Auf der Suche nach sich selbst

(Auto)Biographische Aspekte in Thomas Glavinics 'Das bin doch ich'


Seminararbeit, 2012
23 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einführung

2. Gegenstandbestimmung
2.1 Biographie
2.2 Autobiographie
2.3 Schnittmengen und Versuche der Abgrenzung

3. Vergleich und Niederschreiben - identitätsstiftende Momente

4. Realität und Kritik

5. Fazit

6. Anhang: Die Debatte um den Autor

7. Literatur

1. Einführung

In Das bin doch ich von Thomas Glavinic erzählt der Protagonist Namens Thomas Glavinic*[1] von seinem Dasein als Autor in der österreichischen Literaturszene. Er ist, im Gegensatz zu seinem aufstrebenden Freund und Kollegen Daniel Kehlmann*, mit dem er sich fortwährend vergleicht, nur mäßig erfolgreich. Glavinic* hat zur Erzählzeit seinen Roman Die Arbeit der Nacht* beendet und beschreibt autobiographisch die Zeit danach.

So kann Das bin doch ich als ein Zusammentreffen von Autobiographie und Biographie verstanden werden. Diese Perspektive möchte ich in meiner Arbeit einnehmen und in diesem Sinne meine Argumentation aufbauen. Am Ende dieser steht meine Behauptung, dass Glavinic einerseits den identitätsbildenden Effekt des autobiographischen Schreibens nutzt, andererseits die Darstellung Kehlmanns* als eine Kontrastfigur formt. Durch sein „Spiel mit der Wirklichkeit und ihrer Verdoppelung, mit der Wahrheit und ihrer Erdichtung“ macht Glavinic das Genre nutzbar macht. Nutzbar für seine Kritik an und seine Satire der Literaturszene Österreichs.

Für dieses Fazit möchte ich zunächst die Begriffe Biographie und Autobiographie unter Punkt zwei klären, und anschließend auf Das bin doch ich anwenden. Bevor ich zu meinen abschließenden Bemerkungen übergehe, möchte ich kurz den Aspekt der Medienkritik und Doppelbödigkeit der Realität in diesem Roman andeuten.

2. Gegenstandbestimmung

2.1 Biographie

Der Begriff Biographie[2] meint „die künstlerisch-literarische bzw. wissenschaftliche Darstellung eines fremden Lebenslaufes“[3]. Doch ganz so problemlos und simpel wie es in dieser Definition den Anschein hat, ist diese Gattung nicht zu bestimmen. So hat sie im Laufe der Zeit Umwertungen und -deutungen erfahren, auf die ich anhand einiger programmatischer Fragen eingehen möchte. Ich werde an dieser Stelle jedoch lediglich einen kurzen Abriss der historischen Entwicklung geben.

a) Lob oder Tadel ?

Wann die Anfänge der Biographik zu setzen sind, ist nicht eindeutig. Man kann Vorformen bereits sehr früh ausmachen. So sind schon in der Bibel Lebensbeschreibungen zu finden. Eine „eigenständige Literarisierung der Biographie entfaltet sich [jedoch] erst richtig in der griechischen und römischen Antike“[4]. Hier hängt deren Funktion noch stark mit der jeweiligen Redegattung zusammen und kann somit sowohl lobend, als auch kritisierend sein, auf lebende und auf bereits verstorbene Personen verweisen.

b) Wer wird biographiert?

Während des Mittelalters werden hauptsächlich Helden porträtiert, meist mit klerikalem Hintergrund. Diese Werke werden für die Gestaltung der Kirchenfeste genutzt und handeln nicht vom ,Normalbürger'. „Erst ab der Renaissance richtet sich das Interesse zunehmend auch auf bürgerliche Individuen“[5]. Was als Objekt einer Biographie würdig erscheint, hängt eng mit der gesellschaftlichen Haltung zum Individuum zusammen. „Als sich im 17. und 18. Jahrhundert allmählich ein Bürgerbewusstseins [sic!] herausbildet, fühlten sich zunehmend auch Kaufleute und Gelehrte bedeutsam genug, ihren Lebensweg schriftlich fixieren lassen zu wollen.“[6] Im 19. Jahrhundert entstehen Individualbiographien, die unterschiedliche Funktionen haben können. So dienen sie z.B. als Propaganda, Literaturwissenschaft und Unterhaltungsliteratur, und liegen „oft im Grenzbereich zum Trivialen“[7]. Man kann innerhalb der Individualbiographik zwischen politischen Biographien und Künstler- bzw. Gelehrtenbiographien unterscheiden.

c) Historie oder Poetik?

Im späten 19. Jahrhundert traten sich der „faktenhäufend[e] ,Biographismus' [und …] die heroische Biographie“ gegenüber, die sich unterschiedlich zur Debatte des Objektivitätsstatus von Biographik positionierten. Im ersten Fall sah man das Individuum, beeinflusst durch den Positivismus, als Resultat seiner Umgebung. Der damit einhergehenden „Beschneidung der freien Selbstentfaltung“[8] stellte sich die Biographik des George-Kreises im 20. Jahrhundert durch 'vergötternde Biographik' bewusst entgegen, indem sie die Dargestellten überhöhten und somit den Realitätsanspruch aufgaben.

Die Biographik wird breitenwirksamer „durch verstärkte Politisierung, Demokratisierung und Psychologisierung“[9].

Nach diesem kurzen Überblick möchte ich nun gezielter auf Aspekte der aktuellen Biographik-Forschungsdebatte eingehen.

Hinter einem Werk steht stets jemand, der es erschaffen hat. Dies ist eine scheinbar triviale Aussage, doch wurde die Frage aufgeworfen, inwiefern man den Erschaffer des Werkes in dessen Interpretation einbeziehen soll bzw. darf. Es gibt um diese Frage eine sich wandelnde Debatten. Ich werde auf diese im Anhang[10] eingehen, möchte hier jedoch kurz erwähnen, dass die Frage nach dem Autor auch für die Biographik relevant ist.

Aber zunächst zu dessen Wirken: „Die Aufgabe des Biographen ist nun, […] den Wirkungszusammenhang zu verstehen, in welchem ein Individuum von seinem Milieu bestimmt wird und auf dieses reagiert.“[11] Der Biograph muss also einzelne Faktoren und Punkte im Leben des Biographierten als sinngemäße Abfolge eines Lebenslaufes und dessen Einflüsse verstehen. So „entsteht die Biographie als die literarische Form des Verstehens von fremden Leben.“[12] Dieses Vorgehen beinhaltet „die Suggerierung einer vermeintlichen Finalität und Kausalität“[13], die nicht ohne weiteres behauptet werden kann. Denn der Sinn oder Endpunkt, in dessen Licht man einen Lebenslauf anordnet und organisiert, ist durch keine Instanz abgesegnet und daher zunächst ein frei gesetzter Punkt.

Des Weiteren stellt sich die Frage, ob die Biographie ein Individuum oder doch eher die Gesellschaft im Blick haben soll, „ob der einzelne je diesen Status individueller Freiheit für sich in Anspruch nehmen konnte [… oder ob] die ,objektiven Notwendigkeiten' den Gang der politischen und intellektuellen Geschichte und der Kulturgeschichte bewirken“[14]. Diese Frage wurde im Laufe der Zeit unterschiedlich beantwortet, was auch mit den sich wandelnden Ansprüchen an die Geschichtsschreibung, mit der die Biographie „in einem besonderen Spannungsverhältnis“[15] steht, zusammenhängt. Beeinflusst werden beide Disziplinen vom vorherrschenden Menschen- und Gesellschaftsbild.

Doch inwiefern stehen Geschichtsschreibung und Biographik in einem besonderen, schwierigen Verhältnis zueinander? Die Biographik muss sich der Überlegung stellen, ob sie zur Poetik oder zur Historie, „zur Kunst oder zur Wissenschaft gehöre.“[16] Somit ist die Biographik kein eindeutiges Forschungsfeld. Einige Autoren nennen sie gar einen „Bastard“[17], da sie nicht klar einer Disziplin zugeordnet werden kann. Zu dieser Debatte der Zugehörigkeit äußerte sich Dilthey wie folgt:

Wie könnte man nun leugnen, daß die Biographie für das Verständnis des großen Zusammenhanges der geschichtlichen Welt von einer eminenten Bedeutung sei! Ist es doch eben das Verhältnis zwischen den Tiefen der menschlichen Natur und dem universalen Zusammenhang des ausgebreiteten historischen Lebens, das an jedem Punkt der Geschichte wirksam ist. Hier ist der ursprüngliche Zusammenhang zwischen dem Leben selbst und der Geschichte.[18]

In diesem Zitat wird deutlich, dass Dilthey das Individuelle und das Kollektive nicht getrennt voneinander verstanden haben möchte, sondern eine Wechselwirkung beide Pole miteinander verbinde.

Doch in diesen Worten klingt eine weitere Frage an: Soll in einer Biographie das Besondere, das den Einzelcharakter aus der Masse stehen lässt, oder ein Typus beschrieben werden, um DEN Menschen zu charakterisieren? Es gibt hierfür keine Antwort, zumindest keine, die nicht aus funktionaler Sicht erfolgt. Alle möglichen Antworten hängen mit der Schreibintention zusammen. So kann eine Karikierung oder Heroisierung eines Typus als normativer Fingerzeig verstanden werden. Das Aufzeigen individueller Besonderheiten kann jedoch eher die Empathie und Sympathie mit dem Beschriebenen fördern. Hiermit hängt der Wunsch nach Identifikation zusammen, der ebenfalls die Darstellung des Biographierten beeinflusst. So soll jemand beschrieben werden, der sich durch besondere Verdienste oder Ereignisse auszeichnet, jedoch soll „der Abstand zwischen dem Biographierten und dem Leser auch nicht zu groß sein“[19], um das Leserinteresse noch zu wecken. Den Faktor der (Un)Möglichkeit der Identifikation möchte ich später weiter bearbeiten.

Doch zurück zur Auswahl des Biographieobjektes und dessen Darstellung. Hieraus ergibt sich eine Besonderheit. Die Biographik ist nicht eindeutig faktisch, da ihr Inhalt[20] aufgrund der Funktion (subjektiv) geleitet ist. Sie ist jedoch auch nicht eindeutig fiktional, da sie sich auf eine reale Person und deren realen Lebenswelt bezieht.

„[F]ür diese Zwischenstellung [ist] die Benennung faction – eine Kontamination von fact und fiction – üblich geworden.“[21] Die Biographie schwankt somit zwischen Objektivität und Subjektivität. Man kann die Position einnehmen, der Autor würde der Biographie seine persönliche Subjektivität auferlegen, man kann jedoch auch annehmen, dass es „nicht um die Aufspeicherung von individuellen Erfahrungsmaterialien, sondern um die Reflexion ihrer gesellschaftlich bedingten Möglichkeit“[22] geht.

[...]


[1] Da Das bin doch ich mit 'Roman' und nicht mit 'Autobiographie' bezeichnet ist und einige Episoden bzw. Effekte im Text wahrscheinlich fiktional sind oder zumindest überspitzt dargestellt werden, möchte ich den Autor Thomas Glavinic vom dargestellten, in der Ich-Form erzählenden (also autodiegetischen) Erzähler Thomas Glavinic* unterscheiden. Ich werde daher im Folgenden die Figuren und textinterne Elemente stets mit '*' markieren.

[2] Heutzutage setzt sich als Gattungsoberbegriff „immer mehr der Terminus Biographik “ durch. (Helmut Scheuer, Biographie1, in: Klaus Weimar (Hrsg.), Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. De Gruyter, Berlin 1997, S. 233.)

[3] Ebd.

[4] Helmut Scheuer, Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, S. 234.

[5] Ebd.

[6] Christian Klein, Einleitung: Biographik zwischen Theorie und Praxis, in: Ebd. (Hrsg.), Grundlagen der Biographik. Metzler, Stuttgart 2002, S. 6.

[7] Helmut Scheuer, Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, S. 234.

[8] Christian Klein, Einleitung: Biographik zwischen Theorie und Praxis, S. 8.

[9] Helmut Scheuer, Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, S. 234.

[10] Die Behandlung dieser Thematik führen an dieser Stelle zu weit und verhindern ein störungsfreies Lesen, daher steht sie hintan.

[11] Wilhelm Dilthey: Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften, in: Bernhard Fetz & Wilhelm Hemecker (Hrsg.): Theorie der Biographie. De Gruyter, Berlin 2011, S. 60.

[12] Ebd.

[13] Christian Klein, Einleitung: Biographik zwischen Theorie und Praxis, S. 10.

[14] Christian von Zimmermann, Biographische Anthropologie. De Gruyter, Berlin 2006, S.. 414.

[15] Helmut Scheuer, Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, S. 233.

[16] Ebd., S. 234.

[17] Christian Klein, Einleitung: Biographik zwischen Theorie und Praxis, S. 1.

[18] Wilhelm Dilthey: Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften, S. 61.

[19] Christian von Zimmermann, Biographische Anthropologie, S. 16.

[20] So kann allein schon die Wahl des Biographierten als eine interessengeleitete Entscheidung gedeutet werden. Hinzu kommen die durch den Autor getroffene Stoffauswahl, die Art der Darstellung verschiedener Eigenschaften und dergleichen. Es wird deutlich, dass Biographik nicht rein deskriptiv ist, sondern normative Elemente eine erhebliche Rolle spielen.

[21] Helmut Scheuer, Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, S. 234.

[22] Peter-Andre Alt, Mode ohne Methode? Überlegungen zu einer Theorie der literaturwissenschaftlichen Biographik, in: Christian Klein (Hrsg.), Grundlagen der Biographik. Metzler, Stuttgart 2002, S. 27.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Auf der Suche nach sich selbst
Untertitel
(Auto)Biographische Aspekte in Thomas Glavinics 'Das bin doch ich'
Hochschule
Universität Stuttgart
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
23
Katalognummer
V195636
ISBN (eBook)
9783656218944
ISBN (Buch)
9783656220763
Dateigröße
556 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
suche, auto, biographische, aspekte, thomas, glavinics
Arbeit zitieren
Lisa Atzler (Autor), 2012, Auf der Suche nach sich selbst, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195636

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