Die Austauschtheorie im Rahmen der Familiensoziologie


Seminararbeit, 2003

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Rational-Choice-Ansatz

3. Austauschtheorie
3.1 Grundbegriffe
3.2 Erweiterte Grundannahmen
3.2.1 Rationalität
3.2.2 Nutzenmaximierung in der Austauschtheorie
3.2.3 Allgemeine Ressourcen
3.3 Erklärung von Handlungen mit der Austauschtheorie
3.3.1 Fünf Annahmen Homans zum Tausch
3.3.2 Comparison Level und Comparison Level for Alternatives
3.3.3 Austausch und Gerechtigkeit

4. Anwendung

5. Kritische Analyse
5.1 Emotionen in engen Beziehungen

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der Familiensoziologie ist seit einiger Zeit ein deutlicher Trend weg von makrotheoretischen hin zu mikrotheoretischen Betrachtungen erkennbar, was zu einer zunehmenden Zahl von Arbeiten zu einzelnen familialen Prozessen, wie Ehescheidung, Entscheidung zur Elternschaft, Partnerwahl, etc, führte. Besonders durch den in den letzten Jahrzehnten entstandenen Bedeutungs- und Funktionsverlust oder zumindest die deutlichen Veränderungen der Familie, hat man sich stärker mit der Entstehung und Funktionsweise dieser Prozesse beschäftigt. Ein theoretisches Modell zur Erklärung dieser Prozesse soll in dieser Arbeit ausführlicher vorgestellt werden: die Austauschtheorie.

Es stellt sich die Frage, ob eine solche Theorie auf die Erklärung von Handlungen innerhalb von Familien angewendet werden kann, welche Probleme dabei entstehen, welche Vor- oder Nachteile die Theorie hat und ob die Familiensoziologie ihrer Aufgabe der Erklärung typischer familialer Entscheidungs- und Entwicklungsprozesse mit dieser Theorie gerecht wird.

Die Austauschtheorie leitet sich zu großen Teilen aus dem Rational-Choice-Ansatz ab, weshalb dieser zu Beginn der Arbeit kurz erläutert wird. Im weiteren Verlauf werden die Grundbegriffe, Grundannahmen und Handlungserklärungen der Theorie erläutert. Anschließend wird die Anwendung der Austauschtheorie in der Familiensoziologie am Beispiel der Ehescheidung verdeutlicht und abschließend folgt eine kritische Analyse. Der Abschnitt über die Bedeutung der Emotionalität wurde mit einbezogen, um zu zeigen, dass gerade in der Familiensoziologie Handlungen nicht nur durch eine Kosten-Nutzen-Bewertung erklärt werden können, sondern dass auch Emotionen wichtige Einflussfaktoren sind. Dieser Aspekt wird in der Austauschtheorie leider vernachlässigt.

Zunächst sollen noch die drei grundlegenden Begriffe Handeln, Interaktion und Gruppe definiert werden. Handeln ist definiert als „intentionales, zielgerichtetes und sinnhaftes Verhalten von Menschen“ (Wiswede, G., 1998, S. 44). Interaktion ist definiert als „Wechselbeziehung zwischen Handlungen, die sich aus einem bestimmten Verhältnis von Handelnden ergibt“ (a.a.O., S. 44). Eine Gruppe ist eine „überschaubare Personenmehrheit, die häufig miteinander interagiert“ (a.a.O., S. 46). Die weiteren relevanten Begriffe werden im Laufe der Arbeit erklärt.

Nenneswerte Vertreter der Austauschtheorie sind zum Beispiel Homans (1972), Nye (1981), Thibaut und Kelley (1959), Blau (1964).

2. Rational-Choice-Ansatz

Unter dem Begriff des Rational-Choice-Ansatzes sind die Annahmen zweier Theorien vereint. Die Annahmen der Austauschtheorie und der Ökonomischen Theorie der Familie. Die Grundannahmen des Rational-Choice-Ansatzes sollen nun kurz dargestellt werden und im weiteren Verlauf der Arbeit als Grundlage für die Darstellung der Austauschtheorie dienen (Hill, P. B. & Kopp, J., 2002, S. 125).

Im Mittelpunkt der Untersuchungen steht im Rational-Choice-Ansatz immer das Individuum. Ausgangspunkt des Rational-Choice-Ansatzes ist die Annahme, dass menschliches Handeln dem Lösen von Problemen dient, also der Bedürfnisbefriedigung und dem Erreichen von Zielen. Dies ist aber oft nur durch soziales Handeln möglich, da andere Akteure die Ressourcen kontrollieren, die für die eigene Bedürfnisbefriedigung notwendig sind. In dieser Theorie geht man dabei von zwei grundlegenden Bedürfnissen aus: dem physischen Wohlergehen und der sozialen Wertschätzung. Die Familie zum Beispiel dient der Befriedigung dieser Bedürfnisse (Hill, P. B. & Kopp, J., 2002, S. 125).

Die wichtigste Grundannahme des Rational-Choice-Ansatzes ist die Unterstellung eines subjektiv rational handelnden Akteurs. „Rational“ bedeutet in diesem Zusammenhang, dass der Akteur immer versuchen wird, seinen Nutzen in einer Handlungssituation zu maximieren und die Kosten zu reduzieren, um den größtmöglichen Profit zu erhalten. Da Kosten und Nutzen jedoch immer anhand eines subjektiven Erfahrungshorizonts bewertet werden und die Handlungsentscheidung durch „objektive“ Außenstehende nicht unbedingt auch als diejenige mit dem größtmöglichen Profit bewertet werden muss, spricht man von einem subjektiv rational handelnden Akteur. Wie die Bewertung von Kosten und Nutzen genau erfolgt, wird später anhand der Austauschtheorie näher erläutert (Hill, P. B. & Kopp, J., 2002, S. 125f.).

Das RREEMM-Modell bildet den anthropologischen Hintergrund des Ansatzes. Menschen werden danach als resourceful, restricted, expecting, evaluating und maximizing betrachtet. Es gibt also fünf zentrale menschliche Eigenschaften: Resourceful besagt, dass Menschen über materielle und mentale Eigenschaften wie Intelligenz, Kreativität, Lernfähigkeit etc. verfügen. Der Begriff restricted weist darauf hin, dass das menschliche Handeln durch die materielle und soziale Umgebung beschränkt ist und nicht alle theoretisch möglichen Optionen auch in der Realität möglich sind.

Evaluating bezeichnet die Eigenschaft des Menschen, die Konsequenzen seines Handelns und Handlungsalternativen zu beurteilen. Expecting bezieht sich darauf, dass Menschen mit ihren Handlungen bestimmte Erwartungen verknüpfen. Maximizing deutet schließlich erneut darauf hin, dass Akteure ihren Nutzen maximieren wollen (Hill, P. B., 2002, S. 40f.).

3. Austauschtheorie

Auf der Basis der Grundannahmen des Rational-Choice-Ansatzes soll nun die Austauschtheorie vorgestellt werden.

Der Austausch von Gütern und Leistungen ist in allen Gesellschaften ein wesentlicher Bestandteil sozialer Interaktion. Da die Akteure in der Regel über unterschiedliche Ressourcen verfügen, kann der Tausch dieser Ressourcen als ein Mechanismus bezeichnet werden, der auf beiden Seiten zu einem höheren Niveau der Bedürfnisbefriedigung führen kann. Tausch initiiert somit soziale Interaktion und wenn sie positiv verläuft, stabilisiert er sie auch. Die Austauschtheorie versucht vor allem die Motivation zu Austauschbeziehungen zu beschreiben und zu erklären. Im Vordergrund des Interesses stehen die Erwartungen des Akteurs, seine Handlungsüberlegungen und die Belohnungen, die er durch den Tausch erfährt und die zu einer Verstetigung der Interaktion führen. Anders als in den Wirtschaftswissenschaften wird nicht nur der ökonomische Tausch berücksichtigt, sondern auch der soziale oder reziproke Tausch (Hill, P. B. & Kopp, J., 2002, S.101-103).

Soziale Interaktionen ist in der Austauschtheorie definiert, als der interpersonale Austausch von Belohnung und Bestrafung (Wiswede, G., 1998, S.151). Familienbeziehungen sind folglich Tauschsysteme, im Gegensatz zur Ökonomischen Theorie der Familie, in der Familienbeziehungen als Produktionsgemeinschaften definiert werden.

3.1 Grundbegriffe

Ein sehr wichtiger Grundbegriff ist der der Belohnung. Belohnung ist „der subjektive Wert oder Nutzen eines Ereignisses für eine Person“ (Wiswede, G., 1998, S. 114). Bestrafung dagegen ist „die subjektive Kosteneinschätzung eines Ereignisses durch eine Person“ (a.a.O). Mit dem Begriff Austausch wird daraus folgend die Tatsache beschrieben, „dass die Interaktionen zwischen Personen als gegenseitiger Austausch von Belohnung und Bestrafung interpretiert werden können“ (a.a.O.). Der Begriff des Tausches kann terminologisch in ökonomischen und sozialen/reziproken Tausch unterschieden werden. Beim ökonomischen Tausch erfolgt der Austausch von Leistung und Gegenleistung meist zeitgleich oder in einem festgelegten Zeitintervall. Die Güter und Leistungen sind genau spezifiziert und quantifiziert. Beim sozialen oder reziproken Tausch erfolgt der Austausch von Gütern und Leistungen dagegen nicht sofort oder zu einem bestimmten Termin und die Gegenleistung ist auch in der Regel nicht spezifiziert oder quantifiziert. Es gilt die Reziprozitätsnorm, die besagt, dass der Geber eine angemessene Gegenleistung erwartet und der Nehmer sich zu einer solchen verpflichtet fühlt. Ein Beispiel ist das Geben von Liebe, wobei die Gegenleistung nicht festgelegt ist, aber trotzdem erwartet wird. (Hill, P. B. & Kopp, J., 2002, S.103f.). Der Begriff der Erwartung ist definiert als die „subjektive Wahrscheinlichkeit, dass ein Ereignis (z.B. eine Belohnung) eintritt“ (Wiswede, G., 1998, S. 114).

3.2 Erweiterte Grundannahmen

3.2.1 Rationalität

Wie bereits zu Beginn bei den Ausführungen über den Rational-Choice-Ansatz erwähnt wurde, ist die wichtigste Grundannahme die des subjektiv rational handelnden Akteurs, der seinen Nutzen maximieren will. Dabei gilt es besonders zu beachten, dass nicht alle Nutzen gleich stark gewichtet werden. 20 Euro haben zum Beispiel für einen armen Menschen einen deutlich höheren Nutzen, als für einen Reichen. Ein Nutzen verändert sich auch mit der Zeit oder Situation. Der Begriff der Rationalität muss daher um die Annahme des sich verändernden Nutzens und die der Gewichtung von Nutzen erweitert werden. Ein Forscher sollte die Gewichtung des Akteurs kennen, um die subjektive Rationalität der Handlungsentscheidung zu verstehen (Klein, D. M. & White, J. M., 2002, S. 39).

Ein großes Problem in der Forschung ist, dass die Austauschtheorie zu schwerfällig ist, um eine detaillierte Untersuchung der Kosten- und Nutzeneinschätzung jedes Individuums darstellen zu können. Um allgemeingültige Ergebnisse zu erhalten, müssen zwei Annahmen zugrunde gelegt werden. Zum einen geht man davon aus, dass Akteure rational handeln und somit austauschbar sind. Man untersucht also nur einige Familien und unterstellt, dass Familienmitglieder aus anderen Familien unter den gleichen Voraussetzungen identisch handeln. Zum anderen nimmt man an, dass für einen großen Teil der Akteure in sozialen Gruppen oder Systemen die Kosten- und Nutzeneinschätzung einheitlich ist und geschätzt werden kann (Klein, D. M. & White, J. M., 2002, S. 40). Diese Annahmen sind sicher kritisch zu hinterfragen und werden später noch einmal genauer analysiert.

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Austauschtheorie im Rahmen der Familiensoziologie
Hochschule
Universität zu Köln  (Forschungsinstitut für Soziologie)
Veranstaltung
Proseminar Familiensoziologie
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
20
Katalognummer
V19566
ISBN (eBook)
9783638236560
Dateigröße
711 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Austauschtheorie, Rahmen, Familiensoziologie, Proseminar
Arbeit zitieren
Janine Wittfeld (Autor), 2003, Die Austauschtheorie im Rahmen der Familiensoziologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19566

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