Kann das Christentum mit fremden Religionen in eine Beziehung treten, ohne sich selbst zu verleugnen? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Dogmatik heutzutage enorm im Hinblick auf ein extrem pluralistisches Milieu der Religiosität. Seit dem 20. Jahrhundert bemüht sich die Theologie der Religionen um eben diese Frage. Dogmatisch verankerte Lösungen gibt das II. Vaticanum und in dessen Wirkungsgeschichte Karl Rahner.
Diese Frage stellt sich auch der Dogmatik-Professor Bertram Stubenrauch, dessen Beiträge Hauptthema dieser Arbeit sind. Insbesondere sein 2007 erschienener Aufsatz über das kenotisch verstandene Christentum bietet dabei das Fundament folgender Ausführungen.
Stubenrauch verfasste bereits Jahre zuvor ein Werk, in dem er sich mit dem kenotisch verstandenen interreligiösen Dialog des Christentums mit anderen Religionen auseinander setzte.
Im Zuge neuerer Ansätze des amerikanischen Theologen David H. Jensen sowie der Missionswissenschaftlerin Martha Th. Frederiks „aktualisiert“ er seine Ausführungen zur Kenosis aus früheren Zeiten in Form von Thesen und bezieht sich mehrmals auf gegenwärtige theologische Strömungen: Demnach wird in dieser Arbeit nach der Untersuchung seines Aufsatzes besonders die religionspluralistische Theologie John Hicks thematisiert, sowie auf die Komparativen Theologien, auf die Kenosis-Theologie Hans Urs von Balthasars sowie auf weitere Ansätze und Kritiken gegenwärtiger religionstheologischer Vertreter Bezug genommen. Dabei bleibt immer die Frage: Verhelfen diese Ansätze in ihrer letzten Konsequenz tätsächlich dem rechten Umgang mit anderen Religionen? Sind in sich geschlossene Religionstheologien überhaupt sinnvoll? Was spricht einerseits dafür, was dagegen? Wo ist der kenotische Christus in diesem Kontext einzuordnen?
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Christus, die Kenosis und das Gespräch zwischen den Religionen
3 Vergangene und gegenwärtige religionstheologische Ansätze – eine Übersicht
4 John Hick – Religionspluralismus
4.1 Theozentrismus?
4.2 Transzendenz oder „The Real“
4.3 Kritik an Hick
4.4 Stubenrauchs Stellungnahme zum Religionspluralismus
5 Weitere Verweise auf religionstheologische Strömungen
5.1 Innertrinitarischer Charakter der Kenosis: Hans Urs von Balthasar
5.2 Pro und Kontra eines kenotisch verstandenen Christentums
5.3 Komparative Theologien
6 Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern aktuelle religionstheologische Ansätze, insbesondere solche, die auf einer kenotischen Christologie basieren, den Herausforderungen eines zeitgenössischen religiösen und weltanschaulichen Pluralismus begegnen können. Im Zentrum steht dabei die Auseinandersetzung mit der Position des Dogmatikers Bertram Stubenrauch sowie die kritische Prüfung pluralistischer Modelle im Vergleich zu kirchlich verankerten, kenotischen Dogmatiken.
- Analyse des kenotisch verstandenen Christentums als Antwort auf den interreligiösen Dialog.
- Kritische Untersuchung der Theologie von John Hick und dessen Konzept des "The Real".
- Diskussion über die Rolle der Kirche und des Dogmas in einer pluralistischen Welt.
- Evaluierung der Bedeutung Hans Urs von Balthasars für ein kenotisches Gottesverständnis.
- Vergleich zwischen dem Präsenzmodell kenotischer Ansätze und den Komparativen Theologien.
Auszug aus dem Buch
4.1 Theozentrismus?
Man fragt sich bei der Forderung eines Theozentrismus: Warum möchte Hick mit dieser Schwerpunktverlagerung den Christozentrismus im Christentum ablösen? Seine Intention besteht darin, eine Lösung für den Umgang mit dem Absolutheitsanspruch anderer Religionen zu finden. Dazu schauen wir nochmal auf die hicksche Formulierung einer „kopernikanischen Wende“ in der Theologie: So wie in der Astronomie das Geozentrische Weltbild korrigiert werden musste, um die Sonne als Zentrum des Sonnensystems und die Erde als einen von mehreren sie umkreisenden Planeten zu erkennen, so muss auch das Christentum den Anspruch aufgeben, Zentrum zu sein. Gott allein ist es, um den alle Religionen kreisen.
Sinn und Zweck dieses Ansatzes sei die Vermeidung von interreligiösem Zwiespalt und die Verabschiedung vom Gedanken, Religionen hätten jeweils endgültigen und universalen Charakter. Dem setzt Hick entgegen, dass jede Religion nie über ihre Zeit hinaus gültig sei, und setzt stattdessen Gott als „gemeinsamen Nenner“.
Bei aller Ausführung ist anzumerken, dass der hicksche Theozentrismus bei einigen Theologen nicht bedenkenlos hingenommen wird, auch wenn die meisten Religionstheologen ihn stark machen: Sung Ryul Kim beispielsweise vermutet dahinter einen Anthropozentrismus, der vor allem ersichtlich wird, wo der angebliche Theozentrismus sich zu einer Extremform entwickelt. Gordon Kaufman zum Beispiel unterstellt die Theologie der Funktion der Humanisierung, insofern sie nach ihren Kriterien Beiträge zur modernen Welt leistet und interreligiöse Konflikte vermeidet. Das heißt, der Mensch nutze Gott für seine Zwecke und sehe Gott dabei als Symbol, die Religion als „imaginative construction“, die der Humanisierung diene.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Fragestellung ein, wie das Christentum im Kontext eines pluralistischen Milieus existieren kann, ohne sich selbst aufzugeben, und stellt den Fokus auf Bertram Stubenrauchs kenotische Theologie vor.
2 Christus, die Kenosis und das Gespräch zwischen den Religionen: Dieses Kapitel thematisiert das kenotische Verständnis der Selbsthingabe Jesu und diskutiert Stubenrauchs kritische Auseinandersetzung mit den Ansätzen von Jensen und Frederiks.
3 Vergangene und gegenwärtige religionstheologische Ansätze – eine Übersicht: Hier wird ein Überblick über die geschichtliche Entwicklung religionstheologischer Forschung gegeben, von der Aufklärung über Troeltsch und Tillich bis hin zu den modernen Modellen.
4 John Hick – Religionspluralismus: Dieses Kapitel widmet sich detailliert der pluralistischen Theologie John Hicks, seiner Idee der kopernikanischen Wende und der Kritik an seinem Theozentrismus.
5 Weitere Verweise auf religionstheologische Strömungen: Hier werden ergänzende Ansätze wie die Trinitätstheologie Hans Urs von Balthasars, die Komparativen Theologien sowie eine Abwägung von Pro und Kontra kenotischer Ansätze behandelt.
6 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und stellt fest, dass in sich geschlossene Systeme den komplexen Anforderungen an ein interreligiöses Gespräch nicht vollständig gerecht werden können.
Schlüsselwörter
Kenosis, Christentum, Interreligiöser Dialog, Religionspluralismus, Bertram Stubenrauch, John Hick, Inkarnation, Theozentrismus, Komparative Theologie, Hans Urs von Balthasar, Offenbarung, Dogmatik, Christologie, Theologie der Religionen, Eschatologischer Vorbehalt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie das Christentum im Kontext eines modernen, pluralistischen Umfelds in einen ehrlichen Dialog mit anderen Weltreligionen treten kann, ohne seinen eigenen Kern zu verlieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Felder sind die kenotische Christologie, der interreligiöse Dialog, die Auseinandersetzung mit dem Religionspluralismus und die dogmatische Verankerung des christlichen Glaubens.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist zu prüfen, ob ein "kenotisch verstandenes Christentum" – also eines, das sich an der Selbstentäußerung Gottes orientiert – eine tragfähige Basis für den Umgang mit dem religiösen Pluralismus bietet.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine systematisch-theologische Analyse, bei der Fachliteratur und Aufsätze führender Dogmatiker wie Bertram Stubenrauch kritisch evaluiert und miteinander in Bezug gesetzt werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Theorien von John Hick zum Religionspluralismus, kontrastiert diese mit Stubenrauchs kenotischem Ansatz und beleuchtet ergänzende Perspektiven von Balthasars sowie Komparative Theologien.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Kenosis, Inkarnation, pluralistische Religionstheologie, Theozentrismus, interreligiöser Dialog und die Bedeutung der Kirche als "messianisches Volk".
Inwieweit wird das Konzept der "kopernikanischen Wende" in der Theologie bewertet?
Die Arbeit stellt heraus, dass diese von John Hick geprägte Wendung zwar den interreligiösen Dialog fördern soll, jedoch von Kritikern als Gefahr für die Identität und Eigenart spezifisch christlicher Glaubensinhalte gesehen wird.
Warum spielt der Begriff der "Kenosis" eine so entscheidende Rolle für Stubenrauch?
Für Stubenrauch ist die Kenosis nicht nur ein christologisches Prinzip, sondern der Ausdruck der Liebe Gottes, die sich konkret in der Geschichte und in der Solidarität mit anderen zeigt, ohne dabei in Beliebigkeit zu verfallen.
- Citar trabajo
- Margarete Berger (Autor), 2011, Inwiefern werden aktuelle religionstheologische Ansätze der Herausforderung eines gegenwärtigen religiösen und weltanschaulichen Pluralismus gerecht?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/194802