Die produktiven Tätigkeiten des Menschen bei Hannah Arendt und Karl Marx - Ein Vergleich


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

40 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Arbeiten und Herstellen in Hannah Arendts Vita activa
2.1 Die Tätigkeit der Arbeit
2.1.1 Die Funktion des Arbeitens - Aufrechterhaltung des Lebensprozesses
2.1.2 Die Fruchtbarkeit des Arbeitens
2.1.3 Die natürliche Zyklik des Arbeitens
2.2 Die Tätigkeit des Herstellens
2.2.1 Die weltbildende Funktion des Herstellens
2.2.2 Die Gewaltsamkeit des Herstellens
2.2.3 Die Linearität der herstellenden Tätigkeit
2.2.4 Die Zweck-Mittel-Relation in der herstellenden Tätigkeit
2.3 Arbeiten und Herstellen in Antike, Mittelalter und Neuzeit
2.3.1 Arbeiten und Herstellen in der Antike
2.3.2 Arbeiten und Herstellen im Mittelalter
2.3.3 Arbeit und Herstellen in der Neuzeit
2.3.3.1 Der Sieg der Gesellschaft in der Neuzeit
2.3.3.2 Auswirkungen des Siegeszuges der Gesellschaft auf Arbeiten und Herstellen

3. Die Arbeit des Menschen in Karl Marx´ ökonomisch-philosophischem Werk
3.1 Arbeit als Vergegenständlichung und Faktor in der menschlichen Entwicklung
3.1.1 Arbeit als Vergegenständlichung
3.1.2. Arbeit als andauernder Prozess menschlicher Entwicklung
3.2 Charakteristika der menschlichen Arbeit
3.2.1 Arbeit als Arbeitskraft
3.2.2 Menschliche Arbeit als bewusste, universelle und freie Tätigkeit
3.2.3 Der teleologische Charakter der Arbeit
3.3 Arbeit und Gesellschaft
3.3.1 Arbeit als gesellschaftliche Tätigkeit
3.3.2 Arbeit und Menschheitsgeschichte
3.4 Die kapitalistisch-industrielle Arbeit
3.4.1 Die Entstehung der kapitalistisch-industriellen Arbeit
3.4.2 Die Entfremdung der Arbeit innerhalb der kapitalistisch-industriellen Produktion
3.4.3 Die sozialen Folgen industrieller Entfremdung

4. Vergleichende Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis:

1. Vorwort

Hannah Arendt glaubt eines der Grundübel moderner sozialer Formationen darin zu erkennen, dass mit dem Beginn der Neuzeit damit begonnen wurde, „die Arbeit zu verherrlichen“, um dadurch letztlich „die Gesellschaft im Ganzen in eine Arbeitsgesellschaft zu verwandeln.“1 Aus dieser Überzeichnung nur einer von vielen Grundbedingungen menschlichen Daseins ergibt sich für Arendt jedoch ein nicht zu unterschätzendes Problem. Seit jeher wurde „ein von Arbeit befreites Leben“ zu den vermeintlich „selbstverständlichsten und bestgesicherten Vorrechten und Privilegien der Wenigen [gezählt], die über die Vielen herrschten.“2 Als mindestens genau so alt wie dieser Sachverhalt stellt sich demgegenüber jedoch das allgemeine „Verlangen nach dem leichten, von Mühe und Arbeit befreiten, göttergleichen Leben“ dar.3 Dieser Menschheitstraum trifft insofern in zunehmendem Maße auf eine paradoxe Konstellation, in der eine an Bedeutung gewinnende „Arbeitsgesellschaft […] von den Fesseln der Arbeit befreit werden soll“, die jedoch „kaum noch vom Hörensagen die höheren und sinnvolleren Tätigkeiten [kennt], um derentwillen die Befreiung sich lohnen würde“.4 Abgesehen von diesem Widerspruch erkennt Arendt für die moderne Arbeitswelt auch die Drohkulisse zunehmender Automation heraufziehen, die letztlich darin resultieren wird, „dass die Fabriken sich in wenigen Jahren von Menschen geleert haben werden.“5 Angesichts eines Szenarios zunehmend illiquide werdender Staatlichkeit oder auch den zunehmend unter Rechtfertigungsdruck geratenden Systemen sozialer Sicherung erscheint dieser Aspekt aus heutiger Sicht sogar umso bedrohlicher. In ihrem von vielen als Hauptwerk betrachteten Buch Vita activa oder Vom tätigen Leben will Arendt keine Utopie skizzieren, die einen Ausweg aus diesen Aporien bieten würde. Vielmehr bietet sie eine „Besinnung auf die Bedingungen an, unter denen […] Menschen bisher gelebt haben“, die „von den Erfahrungen und Sorgen der gegenwärtigen Situation“ geleitet sein soll.6 Arendt geht es insofern in Vita activa in erster Linie darum, darüber nachzudenken, „was wir eigentlich tun, wenn wir tätig sind“.7 Hierbei kommt Arendt unweigerlich auch auf die produktiven Tätigkeiten des Menschen zu sprechen, die sie näher analysiert. Eine Auseinandersetzung mit dem Denken Karl Marx´ erscheint dabei auch Arendt als nahezu unausweichlich, gilt Marx doch auch für sie trotz aller Kritik als „der größte der modernen Arbeitstheoretiker“.8 Worin unterscheiden sich jedoch Arendts Ausführungen von den Karl Marx´ Theorien? Wo lassen sich Gemeinsamkeiten erkennen? Welche Schwerpunkte bilden die beiden Denker in ihrem Nachdenken über die produktiven Tätigkeiten des Menschen? Diese Fragen zu klären, soll Inhalt der vorliegenden Hausarbeit sein. Dabei werde ich zunächst Arendts Überlegungen zu den produktiven Tätigkeiten des Menschen darstellen, bevor ich mich Karl Marx´ theoretischen Überlegungen zur menschlichen Arbeit zuwenden werde. In einer abschließenden Betrachtung werde ich dann das Denken der beiden Theoretiker einer kritischen Würdigung und einem Vergleich unterziehen.

2. Arbeiten und Herstellen in Hannah Arendts Vita activa

Unter den Begriff Vita activa subsumiert Arendt die drei bedeutendsten menschlichen Grundtätigkeiten Arbeiten, Herstellen und Handeln, die jeweils einer der Grundbedingungen entsprechen, „unter denen dem Geschlecht der Menschen das Leben auf der Erde gegeben ist.“9 Arendt räumt ein, dass es im Hinblick auf das Arbeiten und das Herstellen zunächst recht ungewöhnlich erscheint, eine strikte Differenzierung vorzunehmen. Den Ursprung dieser Differenzierung sieht sie jedoch bereits in der griechischen Antike vorgezeichnet, als „zwischen dem Hand-werker, […], und denjenigen, die »mit ihrem Körper der Notdurft des Lebens dienen«“, unterschieden wurde.10 Als Beweis für die Angebrachtheit dieser Unterscheidung führt sie darüber hinaus die linguistische Tatsache an, dass „[a]lle europäischen Sprachen, […] zwei etymologisch völlig eigenständige Worte“ für beide Sachverhalte vorweisen können.11 So unterscheidet beispielsweise „das Lateinische zwischen laborare und facere oder fabricari, […], das Französische zwischen travailler und ouvrer, das Englische zwischen labour und work, das Deutsche schließlich zwischen arbeiten und werken “.12 Den seit jeher vorhandenen synonymen Gebrauch der unterschiedlichen Begriffe nimmt Arendt durchaus zur Kenntnis. Trotz allem ist für sie jedoch die Tatsache bedeutender, dass sich die Unterscheidbarkeit beider Tätigkeitsarten lexisch bis in die heutige Zeit nachvollziehen lässt.

Neben dem Arbeiten und dem Herstellen nennt Arendt auch die menschliche Grundtätigkeit des Handelns, die sich „ohne die Vermittlung von Materie, Material und Dingen direkt zwischen Menschen abspielt“.13 Die menschliche Grundbedingung, unter der das Handeln steht, findet sich für Arendt im „Faktum der Pluralität, […] die Tatsache, dass nicht ein Mensch, sondern viele Menschen auf der Erde leben“.14 Diese Grundbedingung bildet letztlich auch die Voraussetzung jeglicher Politik.

2.1 Die Tätigkeit der Arbeit

2.1.1 Die Funktion des Arbeitens - Aufrechterhaltung des Lebensprozesses

Hannah Arendts Charakterisierung der Arbeit entspricht nicht der heute gebräuchlichen Auffassung, nach der das Arbeiten pauschal alle Tätigkeiten umfasst, die mit einer körperlichen bzw. geistigen Anstrengung einhergehen oder gar dem Erwerb des Lebensunterhaltes dienen. Als naturstämmiges Wesen ist der Mensch für Arendt schon allein deshalb gezwungen zu arbeiten, da er einem körperlich-biologischen Prozess unterworfen ist, der „sich in uns abspielt […], der sich körperlich bekundet und seine Bedürfnisse ständig meldet“.15 Das Arbeiten begreift Hannah Arendt daher als diejenige Tätigkeit, die unmittelbar mit der kontinuierlichen Aufrechterhaltung menschlichen Lebens zusammenhängt. Es hat insofern all diejenigen Mittel bereitzustellen, die zur physischen Selbsterhaltung notwendig sind. So schreibt Arendt: „Die Tätigkeit der Arbeit entspricht dem biologischen Prozeß des menschlichen Körpers, der in seinem spontanen Wachstum, Stoffwechsel und Verfall sich von Naturdingen nährt, welche die Arbeit erzeugt und zubereitet, um sie als die Lebensnotwendigkeiten zuzuführen.“16 Das Arbeiten steht darüber hinaus nicht nur in direkter Verbindung zu allen lebenserhaltenden natürlichen Dingen und Prozessen, sondern ist diesen gewissermaßen artverwandt. So schreibt Arendt: „[W]enn die Arbeit das, was die Natur darbietet, pflückt und »sammelt«, sich körperlich »mit ihm vermischt« oder auch es präpariert und dann sich »mit ihrem Gegenstand verbindet«, so tut sie durch »eigene Tat« dasselbe, was der Körper noch intensiver tut, wenn er die Nahrung sich einverleibt“.17

Von der Aufrechterhaltung der Lebensprozesse abgesehen subsumiert Arendt in geringerem Maße unter das Arbeiten auch diejenigen Tätigkeiten, die sich daraus ergeben, dass die „Natur dauernd in die von Menschen erstellte Welt eindringt und ihre Beständigkeit und Tauglichkeit für menschliche Zwecke bedroht. Nicht nur die Erhaltung des Körpers, sondern auch die Erhaltung der Welt erfordert daher die mühevolle Eintönigkeit täglich sich wiederholender Arbeiten.“18 Wenngleich solche Arbeiten zweifellos einen weit stärkeren Bezug zur Welt aufweisen als jene, die Arendt primär als Arbeiten verstanden wissen will, leuchtet es ein, dass sie auch solche Tätigkeiten, die lediglich um der „Erhaltung und Reinhaltung der Welt“19 Willen ausgeführt werden, dem Arbeiten zurechnet. Ihnen kommt in gleichem Maße nicht nur ebenfalls keine weltbildende Funktion zu, sondern sie stehen darüber hinaus auch in einem direkten Zusammenhang zu den natürlichen Prozessen und Gegebenheiten, die den Menschen unmittelbar umgeben.

2.1.2 Die Fruchtbarkeit des Arbeitens

Arbeiten und Konsumieren stellen für Arendt zwei Seiten der gleichen Medaille dar. So schreibt sie: „Arbeiten und Konsumieren [sind] nur zwei verschiedene Formen oder Stadien in dem Kreislauf des biologischen Lebensprozesses“.20 Dieser Prozess erhält sich, „indem er verzehrt, und was die Mittel dieser Konsumtion bereitstellt, heißt Arbeit“.21 Als Produkte des Arbeitens begreift Arendt daher in der Regel nur diejenigen Arbeitsergebnisse, die als Lebensmittel für den unmittelbaren Verbrauch vorgesehen sind und denen keinerlei Dauerhaftigkeit in der Welt zukommt. Über die durch die Arbeit erzeugten Lebensmittel schreibt sie daher: „Unter allen Gegenständen, die wir in der Welt vorfinden und die uns umgeben, besitzen die Konsumgüter den geringsten Grad an Beständigkeit. […] Weltlich gesehen sind sie die unweltlichsten der Weltdinge und gerade darum die natürlichsten aller Dinge, die der Mensch hervorbringt“.22 Vom Standpunkt der Weltlichkeit aus betrachtet, ist Arbeiten für Arendt daher auch nicht im eigentlichen Sinne produktiv. Vielmehr ist es für Arendt „gerade das Kennzeichen der Arbeit, daß sie nichts objektiv Greifbares hinterlässt, daß das Resultat ihrer Mühe gleich wieder verzehrt wird und sie nur um ein sehr Geringes überdauert.“23 In ihrer direkten Anbindung an die Naturprozesse ähnelt die Arbeit daher in viel stärkerem Maße der natürlichen Fruchtbarkeit, wie schon die Überlieferungen aus dem Altertum zu bestätigen scheinen. „Daß die Mühsal der Arbeit und die Mühsal des Gebärens nur zwei verschiedene Formen eines Selbigen sind, darüber sind sich die sonst disparaten Traditionen des hebräischen und des klassischen Altertums einig“, schreibt Arendt.24 Es steht für Arendt daher außer Frage, dass „dem Arbeiten in der Tat eine nur ihm eigene »Produktivität« zukommt“.25 Diese Produktivität besteht für sie nicht „in den jeweiligen Ergebnissen der Arbeit selbst, sondern vielmehr in der Kraft des menschlichen Körpers, dessen Leistungsfähigkeit nicht erschöpft ist, wenn er die eigenen Lebensmittel hervorgebracht hat, sondern imstande ist, einen »Überschuß« zu produzieren, d.h. mehr, als zur »Reproduktion« der eigenen Kraft und Arbeitskraft notwendig ist.“26 Arendt schreibt insofern das Potential zur Erzeugung eines produktiven Mehrwerts durch die Arbeit allein der menschlichen Kraft und Leistung zu. Etwaige gesellschaftliche, geographische oder klimatische Aspekte finden in ihren Ausführungen keine Berücksichtigung.27

2.1.3 Die natürliche Zyklik des Arbeitens

Wie die biologisch-körperlichen Funktionen des Menschen im Speziellen und die Vorgänge in der Natur im Allgemeinen sind das Arbeiten und seine daraus resultierenden Produkte für Arendt generell zyklischer Prägung. Entsprechend schreibt sie: „Menschliche Tätigkeiten, die der Notwendigkeit entspringen, diesen natürlichen Prozessen zu widerstehen, sind daher selbst in den Kreislauf der Natur gebunden, sie können weder Anfang noch Ende haben. Im Gegensatz zum Herstellen, […], ist das Arbeiten niemals »fertig«, sondern dreht sich in unendlicher Wiederholung in dem immer wiederkehrenden Kreise, den der biologische Lebensprozeß ihm vorschreibt“.28 Menschliche Arbeit hat für Arendt daher wie die Natur selbst kein eigentliches Telos. Der arbeitende Mensch bleibt daher in den zyklischen Rhythmus der Natur verflochten. Seine Tätigkeit mag insofern zwar redundant und in gewisser Weise auch sinnlos erscheinen, sie verfügt jedoch gerade aufgrund dieser natürlichen Rhythmik über geradezu lustvolle Attribute. Entsprechend schreibt Arendt: „Der Segen der Arbeit ist, daß Mühsal und Lohn einander in dem gleichen Rhythmus folgen wie Arbeiten und Essen, die Zubereitung der Lebensmittel und ihr Verzehr, so daß ein Lustgefühl den gesamten Vorgang begleitet“.29 Trotz dieses Lustgefühls setzt das Arbeiten den Menschen jedoch einer „ambivalente[n] Spannung“ aus.30 Einerseits ist die Tätigkeit des Arbeitens der einzige Modus, durch den „auch der Mensch in dem vorgeschriebenen Kreislauf der Natur verbleiben kann, in ihm gleichsam mitschwingen kann zwischen Mühsal und Ruhe, zwischen Arbeit und Verzehr, zwischen Lust und Unlust mit derselben ungestörten und unstörbaren, grundlosen und zweckfreien Gleichmäßigkeit, mit der Tag und Nacht, Leben und Tod aufeinanderfolgen“.31 Die Kehrseite dieser Zugehörigkeit zu einem kontinuierlich- natürlichen Zyklus ist jedoch andererseits, dass der so tätige Mensch „in seinem schieren Lebendigsein gefangen“ bleibt, ohne dass er „je den immer wiederkehrenden Kreislauf der Körperfunktionen übersteigen oder von ihnen sich befreien könnte“.32 Er bleibt daher als reiner Angehöriger der Gattung Mensch einer tierischen Daseinsstufe verhaftet. Entsprechend schreibt Arendt: „Bestimmt man den Menschen als ein Animal laborans, so kann er in der Tat nichts wesentlich anderes sein als ein Tier, bestenfalls die höchste der Tiergattungen, die die Erde bevölkern.“33 Im alleinigen Modus der arbeitenden Tätigkeit sind dem Menschen daher die Teilhabe an und die Verwirklichung höherer Ziele verwehrt. Der Mensch erlebt in der arbeitenden Tätigkeit daher vor allem auch einen Zustand der Weltlosigkeit: „Das Animal laborans flieht nicht die Welt, sondern ist aus ihr ausgestoßen in die unzulängliche Privatheit des eigenen Körpers, wo es sich gefangen sieht von Bedürfnissen und Begierden, an denen niemand teilhat und die sich niemandem voll mitteilen können“.34 Das Arbeiten mag daher zwar die Natürlichste aller Betätigungen sein, stellt jedoch gleichzeitig diejenige Tätigkeit dar, die am wenigsten dem Menschsein gerecht wird.

2.2 Die Tätigkeit des Herstellens

2.2.1 Die weltbildende Funktion des Herstellens

Das Herstellen grenzt Arendt deutlich von der reinen Arbeitstätigkeit ab. Im Unterschied zum Arbeiten ist primärer Zweck des Herstellens eine künstliche Welt von Dingen hervorzubringen. So erklärt Arendt: „Das Werk unserer Hände […], Homo faber, der vorgegebenes Material bearbeitet zum Zwecke der Herstellung, und nicht das Animal laborans, […], verfertigt die schier endlose Vielfalt von Dingen, deren Gesamtsumme sich zu der von Menschen erbauten Welt zusammenfügt.“35 Die herstellenden Kapazitäten des Menschen ermöglichen ihm erst die Erzeugung einer ihm angemessenen objektiven Welt, die gleichzeitig die individuelle Lebensdauer jedes Einzelnen überdauert. Die Voraussetzung einer solchen Welt ist daher Haltbarkeit und Stabilität. Während die für das Arbeiten relevanten „Konsumgüter den geringsten Grad an Beständigkeit“ aufweisen, sollen die durch das Herstellen erzeugten Dinge über eine gewisse Beständigkeit verfügen, um der „Angewiesenheit menschlicher Existenz auf Gegenständlichkeit und Objektivität“ gerecht zu werden.36 Zwar nutzen sich auch die herstellend erzeugten Gegenstände unweigerlich ab, „aber dies Abgenutztwerden gehört nicht im gleichen Sinne zu ihrem Wesen, wie das Verzehrtwerden zum Wesen der Konsumgüter gehört.“37 Daher verfügen die durch Herstellung erzeugten Produkte über „eine relative Unabhängigkeit von der Existenz der Menschen“, um dadurch „den unersättlichen Bedürfnissen und der Notdurft ihrer Erzeuger entgegenzustehen und sie wenigstens für eine Zeit zu überstehen.“38 Nur durch diese Dauerhaftigkeit und Unabhängigkeit der hergestellten Dinge ist daher für Arendt letztlich Welt als etwas möglich, was der menschlichen Anbindung an die zirkuläre Natur entzogen und ihr gegenüber- und entgegensteht. So erklärt Arendt: „Die Umwelt des Menschen ist die Dingwelt, […], und ihre Aufgabe, sterblichen Wesen eine Heimat zu bieten, kann sie nur in dem Maße erfüllen, als ihre Beständigkeit der ewig-wechselnden Bewegtheit menschlicher Existenz standhält und sie jeweils überdauert“.39 Ohne die Tätigkeit des Herstellens wäre daher der Mensch nicht nur heimatlos und der Natur vollkommen ausgeliefert, sondern er könnte die Zyklik der Natur nicht transzendieren. Insofern „haben die Weltdinge die Aufgabe, menschliches Leben zu stabilisieren, und ihre Objektivität liegt darin, dass sie der reißenden Veränderung des natürlichen Lebens - […] - eine menschliche Selbigkeit darbieten, eine Identität, die sich daraus herleitet, dass der gleiche Stuhl und der gleiche Tisch den jeden Tag veränderten Menschen mit gleich bleibender Vertrautheit entgegenstehen“.40 Erst durch die Tätigkeit des Herstellens wird es dem Menschen möglich, sich als ein von der Natur geschiedenes Subjekt zu begreifen, seine menschliche Identität und somit letztlich auch ein angemessenes Verhältnis zur Natur zu finden.41 Nämlich „[n]ur weil wir aus dem, das die Natur uns gibt, die objektive Gegenständlichkeit der eigenen Welt errichteten, weil wir in den Umkreis der Natur eine nur uns eigene Umgebung gebaut haben, die uns vor der Natur schützt, sind wir imstande, nun auch die Natur als einen »Gegenstand« objektiv zu betrachten und zu handhaben“, schreibt Arendt.42 Paradoxerweise wurzelt daher gerade der menschliche Abgrenzungsprozess gegenüber der Natur in der Natur selbst, da sie die Rohstoffe bereitstellt, die jegliches Herstellen überhaupt erst ermöglicht.

2.2.2 Die Gewaltsamkeit des Herstellens

Charakteristisch für die Tätigkeit des Herstellens ist, dass der Mensch zu ihrem Vollzug in die Natur eingreifen muss. Entsprechend erklärt Arendt die herstellende Tätigkeit folgendermaßen: „Material muß erst einmal gewonnen werden, seiner natürlichen Umgebung entrissen, und mit der Gewinnung von Material greift der Mensch in den Haushalt der Natur ein, indem er entweder ein Lebendiges zerstört - einen Baum fällt, um Holz zu gewinnen - oder einen der langsamen Naturprozesse unterbricht, wenn er das Eisen, den Stein, den Marmor aus dem Schoß der Erde bricht“.43 Insofern lässt sich sagen, dass die Herstellung der menschlichen Welt stets nur durch die Zerstörung eines Stückes natürlicher Welt möglich wird.44 Seinem Wesen nach ist das Herstellen daher in gewissem Maße stets zerstörerisch und gewalttätig. „Alles Herstellen ist gewalttätig, und Homo faber, der Schöpfer der Welt, kann sein Geschäft nur verrichten, indem er Natur zerstört“, schreibt Arendt.45 Allerdings ist diese Gewalttätigkeit des Herstellens für Arendt keinesfalls negativ zu werten. Auf der individuellen Ebene verleiht gerade die Gewalttätigkeit in der herstellenden Tätigkeit dem Menschen durchaus auch ein Gefühl der Genugtuung, denn „Kraft und Stärke des Menschen äußern sich am elementarsten in den Erfahrungen der Gewalttätigkeit, und sie stehen daher im äußersten Gegensatz zu der qualvoll-erschöpfenden Anstrengung, welche die Grunderfahrung des Arbeitens ist. Aus ihnen stammen Selbstgewißheit und Selbstgefühl, und sie können sogar Quelle lebenslänglicher Zufriedenheit sein“.46 Im Hinblick auf die Gattung ist die Gewalttätigkeit gegenüber der Natur darüber hinaus das entscheidende Merkmal, das den Menschen von allen anderen Lebewesen unterscheidet und ihn dazu befähigte, diese in entwicklungsgeschichtlicher Hinsicht zu überflügeln.

2.2.3 Die Linearität der herstellenden Tätigkeit

Anders als das Arbeiten vollzieht sich für Arendt die herstellende Tätigkeit des Menschen als „Verdinglichung“ eines zuvor im Kopf des herstellenden Subjekts vorhandenen Modells.47 Dieses Modell, „das die Herstellung leitet, […] geht dem Werkprozeß voraus und bedingt ihn auf eine ganz ähnliche Weise, wie die drängenden Antriebe des Lebensprozesses im Arbeiter der eigentlichen Arbeit vorangehen und sie bedingen“.48 Mit der Fertigstellung des jeweiligen Produkts realisiert sich schließlich dieses Modell in der objektiven Realität. Das Herstellen stellt insofern für Arendt einen Vorgang dar, der im Gegensatz zum Arbeiten in weit stärkerem Maße durch Linearität geprägt ist. „Es ist das eigentliche Merkmal des Herstellens, daß es einen definitiven Anfang und ein definitives, voraussagbares Ende hat; und hierdurch allein unterscheidet es sich von allen anderen menschlichen Tätigkeiten“, schreibt Arendt.49

Nach der Fertigstellung eines Produktes verschwindet das für die Herstellung maßgebliche Modell jedoch nicht endgültig aus der Welt. Vielmehr ist die dem Produkt jeweils zugrunde liegende Idee noch immer vorhanden und kann erneut realisiert werden. Allerdings handelt es sich für Arendt hierbei nicht um einen Wiederholungsvorgang, wie er für die Tätigkeit des Arbeitens charakteristisch ist. Vielmehr erklärt Arendt: „[D]iese der Herstellung inhärente, potentielle Vervielfältigung desselben unterscheidet sich prinzipiell von der Wiederholung, die das Kennzeichen der Arbeit war. Denn Wiederholung ist nur die Art und Weise, in welcher die Arbeit dem Kreislauf des biologischen Lebens nachkommt“.50 Dass es sich bei der Herstellung um einen prinzipiell andersartigen Prozess gegenüber dem Arbeiten handelt, zeigt sich darüber hinaus auch daran, dass der Mensch im Herstellungsprozess seine Tätigkeit angeleitet durch die jeweils zugrunde liegende Idee in viel stärkerem Maße geistig-rational steuern kann. Insofern gelangt Arendt zu der Auffassung: „Homo faber ist in der Tat ein Herr und Meister, nicht nur, weil er Herr der Natur ist oder verstanden hat, sie sich untertan zu machen, sondern auch, weil er Herr seiner selbst ist“.51

2.2.4 Die Zweck-Mittel-Relation in der herstellenden Tätigkeit

Für Arendt unterscheidet sich das Herstellen in signifikanter Weise von der Arbeitstätigkeit auch dadurch, dass es in viel stärkerem Maße von der Zweck-Mittel-Relation bestimmt ist: „Zwar produziert die Arbeit zweifellos auch für den »Zweck« des Konsums, aber da dieser Zweck, als Endprodukt gesehen, der weltlichen Beständigkeit eines Gegenstandes ermangelt, ist das Ende des Arbeitsprozesses nicht durch das Endprodukt determiniert, sondern durch die Erschöpfung der Arbeitskraft“.52 Allein das Herstellen ist insofern durch sein Endprodukt, durch den Zweck des Herstellungsvorgangs bestimmt. Dabei ist jedoch keinesfalls auszuschließen, dass ein erreichter Endzweck, nicht selbst wieder zu einem Mittel wird. Entsprechend führt Arendt aus: „Zwar ist das Fertigfabrikat ein Zweck mit Bezug auf die Mittel, durch die es hergestellt wurde, und so der Endzweck des Herstellens selbst; dennoch wird es, wenn es fertig ist, kein »Zweck an sich«, jedenfalls nicht, solange es ein Gebrauchsgegenstand bleibt. Der Stuhl, der für die Tätigkeit des Tischlers ein Endzweck war […] , ist in der Welt, in die er eintritt, wenn er die Tischlerwerkstatt verläßt, wieder eine Art Mittel; er muß benutzt werden und kann seinen Nutzen nur dadurch beweisen, daß er einem.

[...]


1 Arendt, Hannah (2002), Vita activa oder Vom tätigen Leben, S. 12.

2 Ebd.

3 Ebd.

4 Ebd., S. 13.

5 Ebd., S. 12.

6 Ebd., S. 13.

7 Ebd., S. 14.

8 Ebd., S. 111.

9 Ebd., S. 16.

10 Ebd., S. 99.

11 Ebd., S. 99.

12 Ebd., Fußnote Nr. 5, S. 435.

13 Ebd., S. 17.

14 Ebd.

15 Ebd., S. 137.

16 Ebd., S. 16.

17 Ebd., S. 118.

18 Ebd.

19 Ebd., S. 119

20 Ebd., S. 117.

21 Ebd.

22 Ebd., S. 114f.

23 Ebd., S. 104.

24 Ebd., S. 125.

25 Ebd., S. 105.

26 Ebd.

27 Niggemeyer, Lars (2008), Gesellschaft und Freiheit bei Hannah Arendt. Ein Vergleich mit Karl Marx, S. 46.

28 Arendt (2002), S. 117.

29 Ebd., S. 126f.

30 Schindler, Roland W., Gegl ü ckte Zeit - gestundete Zeit. Hannah Arendts Kritik der Moderne, S. 136.

31 Arendt (2002), S. 126.

32 Ebd., S. 134.

33 Ebd., S. 102.

34 Ebd., S. 139.

35 Ebd., S. 161.

36 Ebd., S. 16.

37 Ebd., S. 162.

38 Ebd.

39 Ebd., S. 211.

40 Ebd., S. 162.

41 Vgl. Niggemeyer (2008), S. 65.

42 Arendt (2002), S. 162f.

43 Ebd., S. 165.

44 Inàntsy-Pap von, Elemèr (1967), Der Begriff der Arbeit bei Hannah Arendt, S. 21.

45 Arendt (2002), S. 165.

46 Ebd., S. 165f.

47 Ebd., S. 165.

48 Ebd., S. 167.

49 Arendt (2002), S. 169f.

50 Ebd., S. 168.

51 Ebd., S. 170.

52 Ebd., S. 169.

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Die produktiven Tätigkeiten des Menschen bei Hannah Arendt und Karl Marx - Ein Vergleich
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Philosophie)
Veranstaltung
Hannah Arendt - Vita Activa
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
40
Katalognummer
V195187
ISBN (eBook)
9783656210580
ISBN (Buch)
9783656210894
Dateigröße
543 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Karl Marx, Hannah Arendt, Vita Activa, Menschliche Arbeit, Arbeitstheorie
Arbeit zitieren
Diplom-Verwaltungswirt (FH) Florian Döring (Autor), 2011, Die produktiven Tätigkeiten des Menschen bei Hannah Arendt und Karl Marx - Ein Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195187

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