Sprechen und Sprache

Fritz Mauthners empiristische Sprachkonzeption und deren soziale Konstitution im Kontext der Begriffe von Gebrauch, Spielregel und Gedächtnis


Hausarbeit, 2009

14 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Zur Einführung

2. Individualsprachen

3. Sprache als Gebrauch

4. Sprache als Spielregel

5. Sprache als Gedächtnis

6. Eine Metaphysik der Gewohnheit

7. Konsequenzen

8. Verwendete Literatur

1. Zur Einführung

Im Zentrum dieser Arbeit soll Fritz Mauthners Versuch einer Rückbindung seines Sprachbegriffs an die konkrete Dynamik individueller Sprechakte stehen. Diese sind nur kommunikabel zu erfahren, da sie immer schon in eine soziale Lebenswelt eingebunden sind. Die soziale Praxis gewinnt damit einen Vorrang vor der essentialistischen Bestimmung eines abstrakten Begriffs von Sprache, der diese als universal gegebenes System postuliert. Gebrauch, Gedächtnis, Gemeinschaft und Anerkennung werden so zu wesentlichen Begriffen der Mauthnerschen Konzeption von Sprache, die es im Folgenden in ihren immanenten Konstellationen zu erarbeiten gilt.

Eine solche empiristische Konzeption erlaubt Mauthner eine Darstellung des Verhältnisses von Individualsprachen und deren überindivi- duellen Eingebundensein in eine Sprachgemeinschaft, ohne - wie etwa der Saussuresche Strukturalismus oder die Vertreter einer Generativen Gram- matik - auf einen metaphysischen Begriff von Sprache als vom Sprechen unabhängiges System rekurrieren zu müssen. Im Kontext der Mauthner- schen Erkenntnistheorie aber führt dieser durch das Soziale bestimmte Sprachbegriff zu schwerwiegenden anthropologischen, ästhetischen und epistemologischen Konsequenzen. Sie sollen im letzten Abschnitt dieser Arbeit zumindest angedeutet werden.

2. Individualsprachen

Fritz Mauthner leitet das erste Kapitel seiner „Beiträge zu einer Kritik der Sprache“ (1901) mit einer Definition des Begriffs der Sprachkritik ein. Seine Aufmerksamkeit richtet sich dabei vor allem auf den Begriff der Sprache und deren Verhältnis zu den sogenannten Einzelsprachen. Da sich, so argumentiert er, eine Untersuchung der Sprache zu ihrem thematischen Gegenstand weder konkrete Einzelsprachen noch deren Relationen zueinander erwählen könne, bleibe ihr letzten Endes nur die essentialistische Bestimmung eines Abstraktums: „Was aber ist ' die Sprache', mit der ich es zu tun habe? [...] Die einfachste Antwort wäre: 'die Sprache' gibt es nicht; das Wort ist ein so blasses Abstraktum, daß ihm kaum mehr etwas Wirkliches entspricht.“ (4)1 Das metaphysische Postulat eines Wesens der Sprache ist für Mauthner das Resultat einer mangelnden sprachphilo- sophischen Methodenreflexion; versperre doch das begriffliche Abstraktum den Blick auf das empirisch konkret Gegebene. Mauthner wendet sich so sprachkritisch gegen eine traditionelle Fragestellung der Sprachphilosophie; ähnlich argumentiert er gegen den sprachwissenschaftlichen Begriff der Einzelsprache: Dieser sei nicht mehr als die summative Abstraktion einer empirisch erfassbaren „Fülle von Ähnlichkeiten, von allerdings sehr großen Ähnlichkeiten, welche die Individualsprachen einer Menschengruppe bieten, eines sogenannten Volkes.“ (6) Die jeweiligen Individualsprachen realisieren sich in performativen Sprechakten. Diese Partikularisierung von Sprache auf je individuelle Sprechakte wird so weit vorangetrieben, dass letztlich „die Individualsprache eines Menschen niemals der irgend eines anderen Menschen gleich ist, und daß ein und derselbe Mensch in verschiedenen Lebensaltern nicht die gleiche Sprache redet [...].“ (ebd.) Unter diesem Aspekt zeitlicher Instabilität erweist sich selbst noch der Begriff einer Individualsprache als Abstraktum. Außerdem führt Mauthner die Variabilität eines Idiolekts in Bezug auf seinen Adressaten an; dieses Phänomen bezeichnet er als Dualsprache. Für das Verhältnis zwischen Menschen bedeutet dies summa summarum: „Es gibt nicht zwei Menschen, die die gleiche Sprache reden.“ (18) Die unüberbrückbare Differenz des individuellen Sprechens mache ein adäquates gegenseitiges Verstehen unmöglich. Jeder werde schon einmal gedacht haben, dass „kein Anderer seine besondere Sprache verstehe.“ (ebd.) Für Mauthner resultiert dieses Verstehensproblem aus der sozial und lebensweltlich bedingten Unter- schiedlichkeit der Ausschnitte der 'gemeinsamen Muttersprache', die Sprecher und Zuhörer jeweils beherrschen. Es scheint aber, als greife er hier schon auf seine Argumentation voraus, dass auch die jeweiligen Vorstellungsinhalte, die sich auf ein Wort beziehen, selber individuell bestimmt sind. Sie wird im Weiteren noch im Zusammenhang mit Mauthners Konzeption von Sprache als Gedächtnis behandelt werden. In jedem Fall zeigt sich aber hier bereits, dass Mauthners Sprachbegriff nicht verstehensorientiert, Sprache ihm kein Organon des Denkens und seiner Vermittlung ist, sondern höchstens ein Garant praktisch-kommunikativen Zusammenlebens.

Wie aber bindet Mauthner die unzähligen Individualsprachen ein in die trotz aller Diversifikation bestehende Einzel- oder Muttersprache, an der das individuelle Sprechen orientiert bleibt, ohne diese als vom Sprechen unabhängiges System (langue) postulieren zu müssen? Eine Anmerkung Mauthners gibt hier den Weg zur weiteren Beantwortung dieser Frage vor: „Gemeinsam ist die Muttersprache etwa, wie der Horizont gemeinsam ist; es gibt keine zwei Menschen mit gleichem Horizont, jeder ist der Mittelpunkt seines eigenen.“ (19) Die gemeinsame Einzelsprache stellt sich als konvergente Überschneidung einer 'Fülle von Ähnlichkeiten' einzelner Individualsprachen dar. „Das Bild vom Horizont meint, daß sich Individualsprachen überdecken, aber nie völlig, weil jeder Mensch der Mittelpunkt seines Horizontes ist. Individualsprachen sind, um einen wittgensteinschen Term zu gebrauchen, familienähnlich.“2 Eine genauere Bestimmung dieses Verhältnisses von individuellen Sprechakten und ihres Eingebundenseins in eine Sprachgemeinschaft soll im Weiteren anhand der Mauthnerschen Begriffe von Gebrauch und Spielregel gewonnen werden.

3. Sprache als Gebrauch

Traditionelle sprachphilosophische Positionen, die nach dem Wesen der Sprache fragten, haben dieser bisweilen den Charakter eines Werkzeugs zugesprochen. Gegen diese Metapher wendet Mauthner die Tatsache ein, dass sich Werkzeuge durch ihren Gebrauch abnutzen würden, während die Sprache selber sich nicht verschlechtern oder gar verbraucht werden könne. Einzig Wörter würden durch ihre Benutzung unter dem Diktat von Moden und des zeitbedingten Bedeutungswandels verschleißen oder verschwinden. „Die Sprache ist aber kein Gegenstand des Gebrauchs, auch kein Werkzeug, sie ist überhaupt kein Gegenstand, sie ist gar nichts anderes als ihr Gebrauch. Sprache ist Sprachgebrauch.“ (24) Da Sprache damit nicht mehr als abstraktes System 'gegeben' ist, realisiert sie sich in ihrem sozialen Gebrauch: „Wo ist also das Abstraktum Sprache Wirklichkeit? In der Luft. Im Volke, zwischen den Menschen.“ (19) Die theoretische Fokussierung auf den sozialen Gebrauchsaspekt von Sprache beschreibt diese als „eine wirkliche Art menschlichen Handelns “ (11). Aus dieser sprachpragma- tischen Perspektive garantiert Sprache primär, wie sich schon bei Mauthners Verstehenspessimismus andeutete, die gemeinschaftliche Interaktion. Sprechen ist selber ein praktisch-sozialer Bezug zur Welt und den anderen; kein werkzeughaftes Mittel zu solcher Praxis. Damit weicht das metaphysische Modell einer universal gegebenen Sprache, die im essentialistischen Modus eines dem Denken verfügbaren Organons gedacht wird, einem dynamisierten Sprachbegriff, der auf die Performanz des Sprechens in konkreten sozialen Kontexten verweist. Die Reduktion des Sprachbegriffs auf individuelle Sprechakte ersetzt die Statik des meta- physischen Modells durch „eine Analyse der den Sprechakten inhärenten Dynamik“3. Sprache gilt nicht mehr als die werkzeughafte Bedingung von Kommunikation, sondern ereignet sich immer schon in einem „kommu- nikativen Rahmen“4.

4. Sprache als Spielregel

Es ist schon gezeigt worden, wie in der Konzeption des Mauthnerschen Sprachbegriffs das Essentielle dem Sozialen weicht. Sprache ist definiert als ihr Gebrauch 'zwischen den Menschen'; damit ist das Verhältnis des Einzelnen zur Sprache zugleich immer schon eines zur Gemeinschaft.

„Die Sprachbewegungen des unter sprachlosen Mitmenschen allein redenden Individuums wären aber gar nicht Sprache. [...] Sprache werden diese Bewegungen erst durch ihre über das Individuum und über die Wirklichkeit hinausgehenden Eigentümlichkeit, daß sie bei einer Gruppe von Menschen die gleichen, daß sie daduch verständlich, daß sie nützlich sind.“ (17)

[...]


1 Direkt in Klammern werden die Seitenzahlen folgender Ausgabe angegeben: Mauthner, Fritz: Beiträge zu einer Kritik der Sprache. Erster Band: Zur Sprache und zur Psychologie, Frankfurt a. M. - Berlin - Wien 1982.

2 Leinfellner, Elisabeth: Die böse Sprache: Fritz Mauthner und das Problem der Sprachkritik und ihrer Rechtfertigung , in: dies./ Schleichtert, Hubert[Hrsg.]: Fritz Mauthner. Das Werk eines kritischen Denkers, Wien - Köln - Weimar 1995, S.61.

3 Kurzreiter, Martin: Sprachkritik als Ideologiekritik bei Fritz Mauthner, Frankfurt a. M. - Berlin 1993, S.115.

4 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Sprechen und Sprache
Untertitel
Fritz Mauthners empiristische Sprachkonzeption und deren soziale Konstitution im Kontext der Begriffe von Gebrauch, Spielregel und Gedächtnis
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Sprachphilosophie im neunzehnten Jahrhundert
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
14
Katalognummer
V194809
ISBN (eBook)
9783656203230
ISBN (Buch)
9783656208044
Dateigröße
458 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Fritz Mauthner, Beiträge zu einer Kritik der Sprache, Sprachkritik, Empirismus, Gebrauchstheorie, Theorie des Gebrauchs, Regelfolgen, Spielregel, Gedächtnis, Sprachgemeinschaft, Ideolekt, Wittgenstein, soziale Praxis, Performativität, Sprechakt, langue, Individualsprache, Bedeutung, Referenz, Metapher, Kommunikation, Sprachphilosophie
Arbeit zitieren
Maximilian Gilleßen (Autor), 2009, Sprechen und Sprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/194809

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