1. Einführung
“Einmal kommt ja die Frau, die uns unbewußt an allen anderen Frauen rächt und die uns radikal frißt. Mit Haut und Haaren, Leib und Seele.” 1
Schon immer wies die literarische Imago der Frau eine Zwiespältigkeit auf, die von Lena Lindhoff in ihrer “Einführung in die feministische Literaturtheorie” wie folgt definiert wird:
"Die Bilder, die die Literaturgeschichte überliefert, umfassen so unterschiedliche Imagines wie das der Madonna, der Hexe, der jugendlichen Unschuld [...]. Sie spalten das Weibliche in eine idealisierte und eine dämonische Gestalt. Die Frau ist [...] Heilige oder Hure, Engel oder Dämon." 2
Daraus lässt sich schließen, dass die Bilder der imaginierten Weiblichkeit in der Literatur entweder in den Rang des Vollkommenen gehoben und angebettet oder in das Reich des Abstoßenden, der Sünde verwiesen werden. Das Schöne der idealisierten Frauenimago erfährt in der Literatur wenig Beachtung. Dieser Typus des Weiblichen erleidet Passivität, ist in seinem gesellschaftlichen Rahmen eingeschränkt und infolgedessen auch beschränkt. Monotonie bestimmt das narrative Dasein dieser Frauengestalt. Anders ihr Gegenstück: das dämonisierte Frauenbild. Impulsiv und von ihrer unbändigen Lust getrieben, weckt die Dämonin geheime Wünsche und Ängste und ist ihrem idealisierten Gegenbild weit überlegen. Das Sinnbild dieser verhängnisvollen, dämonenhaften Frau, die zeitgleich die Merkmale des Eros und des Thanatos impliziert, ist in der Geschichte des Altertums und in der Mythologie tief verankert. Beispiele für Personifikationen des dämonischen Weiblichen liegen dabei auf der Hand und sind entweder als Meduse und Salome oder als Helena und Loreley allseits bekannt.
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1 Wegner, Matthias. Klabund und Carola Neher. Berlin 1996. S. 102. Zitiert nach: Borrmann, Norbert. Vampirismus oder die Sehnsucht nach Unsterblichkeit. München 1999. S. 231.
2 Lindhoff, Lena. Die Einführung in die feministische Literaturtheorie. 1. Aufl. Stuttgart 1995. S. 17.
Die Gestalt der Wiedergängerin, des weiblichen Vampirs, die nicht zuletzt wegen ihres verworfenen Frauenbildes ein interessantes Forschungsfeld darstellt, gliedert sich in diese scheinbar endlose Reihe von verhängnisvollen Frauen ein, die die männliche Angst vor der (sexuell) potenten Weiblichkeit widerspiegeln. Durch “verschiedene Motivationen geleitet, der Gier nach Liebe, Blut oder Sex”3, stellt die Wiedergängerin darüber hinaus eine Erweiterung des
Mythos der verhängnisvollen Frau dar ..
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Pathologie einer “Mörderin”: Die literarische Genese der Wiedergängerin
2.1 Der (un)tote Mythos und die Auferweckung der Wiedergängerin
2.2 Blutige Küsse und romantische Gattung: Die (Un)Tote im Spiegel der Schwarzen Romantik
2.3 Die Wiedergängerin als femme fatale und “New Woman”
3. Die Rezeption des Wiedergängerin-Motivs in der russischen Literatur Mitte des 19. Jahrhunderts: Aleksej Tolstoj - Ivan Turgenev
3.1 Von Wieder- und Doppelgängerinnen
3.1.1 Die Wiedergängerin zwischen Wunschtraum und Double
3.1.2 Die wiedergängerische Hexe: Die Frau als Teufelsweib
3.2 Von femme fragile zu Vamp: Der “gefährliche” Eros
3.2.1 Zdenka: Femme zwischen fragile und fatale
3.2.2 Die (a)sexuelle Dimension der “russischen” Wiedergängerin
3.3 Die Frage des Geschlechts oder das Versagen der “russischen” Wiedergängerin
3.3.1 Das Blut. Die Kraft des “besonderen Saftes”: Ein Exkurs
3.3.2 Die Wiedergängerin im Spannungsfeld der Geschlechter
3.3.3 Der (un)gültige Tod oder die Frage nach dem Versagen der “russischen“ Wiedergängerin
4. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Motiv der Wiedergängerin in der russischen phantastischen Literatur Mitte des 19. Jahrhunderts. Dabei wird analysiert, inwiefern sich das Bild der russischen Wiedergängerin von ihrem westlichen Pendant unterscheidet und welche Rolle geschlechtsspezifische Machtverhältnisse sowie die Symbolik des Blutes bei ihrer Darstellung spielen.
- Literarische Genese des Wiedergängerin-Mythos in der Schwarzen Romantik.
- Vergleichende Analyse der Rezeption in Werken von Aleksej Tolstoj und Ivan Turgenev.
- Untersuchung der Wandelbarkeit der Wiedergängerin (femme fragile vs. femme fatale).
- Analyse der Geschlechterverhältnisse und des Motivs des "Versagens" der russischen Wiedergängerin.
- Symbolik des Blutes als Machtfaktor und Ausdruck asexueller oder erotischer Dimensionen.
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Die Wiedergängerin zwischen Wunschtraum und Double
Lag der Fokus der bisherigen Untersuchung auf den weiblichen blutsaugenden Geschöpfen der westeuropäischen Literatur, so soll im Folgenden die Gestalt der “russischen” Wiedergängerin (Gogol’s “Vij” ausgeschlossen) ins Blickfeld gerückt werden, deren Spuren im allgemeinen Diskurs der Vampirliteratur beinahe unauffindbar sind. Dies mag vor allem auf die quantitative Vertretbarkeit des Vampirmotivs in der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts zurückzuführen sein, die sich zwar durchaus den metaphorischen Vampirismus als Motiv zu eigen macht (siehe etwa Puškins “Pique Dame”, Turgenevs “Klara Milič”), doch der reale Vampirismus, insofern er “real” sein kann, ist hier äußerst defizitär.
In starker Anlehnung an die Blutsauger der westeuropäischen, schwarzromantischen Literatur entstanden, was auf “literarische Impulse der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts [...] aus Frankreich” zurückzuführen ist, können die Vampire der russischen Literatur durch ihre Romantisierung der “westlichen Vampirerzählung” zugerechnet werden, so Christoph Augustynowicz. Diese etwas vage Aussage subsumiert zwar Romantisierung der Vampirgestalten der russischen Literatur, die eine Verknüpfung der Liebesthematik mit der des Vampirismus beinhaltet, doch spricht diese zeitgleich der “russischen” Wiedergängerin das Anrecht auf Eigenartigkeit und Eigenständigkeit ab; denn trotz vieler Parallelen zu den weiblichen Blutsaugern der westeuropäischen Literatur unterscheidet sich die “russische” Adaption des Wiedergängerin-Motivs deutlich von ihren romantischen Vorbildern.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Definition der literarischen Imago der Frau und Hinführung zur Fragestellung bezüglich der Wiedergängerin im 19. Jahrhundert.
2. Pathologie einer “Mörderin”: Die literarische Genese der Wiedergängerin: Untersuchung der mythologischen und literarischen Ursprünge der Vampirfigur im Kontext der Schwarzen Romantik.
3. Die Rezeption des Wiedergängerin-Motivs in der russischen Literatur Mitte des 19. Jahrhunderts: Aleksej Tolstoj - Ivan Turgenev: Detaillierte Analyse der Ausprägung dieses Motivs in russischen Schlüsselwerken unter besonderer Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Machtdynamiken.
4. Schlussbetrachtung: Zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse, insbesondere zur Ambivalenz und zum spezifischen Versagen der russischen Wiedergängerin im Vergleich zum westlichen Pendant.
Schlüsselwörter
Wiedergängerin, Russische Literatur, Vampirismus, 19. Jahrhundert, Femme fatale, Schwarze Romantik, Aleksej Tolstoj, Ivan Turgenev, Geschlechterrollen, Vagina dentata, Symbolik des Blutes, Doppelgängerin, Phantastische Literatur, Machtverhältnisse, Genderstudies
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Masterarbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das literarische Motiv der weiblichen Vampirfigur, der Wiedergängerin, in der russischen phantastischen Literatur der Mitte des 19. Jahrhunderts.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentral sind die literarische Genese des Motivs, die Transformation von der "femme fragile" zur "femme fatale" sowie die Einbettung der Wiedergängerin in das Machtgefälle der Geschlechter.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist festzustellen, ob sich die Imago der "russischen" Wiedergängerin signifikant von ihren westlichen Vorbildern abhebt und warum sie in ihren Taten häufig "versagt".
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die verschiedene Textzeugnisse von Autoren wie Aleksej Tolstoj und Ivan Turgenev unter Zuhilfenahme kulturwissenschaftlicher und feministischer Forschungstheorien untersucht.
Welche Aspekte stehen im Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil behandelt die Rezeption des Wiedergängerin-Motivs in spezifischen russischen Erzählungen, die symbolische Bedeutung des Blutes und die Konstellation von Täter-Opfer-Beziehungen.
Welche Schlagworte charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem: Wiedergängerin, Vampirismus, russische Literatur, Geschlechterrollen und die Ambivalenz der weiblichen Identität im Fin de Siècle.
Was unterscheidet die "russische" Wiedergängerin von westlichen Varianten wie Carmilla?
Während westliche Varianten oft eine aktivere, sexuell aggressive Komponente zeigen, zeichnet sich die russische Wiedergängerin häufig durch eine asexuelle Dimension und eine stärkere Einbindung in eine passive oder devot inszenierte Rolle aus.
Welche Rolle spielen religiöse Symbole in der Darstellung der Wiedergängerin?
Religiöse Symbole wie das Kreuz dienen als Instrumente der Machtenthebung, die das als "diabolisch" geltende Wesen der Wiedergängerin in seine patriarchalen Schranken verweisen.
- Citation du texte
- Irina Frey (Auteur), 2011, Die Lust am Töten - Der weibliche Vampir in der russischen Literatur von Aleksej Tolstoj und Ivan Turgenev, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/194858