Kinder Ten Sing - Anregungen aus der Jugendchorarbeit für die Grundschule


Examensarbeit, 2005

73 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Gruppe von Gleichaltrigen / Peer-Group
2.1 Der Wandel der Kindheit - Psychologie der Kindheit
2.2 Peer-Group der Teenager
2.3 Jugendphase und Identitätsfindung

3 Popkultur und Jugendkultur
3.1 Einleitung in das Thema Musik
3.2 Funktionen von Musik
3.2.1 Systematisierung9
3.2.2 Populäre Musik und Popmusik11
3.2.3 Psychologische Aspekte der musikalischen Präferenzen13
3.3 Jugendkultur

4 CVJM
4.1 CVJM ist …
4.2 Kinder- und Jugendarbeit

5 Kinder-Ten-Sing
5.1 Historische Entwicklung (Ten Sing)
5.2 Prinzipien der Arbeit: Projekt und Prozess
5.3 „Du sollst leben“ - die Philosophie von Ten Sing/Kinder-Ten-Sing
5.3.1 Das 5-C-Konzept
5.4 Aufbau einer Kinder-Ten-Sing Gruppe
5.4.1 Altersstruktur30
5.4.2 Leitungsmodell31
5.4.3 Gruppenverhalten und Konfliktbereiche33
5.5 Jahresablauf
5.5.1 Kinder-Ten-Sing Jahr34
5.5.2 Themenfindung und Glaube bei Kinder-Ten-Sing34
5.5.3 Kinder-Ten-Sing Probe und Erläuterung der einzelnen Gruppen36
5.5.4 Kinder-Ten-Sing Probetage oder -wochenenden41
5.5.5 Das Konzert -„Showdown“42

6 Chorgesang musikdidaktisch und pädagogisch
6.1 Die Motivation
6.2 Das Singen, bzw. die Bedeutung des Musizierens für den Menschen
6.3 Kinderchor in der Schule - warum?

7 Anregungen für das schulische Unterrichten
7.1 Warum passt Kinder-Ten-Sing in den schulischen Rahmen?
7.2 Kooperation von Schule und Jugendarbeit

8 Fazit

9 Anhang
9.1 Liederliste der letzten 5 Jahre
9.2 5 Beispiele unserer erarbeiteten Stücke
9.3 Plakat und Logo des letzten Jahres

10 Literaturverzeichnis
10.1 Primärliteratur
10.2 Sekundärliteratur
10.3 Literaturangaben aus dem Internet

11 Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

Auf der Suche nach einem geeigneten Thema für meine hauswissenschaftliche Arbeit kam ich auf meine Kinder-Ten-Sing-Gruppe. Diese könnte ein interessantes Feld bieten. Schnell wurde allerdings klar, dass zu viele Einzelthemen zu finden wären, z.B. Kinder- und Jugendarbeit, Religions-, Theater-, Musikpädagogik, Psychologie, Soziologie und vieles mehr.

Deshalb beschloss ich, mich auf die Chorarbeit zu beschränken, schicke allerdings Aspekte zur Psychologie der Kindheit und Jugend, zur Pop- und Jugendkultur und zum CVJM voraus, erläutere dann die Kinder-Ten-Sing-Arbeit an sich und lege abschließend ein besonderes Augenmerk auf die Übertragung in die Schule.

Vorab möchte ich darauf aufmerksam machen, dass ich in meinen Ausführungen auf die Unterscheidung männlich - weiblich verzichte.

2 Gruppe von Gleichaltrigen / Peer-Group

2.1 Der Wandel der Kindheit - Psychologie der Kindheit

Für die moderne Kindheit ist festzustellen, dass sich die Aneignung der Kultur bei Kindern erheblich verändert hat. Sekundärerfahrungen, konsumorientierte Verhaltensweisen und vorinterpretierte Deutungsmuster nehmen zu. Nach neueren Handlungs- und Kognitionstheorien ist aber Eigentätigkeit die Grundlage der Erkenntnistätigkeit, das Bild von Welt und Wirklichkeit ist an die aktive Auseinandersetzung mit dieser verbunden (vgl. Gudjons, S.112). Deshalb bedarf es handlungsorientierter Arbeitsweisen, um die Kinder wieder zu Primärerfahrungen zu bringen.

Erikson, Piaget und Kohlberg sollen mir an dieser Stelle helfen, die Altersspanne 7 - 12 Jahre, die in einer Kinder-Ten-Sing-Gruppe vorrangig ist, genauer zu betrachten. Das Modell der Entwicklung der Identität nach Erikson beschreibt die 7-12 Jährigen auf den Stufen vier und fünf. Werksinn gegen Minderwertigkeitsgefühl: Die Kinder sind reif für die Schule, sie wollen das Gefühl haben, nützlich zu sein und etwas gut und vollkommen machen zu können. Sie entwickeln einen Werksinn. Allerdings kann auf dieser Stufe auch das Gefühl von Unzulänglichkeit und Minderwertigkeit entstehen. Die nächste Stufe Identität gegen Identitätsdiffusion besagt Folgendes: In der nun beginnenden Jugendzeit kreist alles um die Frage nach dem eigenen Ich. Wer bin ich - Wer bin ich nicht? Finden sich keine Antworten, kommt es hier zur Identitätsdiffusion (vgl. ebd. S.115+118). Die Entwicklung des Denkens nach Piaget beschreibt die 7- bis 12-Jährigen in der präoperationalen Phase und in der Phase der konkreten Operationen. In Sprache und Spiel lernen die Kinder mit symbolischen Beziehungen umzugehen, sie experimentieren mit erlernten Regeln und Rollen. Die präoperationale Phase endet etwa im 7. Lebensjahr und wird von der Phase der konkreten Operationen abgelöst, welche die entscheidende Lernphase für ein Kind darstellt (vgl. ebd. S.119-22). Die moralische Entwicklung nach L. Kohlberg setzt das angesprochene Alter ins 1. Stadium. In diesem besteht noch keine eigene Moralvorstellung. Das Kind orientiert sich in dieser Phase an der Autoritätsperson sowie an deren Strafe und Lob. In der unmittelbar folgenden Stufe von naivem instrumentellem Hedonismus sind die eigenen Bedürfnisse der Maßstab für Gegenseitigkeit und gerechtes Handeln (vgl. ebd. S.123- 124).

Die Entwicklung des Sozialverhaltens wird in der Kindheit wesentlich durch die

Interaktion mit Gleichaltrigen gefördert. Zugehörigkeit und soziale Akzeptanz sind wichtige Entwicklungsthemen und bestimmen die Freundschaften in der Kindheit mit. Kinder im Alter von 6-8 Jahren haben das Verständnis, dass man dem anderen etwas gibt und dafür etwas von ihm zurückbekommt. Dieses Verständnis verändert sich im Alter von 9-11 Jahren qualitativ dahingehend, dass eine Gegenleistung nicht unmittelbar verlangt wird. Im Alter von 12-14 Jahren wird der Freund zu jemandem, der einen besser kennt als andere. Gegenseitiges Verstehen ist dann wichtiger als aktuelle Hilfeleistung. Epstein (1989) nennt drei Aspekte, die bei der Wahl von Freunden bedeutend sind: Ähnlichkeit, Altershomogenität bzw. -heterogenität und räumliche Nähe.

Die Unterstützung anderer wächst im Grundschulalter, da die Kinder sensitiver werden und Sprache stärker zum Trost einsetzen können. Eisenbergs Beobachtungen zufolge sinkt diese Hilfe mit 9-10 Jahren ab, um im Jugendalter wieder anzusteigen. Der soziale Vergleich ist ein Prozess, der in der Entwicklung zwei Zielen dient: zum einen der Bestimmung, wie gut man sich verhalten sollte (Normdenken), und zum anderen, wie gut man bei einer Aufgabenklasse ist (Selbstbewertung) (vgl. Oerter/Montada, S.295-305).

Dies soll genügen, um einen Einblick in das Wesen der Kinder zu bekommen und dabei zu erkennen, wohin sich Jugendliche entwickeln.

2.2 Peer-Group der Teenager

Als Peer-Group bezeichnet man Heranwachsende zwischen 13 und 19 Jahren. Die Geschichte und Entwicklung von Peer-Groups lässt sich laut Baacke wie folgt zusammenfassen: Die Kinder werden, in der Spannung zwischen abwesendem Vater und zentralisierter Mutter, zum Opfer einer allzu großen Bindungsdichte mit stark zentripetalen Kräften - mit der Folge, dass sich keine Autonomie von Kindern und Jugendlichen entwickeln konnte. So musste die „Festung“ der Kleinfamilie aufgebrochen werden, wollten die Jugendlichen nicht unter starken Über-Ich- Bindungen und Anforderungen degenerieren.

Die jugendkulturelle Gegenbewegung der späten 50er und 60er Jahre war eine folgenreiche Entwicklung, die nicht statt gefunden hätte, wäre nicht der Einfluss der Massenmedien hinzugekommen.

Verkehrserschließung mit steigender Motorisierung der Jugendlichen hatte die Entwicklung einer Teenager-Kultur zur Folge, die pädagogischen Einflüssen entwuchs und stark unter kommerziell organisierte Einflüsse geriet.

Die informellen Jugendgruppen fragten nach „Stil“ nicht in einem gestalteten oder pädagogischen Sinne. An die Stelle ererbter Rituale trat ein sozialemotionales Interesse der Gleichaltrigen mit starker Betonung des Spielraums von Freizeit, Freundschaft und Liebe. Strukturzüge dieser Lebensphase sind:

1. Starke Bestimmung des Freizeitverhaltens durch erotische und sexuelle Bedürfnisse, Peer-Groups werden zu wichtigen Erfahrungs- und Sozialisationsagenturen.
2. Sie entstehen parasitär an den jeweiligen Orten bzw. Institutionen, die Jugendliche zusammenführen (Nachbarschaft, Schule,…).
3. Die Schichtzugehörigkeit ist streng selektiv, Peer-Groups spiegeln die soziale Zuordnung der Gesellschaft wider.
4. Diese Selektivität bestimmt die Wertsyndrome der Jugend, sie reproduzieren also die Standards der sozialen Verortung, wobei neben der Bildungsinstitution die Herkunftsfamilie ausschlaggebend ist.
5. Jugendliche wollen von der Peer-Group erotische Erfahrungen und Erprobungen der eigenen Persönlichkeit, sowohl in solidarischem Verhalten, als auch in Rivalitäten.
6. Die emotionale Tiefenbindung an das Elternhaus bleibt aber bestehen. Wer zu Hause seine Ich-Stärke aufgegeben hat, wird auch bei der Peer-Group dazu neigen, Gefolgsmann zu sein.
7. Die Familienautorität zerstört diese Peer-Group nicht, ebenso wenig wie andersherum. Die Hinwendung zur Familie verstärkt sich wieder, es geht nicht auf Kosten der Familie. Die relevanten Ansprechpartner für bestimmte Sorgen und Nöte bleiben die Eltern - wie die Peer-Netzwerke.
8. Gleichaltrige haben offensichtlich eine hohe, eher stärkere Bedeutsamkeit für die Bereiche Erlebnis- und Erfahrungssolidarität in psychisch-sozialen Problemlagen. Peer-Groups helfen Heranwachsenden, durch Interaktion, Wettbewerb, Auseinandersetzung, Solidarität und Erfahrungsaustausch sich in Richtung auf eine künftige personale Autonomie zu überprüfen, im Vergleich zur Eltern-Generation zum Teil auch neu zu bestimmen und allmählich zu festigen (vgl. Baacke 2004, S.12-16).

Die neueren Tendenzen gehen dahin, dass organisierte Gruppen immer mehr zurückgehen und eine Zunahme lediglich die Sportjugend erfährt. Daten der 12. Shell Jugendstudie nach, waren Ende der 90er Jahre 39% der Jugendlichen in Sportvereinen organisiert. Der Anteil bei konventionellen Verbänden lag bei 8%, und die kirchlichen Organisationen liegen an dritter Stelle unter 5%. Die Cliquen-Mitgliedschaft allerdings stieg auf über 40%. Das soziale Netzwerk ist noch dichter geworden: Freundschaften beginnen früher, Gleichaltrige sind durchweg die liebsten Freizeitpartner, gleichzeitig sind Jugend-Treffpunkte heute vielfältiger und besser ausgestattet als vor 20 Jahren.

Die Internationalisierung durch Konsum, Mode und Pop-/Rockmusik hat nicht nur zugenommen, sondern auch Gruppenzugehörigkeiten werden heute über diese definiert. Die Definitionen unterscheiden sich im Stil, der in Kleidung, musikalischem Ambiente und im gesamten Styling angeboten wird. Am Stil der Peer-Groups scheiden sich oft die Geister und Zugehörigkeiten (vgl. ebd. S.16-18).

2.3 Jugendphase und Identitätsfindung

Ziele dieser Phase zwischen Kindheit und Erwachsensein sind vor allem die Vorbereitung auf das spätere Leben, die Herausbildung einer stabilen Persönlichkeit und einer integrierten Identität und das Erlernen von sozialen Fertigkeiten und Kompetenzen.

Menschliche Identität bestimmt den jeweiligen Zeitgeist, d.h. sie ist änderbar und nie endgültig definiert. In der Jugendphase orientiert sich der Mensch diesbezüglich an Beziehungsleistungen anderer. Er entwickelt seine Identität durch Imitation, Identifikation und den Vergleich mit anderen. Die Peer-Groups fordern autonome Beziehungsleistungen und bauen damit an der Identität des Jugendlichen. Sie sehen sich in Relation zu anderen und relativieren sich dadurch selbst.

Allerdings wird die Phase der Jugend in Frage gestellt. Verhaltensweisen, Einstellungen und Orientierungen der Jugendlichen unterliegen, so wie die Jugend generell, einer Wandlung. So beginnt die Jugendphase immer früher und / oder endet entsprechend.

Dennoch möchte ich an dieser Stelle eine Darstellung der Anforderungen an „Jugendliche“ einbringen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Anforderungen in der Jugendphase (Dudczig, S. 38)

Die Jugendlichen werden mit äußeren und inneren Anforderungen konfrontiert, womit sie in einer modernen Gesellschaft stehen, die durch zunehmende Individualisierung und pluralistische Lebensformmöglichkeiten geprägt ist. Diese Freiheit der Lebensgestaltung steht den fehlenden Fixpunkten im Sinne von Werten und Orientierungen gegenüber. Die „Wertevermittler“ (Abb.1, rechte Spalte) haben ihre ehemalige Funktion verloren und dienen nur noch der Orientierungshilfe (vgl. Dudczig, S.38-9).

Dadurch entwickelt sich eine Solidarität in der gemeinsamen Identitätssuche unter den Jugendlichen und es kommt immer mehr zur Abschottung jugendlicher Identität gegenüber der erwachsenen Identität. Dies führt zu folgendem Problem: Einerseits werden Mündigkeit und Entscheidungsfähigkeit abverlangt, andererseits werden Jugendlichen die Möglichkeiten, diese zu realisieren, vorenthalten. Der Jugendliche bekommt Handlungsvorschriften, aber seine Handlung wird widerrufen. Will er selbstständig handeln, wird er oft genug kontrolliert und gemaßregelt (vorschnelle Identitätsaneignung). Verzichtet er auf eigene Entscheidungen, wird ihm auch dies zum Vorwurf gemacht (befürchteter Identitätsverzicht) (vgl. Baacke 2004, S.155-6).

Die Gruppe der Gleichaltrigen wendet sich also nach Innen, da sie sich kennen lernen und sich gegenseitig stärken wollen. Ziel muss es aber sein, sie auch „für die Gesellschaft fit zu machen“ und ihren Blick nach außen zu öffnen.

Nun bin ich bewusst mehr auf den im Jugendalter verankerten Begriff Peer-Group eingegangen, da die Kinder-Ten-Sing-Arbeit versucht die noch „in ihrer Welt lebenden“ Kinder ab dem Alter von 7 Jahren langsam auf die Jugendphase vorzubereiten und sie dahingehend zu stärken.

Psychoanalytiker haben eine Zunahme ´narzisstischer` Störungen als Folge von zu starken Mutterbindungen wahrgenommen, deren Kennzeichen sind starke Versorgungsbedürfnisse; Neigung zu Anpassung und zur Konfliktverleugnung; rasch wechselnde Objektbeziehungen, verbunden mit Über-Ich-Schwäche und schwach entwickelten Abwehrsystemen; nach Außen getragene „Coolness“, die ein mangelndes Selbstbewusstsein überdeckt. Diese Kennzeichen der Entwicklung (vgl. ebd. S.256) sind meiner Meinung nach von jedem aufmerksam lebenden Menschen zu beobachten. Deshalb muss zum einen pädagogisches Bestreben darin liegen, die Identität der Jugendlichen haltbar zu machen. Zum anderen begründen sich darin die Ziele der Kinder-Ten-Sing-Arbeit: Kinder und Jugendliche stärken und ihnen einen Raum zur Selbsterfahrung und Reflektion bieten, aber auch die positiven Seiten der Medaille stärken:„Jugendliche tragen zu kulturellen Neu-Schöpfungen bei, die nicht nur inObjektivationen bestehen, sondern auch in neuen Formen der Ich-Deutung.“(Baacke 2004, S. 259).

Nach der ausführlichen Betrachtung der Thematik ´Peer-Group` und ´Gruppe Gleichaltriger` sollen nun noch die Erkenntnisse speziell zum Thema Musik in der Jugend vorgeschaltet werden, da diese meiner Meinung nach wichtig für die KinderTen-Sing-Arbeit sind, auf welche ich danach eingehen werde.

3 Popkultur und Jugendkultur

3.1 Einleitung in das Thema Musik

„Menschen stehen mit Musik auf und gehen mit Musik wieder ins Bett. Sie arbeiten, essen, treiben Sport, machen Hausaufgaben, fahren Auto u.v.m., während sie Musik hören. Musik hat unseren Alltag bereits erobert; nicht nur unsere vielfältigen Aktivitäten, sondern auch unsere verschiedenenöffentlichen und privaten Lebensräume. Neben der lebensweltlichen Wirklichkeit finden wir Musik auch in der Wirklichkeitstranszendenz, wie Phantasie, Traum und Vorstellung.“(Dudczig, S. 9)

Musik ist mächtig und sie fasziniert. Durch sie können Menschen ausdrücken, was sie nicht sagen können, was sie fühlen, wer sie sind.

Im Alltag begegnet sie uns in folgenden Formen: Musik als Lautsprecher- bzw. Übertragungsmusik, Live-Darbietung oder eigenes Musizieren. Trotz der ständigen Verfügbarkeit von Musik, bleibt sie doch oft ein Hervortreten aus dem Alltag, schafft sie durch bewusstes Hören besondere Momente.

Sicher könnte man an dieser Stelle versuchen, Musik zu definieren, zu erläutern, was E-, U- und F-Musik ist und sie in ihre diversen, immer schwammiger werdenden, Genres gliedern, doch das würde den zur Verfügung stehenden Rahmen sprengen.

3.2 Funktionen von Musik

3.2.1 Systematisierung

Eine Systematisierung, die Paul Riggenbach aufgrund umfangreicher empirischer Untersuchungen aufstellte, gliedert Musik in sieben Funktionsbereiche auf (vgl. ebd. S.15), welche ich mit Beispielen aus der Welt der Jugendlichen (J) und den Ergebnissen Riggenbachs Untersuchungen zu aktuellen Tendenzen (U) ergänzen möchte. Dies soll keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, sondern lediglich einen Überblick geben (vgl. ebd. S.17-23):

1.) Musik ist eine Form menschlicher Kommunikation, die primär der Mitteilung

von Gefühlen dient.

J: Sie übernimmt eine Kontaktfunktion zur Klärung zwischenmenschlicher Beziehungen, über die Musik kann man sich über die Sprache hinausgehend verständigen und sie verbindet Gemeinschaften und Gruppen.

U: „Konservenmusik“ ersetzt Musiker immer mehr, und Musik vermittelt das Gefühl einer „pseudo-direkten Kommunikation“.

2.) Musik beeinflusst Gefühle.

J: Gefühle und Stimmungen werden durch Musik verstärkt, ebenso wie eine Projektion oder Abreaktion von Gefühlen und Stimmungen durch Musik erfolgt. Zudem reguliert sie Stress und dient der Entspannung.

U: Durch das vermehrt passive Hören entsteht auch ein passives Erdulden. Die Manipulation der Musikfunktion als Werbeträger erhöht das fremdbestimmte Moment in der Musikrezeption.

3.) Musik beeinflusst (die Bereitschaft zu) Handlungen.

J: Die Musik übernimmt sowohl eine Funktion der Bewegungsaktivierung und

- koordination, als auch die Aktivierung des Geistes und der Stimmungsoptimierung.

U: Wie auch bei den Gefühlen verstärkt sich die Fremdbestimmung der Bereitschaft zu Handlungen immer mehr.

4.) Musik ist Anlass zu intellektueller Auseinandersetzung.

J: Musik hat diesbezüglich eine gesellschaftskritische Funktion, da sie als Ausdrucksmittel von Minderheiten dient, auf Missstände hinweist und sich kritisch mit Themen auseinandersetzt.

U: Die intellektuelle Auseinandersetzung verläuft mehr und mehr statusbezogen. Das Wissen um den Musiktrend ist wichtiger als der lebensweltliche Bezug.

5.) Musik beeinflusst den Realitätsbezug der Menschen.

J: Mit Musik wird versucht, Probleme zu verdrängen und dem Alltag zu entfliehen, sie kann auch an Stelle anderer Dinge treten, wie zum Beispiel an die der Religion. Das Leben kann durch Musik hören lebenswerter erscheinen, und das Erleben bestimmter Dinge kann subjektiv gesteigert werden. Außerdem suggeriert Musik durch Identifikationsangebote Verbindungen zum gesellschaftlichen Umfeld, die real nicht gegeben sind.

U: Die Innen- und Außenwelt der Menschen werden immer weniger in Beziehung

zueinander gesetzt. Stattdessen wird Musik mehr zum traumhaften Gegenpol der tatsächlichen Alltagswelt.

6.) Musik hat Anteile an der Ausbildung von Identität.

J: Selbstverwirklichung kann beim eigenen Musizieren und beim eigenbestimmten Rezipieren geschehen. Des Weiteren trägt Musik zum Lebensgefühl und zur Lebenseinstellung bei, kann aber auch zur Abgrenzung von anderen Gruppen oder Personen dienen.

U: Da Musiker ihre Musik immer mehr fremdbestimmt und weniger der eigenen Lebenswelt entsprechend produzieren müssen und es an der Kommunikation über die Musik selbst fehlt, kommt es mehr und mehr dazu, dass Identität über Musik fremdbestimmt wird.

7.) Musik ist Unterhaltung.

J: Musik hilft sowohl zur Unterstützung von Feiern als auch von Spaß- und Freudeempfinden.

U: Der Unterhaltungsaspekt von Musik ist bedeutungsvoller geworden.

3.2.2 Populäre Musik und Popmusik

„Zu keiner Zeit der Menschheitsgeschichte wurde soviel Musik konsumiert, wie heute.Dies ist nicht nur der Oberschicht vorbehalten, sondern per Knopfdruck fast allenSchichten der Gesellschaft zugänglich.“(Schweizer 1996, S. 180). Ein rapide anwachsendes Medienangebot via Antenne, Kabel und Satellitenschüssel, Radio, Cd´s, Musikvideos, Kino und dergleichen mehr haben dazu geführt, dass Achtjährige heute schon mehr mit Musik in Berührung gekommen sind als ihre Urgroßeltern in ihrem ganzen Leben (vgl. Baacke 1997, S.383).

Musik, ob aktiv spielend oder passiv hörend - so lässt sich über die Anfänge der Jugendarbeit sagen - war, am Anfang des 20. Jahrhunderts, ein zentrales jugendkulturelles Ausdrucksmittel, sozusagen die Popmusik von damals.

Mit der Pädagogisierung nach 1945 kamen die Konflikte: die Pädagogik setzte auf Gruppenaktivität, die Jugendlichen wollten Einzelaktivitäten, sie setzten auf Volkstänze, Jugendliche wollten Gesellschaftstänze, sie sangen Jugendlieder statt Schlager zu hören. Mit den 50ern hielt der Rock´n´Roll Einzug in die Hallen der Jugendarbeit, was zu noch größeren Differenzen führte.

Beim aktiven Singen rückten Protestlieder und politische Lieder in den Vordergrund, während die Musikrezeption im Alltag der Jugendlichen deutlich der Popmusik den Vorrang gab (vgl. ebd. S.508).

In der Forschung wird Jugend als krisenhafte Entwicklungsphase aufgefasst, in der junge Menschen vielfachen Gefahren ausgesetzt sind. Handlungsorientierte Ansätze hingegen begreifen die Aneignung von Medien als soziales Handeln, und Medienaneignung wird als ein heute notwendiger und allgegenwärtiger Bestandteil des jugendlichen Alltags verstanden (vgl. ebd. S.384). Die Erklärung von Musikpräferenzen wird an die Faktorenkonstellation des Individuums und seiner sozialen Umwelt zurückgewiesen. Der individuelle Zugriff auf Musik ist durch die Verbreitung technischer Aufzeichnungs- und Wiedergabegeräte und die preiswerter gewordenen Tonträger jeder Zeit möglich, was dazu führt, dass der Musikkonsum stark angestiegen ist und in der Jugendphase seinen Höhepunkt erreicht. Manche hören mehr auf den Text, andere Jugendliche mehr auf Rhythmus und Tanzbarkeit, allerdings nimmt die Textbedeutung bei Umfragen den letzten Rangplatz ein (vgl. ebd. S.343/44).

Musik gehört zu den zentralen jugendkulturellen Ausdrucksmitteln, was verständlich macht, dass Jugendliche auch ihre Musik, die Popmusik, rezipieren können dürfen, möchte man an ihre Lebenswelt anknüpfen (vgl. ebd. S.510).

„Musik ist innerhalb dieser beschriebenen Jugendphase ein zentrales, für mancheJugendliche sogar das zentralste Thema. Befragungen belegen, dass Musik imFreizeitverhalten der jungen Generation oft an der Spitze steht. Verglichen mit denanderen Altersgruppen ist die jugendliche Zielgruppe sogar diejenige, die Produkte des Musikmarktes am meisten nachfragt und kauft.“(Dudczig, S.39)

Außerdem schwingen in der Populärmusik von heute, unabhängig von der konkreten musikalischen Stilrichtung - genau die Themen mit, die Jugendliche interessieren: Mode, Liebe, Glück, Alltagssorgen, Fun, Auflehnung, Sex und Drogen, small talk, Witz, etc.. Popmusik ist nach wie vor aus der Sicht der meisten Jugendlichen die Musik, die Gemeinschaftsgefühle fördert und die darüber hinaus gemischtgeschlechtliches Tanzen ermöglicht und sich damit im weitesten Sinne mit Sexualität verbinden lässt (vgl. Baacke 1997, S.511).

Die Wirkung von Musik auf die Entwicklung von Identität entfaltet sich vor allem in den Gleichaltrigengruppen. Diese Sozialisationsinstanz besitzt im Vergleich zu den anderen Instanzen zeitlich und inhaltlich eine immer stärker werdende Bedeutung.

Jugendliche hören zusammen Musik, tauschen sich über Musik aus, machen evtl. zusammen Musik und definieren sich als Gruppe oft über „ihre“ Musik. Sie bleiben dabei nicht nur Hörer und Produzenten und erleben Musik nur als kulturellen Teilbereich, sondern sie erfahren Musik„als ein ganzheitliches, lebensweltübergreifendes Spektrum, in dessen Brechungen die Suche nach dem Ich ihreOrientierungsmuster wählt“(Baacke 1997, S. 14). Gerade das gemeinsame Erleben von Musik gibt ihnen die Möglichkeit, statt mit ihren Gefühlen und Gedanken allein zu bleiben, diese mit anderen zu teilen, was die Gruppe nach innen stärkt (vgl. Dudczig, S.42).

Die Motive der Jugendlichen für ihre Sensibilität gegenüber Populärmusik (vgl. ebd. S.40/1) sind folgende: Motiv der Selbstverwirklichung, das Motiv der Aktivierung und des Managements von Stimmung, Motive der Entwicklung und Konsolidierung sozialer Beziehungen und das Motiv des Aufbegehrens und der Provokation. Unter den Begriff der „Populären Musik“ kann man neben den bekanntesten Stilen wie Pop und Rock auch Stile wie Filmmusik, Jazz, Tanzmusik, Chanson und viele andere einordnen. Schaut man sich die von diesem Begriff geprägte Welt heute an, so wird schnell deutlich, dass diese Form mehr ist als nur Musik. Durch die Möglichkeiten der Massenkommunikationsmittel ist sie vielmehr Ausdruck von Lebensstil und -wünschen geworden und beeinflusst das Innenleben der hochkomplexen Gesellschaft (vgl. Dudczig, S.24).

Sicher könnte man an dieser Stelle noch mehr auf das Umgehen mit und die Wirkung von Massenmedien eingehen. Doch möchte ich an dieser Stelle aus Platzgründen darauf verzichten und auf die Literatur von Hobmair S. 263-78 verweisen, in welcher das Thema der Medienerziehung knapp und präzise zusammengefasst ist. Wichtiger für den Verlauf meiner Arbeit scheint mir, nun kurz auf die psychologischen Aspekte von Musikpräferenzen einzugehen und abschließend den Begriff der „Jugendkultur“ genauer zu betrachten.

3.2.3 Psychologische Aspekte der musikalischen Präferenzen

Tiefenpsychologie:„Die Freude, die Präferenz für eine Musik erklärt sich aus ihrerFunktion als sozial gebilligte Form der Ersatzbefriedigung für unerfüllte Wünsche,Triebe und Bedürfnisse.“(Baacke 1997, S. 347) Die Tiefenpsychologie geht davon aus, dass der Menschen aus drei Instanzen besteht: dem Es, dem Ich und aus dem Über-Ich. Musik ist eine Ersatzbefriedigung der Triebe, die das Ausmaß direkter Triebbefriedigung nicht erreicht. Der Künstler sendet seine Interessen in musikalischen Symbolen, wodurch er sich von seinen Es und Über-Ich-Konflikten befreit und welche dann vom Zuhörer entschlüsselt werden können. Man nimmt an, dass es in der Lebensgeschichte programmierte Reaktionsweisen gibt, die im Kleinkindalter beobachtet werden und dann weiter bestehen können, dazu gehören zum Beispiel Abneigung gegen Krach, Spaß an Eigenproduktionen, Mitbewegungen, etc.. Das in der Jugendphase zu beobachtende „Ausflippen in verschiedensten Formen“ liegt zum Beispiel darin begründet, dass die erhöhte Zufuhr an Triebenergie die rhythmische und rauschhafte Lust produziert, welche dies verursacht (vgl. ebd. S. 347/8).

Lernpsychologie:„Die Präferenz für eine Musik, aber auch sonstige Einschätzungendazu, erklären sich aus Lern- und Erfahrungsprozessen. Musik wird als emotions- und bedeutungshaltiges Reizmaterial im Laufe der Sozialisation erlernt und erfahren.“

(ebd., S.347) Durch wiederholte Kombination eines Musikstücks mit positiven Erlebnissen kann dieses Stück positive Gefühle auslösen und umgekehrt. So ist auch mit der klassischen Konditionierung zu erklären, dass die Unlust an klassischer Musik aus der Verbindung mit einem strengen oder langweiligen Musikunterricht her rühren kann. Auch durch operantes Konditionieren lässt sich das musikbezogene Verhalten von Jugendlichen erklären. Die Anerkennung für den Kauf einer CD könnte die Verstärkung sein, die den Jugendlichen dazu animiert, das Verhalten, also den Kauf einer CD von Gruppe oder Musikrichtung X, zu wiederholen (vgl. ebd. S. 349-51).

Kognitive Theorien:„Die Präferenz für eine Musik erklärt sich aus formalen Kennzeichen des Verhältnisses zwischen musikalischem Reizmaterial und kognitivenVoraussetzungen des Rezipienten. Musik bereitet bei bestimmten Konstellationen ein„kognitives Vergnügen“.“(ebd., S.347) Die Annahme, die hinter einer kognitiven Theorie steckt, ist, dass ein mittleres Ausmaß an Erregung als besonders lustvoll empfunden wird und dass Musikstücke, die dieses Maß an Erregung bringen, besonders präferiert werden. Durch wiederholtes Hören erreicht man eine gewisse Vertrautheit zum Musikstück, wodurch die Erregung abgeschwächt wird und auch bis zum Grad der Übersättigung abfallen kann, was zur Folge hat, dass das Stück nicht mehr so gerne gehört wird wie zu Beginn (vgl. ebd. S. 351/2).

Sozialpsychologie:„Die Präferenz für eine Musik erklärt sich aus der Beeinflussungdes Individuums durch Menschen seiner Umgebung, z.B. durch dieGleichaltrigengruppe.“(ebd., S.347) Das Maß der Beeinflussung von Gleichaltrigen ist allerdings kaum empirisch belegt.

Eine der Theorien der Sozialpsychologie ist die kognitive Konsistenztheorie, welche besagt, dass eine Inkonsistenz entsteht, wenn „mein Freund nicht die Musik mag, die ich mag“. Jugendliche als Anhänger einer Musikgruppe ziehen allerdings aus dieser Situation ihre soziale Identität und auch ein positives Selbstkonzept, welche sich durch gemeinsame Abwertung anderer „Musikgruppen-Anhänger“ noch verstärken lässt (vgl. ebd. S. 352/3).

3.3 Jugendkultur

Der Begriff Jugendkultur geht auf den Pädagogen und Gründer der Landschulheim- bewegung Gustav Wyneken (1875-1964) zurück (vgl. Sawatzki 1994, S. 87). Die Bedeutung des Begriffs hat sich jedoch stark gewandelt. Heute versteht man darunter nicht in erster Linie „gemeinsames Wandern der Jugend auf geistigem Gebiet“ im Sinne der „Wandervogel“-Bewegung anfangs des 20. Jahrhunderts, sondern eine „Pluralisierung der Selbst-Konzepte“ unter dem Begriff der Jugendkultur. Da die Verläufe der Jugendphase heutzutage so mannigfaltig möglich sind, geben sich auch Jugendkulturen als Fassung des Lebensgefühles, geprägt von Schnelligkeit, Plötzlichkeit und Intensität (vgl. Sawatzki 1994, S. 87) so vielfältig, farbenfroh und widersprüchlich wie kaum zuvor. Die hauptsächlich verwendeten Ausdrucksmittel - Musik, Mode, Sprache und Lebensstil - sind vor allem ästhetisch und oftmals auch symbolisch aufgeladen und unterliegen der Perfektion, um ein raffiniertes Styling zu erreichen.„Was einer Generation jenseits aller Utopien bleibt, ist Lifestyle“(Dudczig, S. 43).

So versucht Stefanie Flamm, die Entwicklung der postmodern geprägten Jugend auszudrücken, für die sich die traditionellen Fixpunkte auflösen und ästhetische Ausdrucksformen die Funktionen der Identitätsstiftung in den Jugendkulturen übernehmen. Dabei werden vorhandene Gebilde neu geordnet und dazugehörige Kontexte neu definiert. „Gebilde“ können Gegenstände oder Gedanken aus dem Alltag sein, die im Prozess der Rekontextualisierung mit dem persönlichen Weltverständnis der Jugendlichen angehäuft werden.

[...]

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Details

Titel
Kinder Ten Sing - Anregungen aus der Jugendchorarbeit für die Grundschule
Hochschule
Pädagogische Hochschule Ludwigsburg  (Musik)
Veranstaltung
Zulassungsarbeit
Note
1,5
Autor
Jahr
2005
Seiten
73
Katalognummer
V195418
ISBN (eBook)
9783656219194
ISBN (Buch)
9783656219460
Dateigröße
862 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Musik, Kinder Ten Sing, Chorarbeit, CVJM, Schule
Arbeit zitieren
Madeleine Wagner (Autor), 2005, Kinder Ten Sing - Anregungen aus der Jugendchorarbeit für die Grundschule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195418

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