prädikat Aufklärung belegt werden. Nach Madame de Staël ist Aufklärung vor allem die „Emanzipation des Geistes von den Institutionen“[3]. Sie verweist damit auf tiefgreifende gesellschaftliche und politische Veränderungen im Frankreich unter Ludwig XV (1723-1774). Während einer längeren Friedensperiode, die Frankreich Stabilität und zunehmende Prosperität beschert, entsteht unter dem Dach der absolutistischen Monarchie eine neue Gesellschaftsordnung, die sich zunehmend an „materiellen Kriterien“[4] ausrichtet. Die Oberschicht rekrutiert sich nunmehr nicht nur aus dem alten Adel und dem Klerus, sondern auch aus dem neuen Amts- und Robenadel. Das gehobene Bürgertum aus Finanzwesen, Handel und Gewerbe strebt an die Spitze. Mit zunehmendem Wohlstand verbessern sich zumindest in der Hauptstadt und den größeren Provinzstädten die Verkehrs-, Lebens- und Wohnbedingungen.[5] Mit wachsendem Bedarf an gebildeteren Arbeitskräften und mit den Bemühungen der Kirchen, besonders der Jesuiten, läßt es sich erklären, daß die Bevölkerung vor allem im Norden und Osten Frankreichs mehr und mehr alphabetisiert wird.[6] Auch in den Provinzen werden Akademien gegründet. Es bildet sich ein breiteres Lesepublikum mit Interesse an Gedankenaustausch und Fortschritt heraus. Das Buch wird dabei zum Statussymbol der neuen Reichen. Die Vereinigung der Verleger, genannt Communauté des libraires, ausgestattet mit dem königlichen Privileg zur Herausgabe von Gebrauchsbüchern, hat in dieser Zeit einigen Erfolg mit großformatigen und mehrbändigen Kollektionen.[7] Da Bücher oft teuer sind und nur in kleiner Auflage gedruckt werden, kommt den entstehenden „Lesegesellschaften“[8], den literarischen Salons und der Presse, trotz strenger Zensur, eine große Bedeutung zu. Auch die Rolle der Schriftsteller wandelt sich, da sie ihre Arbeit nunmehr als Beruf verstehen und davon leben wollen. Das neue Ideal des Gebildeten ist unabhängig vom sozialen Rang und stützt sich auf das Leitbild der „honnêteté“[9]. Die alte Hofkultur verschwindet zusehends. Salons, Clubs und der Austausch miteinander im In- und Ausland bieten Schriftstellern und Gelehrten die Möglichkeit, neue Ideale und Konzepte, nicht nur auf den Gebieten Literatur, Gesellschaft oder Bildung und Erziehung, zu entwickeln und zu diskutieren. „Homme de lettre“ und „philosophe“ werden zu gleichwertigen Bezeichnungen[10] für die vielseitig interessierten Autoren, zu denen neben Rousseau auch zahlreiche Mitarbeiter der Encyclopédie gehören.

1.2 Die Aufklärung – Ein pädagogisches Zeitalter?

Der Begriff Aufklärung steht mithin auch und vor allem für eine „facettenreich(e) und bun-t(e)“[11] „geistes- und ideengeschichtliche“[12] Bewegung, für das Bestreben verschiedenster Denker mit kritischen, oft fortschrittlichen Ideen auf die Gesellschaft zu wirken. Gemäß der Absicht, den Menschen Mündigkeit und den Gebrauch ihres Verstandes zu ermöglichen, richtet sich das Augenmerk vieler auch auf das Gebiet von Bildung und Erziehung. „Pädagogisches Jahrhundert“[13] greift als pauschales Urteil über jene Zeit des Umbruchs sicher zu kurz, da es gerade die Bandbreite der Entwicklungen auf verschiedensten Gebieten, nicht nur in der Erziehung, nicht zu umfassen vermag. Doch es ist heute weitgehend Konsens, daß der „Ursprung neuzeitlicher Pädagogik[14] in eben dieser Zeit zu suchen ist, deren Auswirkungen sich bis in unsere Zeit hinein verfolgen lassen.

In dieser Arbeit wird es vor allem darum gehen, herauszuarbeiten, welche pädagogischen Ideen Rousseau in seinem Werk Emile oder über die Erziehung entwickelt, in welcher Weise

die Encyclopédie, das Symbol der Aufklärung schlechthin, ebenfalls ein Werk zur Erziehung ist und welche Gemeinsamkeiten bestehen.

2. Jean-Jacques Rousseau

2.1 Biographische Annäherung

Schon ein Blick in die Biographie des Jean-Jacques Rousseau zeigt ihn als einen unruhigen Wanderer zwischen den Welten: Geboren am 28.Juni 1712 in der frankophonen Peripherie, in Genf, der Stadt Calvins, in der zur damaligen Zeit „kleinste(n) Republik Europas“[15], als Sohn eines Uhrmachermeisters, der die Stadt 10 Jahre später verlassen muß, wächst Rousseau ohne Mutter auf, die bei seiner Geburt starb. Nachdem er, gemeinsam mit seinem Cousin, zwei Jahre lang bei einem Pfarrer außerhalb von Genf erzogen wird, dann nacheinander bei einem Gerichtsschreiber und einem Graveurmeister in die Lehrer geht, mit 16 Jahren flüchtet, nach Turin gelangt, dort den katholischen Glauben annimmt, sucht er sich als „Lakai, Priesterseminarschüler, Chorsänger, Landstreicher, Musikant und Musiklehrer, ausgehaltener Geliebter einer älteren Dame und Hauslehrer“[16] durchzubringen. Seine Passion für die Musik läßt ihn ein Zahlensystem anstelle der gebräuchlichen Notenschrift entwickeln, das er, wenig erfolgreich, der Académie Française vorschlägt. 1743 wird er als Sekretär des französischen Botschafters in Venedig tätig, kehrt aber Ende 1744 nach Paris zurück, wo er in literarischen Kreisen mit Condillac, Diderot und anderen verkehrt. Er verfaßt eine Oper, arbeitet an einem Festspiel, tritt 1753 wieder der calvinistischen Kirche bei und betätigt sich gelegentlich als Sekretär oder Notenkopist.

Seine negative Antwort auf die Preisfrage der Akademie von Dijon „Ob der Fortschritt der Wissenschaften und Künste zur Läuterung der Sitten beigetragen“[17] habe, bringt ihm 1850 den Preis und große Berühmtheit ein. Seine folgenden, ebenfalls „politisch brisante(n)“[18] Schriften wie der Discours sur l’origine et les fondements de l’inégalité parmi les hommes (1755) und der Contrat social (1762) sind vor allem Arbeiten des politischen Philosophen und Gesellschaftskritikers Rousseau. 1762 erscheint in Paris und Amsterdam sein pädagogisches Werk Emile oder über die Erziehung, wird konfisziert und vom Pariser Parlament verboten. Gegen Rousseau ergeht Haftbefehl. In Genf werden am 19. Juni 1962 Emile und der Gesellschaftsvertrag verboten, gar verbrannt.[19] Die politische Verfolgung und sein eigener, wohl daraus entstandener Verfolgungswahn zwingen ihn immer wieder zur Flucht. Bis zu seinem Tod am 20. Mai 1778 in Ermenonville hält er sich teils in der Schweiz oder in England, teils in Frankreich auf. 1794 wird sein Sarg ins Pariser Pantheon überführt.

2.2 Der philosophische Pädagoge Rousseau

Ein besonderer Punkt in der Vita Rousseaus erscheint schwerwiegend, wenn es darum geht, sich mit ihm als Pädagogen zu beschäftigen: „Der nämliche Mann übergibt seinen Nachwuchs unmittelbar nach der Geburt dem Findelhaus. (...) er trennt sich von fünf eigenen Kindern (...).“[20] Diese Spannung zwischen Werk und Person hat in der Rezeptionsgeschichte gelegentlich zu dem polemischen Urteil geführt, es handle sich bei Rousseaus Werk um das eines „Moralisten, der selbst unmoralisch gehandelt habe“[21], dem es also „an sittlicher Kraft und intellektueller Redlichkeit fehl(t)e“[22].

Es soll hier nicht diskutiert werden, inwieweit eine (auch ‚psychologische‘) Deutung des Zusammenhangs von Leben und Werk im Falle Rousseaus zum Verständnis seiner Ideen beitragen könnte. Wichtig scheint aber der Hinweis darauf, daß sich Rousseau schon 1740 in einem „Projet pour l’éducation de M. de Sainte-Marie“[23] in der Funktion des Erziehers im Haus des Oberhofrichters Mably in Lyon mit Fragen zur Erziehung beschäftigt und darin bereits einige seiner späteren Ideen andeutet. Doch selbstkritisch resümiert er in seinen Bekenntnissen diese einjährige Erfahrung: „Mit Geduld und kaltem Blut hätte ich vielleicht Erfolge erzielen können, aber da beides mir fehlte, erreichte ich nichts Nennenswertes, und meine Zöglinge mißrieten sehr.“[24]

Das auslösende Moment für eine umfassende Beschäftigung mit Erziehung wie sie der Roman Emile darstellt, ist nicht so sehr in den wenigen praktischen Erfahrungen Rousseaus als Hauslehrer oder in seinem Verhalten zu den eigenen Kindern oder in Gesprächen über Erziehung beispielsweise mit Mme de Chenonceaux oder Mme Dupin zu suchen. Vielmehr ergibt sich aus den gesellschaftskritischen und philosophischen Überzeugungen Rousseaus nachgerade die Notwendigkeit eines eigenen Erziehungskonzepts.

[...]


[1] Kant, 1999, S. 20.

[2] Bauer-Funke, 1998, S. 7.

[3] Zitiert nach Köhler in der Einleitung zu D’Alembert, 1955, S. 5.

[4] Hinrichs, 1997, S. 223.

[5] Vgl. ebd. S. 228.

[6] Ebd.

[7] Vgl. Moureau, 1990, S. 38.

[8] Bauer-Funke, 1998, S. 17.

[9] Köhler in der Einleitung zu D’Alembert, 1955, S. 5.

[10] Bauer-Funke, 1998, S. 17.

[11] Tenorth, 2000, S. 80.

[12] Bauer-Funke, 1998, S. 8.

[13] Tenorth, 2000, S. 79.

[14] Ebd. S. 80.

[15] Holmsten, 2000, S. 9.

[16] Ruhloff in Fischer/Löwisch, 1998, S. 95.

[17] Ebd. S. 96.

[18] Ebd. S. 97.

[19] Vgl. Holmsten, 2000, S. 163.

[20] März, 1998, S. 326.

[21] Schäfer, 1992, S. 7.

[22] Ritzel, 1959, S. 9.

[23] Röhrs, 1957, S. 159.

[24] Röhrs, 1957, S. 162.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Pädagogik Rousseaus im Kontext der Aufklärungsbewegung
Hochschule
Universität Osnabrück  (Erziehungswissenschaften)
Veranstaltung
historische Pädagogik
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
19
Katalognummer
V19459
ISBN (eBook)
9783638235846
ISBN (Buch)
9783638759007
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pädagogik, Rousseaus, Kontext, Aufklärungsbewegung, Pädagogik
Arbeit zitieren
Sandra Schmidt (Autor), 2003, Die Pädagogik Rousseaus im Kontext der Aufklärungsbewegung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19459

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