Liturgisches Lernen in der Realschule anhand der Eucharistie


Wissenschaftliche Studie, 2011

85 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Gliederung

0. Einleitung

1. Allgemeine Sakramentenlehre
1.1 Zugang
1.1.1 Der anthropologische Ansatz
1.2 Biblisch-theologische Grundlegungen
1.2.1 Der Begriff mysterion in der Heiligen Schrift
1.2.2 Der Begriff mysterion im Alten Testament
1.2.3 Der Begriff mysterion im Neuen Testament
1.3 Die Besonderheiten der Sakramente
1.4 Religionsgeschichtliche Entwicklung
1.4.1 Das mysterion in der griechischen Patristik
1.4.2 Das sacramentum in der lateinischen Patristik
1.4.3 Verschmelzung von mysterion und sacramentum
1.4.4 Die scholastische Theologie
1.4.4.1 Begriffklärung
1.4.4.2 Auffassungen und die Siebenzahl
1.4.4.3 Die Bedeutung der Sakramente in der Scholastik
1.4.5 Das Zeitalter der Reformatoren
1.4.6 Das Konzil von Trient (1545-1563)
1.4.7 Das zweite Vatikanische Konzil (1962-1965)
1.5 Systematische Entfaltung
1.5.1 Das Zeichen im Sakrament
1.5.2 Das Wort im Sakrament
1.5.3 Die Verbindung zwischen der Feier und dem Sakrament
1.6 Sakramente als persönliche Begegnung
1.7 Sieben Sakramente und ihre Gewichtung

2. Die Eucharistie
2.1 Hinführung und gegenwärtige Fragen
2.2 Begriffsklärung: Eucharistie
2.3 Biblische Hintergründe
2.3.1 Funktionen des Mahlhaltens
2.3.2 Die Mahlpraxis im Alten Testament
2.3.3 Das Pessachfest
2.3.4 Das letzte Abendmahl
2.3.5 Die Mahlfeier in den neutestamentlichen Gemeinden
2.3.6 Opfergestalt und Mahlcharakter in der Heiligen Messe
2.3.7 Das sühnende Blut als Zeichen des Neuen Bundes
2.4 Theologiegeschichtliche Entwicklung
2.4.1 Die Alte Kirche
2.4.2 Das Mittelalter
2.4.4 Das Zeitalter der Reformation
2.4.5 Das Konzil von Trient (1545-1563) und das II. Vatikanische Konzil (1962-1965)
2.5 Systematische Entfaltung
2.5.1 Der Begriff der Anamnese
2.5.2 Kulturanthropologische Betrachtung
2.5.3 Biblisch-theologische Betrachtung
2.5.4 Der Gedächtnischarakter in der Eucharistie
2.5.5 Zum Verständnis der Präsenz Jesu in der Eucharistiefeier
2.5.5.1 Die Alte Kirche im Mittelalter
2.5.5.2 Die Zeit der Reformatoren und das Konzil von Trient
2.5.5.3 Das 20. Jahrhundert
2.6 Der Aufbau der Messe
2.6.1 Allgemeiner Aufbau
2.6.2 Eröffnung
2.6.3 Der Wortgottesdienst
2.6.4 Die Feier der Eucharistie
2.6.5 Der Schlussritus

3. Die Liturgie und liturgisches Lernen
3.1 Begriffsklärung: Liturgie
3.2 Die liturgischen Farben
3.2.1 Begriffsklärung: Liturgische Farben
3.2.2 Die Entstehung des Farbkanons
3.2.3 Der liturgische Farbkanon heute
3.3 Die Liturgie im II. Vatikanischen Konzil (1962-1965)
3.4 Die Liturgiefahrigkeit des heutigen Menschen
3.5 Die Schule als Ort liturgischer Bildung
3.5.1 Begriffsklärung: Liturgische Bildung
3.5.2 Aspekte einer liturgischen Bildung
3.5.2.1 Humane Voraussetzungen
3.5.2.2 Theologische Voraussetzungen
3.6 Ziele liturgischer Bildung
3.6.1 Allgemeine Zielsetzungen
3.6.2 Liturgisches Lernen im Bildungsplan
3.7 Liturgie und liturgisches Lernen im Religionsunterricht
3.7.1 Die Aufgaben des Religionsunterrichts
3.7.2 Liturgische Erziehung im Religionsunterricht
3.7.3 Das performative Konzept als Form liturgischen Lernens
3.7.3.1 Begriffsklärung: Performativität - Performance - Inszenierung
3.7.3.2 Differenzierung: Performance - Performativität
3.7.3.3 Impulsgeber des performativen Konzepts
3.7.3.4 Das Konzept des Performativen Religionsunterrichts in Bezug auf die Liturgie
3.7.3.5 Die Rolle der Lernenden
3.7.3.6 Die Rolle der Lehrperson
3.7.3.7 Gefahren und Probleme des performativen Konzepts

4. Die Symboldidaktik als Alternative zum Performativen Religionsunterrichts
4.1 Aufgaben und Ziele
4.2 Begriffsklärung: Symbol
4.3 Charakterisierungen
4.3.1 Merkmale von Symbolen
4.3.2 Symbolauswahl und ihre Gefahren
4.4 Das symbolische Verständnis vom Abendmahl
4.5 Die Symboldidaktik im Religionsunterricht
4.5.1 Methoden der Symbolerschließung
4.5.2 Didaktik der Symbole

5. Resümee

6. Anhang
6.1 Abkürzungsverzeichnis
6.2 Quellenverzeichnis

0. Einleitung

Im heutigen Religionsunterricht geht es nicht mehr primär um die Vermittlung theologischer Inhalte, sondern vor allem um das lebensnahe Erfahren der biblischen Ereignisse in Verbindung mit dem Alltag der Kinder und Jugendlichen. Dabei spielt besonders die Gemeinschaft mit Jesus, aber auch die mit den Mitmenschen, eine zentrale Rolle. Dazu zählt zum einen die Anteilnahme an Jesu Leib und Blut und zum anderen die Eingliederung der Kinder und Jugendlichen in die Gemeinde, um ihnen die Form der Gemeinschaft näher bringen zu können. Der Empfang von Brot und Wein verbindet sie mit Jesus und ist folglich ein wichtiger Schritt in ihrem Leben. Das gemeinsame Mahlhalten stiftet Gemeinschaft, wie sie auch bei jedem Essen Jesu vorhanden war.

Die Aufgabe der Religionspädagogen ist daher klar bestimmt: Dieses Ereignis ist von zentraler Bedeutung für den Glauben und muss deshalb auch Gegenstand des Religionsunterrichts sein. Um ein grundlegendes Verständnis des Glaubens- geheimnisses anbahnen zu können, muss zunächst das Wesen der Liturgie in den Blick geraten. Nach der Erklärung des Begriffs, dem Rückblick auf das Verständnis der Liturgie im II. Vatikanischen Konzil und der Klärung der Frage nach der heutigen Liturgiefähigkeit des Menschen, soll die liturgische Bildung in der Schule betrachtet werden.

Für den Erfahrensprozess entscheidend ist auch das Spürbarwerden des Mysteriums. Dies kann vor allem durch den unmittelbaren Mitvollzug an der Eucharistiefeier geschehen, was aber innerhalb des schulischen Raumes nicht möglich ist. Trotzdem kann der Religionsunterricht Erfahrungen mit dem Glauben ermöglichen. Eine Gelegenheit des kreativen Umgangs mit dem Abendmahlsgeschehen bietet das performative Lernen. Beginnend mit der theoretischen Betrachtung soll eine genaue Bestimmung und Abgrenzung der Begrifflichkeiten erfolgen. Im nächsten Schritt geschieht die Verbindung der Liturgie mit den Möglichkeiten und Grenzen des performativen Konzepts - eine praktische, schulbezogene Sichtweise. Abschließend wird die Symboldidaktik, als Alternative zum performativen Lernen, vorgestellt.

Zunächst soll aber die Gesamtheit der Sakramente und ihr theologischer Hintergrund betrachtet werden, besonders jedoch die Eucharistie, als eines von sieben Sakramente. Im Folgenden spielen also die Ursprünge und Entwicklungen der Sakramente eine Rolle.

1. Allgemeine Sakramentenlehre

1.1 Zugang

1.1.1 Der anthropologische Ansatz

Im Alltag des Menschen steht oft die Sorge um ein gelingendes Leben und eine glückliche Zukunft im Vordergrund.

Die Sakramente sind wichtige Punkte im Leben eines Christen. Durch sie soll der Mensch sein Tun und Handeln hinterfragen, indem sie ihn an Jesus Christus Person und Taten teilhaben lassen. Voraussetzung dafür ist, der feste Glaube an die Auferstehung Jesu von den Toten und die damit verbundene Heilsbringung. Eine feste Beziehung zwischen Gott und dem Mensch wird durch die Sakramente gegeben. Sie verbinden zwei voneinander verschiedene Media miteinander. Obwohl auf der einen Seite die Sakramente als Hindernis für einen direkten Kontakt von Mensch und Gott gesehen werden, so sind sie doch auf der anderen Seite der Zugang zu einer Dimension, in der die erhoffte Unmittelbarkeit nicht opportun ist.

Die Kirche und der Glaube gehen davon aus, dass bei der Feier der Sakramente Gott selbst in ihnen wirkt und den Menschen durch den Empfang des Sakraments in sein Leben mit aufnimmt und ihn seine barmherzige Zuwendung spüren lässt. Der Ritus, der bei dem Empfang des Sakraments vollzogen wird, ist sichtbares Zeichen für etwas Unsichtbares (Gott), was dem Mensch vor Augen geführt wird und an dem er Anteil nehmen kann. Der Mensch ist zu bildhafter Verständigung fähig und davon abhängig. Er zeigt immer mehr Interesse an Ritualen, die ihm in der Undurchsichtigkeit des Lebens Halt und Sicherheit geben. Die Sakramente sind solche Rituale, die ihm persönlich im Leben begegnen. Aber sie sind mehr als Riten; sie wollen über das Menschsein hinausführen und es somit vollkommen machen. Nichtgläubigen stellt sich natürlich die Frage, ob es nicht anmaßend ist anzunehmen, dass Gott genau zu dem Zeitpunkt handelt, wo bestimmte Gesten und Worte getätigt bzw. gesprochen werden. Doch der Christ hält dabei an seinem Glauben fest, der ihm die Gnade Gottes zusichert. Durch die Menschwerdung und die Auferstehung Jesu von den Toten hat er uns vom ewigen Tod befreit und uns neues Leben geschenkt. Daran wird auch immer wieder in den Sakramenten erinnert und dies zeigt, dass uns Gott seine Gnade und Zuwendung zu jeder Zeit schenkt.

Um dem Mensch die Sakramente näher zu bringen, versucht die neuere Theologie ihn in das Zentrum zu bringen, um damit die Zugänglichkeit der Sakramente zu erleichtern. Für den Empfang der Sakramente ist eine gewisse Einstellung des Menschen erforderlich. Er muss sich zum einen freimachen und aufnahmebereit sein, für das, was Gott in den Sakramenten schenken will und sich zum anderen öffnen für die eigentümliche Weise, wie die sakramentale Gabe geschenkt wird. Nach der Anthropologie ist das „Menschsein von sich her immer schon „sakramental“ angelegt, weil es sich in Symbolen ausdrückt und verleiblicht“, wobei primär der „eigene Leib, der Ausdruck der menschlichen Person ist“1, betrachtet werden muss. Er beschreibt den Menschen subjektiv in seiner Handlungsweise, seinem Tun und seinem Verstandgebrauch. Sakramente bedienen sich der Gnade Gottes und berufen sich dabei auf den Mittler Jesus Christus.

Dieser anthropologische Ansatz hat jedoch auch kritische Stimmen wach werden lassen: Thomas FREYER unterstellt ihm, dass die Sakramente zu sehr für das menschliche Verlangen und Bestreben missbraucht werden. Es besteht dabei die Gefahr, dass die Sakramente eine falsche Bedeutung bekommen, wenn sie „als Symbole menschlichen Ausgreifens auf Transzendenz gedeutet werden, statt als Widerfahrnisse der göttlichen Transzendenz“.2 Die christliche Bedeutung der Sakramente würde dann missbraucht, wenn der Mensch die Sakramente nur zur Heil und Sinnerfüllung benutzt.

1.2 Biblisch-theologische Grundlegungen

1.2.1 Der Begriff mysterion in der Heiligen Schrift

„ Sacramentum “ ist der lateinische Begriff für das griechische Wort (mysterion). Seit der Scholastik existiert die Bezeichnung „Sakrament“. Es sind keine weiteren Ausdrücke bekannt, die dazwischen vorkamen. Mysterion wird im Deutschen mit dem Wort Geheimnis übersetzt, geht jedoch über den Begriff hinaus.3 Die Heiden bezeichnen mit dem Begriff ihre philosophischen Lehren und religiösen Bräuche.4

In der griechischen Zivilisation wurde der Begriff immer mit dem Kult verbunden. Das Segment my bezeichnet „das Schließen der Augen und des Mundes“.5 Myste ist der Eingeweihte in den Kult, der an dem Ereignis nicht selbsttätig teil hat, sondern innerlich davon ergriffen wird. Folglich „wird der Inhalt des Kultes und auch das Kultgeschehen selbst mysterion genannt“.6 Das Mysterium des Kultes ist das ewige Leben, das durch den Tod neu geschenkt wird. Dieses Mysterium wird nicht allein durch bloße Lehren zu teil, sondern kann nur durch Erfahrungen des aktiv am Kult beteiligten Mensch erfolgen.

Mit dem mysterion wird der Tod und die Auferstehung Jesu und der daraus folgende Anbruch der Gottesherrschaft beschrieben. An ihr haben die Menschen teil, die Jesus nachfolgen. Deutlich wird dies besonders bei Paulus, der Jesus als „das Geheimnis der verborgenen Weisheit Gottes“ (1 Kor 2,2.7.8) beschreibt. Dieses Geheimnis verknüpft Paulus mit der gläubigen Gemeinschaft, die das Wort Gottes und Jesus Wirken hört.

Sakramentales Denken meint die Vorstellung, dass Gottes Nähe durch historische Ereignisse, Geschehnisse und Zusammentreffen für den Menschen spürbar wird. Sie wird für ihn durch eigene Erfahrungen greifbar. Natürlich kann es keine diesseitigen Beweise dessen, ohne Glauben geben. Wichtig ist die Auslegung des Ereignisses bzw. der Erfahrung in Verbindung mit dem Glauben.

1.2.2 Der Begriff mysterion im Alten Testament

Diese Erfahrungsbereiche tauchen schon im Alten Testament auf: In Exodus erlebt das von Gott auserwählte Volk Israel Jahwe als den Retter und Befreier aus der Gefangenschaft des Pharaos von Ägypten. Auch heute noch erinnern die Juden mit dem alljährlich stattfindenden Pessachfest an dieses Ereignis.

Gottes Nähe zeigt sich außerdem in der Tora, welche das Volk Israel laut Überlieferung am Berg Sinai bekam. Sie enthält die fünf Bücher Moses und somit den Auszug aus Ägypten. Sie ist „kein leeres Wort, das ohne Bedeutung für euch wäre, sondern [sie] … ist euer Leben“ (Dtn 32,47). Es wird deutlich, dass die gesamte Historie des Volkes Israel aus Zeichen besteht. Positive (Befreiung aus der Gefangenschaft, Durchzug durch das Rote Meer, … vgl. 2. Mose, 11-15) wie auch negative Ereignisse (Führung ins Exil) zeigen Gottes Anwesenheit. Auch wenn das Volk immer wieder murrt und sich gegen Moses und Jahwe lehnt, hält er ihnen die Treue.

Weitergefasst kann die gesamte Erschaffung der Welt und ihren Geschöpfen als Zeichen Gottes gedeutet werden. In ihr offenbart sich seine ganze Stärke und Güte. Jedoch liegt ein Schatten über dem Gesamten: Der Mensch macht sich die Schöpfung zueigen und verdirbt sie durch seinen Egoismus. Deshalb ist die Welt zerrissen: Sie ist „Zeichen der wohlwollenden und mächtigen Zuwendung Gottes, aber auch Zeichen der Sünde und Erlösungsbedürftigkeit“.7

1.2.3 Der Begriff mysterion im Neuen Testament

Im Neuen Testament kommt es in Verbindung mit dem den Jüngern anvertrauten Geheimnis vom Reich Gottes vor, das den anderen Menschen in Form von Gleichnissen verborgen bleibt (vgl. Mk 4,11).

Jesus zeigt sich als „das Geheimnis, das verborgen gewesen ist von der Welt her und von den Zeiten her. Nun aber ist es offenbart seinen Heiligen […] dieses Geheimnis […], welches ist Christus in euch“ (Kol 1,26-27). Jesus offenbart sich dem Mensch als das mysterion. Er kommt auf die Erde und tut, wie Gott im Alten Testament, Zeichen und Wunder. Gott erweist uns durch ihn seine Gnade. Das bedeutendste Ereignis ist hier wohl der Tod und vor allem die Auferstehung Jesus Christus, wodurch er den Mensch erlöst und ihm neues Leben schenkt. Die Bedeutung des mysterion wird auf verschiedenen Ebenen deutlich: nach theozentrischem Verständnis ist es der „Heilsplan Gottes selbst“8 ; „in christologischem Zusammenhang die Weise, wie dieser sich in Jesus Christus verwirklicht, und meint in sotriologischer Verwendung die Einbeziehung des Menschen in das Geheimnis Jesus Christus“.9 Jesus ist der Mittelpunkt, der gleichzeitig Gott und Mensch ist. Er wirkt als erlösendes, rettendes und verzeihendes Zeichen der Gegenwart Gottes: „Niemand hat Gott je gesehen: der eingeborene Sohn, der in des Vaters Schoß ist, der hat es uns verkündigt“ (Joh 1,18). Die Präsenz Jesus wird durch die Verkündigung in der Gemeinde deutlich. Johannes schreibt: „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns“ (Joh 1,14). Auch in der nachösterlichen Gemeinde und der Apostelgeschichte lassen sich zahllose Belege für das Zeichen, welches Jesus ist, wiederfinden: „Jesum von Nazareth, […], von Gott unter euch mit Taten und Wundern und Zeichen erwiesen“ (Apg 2,22). Jesus lässt auch nach seiner Auffahrt in den Himmel die Menschen durch die Jünger und Apostel seine Anwesenheit spüren: „In meinem Namen werden sie Teufel austreiben […] auf die Kranken werden sie die Hände legen, so wird´ s besser mit ihnen werden“ (Mk 16,17-18). Die Gemeinde nimmt die Zeichen Jesu in ihr Leben auf, wie beispielsweise das Brotbrechen. Es ist ein praktisches und praktiziertes Zeichen, welches an das Abendmahl mit den Jüngern erinnert. Weitere Zeichen des Wirken Jesu im Neuen Testament sind die Handauflegung, die als Geste der Heilung, Segensspende oder Bevollmächtigung eingesetzt wurde, die Fußwaschung - sie dient der Reinigung der Seele und wurde oft aus Gastfreundschaft getan. Vor dem letzten Abendmahl wäscht Jesus seinen Jüngern die Füße. Er erniedrigt sich somit, gibt aber den Jüngern ein Beispiel, wie sie es ihm nachtun sollen: „Der Knecht ist nicht größer denn sein Herr, noch der Apostel größer denn der ihn gesandt hat“ (Joh 13,16).10

1.3 Die Besonderheit der Sakramente

Die Kirche und auch die Gläubigen sehen die Sakramente im Mittelpunkt ihres Glaubens. Doch stellt sich dann die Frage, nach dem besonderen Wesen und der außerordentlichen Verbindung der Sakramente untereinander. Der Oberbegriff „Sakrament“ umfasst die Verschmelzung von Zeichen und Gehalt in ihm. Nach außen kann der Mensch den Ritus und die Handlungen wahrnehmen, aber was innerlich geschenkt wird und damit nicht für ihn sichtbar, sondern nur spürbar ist, dass ist die Güte und das Erbarmen Gottes. Im Sakrament werden folglich zwei Dimensionen miteinander verbunden: Sichtbares und Verborgenes, Diesseitiges und Göttliches, wobei das Eine erst durch das Andere erreichbar wird. Nun tritt aber die Problematik auf, dass Gott und Mensch nur durch die Sakramente miteinander verbunden sein müssten. Doch es lassen sich auch weitere Verbindungspunkte in der Bibel finden: Zunächst wird Gott dem Mensch in der Schöpfung sichtbar. Er hat die Welt und seine Lebewesen, wozu auch der Mensch zählt, erschaffen. Seine Fürsorge für die gesamte Schöpfung wird dem Mensch speziell in den Gaben deutlich, die er ihm Tag für Tag schenkt. Jesus hat die Fürsorge Gottes verdeutlicht: „Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen, was werden wir trinken, womit werden wir uns kleiden? […] Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr des alles bedürftet“ (Mt 6, 31-32). Insofern ist die Schöpfung sakramental, als das sie die Weisheit und Gnade Gottes wiederspiegelt.

Ein weiterer Verbindungspunkt wird in der Geschichte sichtbar: Die Bibel charakterisiert die „Geschichte Gottes mit den Menschen als über die Schöpfung hinausgehenden Selbstkundgabe Gottes“.11 Das heißt: Gott ist in der Schöpfung gegenwärtig und fungiert in ihr. In vielen historischen Ereignissen ist er tätig und wird so für den Menschen sichtbar: Er führt das israelitische Volk aus der Gefangenschaft der Ägypter und erscheint ihnen beim Durchzug durch das Rote Meer in einer Feuer- bzw. Wolkensäule (vgl. Ex, 14). Weiterhin gibt er sich Moses in einem brennenden Dornbusch zu erkennen, was seine Selbstoffenbarung merklich werden lässt (vgl. Ex, 3- 4). Im Hinblick auf das Pessachmahl und die Beschneidung wird deutlich, dass Geschichtsereignisse zu Gedächtnisereignissen geworden sind, die auf den Schöpfer hinweisen.

Ein weiterer Verbindungspunkt zwischen dem Irdischen und Überirdischen ist Jesus Christus. Er ist Mittler und Heilsbringer. Die Anwesenheit Gottes wird in ihm und durch ihn dem Mensch zuteil. Jesus verbindet die irdische Gestalt mit dem Allmächtigen. Er ist „im höchsten Sinn Sakrament, „Ur-Sakrament“, das in unüberbietbarer Weise verwirklicht, was das Wesen des Sakramentes ausmacht: das Ineinander von Göttlichem und Menschlichem“.12 Demnach kann es keine Trennung zwischen Sakrament und Jesus Christus geben.

Der letzte Verbindungspunkt, der hier angeführt werden soll, ist die Kirche, in der die Worte Jesus und des Herrn in der Liturgie zu finden sind und die Präsenz in den Sakramenten, vor allem in der Eucharistiefeier, spürbar wird. In der Apostelgeschichte wird die Kirche erwähnt: „So habt nun acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, unter welche euch der heilige Geist gesetzt hat zu Bischöfen, zu weiden die Gemeinde Gottes“ (Apg 20,28). Gott ist mit der Kirche verbunden; er und der Mensch wirken in ihr; die Kirche handelt im Namen Gottes, so dass „das kirchliche Handeln ein konkreter Ausdruck des göttlichen Wirkens ist“.13

1.4 Religionsgeschichtliche Entwicklung

1.4.1 Das mysterion in der griechischen Patristik

In der westlichen Kirche überschneiden sich schon vom 2. Jh. an die Begriffe (mysterion) und sacramentum. Die Apologeten bezeichnen die Botschaft des christlichen Glaubens als die wahren Mysterien. Infolge dessen bedeutet das für das Neue Testament, dass es nicht, wie nach paulinischer Auffassung, ein mysterion gibt, sondern etliche. JUSTIN († 165), ein Philosoph unter den Apologeten, bringt den Begriff aus kritischer Sicht mit der Liturgie in Verbindung und bezeichnet „die Mysterienkulte als dämonische Nachahmung der prophetisch vorausverkündeten Feier von Taufe und Eucharistie“.14 Demzufolge sind die christlichen Rituale die eigentlichen Mysterien. Die liturgischen Vorgänge „sind Sinnbilder der Heilsereignisse, welche die Teilhabe an Tod und Auferstehung Jesu Christi gewähren“.15 Demnach werden die Heilsereignisse aus dem Alten und auch Neuen Testament als Mysterien benannt, vorausgesetzt sie beinhalten das Christusereignis. Das mysterion um Leben, Tod und Auferstehung Jesu wurde bereits vor seiner Zeit angedeutet und lebt jetzt in christlich- kirchlichen Zeremonien weiter. In ihnen wird Christus durch Symbole und Zeichen für den Menschen sichtbar. Sie lassen ihn an Jesu Tod und Auferstehung teilhaben.16

1.4.2 Das sacramentum in der lateinischen Patristik

Der lateinische Begriff sacramentum kommt aus dem nordafrikanischen Gebiet. Wird das Wort in seine Einzelteile zerlegt, so bedeutet „sacr“ Wirkungskreis des Heiligen, Religiösen; „sacrare“ meint „etwas oder jemanden den Bereich des Heiligen zuweisen bzw. weihen“.17 Demzufolge beschreibt sacramentum eine „Weihehandlung“ oder ein „weihendes Mittel“.18

Im römischen Wortschatz bezeichnet sacramentum drei Vorgänge: Zum einen den Fahneneid, den Soldaten bei ihrer Rekrutierung abgeben mussten; den allgemeinen Eid in Zivilprozessen und zuletzt den Pfand streitender Parteien, der im Tempel hinterlegt werden musste. Alle drei Bezeichnungen beinhalten eine rechtliche Seite, die mit der Religiösen verbunden sind: „Eid und Fahneneid liefern dem Urteil der Gottheit aus, die Prozeßkaution fällt im Fall der Niederlage an ein Heiligtum“.19

1.4.3 Verschmelzung von (mysterion) und sacramentum

Bei der ersten Übersetzung der in lateinischer Sprache überlieferten Bibel, verwendeten die italienischen Philosophen den Begriff mysterion, wohingegen der Afrikaner TERTULLIAN († um 230) den Terminus sacramentum gebrauchte. Er bezeichnete als sacramentum auch die Taufe, als Einführung in die Gemeinschaft des Christentums und schließlich auch die Eucharistie, die Zugang zu Christus ist. Hinzu kommen auch „die Heilspläne Gottes, die Geschehnisse der alt- und neutestamentlichen Heilsgeschichte, die Sätze der Glaubenslehre, kirchliche Riten, der Eid und schließlich die ganze christliche Religion“.20

AUGUSTINUS († 430), einer der ansehnlichsten Philosophen zwischen Antike und Mittelalter, verwendet die beiden Begriffe bedeutungsgleich, indem er allgemein festlegt, dass mysterion und sacramentum sinnlich wahrnehmbare Sachverhalt sind, die jedoch nicht das was sie zu sein scheinen, sondern realitätsübersteigend sind. Als das bedeutungsvollste Sakrament, sieht er die Fleischwerdung Jesu an. Diese Form des Sakramentsbegriffs reichte bis in 12. Jahrhundert, woran sich die scholastische Auffassung anschließt.

1.4.4 Die scholastische Theologie (frühes Mittelalter)

1.4.4.1 Begriffklärung

Der Begriff Scholastik ist abgeleitet vom mittelalterlichen „scholasticus“, was mit dem Wort „Schulmeister“ oder adjektivistisch gesehen mit „schulisch“ übersetzt werden kann.21

1.4.4.2 Auffassungen und die Siebenzahl

Im Gegensatz zur Patristik, in der die Theologen das mysterion als Ganzes beleuchten und das Evangelium und die Glaubensinhalte der Bibel verkünden, versuchen die Scholastiker die einzelnen Teile getrennt voneinander zu betrachten und die Kirchenlehren, mit Vernunft und Verstand, akribisch zu analysieren. Aufgrund der analytischen Denkweise, fehlte die umfassende Betrachtung des Ganzen. Andererseits konnten Verzerrungen aufgedeckt werden. Ihr Vorbild war dabei nicht Platon, wie in der Patristik, sondern Aristoteles, ein namenhafter Logiker.

Ein zentraler Punkt in der Scholastik ist die Auffassung über die Anzahl der Sakramente, die bis dahin noch sehr unterschiedlich war. Bedingt durch die Zahlensymbolik wurden vorzugsweise zwei, drei, vier, neun oder 12 Sakramente genannt, wobei die Taufe und Eucharistie schon immer dazuzählten. Erst im Zuge der Systematisierung in der Scholastik kam es, Mitte des 12. Jahrhunderts, zur Festlegung der sieben Sakramente durch Petrus LOMBARDUS. Er definiert ein Sakrament als „Zeichen der göttlichen Gnade und eine Gestalt der unsichtbaren Gnade, dass es ihr Bild trägt und ihre Ursache bildet“.22 Die Siebenzahl setzt sich allmählich durch und wird 1274 im Konzil von Lyon lehramtlich aufgenommen.

1.4.4.3 Die Bedeutung der Sakramente in der Scholastik

Wesentlich muss hier die durch Gott hervorgebrachte Gnade genannt werden. Diese kann nur der Mensch erhalten, dessen Seele zum Empfang bereit ist. BONAVENTURA († 1274), ein bedeutender Lehrer der Franziskaner, machte entgegen der Auffassung, das Sakrament würde auf die Gnade vorbereiten, deutlich, dass Gott seine Gnade in der Feier des Sakraments spendet.23

Thomas von Aquin († 1274) geht mit dieser Auffassung nicht konform, denn demnach wären die Sakramente nicht der Anlass für die Gnade, sondern nur die Voraussetzung. Er übernimmt den Gedanken der Instrumentalkausalität, wonach die Sakramente Werkzeuge in der Hand Gottes sind und nur durch ihn und seine Gnade wirken können. Gott ist hier handelndes Subjekt.

Der Gedanke Thomas von Aquins spiegelt sich in dem Konzil von Florenz (1438-1445) wieder. Es legt die sieben Sakramente des Neuen Bundes fest, die da wären: Taufe, Firmung, Eucharistie, Buße, Letzte Ölung, Weihe, Ehe. Im Gegensatz zu den Sakramenten des Alten Bundes, die nur auf die Gnade hinwiesen, schließen sie die Gnade ein. Weiterhin legt das Konzil von Florenz fest, dass es drei Teile gibt aus denen der Empfang des Sakraments besteht: der Ritus bzw. die Zeichen, das Wort und die stiftende Person. Fehlt eines dieser drei Glieder, kann das Sakrament nicht gespendet werden.24

1.4.5 Das Zeitalter der Reformatoren

Grundlegend für die reformatorische Zeit ist Martin LUTHER († 1546) und seine Auffassung, die Sakramente könnten nicht ohne das Wort existieren, das Wort aber ohne die Sakramente. Folglich ist die Bedeutung dieser der Schrift zu entnehmen. LUTHER ist der Ansicht, dass das sakramentale Wort die frohe Botschaft ist, die sich an den Menschen richtet. Damit der Mensch es auch verstehen kann, führt LUTHER die Muttersprache in die sakramentalen Feiern ein.

LUTHER reduziert die Anzahl der Sakramente auf zwei: Taufe und Eucharistie. Wichtig ist ihm dabei, dass die Sakramente keine Form sind, um einen Christen zu erkennen. Auch kann die Gnade nicht durch eine Vervielfachung der Vollzüge vermehrt werden. Sakramente wollen den Glauben im Menschen erwecken und stärken.

Huldrych ZWINGLI († 1531) hingegen ist genau anderer Meinung: Er sieht die Sakramente als äußere Zeichen der Zugehörigkeit zum Christentum. Danach bewirken sie die Gnade nicht, sondern sind höchstens Symbol für die bereits gespendete Gnade.25

Johannes CALVIN († 1564) grenzt sich von der Auffassung der beiden Reformatoren ab und sucht den Mittelweg: „Sakrament heißt ein mit einem äußeren Zeichen bekräftigtes Zeugnis der göttlichen Gnade gegen uns, bei dem […] eine Bezeugung unserer Frömmigkeit Gott gegenüber stattfindet“ (J. Calvin).26 CALVIN erachtet es als vorteilhaft, dass nicht nur eine bloße Wortverkündigung in der Liturgie stattfindet, sondern die Sakramente eine sinnhafte Begegnung zwischen Gott und dem Mensch darstellen. Der Glaube ist nicht nur rein vom Verstand her zu verstehen, sondern kommt von Herzen.27

1.4.6 Das Konzil von Trient (1545-1563)

Als Antwort auf die Reformatoren bekräftigt das Konzil von Trient, unter PAPST PAUL III., die Siebenzahl der Sakramente, die schon bei den Scholastikern festgelegt wurden. Jedoch sind nicht alle gleichwertig. Die in den Sakramenten enthaltene Gnade wird durch den Ritus bzw. die Handlung gespendet und ist nicht vom Glauben her gegeben. Auch ist die Messe nicht mehr nur reines Mahl, sondern auch Opfer.28

1.4.7 Das zweite Vatikanische Konzil (1962-1965)

Während in der Zeit nach dem Konzil vor allem an den scholastischen Theorien festgehalten wurde und in der katholischen Kirche der Gesichtspunkt der Wirksamkeit im Zentrum stand29, erfolgte im 20. Jahrhundert ein grundlegender Wandel: Die Liturgie wird wiederentdeckt und somit kehrt auch die feierliche Haltung der Sakramente zurück. Die Gemeinschaft steht dabei im Mittelpunkt. Deshalb beginnt die Suche nach neuen Formen, die die Christen aktiv an der Liturgie teilhaben lassen und damit auch ein besseres Verständnis des Geschehens begünstigen. Das zweite Vatikanische Konzil betont die lebendige Teilnahme besonders. Darum wird die Symbolhaftigkeit der Sakramente wieder aufgegriffen30: „Das Sakrament ist eine dynamische Handlung, bildhaft-dramatisches Geschehen, in das möglichst alle Feiernden hineingezogen werden sollen; denn das Erleben ist ein wesentliches Element des Sakraments“.31 Die Wiederentdeckung der Liturgie und die Anknüpfung an die Alte Kirche lassen den Symbolcharakter wieder aufleben, der auch im heutigen Christentum noch vorherrscht und so die Gläubigen mit in die Feier einbezieht.32

1.5 Systematische Entfaltung

Systematisch betrachtet ist ein Sakrament in Leben und Wirken Jesu fundiert, schenkt die Gnade des Allmächtigen und besteht aus einem sinnlich wahrnehmbaren Zeichen und dem deutenden Wort. Nach althergebrachter Definition ist ein Sakrament „ein sichtbares Zeichen unsichtbarer und wirksamer Gnade, eingesetzt durch Christus zu unserer Rechtfertigung“.33 Heute geht die Kirche aber davon aus, dass das Sakrament Teil des Heiles ist, indem Gott sich zum Menschen hinwendet und so irdisch spürbar wird. Durch die Sendung Jesus zu den Menschen auf die Erde, kommt er ihnen entgegen. Die Kirche und die Sakramente sind „die Vergegenwärtigung und Ausfaltung dieses Heilsereignisses“.34 Sie gehen zurück auf das Leben Jesu und sind ein Andenken an sein Wirken. Die Sakramente bilden sein Werk, die Erlösung des Menschen von seinen Sünden, nach und sind daher eine Verschmelzung von göttlichem und menschlichem Tun. Sie sind eine Aufforderung an den Menschen, sein Leben in einer festen und innigen Beziehung zu Gott zu begehen. Folglich sind die Sakramente nicht nur Rituale, „die allein der Erhaltung des Bestehenden dienen […], sondern nehmen ihren Ursprung im Christusereignis, um von dort her Neues in die Wirklichkeit dieser Welt einzustiften“.35

1.5.1 Das Zeichen im Sakrament

Ausgangspunkt für den Empfang des Sakramentes ist eine Offenheit und Empfänglichkeit beim Menschen. Doch warum ist das äußere Symbol bzw. Ritus, also der Empfang des Brotes, so bedeutsam für die Person, wo doch Religion eine Herzenssache ist?

Der Grund dafür liegt in der notwendigen leibhaftigen Begegnung mit Gott und den Dingen: Der Mensch verwirklicht sich im künstlerischen Schaffen, nutzt Bilder zur Veranschaulichung einfacher und komplexer Vorgänge. Der Kontakt zu anderen Menschen ist leibhaftig, d.h. nur weil wir ein Leib haben und ein Leib sind, können wir in Beziehung zueinander treten.36 Dies ist meist auch mit der Verwendung von Gebärden verbunden, die in sich eine Symbolhaftigkeit besitzen. Außerdem können zusätzlich Dinge in den Kommunikationsakt einbezogen werden, wie beispielsweise ein Geschenk oder ein Ring, um die Zuneigung zur anderen Person auszudrücken. „In solchen Symbolen werden Zuwendung und Abneigung signalisiert, realisiert, erkannt und auch erfahren“.37 Der Mensch ist von solchen Wiederholungen von Erfahrungen abhängig. Besonders Kinder brauchen feste Riten. Sie geben ihnen ein Gefühl von Sicherheit. Das Sakrament ist ein derartiges Symbol, ein „realisierendes Zeichen“38, womit die Kirche den Empfang neuer Glaubenden bezeugt, wodurch die Christen ihren Glauben an den Gekreuzigten und Auferstandenen zeigen und ihre Zugehörigkeit zur Kirche. Der menschgewordene Gottessohn ist als Zeichen Gottes auf die Erde gekommen. Die Kirche vergegenwärtigt dieses Ereignis auf der ganzen Welt und erinnert an Wort und Werk Jesus Christus. Mittels der Sakramente wird das Geschehen dem Einzelnen zugänglich. Durch das Wort und Zeichen im Sakrament kann der Mensch eine Beziehung zu Gott eingehen, denn die Sakramente vermitteln sinnlich und lebendig das von Gott geschenkte Heil, das sich in Jesus Christus uns offenbart hat. Sie sind „Zeichen erlöster Welt, […] denn sie sind Ausdruck des Schöpfungsglaubens und der Vollendungshoffnung. Dabei zeigen sie die Richtung an, in der Erlösung und Vollendung zu suchen sind“.39 Dem Zeichen wohnt ein symbolischer Gehalt inne, der die Gnade veranschaulicht. Wesentlich dabei, ist die Hinführung zur einer „intensiv sinnhaften Wahrnehmung der elementaren Symbole“ und „zu ihrem heilsgeschichtlichen Gehalt, der aus dem Symbol nicht abgelesen werden kann“.40 Bei der Feier der Eucharistie findet sich beispielsweise die Geste des Händeausstreckens; eine bittende Geste, um das Herabrufen des Geistes.

1.5.2 Das Wort im Sakrament

Wie auch das Zeichen, hat das Wort im Sakrament einen besonderen Gehalt: Seit der Scholastik ist das Wort ein wesentliches Element des Sakraments, jedoch nicht das Sakrament selbst. Es erweckt neue Wirklichkeit. In ihm wird das Gesprochene lebendig. Gott ist für uns im Wort und Zeichen gegenwärtig. Immer wenn die Schriften vorgelesen werden, ist auch Jesus im Wort präsent. Die Macht und Stärke, die sich in Gottes Wort befindet, bestärkt die Kirche und ihre Gläubigen und ist ihnen eine Stütze im Leben. Wort und Zeichen sind Verkündigung der Botschaft Jesu.41 Im Wort teilt sich Gott dem Mensch mit. Erst dadurch wird im Sakrament deutlich, „in wessen Namen und Vollmacht die heilende Zuwendung […] geschieht“.42 Das Wort bringt das zum Ausdruck, was als Zeichen nicht dargestellt werden kann.

Wie auch beim Zeichen, muss beim Wort zwischen „informierender“ und „realisierender Funktion“43 differenziert werden: Eine informierende Aufgabe übernimmt das Wort, wenn es jemanden über einen Sachverhalt aufklärt, wie beispielsweise die Nachrichten das tun. Dagegen besitzt es einen realisierenden Charakter, wenn das Gesagte Tatsache wird, wie das zum Beispiel in einer Urteilsverkündigung der Fall ist. Es wird also zwischen privater und öffentlich- rechtlicher Ebene unterschieden. Je nach Anlass der Kommunikation ist es dem einen oder anderen zuzuschreiben. Bezogen auf das Sakrament ist das Wort ein realisierendes, d.h. wirklichkeitsstiftendes Wort. Es kann als Anrede verfasst sein: „Ich taufe dich…“, „So spreche ich dich los…“,44 wodurch aus dem Zeichenvollzug ein Begegnungsgeschehen entsteht.45 Oder es taucht als Erzählung auf: „Denn in der Nacht, da er verraten wurde, nahm er das Brot und sagte Dank, brach es…“.46

In der Feier der Sakramente darf das Wort nicht losgelöst vom Zeichen betrachtet werden und umgekehrt. Beide gehören unmittelbar im Ereignis zusammen.

1.5.3 Die Verbindung zwischen der Feier und dem Sakrament

Allgemein betrachtet findet eine Feier meist in Erinnerung an ein Ereignis (Geburtstag, Hochzeit, etc.) statt und muss dabei aber zweckfrei sein, denn sonst „ist ihr Wesen als Feier verfehlt“.47 Auch kann eine Feier Ausdruck der Hoffnung sein, wenn in Gedenken an eine/n Verstorbene/n gemeinsam ein Fest begangen wird. Ein markantes Merkmal der Feier ist die Gemeinschaft. Außerdem spielen das Wort (Glückwünsche, Danksagungen, etc.) und das Zeichen (Händedruck, Umarmung, etc.) bei der Feier eine wichtige Rolle.

Bei der Suche nach den Gemeinsamkeiten zwischen Sakrament und Feier, ist der gleichartige Charakter unübersehbar. Die Sakramente werden in der Gemeinschaft (Gemeinde) gefeiert und erinnern dabei an Person und Leben Jesu. Sie geben Hoffnung auf ein zukünftiges Leben und verkünden die frohe Botschaft. Die Gemeinschaft bildet also den Mittelpunkt der sakramentalen Feier. Auch schließt die Feier des Sakraments das aktive Handeln des Menschen ein. Wie in 1.5.2 schon erwähnt, spielen auch hier Wort und Zeichen eine besondere Rolle.48

1.6 Sakramente als persönliche Begegnung

In den Sakramenten trifft der Mensch auf Gott. Es ist ein wechselseitige Beziehung, in der „Gott in seiner unzerstörbaren Identität und Personalität dem Menschen Raum gibt“ und andersherum „in den Sakramenten erklärt sich der Mensch bereit, Gott Raum zu geben“.49 Eine solche Begegnung kann nur stattfinden, wenn der Mensch gläubig ist und sich zu Christus bekennt. Er muss offen sein, um sich auf die sakramentale Gabe einlassen zu können und sie mit seiner Existenz zu vereinigen. Die Sakramente sind der Beweis für die letztlich unabdingbare Bejahung des Menschen von Gott her. In ihnen schenkt er seine Gnade. Unverzichtbar dafür ist die Bereitstellung der entsprechenden „materia“; bei der Eucharistie Brot und Wein. Daneben muss die Gemeinde willig zum Dank sein, andernfalls fehlt die Basis für die sakramentale Feier.50

1.7 Sieben Sakramente und ihre Gewichtung

Mit den Scholastikern ( 1.4.4) wurde, im 12. Jahrhundert, die Anzahl der Sakramente auf sieben festgelegt. Im 16. Jahrhundert waren die Reformatoren aber anderer Auffassungen. THOMAS VON AQUIN bekräftigte noch die sieben Sakramente, wohingegen LUTHER die Menge auf zwei reduzierte. Das Konzil von Trient hielt aber an der ursprünglichen Anzahl fest. Unter der Voraussetzung, dass „nur von Jesus Christus selbst eingesetzte und mit der Zusage das Gnade versehene Zeichen

Sakramente genannt werden dürfen“,51 blieb auch im weiteren geschichtlichen Verlauf die Siebenzahl bestehen. Allerdings sind die Sakramente nicht alle gleichgestellt. Die Ranghöchsten sind Taufe und Eucharistie, die auch „sacramenta maiora“ bezeichnet werden. Ihnen folgen die „sarcramenta minora“, also die anderen Sakramente: „Die Firmung vollendet die Taufe, Buße und Krankensalbung als Sakramente der Sündenvergebung in die durch die Taufe begründete Wirklichkeit zurück , Weihesakrament und Ehe dienen der Auferbauung des Volkes Gottes, das in der Eucharistie seinen Mittelpunkt hat“.52

Neben der Gewichtung der Sakramente kann auch noch die Wiederholung der Spende des Sakramentes unterschiedlich sein. Taufe, Firmung, Weihe und Ehe werden nur einmalig gespendet, dagegen wiederholt sich die Eucharistie, Krankensalbung und Buße.

2. Die Eucharistie

2.1 Hinführung und gegenwärtige Fragen

Die Feier der Eucharistie ist, neben der Taufe, eines der beiden Hauptsakramente. Sie steht im Zentrum der Messe und des kirchlichen Lebens, als Zeichen der Versammlung der Gläubigen im Namen Jesu. Sie ist die „deutlichste zeichenhafte Darstellung des christlichen mysteriums53. Im Laufe der Zeit hat sich mit der Kirche auch die Gestalt der eucharistischen Feier gewandelt: Auf der einen Seite hat sich das gottesdienstliche Geschehen verändert: Wo früher ein Abendmahltisch stand, um den sich die Gemeinde versammelte, steht heute ein Altar auf den die Gläubigen frontal blicken. Dem Anbeten der Hostie ist das gemeinsame Brotteilen gewichen. Auch wird die Messe nicht mehr in einer unbekannten Sprache gehalten, sondern in der Muttersprache.

Auf der anderen Seite gibt es Veränderungen in der Bezeichnung: Die Feier der Eucharistie wurde Messopfer genannt. Ebenso hieß der Wortgottesdienst Vormesse, da sich der Höhepunkt in der Eucharistie wieder findet. Die Bezeichnung Wandlungsworte wurde durch den Einsetzungsbericht ersetzt.

Dieser liturgische Wandel ist sicher zeitlich bedingt; verbunden mit einer veränderten theologischen Denkweise und Weltanschauung. Doch um diese Veränderungen nachvollziehen zu können, muss der Ursprung des Ganzen vor Augen geführt werden. Zunächst soll aber eine kurze Begriffsklärung der „Eucharistie“ erfolgen.54

2.2 Begriffsklärung: Eucharistie

Das Wort Eucharistie stammt vom griechischen Wort eucharisia und bedeutet übersetzt danken oder Danksagung. Wir danken Gott für unser Leben, für die Menschen die er uns zur Seite gestellt hat, denn allein kann der Mensch nicht existieren. Er ist ein „Gesellschaftstier“ und auf menschliche Nähe und Zuwendung angewiesen.

Wir danken Gott für sein Wort und seinen heilbringenden Sohn Jesus Christus. In der Eucharistiefeier treffen die Gläubigen auf Jesus und auf Gott und können eine Beziehung mit ihnen eingehen. Ihre Nähe wird in der Gemeinschaft spürbar.55

2.3 Biblische Hintergründe

2.3.1 Funktionen des Mahlhaltens

Schon im Mutterleib ist der Mensch auf Nahrung angewiesen. Sie ist für ihn einerseits (über)lebensnotwendig, andererseits gibt sie ihm Kraft, um Leistungen zuerbringen. Ohne Nahrung würde der Mensch nicht existieren. Sie erhält ihn am Leben. Neben der Funktion der Lebenserhaltung, spielt aber auch der Gemeinschaftsgedanke eine Rolle. Der Mensch ist ein „Gesellschaftstier“, d.h. er ist auf Kontakte und menschliche Nähe angewiesen. Daher isst er lieber in der Gemeinschaft mit anderen, anstatt allein. Außer der Verbundenheit zu Mitmenschen ist aber auch die Nähe Gottes, die sich ebenfalls im Mahl wiederspiegelt, unverzichtbar. Ebenso ist der Dank für die vom Herrn geschenkten Gaben eine weitere Funktion des Mahlhaltens.

2.3.2 Die Mahlpraxis im Alten Testament

Die Ursprünge des gemeinsamen Mahlhaltens finden sich bereits weit vor der Zeit Jesu. Gleich war jedoch schon immer der Gemeinschaftssinn. Im Alten Testament lassen sich viele Beispiele der Verbundenheit untereinander und mit Gott im Mahl finden: als Zeichen der Gastfreundschaft (vgl. Gen 18,1-10), bei Abschluss von Friedensverträgen und Bundesschlüssen (vgl. Gen 14,18), als Abschiedsmahl für einen Sterbenden (vgl. Gen 27,4), usw. Als Gott mit dem Volk Israel am Sinai den Bund geschlossen hatte, „aßen und tranken sie“ (Ex 24,11). Hier wird die Verbundenheit im Mahl, und nicht nur durch den Bund, zwischen dem Allmächtigen, als Bundstifter, und dem Menschen deutlich. Vor seinem Angesicht hält das Volk Mahl, nicht mit ihm. Denn er ist der Spender des Essens, nicht aber ihr Tischgenosse.56

[...]


1 Faber, Eva-Maria (2002): Einführung in die katholische Sakramentenlehre, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 19

2 ebd., S. 21

3 vgl. Schneider, Theodor (Hg.) (1995): Handbuch der Dogmatik, Bd. 2, Düsseldorf: Patmos

4 vgl. Faber, Eva-Maria (2002)

5 Schneider, Theodor (1995), S. 190

6 ebd.

7 ebd., S. 193

8 Faber, Eva-Maria (2002), S.27

9 ebd.

10 vgl. Schneider, Theodor (1995)

11 Faber, Eva-Maria (2002), S. 28

12 ebd., S. 29

13 ebd., S. 30

14 Faber, Eva-Maria (2002), S. 31

15 ebd.

16 vgl. ebd.

17 Schneider, Theodor (1995), S. 196

18 ebd.

19 ebd.

20 Schneider, Theodor (1995), S. 197

21 vgl. ebd.

22 Faber, Eva-Maria (2002), S. 39

23 vgl. ebd.

24 vgl. Schneider, Theodor (1995)

25 vgl. Faber, Eva-Maria (2002)

26 Schneider, Theodor (1995), S. 206

27 vgl. ebd.

28 vgl. Faber, Eva-Maria (2002)

29 vgl. Schneider, Theodor (1995)

30 vgl. Faber, Eva-Maria (2002)

31 Schneider, Theodor (1995), S. 209

32 vgl. Faber, Eva-Maria (2002)

33 ebd., S. 46

34 ebd.

35 ebd., S. 49

36 vgl. ebd.

37 Schneider, Theodor (1995), S. 211

38 ebd.

39 ebd., S. 219

40 Faber, Eva-Maria (2002), S. 47

41 vgl. Schneider, Theodor (1995)

42 Faber, Eva-Maria (2002), S. 66

43 Schneider, Theodor (1995), S. 214

44 hier zitiert nach ebd., S. 215

45 vgl. Faber, Eva-Maria (2002)

46 hier zitiert nach Schneider, Theodor (1995), S. 215

47 ebd., S. 216

48 vgl. ebd.

49 Faber, Eva-Maria (2002), S. 64

50 vgl. ebd.

51 Schneider, Theodor (1995), S. 221

52 Faber, Eva-Maria (2002), S. 69

53 Schneider, Theodor (1995), S. 267

54 vgl. ebd.

55 vgl. Biesinger, Albert; Bendel, Herbert; Biesinger, David (2004): Gott mit neuen Augen sehen. Wege zur Erstkommunion. Für das Leitungsteam - Einführung, München: Kösel

56 vgl. Schneider, Theodor (1995)

Ende der Leseprobe aus 85 Seiten

Details

Titel
Liturgisches Lernen in der Realschule anhand der Eucharistie
Hochschule
Pädagogische Hochschule Ludwigsburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
85
Katalognummer
V194968
ISBN (eBook)
9783656203483
ISBN (Buch)
9783656205258
Dateigröße
723 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Performatives Lernen, Eucharistie, Sakrament, Sakramentenlehre, Aufbau der Messe, Liturgie, Liturgisches Lernen, Symbol, Symboldidaktik, Symbollernen
Arbeit zitieren
Christina Seeland (Autor), 2011, Liturgisches Lernen in der Realschule anhand der Eucharistie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/194968

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