Mehrstufige Fiktionalität in Dürrenmatts 'Justiz' und 'Das Versprechen'

Autor als Herausgeberfigur?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsklärung
2.1 Herausgeber(fiktion) und Vorwort
2.2 Authentizität
2.3 Erzählebenen
2.4 Fiktiv, fingiert, faktisch

3. Subversion einer Gattung
3.1 Kriminalroman
3.2 Gesellschaftsroman
3.3 Brief und Bericht
3.4 Autobiographie

4. Autor als Figur ?
4.1 Metanarration
4.2 Das Versprechen
4.3 Die Justiz

5. Fazit

6. Literatur

1. Einleitung

„Die Nacht zeitlos, gespenstisch. Draußen hatte es zu schneien aufgehört,

alles war ohne Bewegung, die Straßenlampen schwankten nicht mehr, kein

Windstoß, kein Churer, kein Tier, nichts, nur vom Bahnhof her hallte es einmal

himmelweit. Ich ging zur Bar, um noch einen Whisky zu trinken. Außer der

älteren Bardame fand ich dort noch einen Herrn, der sich mir vorstellte, kaum

daß ich Platz genommen hatte. Es war Dr. H., der ehemalige Kommandant der

Kantonspolizei Zürich, ein großer und schwerer Mann, altmodisch mit einer goldenen

Uhrkette quer über der Weste, wie man sie heute nur noch selten sieht. Trotz seines

Alters waren seine borstigen Haare noch schwarz, der Schnurrbart buschig. Er saß

an der Bar auf einem der hohen Stühle, trank Rotwein, rauchte eine Bahianos und redete

die Bardame mit Vornamen an. Seine Stimmer war laut und seine Gesten waren lebhaft,

ein unzimperlicher Mensch, der ich gleicherweise anzog wie abschreckte.“

(aus Friedrich Dürrenmatts Das Versprechen[1])

„Dr. H. Ich erinnerte mich. Chur. 1957. Nach einem Vortrag. In einem Hotel. Ich ging zur Bar, um noch einen Whisky zu trinken. Außer der älteren Bardame fand ich dort noch einen Herrn, der sich mir vorstellte, kaum daß ich Platz genommen hatte. Es war Dr. H., der ehemalige Kommandant der Kantonspolizei Zürich, ein großer und schwerer Mann, altmodisch mit einer goldenen Uhrkette quer über der Weste, wie man sie heute nur noch selten sieht. Trotz seines Alters waren seine borstigen Haare noch schwarz, der Schnurrbart buschig. Er saß an der Bar auf einem der hohen Stühle, trank Rotwein, rauchte eine Bahianos und redete die Bardame mit Vornamen an. Seine Stimmer war laut und seine Gesten waren lebhaft, ein unzimperlicher Mensch, der ich gleicherweise anzog wie abschreckte.“

(aus Friedrich Dürrenmatts Die Justiz[2])

Diese beiden Zitate bilden eine deckungsgleiche Rahmenerzählung und die Werke, aus denen sie entnommen sind, sind unabhängig voneinander veröffentlicht, treten demnach nicht in einer Krimireihe oder der gleichen auf. Diese Tatsachen lässt die unkommentierte Erwähnung einer gleichlautenden Rahmenerzählung zu einer Besonderheit werden, die sich zu analysieren lohnt.

Diese Analyse der Funktion und der literarischen Wirkung eines solchen Kunstgriffs soll in der gegenwärtigen Arbeit vollzogen werden. Hierfür möchte ich zunächst einige Begriffe klären und ihren Bezug zueinander verdeutlichen.

Zu der 'simplen' Herausgeberfiktion kommt eine weitere Besonderheit hinzu, die sich in der Namensgebung der fingierten Herausgeberfigur zeigt. Dies und das bis dahin Erarbeitete soll auf die beiden obigen Werke angewandt werden. Das darauf folgende Fazit sammelt die gewonnenen Erkenntnisse und versucht sich in einer Antwort auf die Fragen: Warum eine unerwähnte, gedoppelte Rahmenerzählung?

Ich werde zu dem Schluss kommen, dass die Wiederaufnahme von bereits erschienenen Textteilen zu einer Zusammenfügung führt, ähnlich einer „Verklammerung“[3] und so eine Interpretation und Deutung durch die Betrachtung beider Werke erst vollständig ermöglicht. Durch die Vermitteltheit auf mehreren Erzählebenen kommt der literarisch erzeugte Authentizitätsanspruch hinzu, dem eine Herausgeberfiktion zu genügen vorgibt.

In dieser Arbeit möchte ich mich intensiv mit der formalen und nur exemplarisch mit der inhaltlichen Ebene auseinandersetzen. Intensivere Textarbeit findet z.B. hier statt:

- So erarbeitet Bernhard Auge in Friedrich Dürrenmatts Roman „Justiz“ das Werk auf vielfältige, gewinnbringende Weise, die Besonderheit der „kopierten Rahmen- erzählung“ wird jedoch nur am Rande erwähnt.
- Auch der Beitrag Clemens Frankens Wirklichkeitssuche in der modernen Anti-Detektivgeschichte ist – hier mit der Besonderheit des Textvergleichs – eher auf der inhaltlichen Ebene tätig. Betont jedoch die Funktion der Herausgeberfiktion und des Kommentars von Schriftstellertum und dem Verhältnis von Wirklichkeit und Fiktion.
- So behandelt auch Florian Schwarz in seinem interdisziplinär angelegten Werk Der Roman 'Das Versprechen' von Friedrich Dürrenmatt und die Filme 'Es geschah am hellichten Tag' (1958) und 'The Pledge' (2001) den Fall um den Ermittler Matthäi primär auf der Inhaltsebene.

2. Begriffsklärung

2.1 Herausgeber(fiktion) und Vorwort

Der Herausgeber eines Werkes kann durch Textauswahl, eigene Kommentare oder Auslassungen Einfluss auf die Wirkung seines Themas nehmen. Es gilt jedoch als Teil seiner Arbeit real gegebene Texte oder Werke im Allgemeinen zu sammeln.

Trifft man jedoch in der Literatur[4] auf einen Herausgeber – und das Werk wird zudem noch in die Kategorie Roman eingeordnet –, handelt es sich um eine fingierte Herausgeberschaft. Diese zeichnet sich durch die typischen Kunstgriffe aus, behandelt jedoch ein fiktives Ereignis und kann somit keinen Wahrheitsanspruch erheben. Eng verbunden mit dem Wort der Herausgeberfiktion ist das Vorwort. Es wird im Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft als „[r]ezeptionslenkender Begleittext“[5] definiert. Weiter müssen „[z]wei Konzepte des Vorworts […] nach ihrer Reichweite unterschieden werden.“[6] Zum einen wird der Begriff als ein Teil des Paratextes verstanden, der dem Haupttext vorangestellt ist, zum anderen „[i]m terminologisch spezifizierten Sinne G. Genettes eine jede Form des Paratextes, die deutlich abgesetzt (und wiederum vom Autor oder einem anderen tatsächlichen Urheber verantwortet bzw. einer fiktiven Figur zugeschrieben) vor oder nach dem Haupttext dessen Lektüre ausdrücklich zu steuern sucht.“[7]

Der Autor setzt durch den fingierten Herausgeber eine weitere Erzählinstanz ein, die eine Rahmenhandlung formt, in der die Binnenhandlung durch eine innere Erzählinstanz vermittelt wird. Man findet in einer Herausgeberfiktion also stets eine „zweistufige […] Fiktion“[8].

Es „stellt sich die Frage, welche Funktion dem Vorwort bei der Schärfung des Fiktivitätsbewußtseins zukommt, und zwar im Blick sowohl auf die Grenze zwischen Fiktivität und Faktizität als auch auf die Grenze zwischen Fingiertem und Fiktivem“[9]. Diese Frage versuche ich nun sukzessiv zu beantworten.

2.2 Authentizität

Grund für eine fingierte Herausgeberschaft kann die mit ihr erzeugte, trügerische Authentizität sein. Bezieht sich ein fiktiver Herausgeber auf Texte, kommentiert und reflektiert diese, dann erscheinen sie als wahrheitsfähig, echt. „Das Prädikat Authentizität […] kommt einem überlieferten Text dann und nur dann zu, wenn er (wie z.B. ein eigenhändiges Manuskript […]) in allen seinen Einzelheiten von seinem Autor stammt.“[10] Durch die Autorisierung des Autors der herausgegebenen Texte wird dieser Anspruch an Authentizität noch gesteigert. So suggeriert eine Herausgeberfiktion Authentizität.

2.3 Erzählebenen

Wie bereits kurz erwähnt wird in einer Herausgeberfiktion eine weitere Instanz installiert, die die Rahmenerzählung verantwortet. Dem Erzähler der Binnenhandlung, künftig E2 genannt, wird ein weiterer Erzähler oder zumindest Kommentator übergeordnet, diesen kürze ich fortan mit E1 ab. Man findet demnach eine zweistufige Erzählung vor, die jedoch noch keine Schlüsse auf z.B. Fokalisierung und Stellung des Erzählers zulässt, denn ob E1 selbst Figur der Binnenhandlung ist oder ob E2 seine eigene oder eine fremde Geschichte kundtut, ist nicht gesagt.

Ich möchte an dieser Stelle – zum besseren Verständnis – einen Vorgriff auf die Textarbeit einbauen und die Erzählebenen am Beispiel Justiz[11] darlegen:

Der Autor Dürrenmatt erzeugt hier eine Erzählung auf zwei Ebenen. Zum einen die Rahmenhandlung, in der E1[12] auftritt und von seiner Begegnung mit Dr. H., dem Kommandanten, erzählt. Nach diesem Zusammentreffen, welches Dr. H. als Figur sowohl der Rahmen-, als auch der Binnenhandlung ausweist, bekommt E1 ein Dokument in Form eines Manuskripts zugesandt, das die Binnenhandlung wiedergibt und somit die zweite Ebene der Erzählung aufspannt. Diese wird durch E2 , der Figur Felix Spät, dargelegt, indem er Notizen zu seinen Erlebnissen rund um den Mord an Professor Winter macht.

[...]


[1] Friedrich Dürrenmatt, Das Versprechen. Dtv Verlag, München 2006, S. 6.

[2] Friedrich Dürrenmatt, Die Justiz. Diogenes Verlag, Zürich 1987, S. 338-9.

[3] Bernhard Auge, Friedrich Dürrenmatts Roman „Justiz“. LIT Verlag, Münster 2004, S. 400.

[4] 'Literatur' wird an dieser Stelle nicht weit im Sinne von „alles Geschriebene“, sondern eng als ein Teil der Kunst, der gewissen Ansprüchen genügen muss, gefasst.

[5] Burkhard Moenninghoff, Vorwort, in: Weimar, Klaus et al. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Walter de Gruyter, Berlin 1997, S. 809.

[6] ebd.

[7] ebd., S. 810.

[8] ebd.

[9] Uwe Wirth, Die Geburt des Autors aus dem Geist der Herausgeberfiktion. Fink, Paderborn 2008, S. 122.

[10] Klaus Grubmüller und Klaus Weimar, Authentizität, in: Weimar, Klaus et al. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Walter de Gruyter, Berlin 1997, S. 168.

[11] Das Werk ist dreiteilig, ich werde diese Teile im Folgenden bezeichnen als: J-I, J-II, J-III.

[12] Der Erzähler der Rahmenhandlung unterzeichnet seinen Beitrag mit „Friedrich Dürrenmatt“. Um Verwechslungen zwischen dieser Herausgeberfigur und der Realperson zu vermeiden, werde ich die Figur im Folgenden mit einem Sternchen versehen: (Friedrich) Dürrenmatt*.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Mehrstufige Fiktionalität in Dürrenmatts 'Justiz' und 'Das Versprechen'
Untertitel
Autor als Herausgeberfigur?
Hochschule
Universität Stuttgart
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
18
Katalognummer
V195634
ISBN (eBook)
9783656214632
ISBN (Buch)
9783656216254
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
justiz, versprechen, autor, herausgeberfigur, herausgeberfiktion, dürrenmatt, mehrstufig
Arbeit zitieren
Lisa Atzler (Autor), 2012, Mehrstufige Fiktionalität in Dürrenmatts 'Justiz' und 'Das Versprechen', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195634

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