Das 20. Jahrhundert hat, analog zu verschiedenen Regierungsformen, höchst unterschiedliche Wege in Umgang und Förderung von Bildungsbenachteiligten in der beruflichen Bildung, wie auch der Interpretation des pädagogischen Konzepts des Führens hervorgebracht. Die vorliegende Masterarbeit bietet einen Überblick über Theorien zur Führung Benachteiligter und deren Umsetzung in der Weimarer Republik, dem NS-Staat, der DDR und de Bundesrepublik bis zur Wiedervereinigung. Sie beginnt mit Klassikern der Pädagogischen Theorie (Rousseau, Pestalozzi, Kerschensteiner, Litt, Spranger) und bearbeitet die erwähnten Epochen unter Beschreibung ausgewählter historischer Beispiele. Beobachtet wird stets, welche Gruppen weshalb als benachteiligt galten und wie dieser Benachteiligung konkret begegnet wurde.
Inhaltsverzeichnis
I. Theoretische Grundlagen der pädagogischen Geistesgeschichte
I.1. Was ist Führen?
I.2. Pädagogische Klassiker
I.3. Rousseau: Émile oder über die Erziehung
I.4. Arbeitserziehung im Sinne Pestalozzis
I.5. Kerschensteiner und die Erziehung zum Staatsbürger
I.6. Theodor Litt: Führen oder wachsen lassen?
I.7. Eduard Spranger: Integration des Individuums
I.8. Renaissance der Führung
I.9. Fazit
II. Historischer Überblick
II.1. Das berufliche Bildungswesen der Weimarer Republik
II.1.1. Die Realität der Berufsausbildung in den 20er Jahren
II.1.2. Beginn einer professionellen Integration?
II.1.3. Kirchliche Auffangstellen
II.1.4. Zur Situation weiblicher Schulabgänger
II.1.5. Zusammenfassung
II.2. Berufliche Bildung und Benachteiligung im Dritten Reich
II.2.1. Grundlagen einer nationalpolitischen Erziehung
II.2.2. Führen und Führerprinzip - Kompetenzen in der Berufsbildung
II.2.3. Bildungspolitische Weichenstellungen
II.2.4. Zur Lehre bewegen - Motivation und Wettkampf
II.2.5. Berufliche Früherziehung
II.2.6. „Ordensburg der Arbeit“ - Kasernierung und Kontrolle
II.2.7. Die unzuverlässigen Ungelernten
II.2.8. Jugend im Abseits - jugendliche Zwangsarbeiter
II.2.9. Zusammenfassung
II.3. Berufliches Lernen in der DDR
II.3.1. Die sozialistische Lehre im Aufbau
II.3.2. Fachliche und politische Berufserziehung
II.3.3. Offiziell keine Benachteiligung
II.3.4. Abweichendes Verhalten
II.3.5. Heimerziehung als Abhilfe: Die Jugendwerkhöfe
II.3.6. Der geschlossene Jugendwerkhof Torgau
II.3.7. Sozialistische Ausbildungspolitik auf dem Lande
II.3.8. Zusammenfassung
II.4. Die Bundesrepublik bis zur Wiedervereinigung
II.4.1. Langsamer Wandel
II.4.2. Lernen in der jungen Republik
II.4.3. Aufbegehren von unten
II.4.4. Die Geisteshaltung der 60er Jahre
II.4.5. Pädagogischer Bewusstseinswandel
II.4.6. Das Berufsbildungsgesetz tritt in Kraft
II.4.7. Neue Herausforderung Zuwanderung
II.4.8. Die 80er Jahre: Strukturwandel und Rückzug
II.4.9. Berufliche Gleichberechtigung
II.4.10. Die Wende und ihre Folgen für die Berufsbildung
II.4.11. Auswege suchen und finden: Beratung um jeden Preis
II.4.12. Zusammenfassung
III. Diskussion
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis von Führung und Bildungsbenachteiligung in der beruflichen Bildung des 20. Jahrhunderts. Ziel ist es, die pädagogischen Theorien und deren praktische Umsetzung in den verschiedenen Epochen – Weimarer Republik, Nationalsozialismus, DDR und Bundesrepublik – kritisch zu hinterfragen und Kontinuitäten sowie Diskontinuitäten aufzuzeigen.
- Historische Entwicklung von Führungskonzepten in der Berufsbildung.
- Analyse der Situation Benachteiligter in unterschiedlichen politischen Systemen.
- Verknüpfung geisteswissenschaftlicher Theorien mit bildungspolitischer Realität.
- Bewertung von Maßnahmen zur Integration in den Arbeitsmarkt.
Auszug aus dem Buch
I.1. Was ist Führen?
Führung setzt zunächst mindestens zwei Personen voraus: Einen Führer und einen Geführten. Sie hat die Steuerung und Gestaltung des Handelns anderer Personen zum Gegenstand. Weiterhin bedarf es eines Führungszieles, im Falle dieser Arbeit des Bildungserwerbes des Geführten, und der Autorität des Führers, die durch beide Seiten anerkannt werden muss. Hier geht es nun zunächst um die Definition von Autorität bzw. Legitimation des oder der Führenden.
Der Begriff Autorität (von lat. Auctoritas „Urheberschaft“) hat eine wechselhafte philosophische Geschichte erfahren; ich beschränke mich auf den gesellschaftstheoretischen Diskurs seit dem 19. Jahrhundert. Den konservativen Denkmustern des vorletzten Jahrhunderts gemäß kann Autorität entweder als noch nicht in Frage gestellter Führungsanspruch eines Einzelnen gegenüber einer „Menge der Nichtqualifizierten“, d.h. durch die Überlegenheit der Autorität bzw. des Führers, oder aber als eine Art Vertrauensvorschuss der „Unterworfenen“, der deren Freiheit voraussetzt und ohne Zwang auf deren Mitwirkung hinarbeitet. Die Bereitschaft, Autoritäten anzuerkennen, liegt in der (elterlichen) Erziehung begründet und hängt mit dem Wunsch zusammen, selbst als Autorität auftreten zu wollen und sich mit der Führungsperson zu identifizieren. Insbesondere die Erziehungswissenschaft der 70er Jahre sah in der Bereitschaft zur Unterordnung Anzeichen einer anerzogenen pathogenen, antidemokratischen Geisteshaltung und im Wille zur Führung eine faschistoide Grundeinstellung. Vertreter dieser Auffassung vergessen, zwischen zwei unterschiedlichen Erscheinungsformen von Autorität zu unterscheiden. Führung wird entweder, und dies wird im Folgenden näher beschrieben, zum Zwecke der Einweisung in einen komplexen Sachverhalt benötigt, oder aber als Selbstzweck, um die Macht des Führenden zu festigen. Diese Form der Machtausübung hat keinen pädagogischen Zweck und ist der Grund für die Abneigung, die dem Führungsbegriff in den vergangenen Jahrzehnten entgegengebracht wurde, darf aber nicht verwechselt werden.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Theoretische Grundlagen der pädagogischen Geistesgeschichte: Dieses Kapitel erörtert die pädagogischen Führungstheorien bedeutender Denker wie Rousseau, Pestalozzi, Kerschensteiner, Litt und Spranger und deren Bedeutung für die Berufsbildung.
II. Historischer Überblick: Dieser Abschnitt analysiert die Entwicklung der beruflichen Bildung und den Umgang mit Benachteiligten in der Weimarer Republik, im Dritten Reich, in der DDR und in der Bundesrepublik bis zur Wiedervereinigung.
III. Diskussion: Das abschließende Kapitel reflektiert die erarbeiteten Erkenntnisse über Kontinuitäten und Diskontinuitäten in der Führung Benachteiligter und formuliert Perspektiven für die weitere Entwicklung.
Schlüsselwörter
Führung, Berufsbildung, Bildungsbenachteiligung, Pädagogik, Weimarer Republik, Nationalsozialismus, DDR, Bundesrepublik, Berufserziehung, Autoritärer Erziehungsstil, Chancengleichheit, Arbeitsmarktförderung, Menschenführung, Sozialpädagogik, Berufliche Integration.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie das Konzept der Führung zur Integration von benachteiligten Personen im Bereich der beruflichen Bildung über das 20. Jahrhundert hinweg verstanden und angewandt wurde.
Was sind die zentralen Themenfelder der Studie?
Die Themen umfassen die pädagogische Geistesgeschichte der Führung, historische Entwicklungen im Bildungssystem von 1918 bis 1990 sowie spezifische Maßnahmen zur Umerziehung und Integration benachteiligter Jugendlicher.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, den Stellenwert des Konstrukts "Führung" in verschiedenen Epochen zu klären und zu analysieren, wie dieses in der Berufsbildung konkret umgesetzt wurde und welche Folgen dies für die Benachteiligten hatte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer geisteswissenschaftlichen Literaturanalyse, die pädagogische Theorien mit historischen Ereignissen und zeitgenössischen Quellen verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung durch pädagogische Klassiker und einen umfangreichen historischen Abriss über die vier großen Ereigniszusammenhänge des 20. Jahrhunderts in Deutschland.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Führung, Berufsbildung, Benachteiligung, Volksgemeinschaft, Arbeitserziehung und Chancengleichheit.
Warum spielt die Unterscheidung zwischen "Führen" und "Einführen" bei Theodor Litt eine Rolle?
Litt unterscheidet zwischen der bloßen Machtausübung des Führers und dem pädagogischen Konzept des "Einführens", das auf die Entfaltung des Zöglings abzielt und somit eine demokratischere Alternative darstellt.
Wie unterschied sich die DDR-Praxis der "Umerziehung" vom NS-Regime?
Während beide Systeme repressiv gegen "asoziales" Verhalten vorgingen, fehlte in der DDR die explizite rassehygienische Ideologie der Nationalsozialisten, wenngleich beide Ansätze individuelle Freiheitsrechte stark einschränkten.
Welche Rolle spielt die "erste Schwelle" beim Übergang in den Beruf?
Die "erste Schwelle" markiert den Übergang von der Schule in die berufliche Bildung, der für benachteiligte Jugendliche oft mit Scheitern und mangelnden Erfolgschancen verbunden ist und daher professioneller Begleitung bedarf.
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- Christoph Pazdzior (Author), 2011, Führung Benachteiligter in der Berufsbildung im 20. Jahrhundert, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195226