Ich leide, also bin ich: Zu Schopenhauers Theorie des Mitleids und ihrer gesellschaftlichen Bedeutung


Bachelorarbeit, 2010
50 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Verzeichnis des Inhalts

1. Einleitung

2. Hinführung zum Begriff des Mitleids bei Schopenhauer
2.1 Das Mitleid im Allgemeinen
2.2 Das Mitleid in der Antike
2.3 Die mittelalterliche Philosophie und das Mitleid
2.4 Das Mitleid in der Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts

3. Der Mitleidsbegriff bei Schopenhauer
3.1 Zum Satz vom zureichenden Grund
3.2 Ein kurzer Abriss zu „Die Welt als Wille und Vorstellung“
3.3 Exkurs über die Gerechtigkeit und Menschenliebe
3.4 Schopenhauers echte moralische Triebfeder
3.5 Die individuelle ethische Differenzierung
3.6 Die metaphysische Grundlage des Mitleids
3.7 Zusammenfassung der Kernaussagen

4. Zur Gesellschaft
4.1 Zum Begriff und Verständnis von „Gesellschaft“
4.2 Der gesellschaftliche Sinn
4.3 Der subjektive Selbstauslegungsprozess
4.4 Erfahrung von Gesellschaft
4.5 Die soziale Bestimmung
4.6 Die ethische und politische Perspektive
4.7 Die sozioökonomischen Verhältnisse in der Gesellschaft

5. Schopenhauers Ausführungen und die moderne Gesell- schaft

6. Resümee

7. Verzeichnis der Literatur

8. Erklärung

1. Einleitung

In Zeiten zunehmender sozioökonomischer und -kultureller Spannungen im gesellschaftlichen Zusammenleben bekommt die Frage nach den Eigenschaften, die den Menschen erst zu einem Selbst machen und diesen seinem Selbst nach handeln lassen, eine neu aufflammende Bedeutung. Konträr zu einer scheinbar verstärkt auftretenden Genese 1 negativer sozioökonomischer und -kultureller Tendenzen und der damit einherge- henden egoistisch geprägten Selbstverwirklichung des Individuums in der heutigen Gesellschaft, gilt es diese Eigenschaften aufzuzeigen und zu beleuchten.

In diesem Kontext beschäftigt sich die vorliegende Arbeit mit einer der elementarsten menschlichen Eigenschaften, welche die Philosophie in den letzten Jahrhunderten herausarbeiten konnte: dem Mitleid. Dieses erfährt unter der subtilen Bedrohung des individuellen Selbst in der modernen Gesellschaft eine erneute Bewusstwerdung. Es scheint sich zu manifestieren, dass es der Eigenschaft des Mitleids bedarf, welche auch zu den bereits angeführten heutigen gesellschaftlichen Konditionen das Menschliche im Menschen zu garantieren vermag.

Im Verlaufe dieser Arbeit versucht der Autor, die Bedeutung und das Verständnis des Mitleidbegriffs darzulegen. Dies geschieht in Anlehnung an die Ausführungen Arthur Schopenhauers. Nach einem Kapitel der Hinführung zum Begriff des Mitleids, welches einen kurzen Abriss der differenzierten Epochen mit Beispielen mehrerer Autoren darstellt, werden die expliziten Ausführungen Schopenhauers im Folgekapitel aufgegriffen, dargestellt und erläutert. Im Anschluss versucht der Autor den Gesellschaftsbegriff zu erörtern, gesellschaftliche Zusammenhänge aufzuzeigen und deren Konditionen darzulegen. Abschluss findet die vorliegende Arbeit in dem Versuch, potenzielle Parallelen zwischen den Ausführungen Schopenhauers und den gesellschaftlichen Konditionen bezüglich des Mitleidbegriffs aufzuzeigen.

2. Hinführung zum Begriff des Mitleids bei Schopenhauer

2.1 Der Begriff des Mitleids im Allgemeinen

Der in den westlichen Kulturen vorherrschende Begriff des Mitleids beschreibt die gefühlte Anteilnahme am Schmerz und Leid anderer.2 Im Kontext von Moral und Ethik wird der Begriff des Mitleids, in Anlehnung an die abendländische Tradition und Kultur, in einem gleich stark ausgeprägten Maße diskutiert wie unter den Gesichtspunkten des christlichen Menschenbildes oder der Psychologie und wird im Allgemeinen als Tugend verstanden.

Der Begriff des Mitleids lässt sich in zwei elementare Basisformen differenzieren. Zum einen kann Mitleid als pathologisch verstanden werden. Hier liegt die Motivation unseres Handelns in einem leiblich erfahrenen Gefühl des Schmerzes. Zum Weiteren kann Mitleid auch durch die ratio 3 dominiert und geleitet werden.4 Die zu erörternde Grundfrage eröffnet sich hieraus allerdings noch nicht. Liegt dem Mitleid ein angeborenes Gefühl zu Grunde und ist es folglich der natura 5 zugehörig, ist die Bedingung des Mitleids in der cultura 6 zu finden oder lässt sich sogar ein Kontext zwischen diesen beiden Grundgedanken aufzeigen? Nur die Beantwortung dieser Frage kann den Begriff des Mitleids zwischen dem Verständnis als Emotion oder Einstellung definieren und seinen gesellschaftlichen Stellenwert aufzeigen.7 Dem Mitleid liegt stets die Bedingung der Nähe zu Grunde. Nur das uns anschaulich werdende Leid ruft einen Bezug zum Mitleid hervor. Mitleid darf keinesfalls als eine Empfindung verstanden werden, welche sich ausschließlich auf andere Menschen bezieht. Die Spezies der Tiere ist in das Verständnis des Mitleidbegriffs einzuschließen. Die heutige Diskussion von Mitgefühlen, wie z.B. Empathie, scheint ebenfalls den Begriff des Mitleids zu umfassen.8

2.2 Das Mitleid in der Antike

Eine der ersten Erwähnungen und Versuche einer Definition des Mitleidbegriffs lässt sich bereits bei Aristoteles finden. Dieser erläutert einen Zusammenhang des Mitleids zu den Affekten. Aristoteles nach ist eine Identifikation, zumindest partiell, mit demjenigen, mit dem man Mitleid empfindet, vonnöten und als elementare Voraussetzung zu verstehen, um Mitleid zu empfinden.9 Auch in seiner Poetik findet der Begriff des Mitleids Eingang; auch hier als Affekt, in Bezug auf die von ihm definierte kátharsis 10 im Rahmen der klassischen Tragödie in der Poetik, durch welche der Zuschauer eine Läuterung seiner Seele erfährt, da er die Leidenschaften eleos 11 und phobos 12 durchlebt.13

Eine absolute Ablehnung des Mitleids findet sich in der stoischen Philosophie. Die Freiheit von allen Affekten, die apátheia 14 , ist ihr Ziel. Aber auch die Emotionslosigkeit gegenüber dem eigenen sowie auch dem fremden Leid ist nicht als Ausschluss der Hilfsbereitschaft zu verstehen.15

2.3 Die mittelalterliche Philosophie und das Mitleid

Betrachtet man den Begriff des Mitleids in der mittelalterlichen Philosophie, so ist die Beachtung auf die christlichen Werte der Barmherzigkeit und Nächstenliebe zu richten, da dem christlichen Verständnis nach das Mitleid deren Voraussetzung darstellt. So führt Samson weiter aus, dass bereits Lactantius in der Spätantike den Affekt des Mitleids als positiv beschreibt. Diesem zufolge umfasst der Affekt des Mitleids die Vernunft des menschlichen Lebens. Wer diesen aufhebt, macht das menschliche Leben zum animalischen.16 Als Weiteres ist es unausweichlich, auf Thomas von Aquin zu sprechen zu kommen. Diesem nach erklärt sich das Mitleid als Liebe zum anderen, welche auf einer Traurigkeit begründet ist, die wiederum auf dem Mitempfinden am Leid des anderen zu basieren scheint. Die von mir bereits zu Beginn des Kapitels angeführte Differenzierung des Mitleidbegriffs findet sich bei Thomas von Aquin wieder. So spricht er in einer Linie von einem sinnlichen Affekt des Mitleids, dem affectus misericordiae , welcher die pathologische Form des Mitleids beschreibt; in einer anderen Linie ist die misercordia 17 als Tugend zu verstehen, da ihr die Vernunft zu Grunde liegt.18

2.4 Das Mitleid in der Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts

Das 17. und 18. Jahrhundert ist von immenser Bedeutung in der Diskussion um den Begriff des Mitleids. Dieser ist zu einem festen Bestandteil einer sich herausbildenden Gefühlsethik geworden. Im Zuge dieses Kapitels sind mehrere Autoren anzuführen und teils auch konträr gegenüberzustellen.

Mit René Decartes beginnend, findet sich wiederum ein Bezug zu den Ausführungen Aristoteles. Er bestimmt das Mitleid als die differenzierte Traurigkeit, die erst dann in Erregung versetzt wird, wenn jemandem ein Übel widerfährt, welches dieser nicht verdient.19 Dieser Beschreibung des Mitleids gegenüber äußert sich Thomas Hobbes konträr zu Decartes Ausführungen. Er beschreibt das Mitleid als einen egoistischen Affekt, dem die gezielte Furcht vor dem eigenen zukünftigen Leben zu Grunde liegt und benennt es als eine perturbation animi. 20 Folglich beeinträchtigt das Mitleid die eigenen Überlegungen.21

Als Weiteres ist in diesem Kapitel die Philosophie des moral sense mit ihren Vertretern David Hume und Adam Smith anzuführen. Der moral sense ist als eine Theorie des Mitleids, die durch Hutchesons und Shaftesbury begründet wurde, zu begreifen, welche versucht, die Genese moralischer Begriffe aus dem Inneren her zu erklären und fassbar zu machen.

David Hume nach gibt es zwischen den Menschen eine vorauszusetzende natürlich bedingte Ähnlichkeit, die es ermöglicht, sich die Gefühle anderer begreifbar zu machen und zu verstehen.22 Hier führt er die Einbildungskraft an. Hume benutzt in seinen Ausführungen den Begriff der sympathy 23. Mitleid ist eine Sonderform von sympathy und Hume formuliert einige Merkmale. So setzt er das Mitleid in Abhängigkeit zu der Nähe des zu bemitleidenden anderen.24

Auch Adam Smith benutzt den Begriff der sympathy in seinen Ausführungen. Dieser bildet den Kernpunkt seiner Moralphilosophie.25 Inhaltlich geht Smith mit Hume sehr stark d’accord. Allerdings liegt in Smiths Ausführungen ein Schwerpunkt auf der menschlichen Einbildungskraft, der er mehr Bedeutung zumisst als Hume. Er differenziert, dass der Schmerz des Leidenden stets stärker sein wird als der des Mitleidenden. So sind die Gefühle eines anderen nicht direkt erfahrbar; es herrscht stets nur eine Vorstellung dieser vor.26

Ein weiterer Autor, der in dieser Thematik angeführt werden muss, ist Jean-Jacques Rousseau. Seine Ausführungen sind für die Moderne von immenser Bedeutung.27 Er beschreibt den Begriff des Mitleids als „präreflexiven“ Trieb. Auch Rousseau sieht diesen Affekt in der Natur begründet. Folglich umfasst er auch die Welt der Tiere. Das Mitleid ist nach Rousseau die einzige natürliche Tugend, die dem Menschen im Naturzustand28 zugesprochen werden kann.29 Das Faktum der Anschaulichkeit des Leidens wird ebenfalls verdeutlicht und das Mitleid als Identifikation verstanden. Rousseaus Ausführungen finden ihre Finalität in einer ‚Doktrin des Mitleids‘:„Befördere dein Bestes, aber laß es andern so wenig zum Nachteil gereichen, als möglich ist“.30 Abschluss möchte ich in diesem Kapitel in den Ausführungen Lessings finden. Dieser ist primär an der ästhetischen Perspektive des Mitleids interessiert. Die Fähigkeit des Mitleids ist für ihn eine der wichtigsten Tugenden. Er führt aus: Der mitleidigste Mensch ist der beste Mensch .31 Lessing erarbeitet, in Auseinandersetzung mit Aristoteles, seine Theorie des Trauerspiels. Er interpretiert Aristoteles dahingehend, dass der Affekt der Furcht nicht das andere des Mitleids, eher dessen erweiterte Form ist. Fortführend ist Furcht ein selbstbezügliches Mitleid, das bei dem Gedanken verspürt wird, dass das auf der Bühne dargestellte Leid auch uns selbst treffen könnte. Lessing begründet diese These, indem er den schon von Aristoteles angeführten Aspekt unserer Ähnlichkeit bzw. Gleichheit mit dem Leidenden aufgreift, welcher der Identifikation dienlich ist. Dabei bezieht er sich auf dessen wirkungsästhetische Bestimmungen, welche in der kathartischen Wirkung der Tragödie bestehen, indem sie beim Zuschauer Mitleid und Furcht induzieren.32 Beim Mitleid, welches durch das Trauerspiel beim Zuschauer hervorgerufen wird, handelt es sich primär um ein episodisches Gefühl.

Um als moralisches Gefühl eine Wirkung entfalten zu können, muss es nach Lessing in ein dauerhaftes Gefühl transformiert werden. In dieser Transformation liegt das kathartische Momentum, die elementare Aufgabe der Tragödie.

3. Der Mitleidsbegriff bei Schopenhauer

3.1 Zum Satz vom zureichenden Grund

Um Schopenhauers Ausführungen zum Begriff des Mitleids begreifbar machen zu können, ist es vonnöten, sich einen Einblick in sein Hauptwerk zu verschaffen, Die Welt als Wille und Vorstellung , welches zum Verständnis das Wissen um den Satz vom zureichenden Grund voraussetzt. Sein Hauptwerk erläutert die Grundgedanken der Schopenhauerschen Philosophie und bildet die Grundlage für das Verständnis seiner Ausführungen zum Mitleid.

Die Hauptpunkte der Erarbeitung des Satzes vom zureichenden Grund, die zum Verständnis von Schopenhauers Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ erforderlich sind, seien im Folgenden angeführt und erläutert.

a) Schopenhauer setzt voraus, dass Vorstellungen bereits gegeben sind. Der Satz vom Grund ist der Hauptgrundsatz aller Erkenntnis. „Nichts ist ohne Grund, warum es sei.“33 Die bereits a priori manifestierten Erkenntnisse lassen den Satze vom Grund in einer vielfachen Gestalt erscheinen. Schopenhauer nach ist es des Weiteren daran, die „Wurzel“ des Satzes vom Grund zu ergründen und die Momente zu erfassen, nach denen sich das Grund-Folge- Verhältnis gestaltet. Dieses kann abstrahiert und in einer Formel dargestellt werden. Zu bemerken ist hier, dass die Suche nach der Wurzel keiner Beweisführung gleichgesetzt ist. Der Satz vom Grund ist elementar und kann folglich nicht weiter abgeleitet werden.34

[...]


1 (gr.) genesis - die Entstehung

2 Vgl. Christian, J. L., (1973). S. 288f

3 (lat.), die Vernunft

4 Vgl. Samson, L. (1980). Sp. 1411

5 (lat.), die Natur. Alles was nicht vom Menschen geschaffen wurde. Gegenbegriff zur Kultur.

6 (lat.), die Kultur. Im weitesten Sinne, das durch menschliche Gestaltung hervorgebrachte.

7 Vgl. Demmerling, C., Landweer, H. (2007). S. 168

8 Vgl. ebenda

9 Vgl. Aristoteles, Rhetorik 1385B

10 (gr.), die Reinigung

11 (gr.), das Mitleid, auch als Jammer übersetzt

12 (gr.), die Furcht

13 Vgl. Aristoteles, (1982). S. 162

14 (gr.), die Unempfindlichkeit

15 Vgl. Halbig, C. (2004). S. 66f

16 Vgl. Samson, L. (1980). Sp. 1411

17 (lat.), das Mitleid

18 Vgl. Samson, L. (1980). Sp. 1411

19 Vgl. Demmerling, C., Landweer, H. (2007). S. 173

20 (lat.) Störung des Geistes

21 Vgl. Samson, L. (1980). Sp. 1411

22 Vgl. Hume, D. (1978). S. 49

23 (engl.) die Anteilnahme

24 Vgl. ebenda

25 Vgl. Demmerling, C., Landweer, H. (2007). S. 173

26 Vgl. ebenda

27 Vgl. Samson, L. (1980). Sp. 1412

28 Bei Rousseau der Mensch, der den Einklang mit der Natur sucht. Im Allgemeinen, der Zustand vor der Genese eines menschlichen Zusammenlebens.

29 Vgl. Rousseau, J-J., (1988). S. 218f

30 Vgl. ebenda

31 Vgl. Lessing, G. E. (1972). S. 55

32 Vgl. Lessing, G. E. (1955). S. 581

33 Vgl. Malter, R. (2010). S. 16

34 Vgl. Malter, R. (2010). S. 16

Ende der Leseprobe aus 50 Seiten

Details

Titel
Ich leide, also bin ich: Zu Schopenhauers Theorie des Mitleids und ihrer gesellschaftlichen Bedeutung
Hochschule
Fachhochschule Düsseldorf  (Sozial- und Kulturwissenschaften)
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
50
Katalognummer
V194737
ISBN (eBook)
9783656200734
ISBN (Buch)
9783656202172
Dateigröße
546 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Mitleid, Schopenhauer, Moral, Ethik, Gesellschaft, Wille, Vorstellung
Arbeit zitieren
B.A. Christian Mönch (Autor), 2010, Ich leide, also bin ich: Zu Schopenhauers Theorie des Mitleids und ihrer gesellschaftlichen Bedeutung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/194737

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