Vulnerability von Megacities - Fallbeispiel Rio de Janeiro


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012
24 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Vulnerability in Bezug zu Desaster, Risiko und Armut
2.1 Vulnerability
2.2 Risiko, Desaster & Hazard
2.3 Vulnerability & Armut
2.4 Vulnerability Analyse

3 Megacities und Urbanisierungsprozesse
3.1 Urbanisierung
3.2 Megacities

4 Fallbeispiel Rio de Janeiro
4.1 Geographische Lage Rio de Janeiros
4.2 Gesellschaftspolitik

5 Fazit

A Anhang

Literaturverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Faktoren, welche zur Vulnerability beitragen

2 Die 27 Megacities in 2007

1 Einleitung

D as 21. Jahrhundert ist geprägt von Urbanisierungsprozessen und Bevölke- rungswachstum. So verzeichnet man so viele Megacities wie noch nie zuvor, her- vorgerufen durch verstärkte Migration und erhöhten Bevölkerungswachstum in bestimmten Regionen. Diese immens großen Städte sind einer großen Vulnera- bility ausgesetzt, welches es zu identifizieren gilt, da nur so auch adäquate Lö- sungsansätze geschaffen werden können. Denn sollte in diesen Städten ein Un- glück geschehen, so sind potenziell Millionen von Menschen betroffen. Diesen im Unglücksfall allen zu helfen ist extrem schwierig bis unmöglich, so dass es umso wichtiger ist, die Verletzbarkeit so gut es geht zu reduzieren.

Es ist daher notwendig, das Konzept der Vulnerability zu verstehen, so dass im Folgenden Vulnerability definiert wird. Nach einer allgemeinen Definition wird Vulnerability in Bezug zu den Konzepten Risiko, Hazard und Desaster gesetzt, um so das komplexe Geflecht dieser Konzepte zu verdeutlichen. Durch die ho- he Korrelation zwischen Armut und Vulnerability ist es notwendig, diese beiden sauber voneinander zu unterscheiden, da sie mitnichten gleichzusetzen sind. Ab- geschlossen wird die Vulnerability Definition mit einem Analysetool, welches es erlaubt, unterschiedliche Grade von Vulnerability zu erkennen. Im darauffolgen- den Abschnitt werden die Konzepte Urbanisierung und Megacities vorgestellt. Be- sonderes Augenmerk wird auf die weltweite Verteilung der Megacities und deren Wachstum gelegt, immer unter Berücksichtigung des Bevölkerungswachstums. Der zweite Teil der Arbeit widmet sich der Fallstudie, in welcher die Verletz- barkeit Rio de Janeiros untersucht wird. Es wird das vorgestellte Analysetool in modifizierter Version angewandt. Dies ist notwendig, da Rio de Janeiro als Ein- heit betrachtet wird, so dass keine Vulnerability-Analyse von Individuen betrie- ben wird. Der Fokus liegt auf der geographischen Lage Rios und der historisch geschaffenen Risikostruktur durch Eingriffe in die Natur, sowie auf der Gesell- schaftspolitik Rios, respektive Brasiliens. In diesem Bereich wird besonders der Ausbau der Infrastuktur innerhalb der Stadt thematisiert und eng daran gekoppelt die Siedlungspolitik. Diese Problematik wird anhand der Slums Rios verdeutlicht. Den Abschluss bildet ein zusammenfassendes Fazit.

2 Vulnerability in Bezug zu Desaster, Risiko und Armut

“Social processes generate unequal exposure to risk by making some people more prone to disaster than others, and these inequalities are largely a function of the power relations operative in every society”1.

2.1 Vulnerability

V ulnerability ist ein Konzept, welches die Verletzbarkeit von Individuen, Ge- meinschaften oder Gesellschaften untersucht. Diese Vulnerability kann für un- terschiedliche Gruppen der Gesellschaft sehr differenziert ausfallen, da sie unter anderem abhängig ist von lokalen Gegebenheiten, der gesellschaftlichen Struk- tur, der Marginalisierung Einzelner. Da diese gesellschaftlichen Strukturen sich über die Zeit entwickelt haben, kann man Verletzbarkeit nicht untersuchen, oh- ne den geschichtlichen Kontext mit einzubeziehen. Durch die Offenlegung von Vulnerability innerhalb einer Gesellschaft ergibt sich die Möglichkeit, Präventiv- maßnahmen einzuleiten, um so dass Risiko einer Katastrophe zu mindern.

“The concept of Vulnerability expresses the multidimensionality of disasters by focusing attention on the totality of relationships in a given social situation which constitute a condition that, in combination with environmental forces, produces a disaster” (Oliver-Smith 2004: 11). Es wird deutlich, dass Vulnerability ein sozia- les Konstrukt ist, welches durch eine Kombination von verschiedenen Faktoren, wie beispielsweise Klasse, Gender, Ethnie, bestimmt wird (Cannon in Bankoff & Hilhorst 2004: 2). Verletzbarkeit ist jedoch kein Bestandteil einer Gesellschaft, vielmehr ist es ein Resultat von sozialen Beziehungen, welches sich historisch entwickelt hat und keinesfalls als statisch angesehen werden kann. Vulnerability drückt die sich verändernden sozialen, ökonomischen und politischen Bedingun- gen in Relation zu der potentiellen Gefährdung aus. Auch darf Vulnerability nicht losgelöst von weltweiten Entwicklungen gesehen werden, da die Prozesse, welche Teile einer Gesellschaft verletzbar machen, häufig von überregionalen Verände- rungen abhängig sind (Lewis in Bankoff & Hilhorst 2004: 2).

Cardona sieht den Ursprung für Vulnerability in drei Aspekten. Erstens, die phy- sische Anfälligkeit, bzw. der Grad zu dem Menschen physischen Kräften ausge- setzt sind; zweitens, die sozio-ökonomische Anfälligkeit und drittens, das Fehlen von Widerstandsfähigkeit. Unter physischer Anfälligkeit versteht man die Gefahr, welche sich für Menschen ergibt, wenn sie in Gebieten leben, in welchen häu- fig Hazards, wie z. B. Wirbelstürme oder Erdbeben, auftreten und in denen es an physischem Widerstand, wie z.B. Berge, welche den Wirbelsturm abfangen kön- nen, fehlt. Als sozio-ökonomisch anfällig gelten Menschen, welche innerhalb der Gesellschaft marginalisiert oder ausgegrenzt sind, bzw. denen die ökonomischen Mittel fehlen, um sich aus unvorteilhaften Rahmenbedingungen zu befreien, oder Menschen, die sonst irgendeine soziale oder ökonomische Benachteiligung auf- weisen, welche sie relativ zur Gesamtgesellschaft als schwächer ausweist. Die fehlende Widerstandsfähigkeit bezieht sich einerseits auf den fehlenden Zugang und die nicht vorhandene Möglichkeit der Mobilisierung von Ressourcen, sowie andererseits auf das Unvermögen einer adäquaten Reaktion, wenn es darum geht, die Auswirkungen eines Hazards zu absorbieren (Cardona 2004:49).

2.2 Risiko, Desaster & Hazard

D ie Konzepte Risiko, Desaster und Hazard wurden lange Zeit nicht wirklich definiert und häufig in ähnlicher Weise genutzt, da sie mit mehr oder minder dem gleichen assoziiert wurden, nämlich einem unausweichlichen und unkontrollier- baren physischen Phänomen. Auch wenn die Konzepte in eine ähnliche Richtung weisen, so gibt es doch durchaus signifikante Unterschiede, welche es zu beachten gilt. Für diese Unterscheidung ist das Konzept der Vulnerability bestens geeignet, da man diese als internen Risikofaktor eines Subjekts oder Systems sehen kann, welches einer Gefahr ausgesetzt ist. “In other words, vulnerability represents the physical, economic, political or social susceptibility or predisposition of a com- munity to damage in the case of a destabilizing phenomenon of natural or anthro- pogenic origin” (Cardona 2004: 37). Während Vulnerability der interne Risiko- faktor ist, bezeichnet das Konzept Hazard den externen Risikofaktor eines Subjekt oder Systems. Definiert man Hazard mathematisch, bezeichnet man Hazard als die Wahrscheinlichkeit des Eintreten eines Ereignisses mit einer bestimmten Intensi- tät an einem spezifischen Ort während einer festgelegten Periode, in welcher man diesem Ereignis ausgesetzt ist. Entsprechend kann auch Vulnerability mathema- tisch dargestellt werden als die Wahrscheinlichkeit, dass das ungeschützte System oder Subjekt von dem Phänomen, welches den Hazard charakterisiert, betroffen ist. Es wird deutlich, dass Vulnerability und Hazard sich gegenseitig bedingen, denn man kann nicht gefährdet sein, wenn man nicht verletzbar ist und man ist nicht verletzbar, wenn keine Gefährdung vorhanden ist. Dementsprechend verän- dert sich das Risiko, wenn entweder Hazard oder Vulnerability sich verändern. Da man meist jedoch keine Möglichkeit hat, den externen Risikofaktor Hazard zu re- duzieren, liegt der Fokus der Risikosenkung auf der Reduktion der Vulnerability (Cardona 2004: 38).

Der Kontext ist das bestimmende Element in der Risikoanalyse, da dieser die Grenzen, die Gründe, die Zielsetzung und die zu beachtenden Interaktionen fest- legt. Ohne eine Berücksichtigung des Kontextes wird die Analyse fehlerhaft und somit unbrauchbar für die Senkung der Vulnerability. Durch die Betrachtung des Kontextes werden grundlegende Elemente der Gesellschaft untersucht, wie bei- spielsweise das Wissen, die Werte, Gefühle, selbst die Existenz der Gesellschaft an sich (Cardona 2004: 47). In der Risikoanalyse ist es wichtig zu beachten, dass die Einschätzung bezüglich ausgesetzter Risiken durchaus sehr unterschiedlich ausfallen kann. Um das Verhalten der betroffenen Personen verstehen zu können, ist es essentiell, die lokale Wahrnehmung von Risiko, Verletzbarkeit und Hazard zu kennen. Die Betroffenen beschreiben ihre Situation selten durch die Fachtermi- nologie wie Vulnerability und Hazard. Dies bedeutet jedoch nicht, dass sie diese nicht wahrnehmen. Durch eine Veränderung der Umwelt sind sie gezwungen sich an die neuen Umstände anzupassen. Das neu angepasst Verhalten wird jedoch nicht nur durch die Betrachtung der potentiellen zukünftigen Gefahren und Schä- den bestimmt. Vielmehr werden die persönlichen Möglichkeiten und Alternativen, sowie die Auswirkungen ihrer Entscheidungen mit einbezogen. Risiko wird also von zwei Seiten abgewogen; was passiert wenn ich nichts tue?, und was passiert wenn ich versuche, das Risiko zu minimieren? Durch diese Unterscheidung kann es dazu kommen, dass ein Außenseiter zwei Haushalte als ähnlich verletzlich ein- stuft, die Haushalte selbst ihre Vulnerability jedoch gänzlich unterschiedlich beurteilen (Heijmans 2004: 120).

Besonderen Einfluss auf die persönliche Einschätzung der eigenen Vulnerability hat der Faktor Stress. Individuen, welche Unsicherheit bezüglich ihrer Zukunft, im Extremfall ihres Überlebens, verspüren, sind einem hohen Stresspegel ausgesetzt, welcher ihre Fähigkeit des Selbstschutzes senkt, was mit einer Steigerung der Ver- letzbarkeit gleichzusetzen ist. Menschen in prekären Situationen sind besonders betroffen, da diese ihre schlechte Lage zwar realistisch einschätzen können, ihnen jedoch die Mittel fehlen, um sich daraus zu befreien. Verstärkt wird der Stress, wenn Menschen am Rand der Gesellschaft angesiedelt sind, da ihnen ein sozia- les Netzwerk fehlt, welches sie unterstützt und auffängt (Delica-Willison & Willi- son 2004: 152). Somit wird deutlich, dass die unterschiedliche Selbsteinschätzung zweier, für den Außenstehenden identische, Haushalte durchaus der Realität ent- sprechen kann, wenn einer in ein sehr starkes soziales Netzwerk eingebunden ist, während der zweite Haushalt auf sich selbst gestellt ist.

Nachdem die Konzepte Risiko und Hazard erläutert wurden, gilt es, Desaster zu definieren. Hierbei ergibt sich das Problem, dass vieles als Desaster bezeichnet und empfunden wird, angefangen bei kleinen persönlichen Dingen wie einer miss- glückten Rede, bis hin zu einem Tsunami, der ganze Regionen zerstört. Um dieser Problematik Herr zu werden, hat Oliver-Smith Desaster mit Hilfe der zwei Kon- zepte “external variability” und “internal complexity” definiert. External variabli- ty geht auf die diversen Effekte ein, welche ein Desaster nach sich ziehen kann. Sowohl die kurzfristigen, sofort sichtbaren Effekte wie Tod und Zerstörung als auch die langfristigen Folgen wie chemische Verunreinigung werden unter die- sem Konzept zusammengefasst. Internal complexity bezieht sich darauf, dass bei einem Desaster nicht nur ein kleiner Ausschnitt einer Gesellschaft betroffen ist. Dies ist schlicht unmöglich, da jeder Betroffene Teil von mehreren gesellschaftli- chen Ebenen ist. Durch ein Desaster wird ein Kollektiv von interdependenten Pro- zessen (gesellschaftlich, ökologisch, kulturell, wirtschaftlich, politisch, physisch sowie technologisch) fokussiert, gestört und offengelegt. Daher kommt Oliver- Smith zu dem Schluss “Disasters are totalizing events” (Oliver-Smith in Oliver- Smith & Susanna Hoffmann 1999: 19 & 20). Die Komplexität des Konzeptes wird noch erhöht, wenn man die Vielfalt der vorhandenen Perspektiven betrachtet, aus welchen das Desaster erfahren wird, da davon auszugehen ist, dass jedes Indivi- duum und jede Gruppe dieses unterschiedlich wahrnehmen. Desaster ist mehr als das bloße Resultat eines geophysikalischen Extremes, denn es ist eine Funktion der sozialen Ordnung, der Mensch-Umwelt Beziehung sowie eines historischen Prozesses (Oliver-Smith in Oliver-Smith & Susanna Hoffmann1999: 21 & 22). Desaster sind in der Gesellschaft verankert und nicht in der Umwelt, da das sozio- kulturelle System bestimmt, wie eine Gesellschaft mit der Umwelt umgeht, wie sie deren Ressourcen nutzt und wo sie sich niederlässt. Häufig lässt sich beob- achten, dass Gesellschaften sich in der Nähe der Ressourcen niederlassen. Diese Nähe zu Ressourcen bedeutet jedoch auch eine Nähe zu möglichen Hazards, z.B. ist im Falle eines Fischerdorfes das Risiko des Hochwassers latent vorhanden. Wer wie nahe am Hazard lebt, wird wiederum bestimmt durch politische, kultu- relle und ökonomische Aspekte, so dass die Machtstrukturen einer Gesellschaft eine wichtige Rolle bezüglich Desaster spielen. “In essence, a society, as an in- terconnected network of individuals and groups seeking to satisfy both material and nonmaterial needs and wants, adapts to its physical and cultural environment. The society interacts and modifies its environment, engaging a series of processes over which it has incomplete control and incomplete knowledge, particularly over longer periods of time (Oliver-Smith in Oliver-Smith & Susanna Hoffmann 1999: 26). Nun wird deutlich, wieso Desaster nicht durch die Umwelt entsteht, sondern durch die Gesellschaft und deren Umgang mit der Umwelt. Ebenfalls sollte klar geworden sein, dass Desaster und Hazard mitnichten gleichzusetzen sind, da gilt: “hazards are natural, disasters are not”(Cannon in Bankoff & Hilhorst 2004: 2). Um die Beziehung zwischen den Konzepten Risiko, Desaster und Vulnerability zusammenzufassen, lässt sich sagen: “Critical to discerning the nature of disas- ters, then, is an appreciation of the ways in which human systems place people at risk in relation to each other and to their environment - a relationship that can best be understood in terms of an individual’s, a household’s, a community’s or a society’s vulnerability” (Cannon in Bankoff & Hilhorst 2004: 2).

[...]


1 Cannon in Bankoff & Hilhorst 2004: 2

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Vulnerability von Megacities - Fallbeispiel Rio de Janeiro
Hochschule
Universität Trier
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
24
Katalognummer
V195164
ISBN (eBook)
9783656210610
ISBN (Buch)
9783656212447
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vulnerability, Megacities, Rio de Janeiro, Resilience, Risiko, Desaster, Hazard, Urbanisierung
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Esther Schuch (Autor), 2012, Vulnerability von Megacities - Fallbeispiel Rio de Janeiro, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195164

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