Descartes' Gottesbeweise in den Meditationen


Hausarbeit, 2012

16 Seiten


Leseprobe

1. Einleitung

Eine unumstoRliche, unzweifelhafte Wahrheit, „etwas Festes und Bleibendes in den Wissenschaften“1, hat hochste Prioritat in Rene Descartes‘ Meditationes de prima philosophia. Um dies bewerkstelligen zu konnen, benotigt Descartes nicht nur die Erkenntnis der eigenen Existenz, sondern auch die der Existenz Gottes. Schon in seinem Schreiben an die Sorbonne erklart er, dass die Frage nach Gott „eher mit Hilfe der Philosophie als der Theologie gefuhrt werden muR [sic].“2 Obwohl es fur ihn, als auch fur uns Glaubige, so schreibt Descartes weiter, „ausreichend ist, aus dem Glauben heraus zu glauben, daR [sic] [...] Gott existiert,3 scheint die Beantwortung dieser Frage fur seine Untersuchungen dennoch notwendig zu sein; sodass Descartes in der Dritten und Funften Meditation gleich zwei unterschiedliche Gottesbeweise konstruiert. Ziel der folgenden Untersuchung ist es, die Positionen dieser beiden Gottesbeweise in ihrem Verhaltnis zueinander und hinsichtlich ihrer Rolle in der Argumentationsstruktur der Meditationen insgesamt zu erarbeiten. Im Ersten Teil der folgenden Betrachtungen werden die wesentlichen Voraussetzungen erarbeitet, um sich anschlieRend dem ideentheoretischen Gottesbeweis der Dritten Meditation und dem ontologischen Gottesbeweis der Funften Meditation im Einzelnen zu widmen. Die Einzelbetrachtungen fuhren im weiteren Verlauf der Untersuchung sowohl zu einer Analyse des Bedeutungszusammenhangs beider Beweise, als auch zu einer Aussage hinsichtlich ihrer Stellung in Descartes Meditationen. Hierbei ist das Werk von Dominik Perler zu erwahnen, welches fur die folgenden Betrachtungen sehr hilfreich war.

2. Wesentliche Voraussetzungen fur die Gottesbeweise

2.1. Der methodische Zweifel

Um seinem vorderstem Anliegen, die Wissenschaften neu zu fundieren, gerecht zu werden, sind die ersten beiden Meditationen der Suche nach einer Ausgangsbasis gewidmet. Dafur begibt sich Descartes in eine immer tiefer dringende Meditation, die nach und nach Alles, das meditierende Ich umgebende, in Zweifel zieht:

„Nun habe ich alles, was bislang als ganz wahr habe gelten lassen, entweder von den Sinnen oder vermittelt durch die Sinne erhalten. Aber ich habe entdeckt, daR [sic] die Sinne zuweilen tauschen, und Klugheit verlangt, sich niemals blind auf jene zu verlassen, die uns auch nur einmal betrogen haben.“4

In seinem Zweifeln sieht er einen Weg, den Geist frei zu machen und fur vorurteilsfreie Uberlegungen zu offnen. Er will einen zweifelsfreien Ausgangspunkt fur seine Argumentationen finden. Dabei sind die Zweifelsgange methodisch in Stufen nach den Grunden der Bezweifelbarkeit geordnet. So stellt die Unzulassigkeit der menschlichen Sinne das Fundament fur die Bezweifelbarkeit alltaglicher Wahrnehmung der AuRenwelt dar. Dieser Zweifel, hinsichtlich der „kognitiven Grundlage5, ist allerdings noch kein radikaler Zweifel, denn er bezieht sich nur auf eventuell falschliche, zweifelhafte Informationen von Gegenstanden, die uns die Sinne vermitteln wollen, nicht aber auf die Existenz der Gegenstande. Aus der darauffolgenden Thematisierung der zweifelhaften Wahrnehmung von Wach- und Traumzustand lasst sich Descartes' Bezweifelbarkeit aller Inhalte der Selbstwahrnehmung, bzw. des „kognitiven Zustands“6 des Ichs erklaren. Descartes ist der Ansicht, „daR [sic] der Wachzustand niemals aufgrund sicherer Anzeichen von Traum unterschieden werden kann“7 und daher nicht nur die Wahrnehmung der Dinge, sondern auch deren Existenz in Frage gestellt werden. Die letzte Stufe des methodischen Zweifels beinhaltet die Annahme der Existenz eines ubermachtigen Wesens, eines „boshaften Genius8 der jeden tauscht. Dadurch wird alles, selbst was vorher noch als unbezweifelbar galt, in Frage gestellt. Hier zeigt sich in den Meditationen zum ersten Mal, dass fur Descartes' Untersuchungen der Begriff Gott eine wichtige Rolle spielen wird, bzw. es zu klaren gilt, ob ein boshafter oder gut gesinnter Gott existiert.

2.2. Die Erkenntnis der eigenen Existenz

Zunachst aber sieht sich Descartes in der Zweiten Meditation mit der Frage konfrontiert, was an Wahres noch ubrig bleibt und ob es uberhaupt etwas Zweifelfreies gibt. Mit der Voraussetzung des methodischen Zweifels gelangt Descartes zu der Auffassung, dass ein denkendes Etwas existieren muss, da das Denken als solches auch ohne Korper moglich ist. Folglich kann selbst der „boshafte Genius“9 niemals bewirken, dass Descartes nichts ist, „solange er denkt, dass er etwas ist10. Seine Existenz als res cogitans, als „denkendes, einsehendes, behauptendes, bestreitendes, wollendes, nicht wollendes, und auch etwas sich vorstellendes und sinnlich wahrnehmendes Ding“11 ist somit ausnahmslos wahr. Damit ist eine absolut sichere Erkenntnisgrundlage gefunden, mit deren Hilfe er seine Untersuchungen fortfuhren kann. Besondere Aufmerksamkeit gilt vor allem der Charakteristik des so genannten Cogito- Arguments, welches im Folgenden naher erlautert werden soll.

Zunachst ist zu sagen, dass lediglich der Denkakt von Bedeutung ist. Die Formulierung ,Ich sehe ein Haus‘ kann nicht als klar und deutlich erfasst werden, denn angesichts des radikalen Zweifels besteht die Moglichkeit, dass man gar kein Haus sieht, sondern es sich um eine Tauschung der Sinne handelt. Im Gegensatz dazu ist die Formulierung ,Ich denke, dass ich ein Haus sehe‘ absolut zweifelsfrei, da man lediglich darin getauscht werden kann, was man denkt, aber nicht, dass man denkt. Fur Descartes ist es von besonderer Relevanz, dass allein dem Geist es moglich ist, einen Denkakt zu vollziehen. Eine weitere Besonderheit stellt die Selbstbestatigung des Cogito dar. Um zweifelsfrei zu erkennen, dass man denkt, ist es ausreichend, einen Denkakt zu vollziehen. Etwas zu sehen oder etwas zu tun, setzt die tatsachliche Existenz des Korpers voraus. AuRerdem kann zur Einhaltung der Pramisse auch ,Ich empfinde‘, ,Ich stelle mir vor‘ gultig sein, da es sich hier um einen Bewusstseinsvollzug handelt, welcher den Denkakt reprasentiert: „Denn daR [sic] ich selbst es bin, der ich zweifle, der ich einsehe, der ich will: das ist so offenkundig, dass sich nichts findet, durch das es noch evidenter erklart werden kann.“12

Unklar bleibt jedoch, wie sich diese Existenz darstellt. Da der betrugende bose Geist noch nicht auszuschlieRen ist, kann keine Gewissheit uber Wahrnehmung und damit auch nicht uber Korperwahrnehmung und korperliche Existenz gegeben sein. Was bleibt ist das Ich als ein denkendes Ding. Davon abgesehen, bleibt jedoch alles ungewiss, insoweit ein allmachtiger Gott zu unterstellen ist, der damit in der Lage ware, alles nur als bewirkte Irrtumer hervorzubringen. Insbesondere wenn dieser Gott in betrugerischer Absicht agieren wollte. Um also Aussagen uber die Existenz von materiellen Dingen und Korpern machen zu konnen, muss untersucht werden, ob es einen Gott gibt und ob dieser gegebenenfalls ein Betruger ist.

3. Der Gottesbeweis der Dritten Meditation

3.1. Die Ideenlehre

Fur die Klarung der moglichen Existenz Gottes ist die sichere Erkenntnis der eigenen Existenz unzureichend. Descartes ist der Ansicht, dass es zunachst zu untersuchen gilt, wie die Idee eines Gottes entsteht. Dies ist vor allem Voraussetzung fur den ideentheoretischen Gottesbeweis der Dritten Meditation, welcher im spateren Verlauf dieses Kapitels analysiert wird. Fur die Errichtung eines neuen Wissenssystems reicht es also nicht aus, ein unbezweifelbares Fundament zu haben. Man benotigt auch Meinungen bzw. Ideen, die auf dieser Grundlage beruhen und im Gegensatz zu den falschen und bezweifelbaren Meinungen des alten Wissenssystems wahr sind.13

[...]


1 Siehe: Rene Descartes, Meditationes de prima philosophia. Meditationen uber die Grundlagen der Philosophie. Latein-Deutsch. Ubers. und hrsg. von Christian Wohlers. Hamburg 2008, Seite 33. [Im Folgenden abgekurzt durch Descartes: Meditationes de prima philosophia.]

2 Siehe: Ebd. Seite 3.

3 Siehe: Ebd. Seite 3.

4 Siehe: Ebd. Seite 35.

5 Siehe: Dominik Perler, Rene Descartes. hrsg. von Oscar Beck. Munchen 1998, Seite 74. [Im Folgenden abgekurzt durch Perler: Descartes (Munchen 1998).]

6 Siehe: Ebd. Seite 74.

7 Siehe: Descartes: Meditationes de prima philosophia, Seite 37.

8 Vgl.: Ebd. Seite 43.

9 Vgl.: Descartes: Meditationes de prima philosophia, Seite 43.

10 Vgl.: Ebd. Seite 49

11 Siehe: Ebd. Seite 57.

12

Siehe: Descartes: Meditationes de prima philosophia, Seite 57.

13 Vgl.: Perler: Descartes (Munchen 1998), Seite 149.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Descartes' Gottesbeweise in den Meditationen
Autor
Jahr
2012
Seiten
16
Katalognummer
V194967
ISBN (eBook)
9783668716803
ISBN (Buch)
9783668716810
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
descartes, gottesbeweise, meditationen
Arbeit zitieren
Fabian Roll (Autor), 2012, Descartes' Gottesbeweise in den Meditationen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/194967

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