Sinn und Zweck des mitweltlichen Schauspiels im Mittelalter für das Publikum


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011
23 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Kapitel 1: Fastnachtspiele
1.1 Das Fastnachtspiel
1.2 Der Ort
1.3 Die Bühne
1.4 Die Spieler

Kapitel 2: Das Publikum
2.1 Die Handwerker und Bauern
2.2 Die Bürger und Ratsherren
2.3 Der Adel

Kapitel 3: Zweck der Fastnachtspiele
3.1 Belustigung
3.1.1 Belustigung durch Obszönität
3.1.2 Belustigung durch Wiedererkennung
3.1.3 Belustigung durch Verkehrung
3.2 Moral und Belehrung
3.3 Repräsentation

Fazit

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

Einleitung

Religion spielte im Alltag aller Menschen des Mittelalters –im Gegensatz zu der heutigen Zeit- eine sehr große Rolle, da sie dadurch Hoffnung erlangten und der Kontakt mit Gott ihnen Trost gegen die Allgegenwärtigkeit des Todes gab. Dieser zeigte sich in Krieg, Krankheit und dem häufig herrschenden Nahrungsmangel.[1] Kurz vor der, von einer noch stärkeren Religiosität durchzogenen und entbehrungsreichen, Fastenzeit „zelebriert[e] der Mensch [...] seine körperlichen Funktionen im Essen, Trinken, Sex, Vermummen und Tanzen.“[2] Unter verschiedenen anderen Traditionen fand zunächst das geistliche, ab dem 15. Jahrhundert auch das weltliche Fastnachtspiel großen Anklang und war in Städten wie Nürnberg, Basel, Lübeck und vielen anderen ein gesellschaftliches Ereignis.

Im Folgenden soll nun der Sinn und Zweck jener deutschsprachigen Fastnachtspiele für das Publikum untersucht werden. Ein kleiner Überblick über die Entwicklung der Schauspiele soll zunächst den geeigneten Rahmen schaffen, damit sich dann genauer der Frage gewidmet werden kann, welche Personengruppen überhaupt bei diesen Aufführungen zugegen waren. Schließlich steht der Sinn und Zweck der Fastnachtspiele im Mittelpunkt der Arbeit. Was wollten diese beim Publikum erreichen? Waren sie eine einfache Form der Belustigung und Ablenkung vom Alltag? Oder vermittelten die Aufführungen eher eine Form der Moral und der Lehre für die Zuschauer?

In einem kurzen Fazit am Ende sollen die wesentlichen Punkte noch einmal aufgegriffen und zusammengefasst werden. Aufgrund des Umfanges der Arbeit werden lediglich deutschsprachige Stücke ausgewertet.

Der Forschungsstand zum Thema ist teilweise als schwierig anzusehen, da dieses erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts in den Mittelpunkt wissenschaftlichen Interesses gerückt ist.[3] Nach einer Welle von Werken über Fastnachtspiele in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts flachten die Veröffentlichungen danach stark ab. Vergleichende Darstellungen fehlen fast komplett. Viele Meinungen der älteren Forschung sind längst überholt, ohne dass es wirklich neue Veröffentlichungen gibt. Zusätzlich ist es ein Problem, dass gerade was das Publikum, die Bühnen und die Requisiten betrifft, vieles schriftlich nie festgehalten wurde. Zu gewissen Teilen wird Spekulation und Interpretation der Begebenheiten unter Einbeziehung von Regieanweisungen immer ein Teil der Fastnachtspielthematik bleiben.

Kapitel 1: Fastnachtspiele

1.1 Das Fastnachtspiel

Schauspiele, die ohne Beteiligung der Kirche aufgeführt und gestaltet wurden, entstanden erstmals im ausgehenden Mittelalter, sind also ca. im 15. und 16. Jahrhundert anzusiedeln.[4] Meist sind diese weltlichen Spiele in der Zeit der Fastnacht und den damit verbundenen Festivitäten aufgeführt worden. Die Herkunft der Spiele ist nicht vollständig geklärt, da in der Forschung unterschiedliche Thesen dazu existieren. John Nowé ist beispielweise der Ansicht, dass sich diese sogenannten Schwankspiele teilweise auf alte naturreligiöse Kultspiele zurück führen lassen.[5] Diese Annahme gilt allgemein aber als überholt[6] und ist, wenn überhaupt, nur ein möglicher Ursprung der Stücke, die entweder als Reihen- oder als Handlungsspiel auf die Bühne kamen.[7] Wichtig ist, dass „weniger von einem Ursprung als von einer Summe möglicher Einflüsse auszugehen [ist]“.[8] Die Aufführungszeit erklärt sich dadurch, dass es um die Fastnacht erlaubt war für einige Zeit über die Stränge zu schlagen und sich unter Einhaltung gewisser Regeln daneben zu benehmen. Man verkleidete sich, tanzte und sang. Teilweise wurden ganze Wägen, vollbeladen mit Narren, durch die Straßen gezogen.[9]

Das Leben der mittelalterlichen Menschen war in einem viel höheren Maße als heute von der Religion geprägt. Diese war allgegenwärtig und bestimmte den Alltag. Zur Zeit der Fastnacht zog sich die Kirche aber ein wenig zurück, um sich auf die folgende Fastenzeit und den damit verbundenden Nachvollzug der Passion Christi zu konzentrieren.[10]

Neben den Fastnachtspielen gab es auch eine Reihe von anderen Fastnachtstraditionen wie z.B. das sog. Gesellenstechen und den Geschlechtertanz, die von jungen Patriziern aufgeführt wurden.[11] Die bekannteste Tradition neben dem Fastnachtspiel ist allerdings der Schembartlauf. Vor einigen Jahren ist man noch davon ausgegangen, dass dieser Lauf, der von unterschiedlichen Zünften, vor allem von Metzgern praktiziert wurde, mit den Spielen konkurrierte.[12] Auch diese These gilt mittlerweile als veraltet. So ist Samuel L. Sumberg überzeugt, dass der Schembartlauf eigentlich gar nichts mit der Entwicklung der Fastnachtspiele zu tun hat.[13]

Die meisten Autoren der Stücke sind heute leider größtenteils nicht überliefert. Zu den bekannten gehören Hans Rosenblüt, Hans Folz und Hans Sachs, die in Nürnberg sehr beliebt waren. Wiederkehrende Charaktere in den Schauspielen, waren der Dorfidiot, der betrogene Ehemann, der Arzt, der die Patienten hinters Licht führte, der Maulheld und der geizige Bürger.[14] Demnach drehten sich viele der Spiele „um Prahlerei und Verhöhnung, um Lüge und Betrug, um Streit und Prügel,"[15] was in einer mit Rohheit und Obszönitäten gespickten doppeldeutigen Sprache wiedergegeben wurde. Bei vielen Fastnachtspielen kündigte ein Einschreier das Stück an und ein Ausschreier beendete es. Die Spiele hatten meist eine relativ kurze Aufführungsdauer von etwa 20 bis 30 Minuten. Es gab auch einzelne Typen, die unterschieden wurden. Ein Beispiel dafür ist das Frühlingsspiel, zu denen „Vom Streit zwischen Herbst und Mai“ gehört. Diese Stücke waren durch Jahreszeitenfeiern inspiriert und eher als leichte Komödien inszeniert. Schwere Themen kamen dabei nicht vor. Eine weitere Gruppe von Stücken sind die Neidhartspiele. Daneben gab es noch Revuespiele, Werbespiele und Gerichtsspiele. Außerdem Stücke, deren Inhalt der Literatur entnommen war und die z.B. König Artus thematisierten oder auch Spiele mit gesellschaftlichen, politischen oder ethischen Hintergründen.

Ganz allgemein kann gesagt werden, dass sich auch die deutschsprachigen Fastnachtspiele in ihrer Entwicklung und ihren Inhalten unterscheiden und deswegen nicht von "dem Fastnachtspiel" gesprochen werden kann. Deutliche Unterschiede können z.B. zwischen deutschen und schweizerischen Stücken gesehen werden. Die Schweizer Spiele beinhalteten neben der „animalischen Seite des Lebens“[16] auch häufig politische Themen, während Lübeck sich auf mehr moralische Inhalte konzentrierte. Den Spielen aus der Schweiz wurden von der frühen Forschung häufig ein Mangel gegenüber den bekannteren Nürnberger Stücken bescheinigt.[17] Mittlerweile wird davon ausgegangen, dass es einfach verschiedene Spieltraditionen gab, die nicht eindeutig entwicklungsgeschichtlich aufeinander bezogen werden können und so auch nicht klar klassifizier- und unterscheidbar sind.

Die Fastnachtspiele gehören zu den wenigen Gattungen, die aus der mittelalterlichen Stadtkultur hervorgegangen sind.[18]

1.2 Der Ort

Die Fastnachtspiele wurden entweder als Einkehrspiele in privaten oder Gasthäusern oder auf dem Marktplatz oder einer anderen öffentlichen Örtlichkeit aufgeführt. Da die Stadtverwaltung von Spielbetrieben in Privat- und Gasthäusern kaum Notiz nahm und diese deswegen wenig vermerkt sind, ist es deutlich schwieriger sie nachzuweisen.[19] Dennoch gibt es einige Beispiele, die auch diese privaten Aufführungen dokumentieren, wie man in den Regieanweisungen des Schauspiels "Von den alten und jungen Eidgenossen" von Balthasar Spross, das „Anno Dominj 1514“[20] geschrieben wurde, erkennen kann: „Iam circumeunt in medio stubae et quaerunt eo antiqui autem in medio stubae sedent."[21] In Auszügen aus den Nürnberger Ratsverlässen heißt es außerdem: „Wo imant mit spilen oder reimen in die heuser zuchtiglich geen wolten.“[22] Die Spiele fanden also in einer Stube bzw. in Häusern statt.

Die öffentlichen Spiele wurden auf dem Marktplatz oder wie beim Beispiel des Schweizer Autors Pamphilus Gengenbach auf dem Fisch- oder Kornmarkt zur Aufführung gebracht.[23] Auf jeden Fall immer in der Nähe des Rathauses oder anderer Stätten, die innerhalb der Stadt von großer Wichtigkeit waren wie z.B. belebte Straßenkreuzungen.[24]

„Den jeden, so morgen ain vassnachtspil vor dem rathaus halten werden, soll man vergönnen, etlich schranken von der pan ze füren und ein prucken darauf ze machen“[25]

[...]


[1] Hippler, Christiane: Die Reise nach Jerusalem. Untersuchungen zu den Quellen, zum Inhalt und zur literarischen Struktur der Pilgerberichte des Spätmittelalters, Frankfurt am Main, 1987, S. 39.

[2] Simon, Eckehard: Die Anfänge des weltlichen deutschen Schauspiels 1370-1530, Tübingen 2003, S. 39-69, S. 57.

[3] vgl. Catholy, Eckehard: Fastnachtspiel, Stuttgart 1966, S. 1.

[4] vgl. Nowé, Johan: Wir wellen haben ein spil. Zur Geschichte des Dramas im deutschen Mittelalter, Leuven 1997, S. 123.

[5] vgl. Ebd. S. 124.

[6] vgl. Kindermann, Heinz: Das Theaterpublikum des Mittelalters, Salzburg 1980, S. 74.

[7] vgl. Nowé: Wir wellen haben ein spil, S. 124.

[8] Habel, Thomas: Fastnachtspiele, In: Kurt Ranke (Hrsg.): Enzyklopädie des Märchens, Bd. 4, Berlin, New York 1984, S. 886-900, S. 887.

[9] vgl. Nowé: Wir wellen haben ein spil, S. 136.

[10] vgl. Catholy: Fastnachtspiel, S. 11.

[11] vgl. Ridder, Klaus: Fastnachtstheater. Städtische Ordnung und fastnächtliche Verkehrung, In: Ridder, Klaus: Fastnachtspiele. Weltliches Schauspiel in literarischen und kulturellen Kontexten, Tübingen 2009. S. 65 - 81, S.75.

[12] vgl. Berthold, Margot: Weltgeschichte des Theaters, Stuttgart 1968, S. 228.

[13] vgl. Roller, Hans-Ullrich: Der Nürnberger Schembartlauf. Studien zum Fest- und Maskenwesen des späten Mittelalters, Tübingen 1965, S. 143.

[14] vgl. Nowé: Wir wellen haben ein spil, S. 138.

[15] Ebd.

[16] Brett-Evans, David: Von Hrotsvit bis Folz und Gengenbach. Eine Geschichte des mittelalterlichen deutschen Dramas, Bd. II, Berlin 1975, S. 143.

[17] vgl. Werren-Uffer, Violanta: Der Nollhart von Pamphilus Gengenbach, Bern 1983, S. 121.

[18] Brett-Evans: Von Hrotsvit bis Folz, S. 142.

[19] vgl. Simon: Die Anfänge des weltlichen deutschen Schauspiels, S. 110.

[20] Thomke, Hellmut (Hrsg.):Deutsche Spiele und Dramen des 15. und 16. Jahrhunderts, Frankfurt am Main 1996, S. 59.

[21] Ebd. S. 84.

[22] Hampe, Theodor: Die Entwicklung des Theaterwesens in Nürnberg von der zweiten Hälfte des 15 Jahrhunderts bis 1806, Nürnberg 1900, S. 229.

[23] vgl. Simon: Die Anfänge des weltlichen deutschen Schauspiels, S. 110.

[24] vgl. Ebd.

[25] Roller: Der Nürnberger Schembartlauf, S. 145.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Sinn und Zweck des mitweltlichen Schauspiels im Mittelalter für das Publikum
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
23
Katalognummer
V195553
ISBN (eBook)
9783656215721
ISBN (Buch)
9783656216292
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sinn, zweck, schauspiels, mittelalter, publikum
Arbeit zitieren
Ramona Schilling (Autor), 2011, Sinn und Zweck des mitweltlichen Schauspiels im Mittelalter für das Publikum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195553

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