In dieser Arbeit widme ich mich einer Herausgeberfiktion, die sich über zwei Werke Dürrenmatts erstreckt und interessante Fragen der Fiktionalität und der Funktion der Autorenfigur eröffnet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffsklärung
2.1 Herausgeber(fiktion) und Vorwort
2.2 Authentizität
2.3 Erzählebenen
2.4 Fiktiv, fingiert, faktisch
3. Subversion einer Gattung
3.1 Kriminalroman
3.2 Gesellschaftsroman
3.3 Brief und Bericht
3.4 Autobiographie
4. Autor als Figur ?
4.1 Metanarration
4.2 Das Versprechen
4.3 Die Justiz
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Funktion und literarische Wirkung der mehrstufigen Fiktionalität in Friedrich Dürrenmatts Werken "Justiz" und "Das Versprechen". Der Fokus liegt auf der Analyse einer deckungsgleichen, unerwähnten Rahmenerzählung, die durch eine fingierte Herausgeberfigur geprägt ist, sowie der Frage, wie diese narrativen Kunstgriffe zur Subversion gattungstypischer Strukturen und zur Desillusionierung des Lesers beitragen.
- Analyse der fingierten Herausgeberschaft und deren Einfluss auf den Authentizitätsanspruch
- Untersuchung der mehrstufigen Erzählebenen und deren Wirkung
- Subversion klassischer Gattungen wie Kriminalroman und Gesellschaftsroman
- Funktion der Metanarration als Mittel der kritischen Reflexion
- Verhältnis zwischen Autor, Herausgeberfiktion und fiktiven Charakteren
Auszug aus dem Buch
3.1 Kriminalroman
Um überprüfen zu können, inwiefern Dürrenmatt in seinen Werken den klassischen Kriminalroman unterwandert und somit Kritik an ihm oder dem mit ihm verbundenen Weltbild nimmt, muss zunächst die Gattung selbst geklärt werden.
So kann man sagen, der Kriminalroman handle in sowohl typologisierten als auch ,freien‘ Erzählmustern von Verbrechen und deren Aufklärung. […] Wesentlich enger gefaßt ist demgegenüber der Begriff der klassischen Detektivgeschichte, die durch strikt analytische Erzählweise […] den Leser mit der ermittelnden Zentralfigur in der Rätselspannung des schrittweise Aufklärens vergangener Verbrechen vereinigt.27
Oder an anderer Stelle:
„Nusser nennt als die drei tragenden Elemente des Detektivromans ,das rätselhafte Verbrechen […], die Fahndung nach dem Verbrecher […] und die Lösung des Falles‘.“28
Da sich Dürrenmatt in seinem Untertitel zu Das Versprechen klar auf den Kriminalroman bezieht, indem er dessen Requiem attestiert, und somit weniger Deutungsdefizit besteht, werde ich mich weiter allein mit der Kategorisierung von Justiz beschäftigen.
Man kann das geschlossene Werk aufgrund der Thematik als an den Kriminalroman angelehnt betrachten, dies widerspricht jedoch nicht einer genaueren Betrachtung der einzelnen Teile. So möchte ich mich dafür stark machen, dass man besonders J-II als Kriminalgeschichten deuten kann, beginnt29 doch in diesem der Wandel Späts vom Anwalt zum Ermittler im Auftrag Kohlers.
Als subversiv lässt sich Dürrenmatts Vorgehen in mehreren, nur kurz angerissenen, Punkten erkennen: Der Leser kann nicht, wie oben erwähnt, dem Auflösungsprozess folgen. Es gibt nicht einmal ein Verbrechen, dessen Schuldiger gesucht wird. Im Gegenteil, der vermeintliche Detektiv soll einen möglichen anderen Täter aufspüren, obwohl er weiß, dass es diesen nicht gibt. Auch bleibt die legitime Auflösung in diesem Teil verwehrt, stattdessen will Spät Selbstjustiz begehen, um die Gerechtigkeit wiederherzustellen.
Auch die Einordnung des Spannungstypus fällt schwer. So kann nicht von einer Was-Spannung die Rede sein, da das Ziel bzw. das Ende klar ist, wird es doch auf den ersten Seiten genannt: Ich will mich zwingen, noch einmal die Ereignisse zu überprüfen, die zum Freispruch eines Mörders und zum Tode eines Unschuldigen geführt haben.30
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Phänomen der deckungsgleichen Rahmenerzählung in Dürrenmatts Werken ein und umreißt das Ziel der Analyse zur literarischen Wirkung dieses Kunstgriffs.
2. Begriffsklärung: Hier werden zentrale Konzepte wie Herausgeberfiktion, Authentizität, Erzählebenen sowie die Abgrenzung von Fiktivität, Fingiertem und Faktizität theoretisch fundiert.
3. Subversion einer Gattung: Dieses Kapitel untersucht, wie Dürrenmatt durch die Unterwanderung von Kriminal- und Gesellschaftsroman-Elementen sowie durch Brief- und Bericht-Formen die gattungstypischen Erwartungen des Lesers bricht.
4. Autor als Figur ?: Dieser Abschnitt analysiert die Rolle des fingierten Herausgebers und die Funktion der Metanarration in beiden Werken als Mittel der Selbstreflexion.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, wonach die mehrstufige Fiktionalität primär dazu dient, den Wahrheitsanspruch zu destabilisieren und eine tiefere Auseinandersetzung mit der chaotischen Wirklichkeit zu erzwingen.
Schlüsselwörter
Dürrenmatt, Justiz, Das Versprechen, Fiktionalität, Herausgeberfiktion, Rahmenerzählung, Kriminalroman, Gesellschaftsroman, Metanarration, Subversion, Authentizität, Erzählebenen, Faktizität, Literaturtheorie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die literarische Konstruktion von Fiktionalität in den Werken "Justiz" und "Das Versprechen" von Friedrich Dürrenmatt, insbesondere unter dem Aspekt der mehrstufigen Erzählweise.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den zentralen Themen gehören die Analyse der fingierten Herausgeberschaft, die Subversion gattungsspezifischer Erzählweisen und die Wirkung von Metanarration auf den Leser.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu ergründen, warum Dürrenmatt eine unerwähnte, gedoppelte Rahmenerzählung nutzt und welche Funktion diese für die Interpretation der Werke und die Reflexion über Wirklichkeit und Fiktion einnimmt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer literaturwissenschaftlichen Analyse, die den Textvergleich zwischen den Werken mit narratologischen Konzepten verknüpft, um formale und inhaltliche Ebenen der Fiktionalisierung zu deuten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine begriffliche Fundierung, die Untersuchung der gattungsspezifischen Subversion sowie die Analyse der Rolle des Autors als Figur durch Metanarration.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Herausgeberfiktion, Metanarration, Subversion, Fiktionalität und Authentizität.
Welche Rolle spielt die "fingierte Herausgeberschaft" in den Werken?
Sie fungiert als Kunstgriff, der dem Werk einen falschen Authentizitätsanspruch verleiht, diesen jedoch durch groteske Elemente und die Offenlegung des Erzählprozesses ironisch wieder aufhebt.
Warum wird der Kriminalroman in den untersuchten Werken als "subversiv" bezeichnet?
Dürrenmatt unterwandert die klassischen Elemente des Detektivromans, indem er die logische Auflösung verhindert und den Fokus von der bloßen Aufklärung eines Verbrechens auf gesellschaftliche Machtstrukturen und das chaotische Wesen der Wirklichkeit verschiebt.
- Arbeit zitieren
- Lisa Atzler (Autor:in), 2012, Mehrstufige Fiktionalität in Dürrenmatts 'Justiz' und 'Das Versprechen', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195634