Das Genre des Horrorfilms fasziniert. Nicht nur sein Fandom oder das Mainstream-Publikum, sondern vor allem auch seine Kritiker und Analytiker haben ein großes Interesse an diesem Kunstgenre. Für die Einen ist es gute Unterhaltung, für die Anderen schlechte Unterhaltung und für wieder Andere einfach nur die Gefährdung des jugendlichen Rezipienten. Doch was genau macht das Horrorgenre so faszinierend? Die grauenerregenden Geschichten und Gestalten bringen uns Zuschauer dazu, im Kinosessel zusammenzuzucken, vor Entsetzen zu erstarren oder unsere Hände schützend vor die Augen zu halten, obwohl wir doch auch gleichzeitig nur zu gern sehen wollen, was uns da so ängstigt. Es mag paradox erscheinen, dass etwas derart Unangenehmes wie Angst, Schauer, Schrecken oder Ekel etwas sehr viel Angenehmeres wie Unterhaltung erzeugen kann.
Die Zuschauer lassen sich gerade wegen der Ängste unterhalten, die der Horrorfilm in ihnen auslöst. Das Horrorgenre ist untrennbar mit den Ängsten seines Publikums verbunden. Genau genommen versucht es gezielt, diese Emotion in uns zu evozieren. Der Horrorfilm sowie jedes andere Medium des fiktionalen Horrors lebt von diesen negativen Emotionen der Menschen. Sobald nichts mehr existiert, was uns Menschen ängstigen oder ekeln würde, wäre das Genre zu jenem Tod verdammt, den es eigentlich selbst so gern im Scheinwerferlicht zelebriert. Durch die Erzeugung der Emotionen führt uns das Horrorgenre diese Emotionen vor Augen. Betrachtet man die Entwicklung des Horrorfilms seit seinen Anfängen über die Jahrzehnte hinweg, so kommt die Vermutung auf, dass die modernen und aktuellen Werke mit anderen Ängsten arbeiten als es die klassischen Filme getan haben. Wenn wir uns heute Friedrich Wilhelm Murnaus
Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens von 1922 ansehen, können wir recht wenig Beängsti-
gendes entdecken, wohingegen uns ein Film wie Blair Witch Project (The Blair Witch Project, Daniel Myrick, Eduardo Sánchez, 1999) einen kalten Schauer über den Rücken jagt. Es ist also anzunehmen, dass der Horrorfilm sich nicht nur auf immer gleiche Weise der menschlichen Urängste bedient. In der Annahme, dass Filme im Allgemeinen die gesellschaftlichen Bedingungen ihrer Entstehungszeit behandeln und reflektieren, liegt es nicht fern, den Horrorfilm als Spiegel der vorwiegenden, durch diese Bedingungen geschaffenen Ängste zu sehen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Das Horrorgenre
2.1 Terminologie und Definition von Horror
2.2 Einordnung in die Phantastik und Abgrenzung zu anderen Genres
2.3 Charakteristik des Horrorgenres
Exkurs: Horror in anderen Medien
2.3.1 Das Unheimliche nach Sigmund Freud
2.3.2 Archetypen des Horrors
2.3.3 Klassifizierung der Motive des Horrors
2.3.3.1 Klassifizierung nach Lovecraft
2.3.3.2 Klassifizierung nach Armstrong
2.3.3.3 Klassifizierung nach McKee
2.3.3.4 Klassifizierung nach Seeßlen und Jung
2.3.3.5 Klassifizierung nach Baumann
2.3.4 Erzählweise des Horrors
2.3.5 Entwicklung des Horrorgenres
2.3.5.1 Gothischer und moderner Horror
2.3.5.2 Von der antiken Mythologie bis zum Horrorfilm
2.4 Der Horrorfilm
2.4.1 Subgenres des Horrorfilms
2.4.2 Ästhetik des Horrorfilms
2.4.2.1 Dramaturgie
2.4.2.2 Visuelle Gestaltungsmöglichkeiten
2.4.2.3 Auditive Gestaltungsmöglichkeiten
2.4.3 Akzeptanz des Horrorfilms
2.4.3.1 Kritik am Horrorfilm
2.4.3.2 Zensur
3 Horror und Angst
3.1 Psychologie der Angst
3.1.1 Definition der Emotion Angst und Abgrenzung zu anderen Begriffen
3.1.2 Theorie der Angst nach Sigmund Freud
3.1.3 Merkmale der Angst
3.1.4 Weitere relevante Emotionen
3.2 Angsterleben durch Fiktion und Realität
3.3 Phänomen der Angstlust
3.4 Wie der Horrorfilm Angst schürt
3.4.1 Intention des Filmemachers
3.4.2 Durch das Dargestellte
3.4.3 Durch die Darstellung
3.4.4 Relevanz der Rezeptionssituation
4 Horror und Gesellschaft
4.1 Einfluss der gesellschaftlichen Situation auf das Horrorgenre
4.2 Einfluss des Horrorgenres auf die Gesellschaft
4.3 Die Gesellschaft im 20. Jahrhundert
5 Historische Entwicklung von Horrorfilm und Gesellschaft – Eine Parallelbetrachtung
5.1 Die klassische Periode – Zerrüttet von zwei Weltkriegen (1910 bis 1953)
5.1.1 Stummes Grauen in Deutschland (1913 bis 1927)
5.1.2 Stummes Grauen in den USA (1910 bis 1935)
5.1.3 Europäische Tonfilme (1927 bis 1953)
5.1.4 Horrorklassiker Hollywoods (1931 bis 1953)
5.2 Die experimentelle Periode – Die bipolare Welt (1954 bis 1969)
5.2.1 USA
5.2.2 Europa
5.3 Die nihilistische Moderne – Die Konsumgesellschaft in der Depression (1970 bis 1979)
5.3.1 USA
5.3.2 Europa
5.4 Die moderne Wirklichkeit – Die Leistungsgesellschaft und zerbrechende Familien (1980 bis 1989)
5.4.1 USA
5.4.2 Europa
5.5 Die metaphysische Postmoderne – Globalisierung und Kommunikationsgesellschaft (1990 bis 1999)
5.6 Rebooten des Genres – Die Jahrtausendwende als Umbruchphase (2000 bis 2008)
5.7 Und was bringt die Zukunft?
6 Fazit
7 Anhang
7.1 Filmographie
7.2 Bibliographie und Sonstige Quellen
7.3 Abbildungsverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die Diplomarbeit untersucht die komplexe Wechselwirkung zwischen dem Horrorgenre, menschlichen Angstreaktionen und der gesellschaftlichen Entwicklung. Die zentrale Forschungsfrage befasst sich damit, inwiefern sich Motive, Inhalte und Darstellungsweisen filmischen Horrors als Analogien zu den Ängsten der Gesellschaft verstehen lassen, die sich durch ökonomische, politische und soziokulturelle Krisen formen.
- Evolution des Horrorgenres in paralleler Betrachtung zur Gesellschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts
- Analyse des Wirkungsdreiecks bestehend aus Horrorfilm, Angstpsychologie und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen
- Untersuchung der intendierten Angsterzeugung durch filmische Ästhetik und Dramaturgie
- Kritik an der Rezeption und Zensur von Horrorfilmen im Kontext gesellschaftlicher Vorurteile
- Diskussion der Entwicklung vom klassischen gothischen zum modernen und postmodernen Horror
Auszug aus dem Buch
2.3 Charakteristik des Horrorgenres
Obwohl sich eine konkrete Abgrenzung genauso wie eine exakte Definition des Horrorgenres als nahezu nicht realisierbar herausgestellt haben, möchte ich im Folgenden dennoch versuchen, die Spezifika des Genres zu verdeutlichen. Auch im Kapitel Horror und Angst werde ich darauf näher eingehen, insbesondere auf die Wirkungsmechanismen des Genres auf sein Publikum. Wie bereits angeführt, beschränkt sich das Genre des Horrors nicht nur auf den Bereich der Literatur und des Films. Nur wenige Kunstgenres haben sich so weitläufig und medienübergreifend ausgebreitet wie das des Horrors, was nicht zuletzt daran liegt, dass das Grauen auf der verbalen und nonverbalen sowie auf der visuellen und auditiven Ebene erzeugt werden kann. Es seien deshalb jene Medien erwähnt, in denen sich durchaus auch Motive des Horrors wiederfinden lassen. Allerdings hat sich der Horror hier – im Gegensatz zu Literatur und Film – kaum als eigenständiges Genre etabliert.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik ein, stellt die Forschungsfrage nach der Wechselwirkung zwischen Horror, Angst und Gesellschaft vor und erläutert die methodische Vorgehensweise sowie die Motivation der Autorin.
2 Das Horrorgenre: Dieses Kapitel skizziert die Problematik einer exakten Definition, grenzt das Horrorgenre von verwandten Genres wie Phantastik, Science Fiction und Thriller ab und untersucht die Charakteristik sowie die Entwicklung des Genres.
3 Horror und Angst: Hier werden die psychologischen Grundlagen der Angst sowie das Phänomen der Angstlust beleuchtet und detailliert analysiert, wie der Horrorfilm durch Intention, Darstellung und Rezeptionssituation Ängste beim Zuschauer hervorruft.
4 Horror und Gesellschaft: Dieses Kapitel erörtert das Wirkungsdreieck aus Horror, Angst und Gesellschaft, wobei der Einfluss der gesellschaftlichen Situation auf das Horrorgenre sowie die Bedeutung des 20. Jahrhunderts im Vordergrund stehen.
5 Historische Entwicklung von Horrorfilm und Gesellschaft – Eine Parallelbetrachtung: Dieses Hauptkapitel gliedert die Entwicklung des Horrorfilms in zeitliche Perioden (klassisch, experimentell, nihilistisch-modern, metaphysisch-postmodern, etc.) und setzt diese direkt in Bezug zu den gesellschaftlichen Krisen und Bedingungen der jeweiligen Epochen.
6 Fazit: Das Fazit bestätigt die These, dass das Horrorgenre als Spiegel gesellschaftlicher Ängste fungiert, reflektiert die Grenzen der Untersuchung und unterstreicht die bleibende Bedeutung des Genres für die Bewältigung menschlicher Unsicherheiten.
7 Anhang: Der Anhang enthält die vollständige Filmographie sowie die Bibliographie der verwendeten Quellen und das Abbildungsverzeichnis.
Schlüsselwörter
Horrorfilm, Angst, Gesellschaft, Filmanalyse, Psychologie, Filmgeschichte, Wirkungsdreieck, Subgenres, Fiktion, Realität, Angstlust, Filmzensur, Mediale Rezeption, Monster, Gothischer Horror.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Horrorgenre als Spiegel der menschlichen Angst und betrachtet dessen Entwicklung in enger Verbindung mit den sozioökonomischen und politischen Krisen der Gesellschaft des 20. Jahrhunderts.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die psychologische Fundierung der Angst, die ästhetische Gestaltung im Horrorfilm, die historische Entwicklung des Genres in den USA und Europa sowie die Wechselwirkung zwischen gesellschaftlichen Krisen und deren filmischer Reflexion.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, Parallelen zwischen der Evolution des Horrorfilms und der Entwicklung der Gesellschaft mit ihren Ängsten aufzudecken, um die These zu prüfen, ob Horrormotive als Analogien zu aktuellen gesellschaftlichen Problemen zu verstehen sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine strukturelle Analyse des "Wirkungsdreiecks" (Horror, Angst, Gesellschaft), wobei die Untersuchung der Entwicklung anhand exemplarischer Horrorfilme erfolgt, die in chronologische Phasen unterteilt werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil (Kapitel 5) findet eine detaillierte Parallelbetrachtung statt, die das Horrorkino von den Anfängen des 20. Jahrhunderts bis ins Jahr 2008 in den Kontext der jeweiligen zeitgenössischen gesellschaftlichen Ereignisse, wie Weltkriege, Wirtschaftskrisen und den Wandel der Konsumgesellschaft, stellt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den Schlüsselwörtern gehören: Horrorfilm, Angst, Gesellschaft, Filmanalyse, Psychologie, Filmgeschichte, Subgenres, Fiktion, Angstlust und Medienzensur.
Inwieweit spielt die psychoanalytische Deutung eine Rolle?
Die Arbeit bezieht sich auf Theorien von Sigmund Freud (z.B. "Das Unheimliche"), setzt diese jedoch kritisch ein und betont, dass die Analyse des Horrorgenres nicht allein auf psychoanalytischen Symbolen beruhen sollte, sondern immer das Gesamtbild der gesellschaftlichen Bedingungen einbeziehen muss.
Warum ist die Arbeit für die Filmwissenschaft relevant?
Sie bietet einen interdisziplinären Ansatz, der den Horrorfilm nicht nur als isoliertes Unterhaltungsgenre betrachtet, sondern als ein komplexes soziales Reflexionsmedium, das aktiv auf die Krisen und Ängste seiner Entstehungszeit reagiert.
- Citation du texte
- Heike Ulbrich (Auteur), 2007, Der Horrorfilm als Spiegel unserer Angst, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195023