Neuplatonismus und Christentum

Ein Überblick über die Begegnungen zwischen griechischer Philosophie und Christentum


Term Paper (Advanced seminar), 2012
27 Pages, Grade: 1,3

Excerpt

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Glaube und Vernunft - ein Uberblick uber die Begegnungen zwischen Christentum und griechischer Philosophie

III. Neuplatonismus im Christentum
i. Trinitat
ii. Negative Theologie
iii. Das Bose

IV. Fazit - Gemeinsamkeiten und Unterschiede

V. Literaturverzeichnis

Einleitung

In der Wiederaufnahme der platonischen Philosophie in den 2. und 3. nachchristli- chen Jahrhunderten durch die verschiedenen Schulen des Mittel- und Neuplato- nismus wird noch einmal der Grundidee der griechischen Philosophie Ausdruck verliehen: der Idee des Kosmos als organischem Korper mit einer Weltseele. In ei- ner Zeit, in der das Christentum erstarkte und sich zu einer dezidierten Konkurrenz spatantiker philosophischer Schulen entwickelte, gab es immer wieder Beruh- rungspunkte zwischen griechischer Philosophie und dem noch jungen Christentum, die sich vor allem durch die Ubernahme griechischer Konzeptionen auf fruhe christ- liche Theoriesysteme auszeichneten. So waren es insbesondere christliche Neupla- toniker, die sich in der Spatantike mit der platonischen Lehre auseinandersetzten, sie auf dem christlichen Siegeszug durch das Mittelalter trugen und ihr durch die Renaissance der Antike im 15. Jahrhundert in Italien zu seiner buchstablichen „Wiedergeburt" verhalfen.

Eduard Zeller, der sich intensiv mit der Geschichte der griechischen Philosophie beschaftigt hat, sah im Neuplatonismus „den geschichtlichen Schlusspunkt der griechischen Philosophie." (Horn 2010, S. 139). Sie habe „die ganze hellenische Wissenschaft [...] zusammengefasst" (Horn 2010, S. 139). Eduard Zeller nahm zwi­schen den sich ablosenden Extremen kompromissloser Abwertung und nachdruck- licher Uberbewertung des Neuplatonismus innerhalb der Philosophiegeschichte eine sachlich orientierte Mittelstellung ein (Horn 2010, S. 138). So relativiert Zeller letztlich den „Schlusspunkt der griechischen Philosophie", indem er sagt, dass der Neuplatonismus die fruheren philosophischen Systeme „im Sinn seiner Zeit be- nutzt" und sie nicht notwendigerweise „in einem hoheren Princip" aufgehoben habe (Horn 2010, S. 139). Das metaphysikfeindliche Zeitalter der Aufklarung hinge- gen sah im Neuplatonismus einen „Verderber des Platonverstandnisses" (Halfwas- sen 2005, S. 15); dies kommt vor allem in Johann Jakob Bruckers Historia critica philosophiae aus dem Jahre 1742 zum Ausdruck. Auch das 19. Jahrhundert betrach- tete den Neuplatonismus als eklektizistischen griechisch-orientalischen Pantheis- mus, spekulativen Mystizismus und grundsatzlich „schwarmerische" Philosophie (Tennemann 1809, S. 57). Trotz vorubergehender Begeisterung fur den Neuplato-nismus in der Romantik, war es vor allem der Idealist Hegel, der den spatantiken Neuplatonismus im 19. Jahrhundert aufwertete. Hegel sah in ihm die „Vollendung der antiken, griechischen Philosophie" (Halfwassen 2005, S. 110). Fur ihn war der Neuplatonismus auch gleichzeitig „die Gestalt der Philosophie, die mit dem Chris- tentume [...] auf das engste zusammenhangt." (Halfwassen 2005, S. 126). Bei allen Gegensatzen zwischen hellenistischem und christlichem Denken - die Vorstellung einer zyklischen, ewigen Welt auf der einen Seite und die Vorstellung einer end li­chen Welt auf der anderen Seite - gab es doch auch gemeinsame Grundlagen, die dazu fuhrten, dass es gerade christliche Rezipienten waren, die zur Verbreitung des spatantiken neuplatonischen Denkens beigetragen haben. Michael Lauble schreibt, dass Albert Camus in Plotin und Augustinus den „letzte[n] denkerische[n] Auf- schwung des Hellenismus" sah. (Camus 1978, S. 7). Laut Lauble nahm fur Hegel der Neuplatonismus nach Evangelium und Gnosis eine entscheidende Position in den vier Stadien einer gemeinsamen griechisch-christlichen Entwicklung ein, mit dessen Versohnung von Rationalismus und Mystik er dem christlichen Denken nach dem Bruch mit dem Judentum eine Methode lieferte, den christlichen Glauben als ver- nunftgemaR darzustellen und so Augustinus' Metaphysik der Inkarnation erst mog- lich machte. (Camus 1978, S. 30).

Diese Arbeit versucht weder die Frage zu klaren, ob oder inwiefern der Neuplato­nismus noch als rein pagan-griechische Philosophie ohne orientalische Einflusse gelten kann noch versucht sie, nach Grunden fur die Verbindungen zwischen christ­lichem und neuplatonischem Denken zu forschen. Sie versucht vielmehr, die Hauptberuhrungspunkte zwischen griechischer Philosophie (genauer: Neuplato­nismus) und Christentum in Spatantike und fruhem Mittelalter aufzuspuren und naher zu betrachten. Dabei wird sich diese Arbeit auf die drei Themen Trinitat, ne­gative Theologie und das Bose konzentrieren. Ausgangspunkt sind die in der Antike entstandenen metaphysischen Fragestellungen, fur die das christliche und neupla- tonische Denken jeweils ahnliche, aber auch unterschiedliche Losungen lieferten. Die Spatantike wird dabei als eine Epoche betrachtet, die die entstandene Kluft zwischen Gott und den Menschen auf philosophischem und religiosem Wege zu uberwinden versuchte; eine Kluft, die durch die Ablosung des mythischen Denkens durch den Logos auf der einen Seite und durch die allegorische Auslegung des Alten Testaments (durch den hellenistisch-judischen Denker Philon von Alexandria) auf der anderen Seite entstanden war. In den mystizistischen Bestrebungen von Neu- platonismus und Christentum Unterschiede, aber vor allem Gemeinsamkeiten aus- findig zu machen, die dazu gefuhrt haben, dass unzahlige christliche Denker uber die Jahrhunderte zwischen Spatantike und Renaissance immer wieder an der doch eigentlich verfeindeten und entschieden bekampften, weil heidnischen Philosophie Griechenlands festhielten, soll Gegenstand dieser Arbeit sein. Ein klarer Schwer- punkt liegt dabei auf Plotins Neuplatonismus sowie Augustinus und Pseudo- Dionysius Areopagita als Vertreter der christlichen Theologie.

II. Glaube und Vernunft - ein Uberblick uber die Begegnungen zwischen Christentum und griechischer Philosophie

In einer Zeit, in der sich griechische, romische und orientalische Kulturen mischten, waren dem Neuplatonismus der Stoizismus, Epikureismus, Skeptizismus und eine Wiederbelebung des Pythagoreismus vorausgegangen. Neben Platon haben andere griechische Philosophen wie Pythagoras, Parmenides, Anaxagoras und Aristoteles einen Einfluss auf die Entwicklung des Neuplatonismus gehabt. Bei den hellenisti- schen Schulen, die sich in der Spatantike nach Rom hin ausgebreitet hatten, ging es im Wesentlichen um Bedurfnisreduktion. Als praktisches Ideal galt die Seelenruhe. Die hellenistischen Schulen, allen voran der Stoizismus, konnen als Vorbereitung fur die Entwicklung des Neuplatonismus betrachtet werden, teilten sie doch die Maxime einer asketischen Moral sowie die Geringschatzung auRerer Guter - Grundsatze, die sie mit dem spateren Christentum teilten. Cicero, einer der Haupt- vertreter des romischen Eklektizismus, dem uberdies die Ubersetzung groRer Teile des griechisch-philosophischen Vokabulars ins Lateinische zuzuschreiben ist, war selbst Stoiker. Mark Aurel, der heftig gegen die Christen vorging, gilt als einer der letzten Vertreter des Stoizismus. Von ahnlichen Bedingungen fur gegenseitige kul- turelle Annaherungen in Alexandria, „dem damaligen geistigen Zentrum des ostli- chen Mittelmeerraumes" spricht Storig in seiner Philosophiegeschichte (2011, S. 225). Die wichtigste Rolle in diesem alexandrinischen Eklektizismus kommt dem judischen Theosophen Philon von Alexandria zu, der als Erster (vor Paulus) damit begann, Glaube und Vernunft miteinander zu verbinden. Dieser Synthetisierung von griechischer Philosophie (vor allem der platonischen, pythagoreischen und der stoischen) und judischer Theologie liegt Philons philosophische (stoizistische), alle- gorische Auslegung der Genesis zugrunde[1]. So deutet Philon Abrahams Wanderung aus Chaldaa nach Agypten als Weg des Menschen aus der Diesseitigkeit heraus (Vogt 2003, S. 82). Philon wollte beweisen, dass das Alte Testament, offenbart es doch die Wahrheit, die Kernpunkte der griechischen Philosophie bereits enthielt. Dies bedeutete freilich nicht, dass das Alte Testament philosophische Gedanken aufgenommen hatte, sondern vielmehr, dass die griechischen Philosophen das Alte Testament bereits gekannt haben mussten. Diese Annahme zog sich durch die ge- samte Spatantike und fand unter anderem in Eusebius von Caesareas Praeparatio Evangelica Ausdruck: „[T]hey [the Hebrews] had dealt with the like matters of phi­losophy before Plato was born." (2003, S. 252). Philon geht (wie auch der Neupla- tonismus) von Gott als jenseitiger GroRe aus, die sich weder benennen noch erken- nen lasst. Es handelt sich also um einen Gott, der die Welt zwar erschaffen hat, in diese aber nicht eingreift. Dem Logos (als Abbild Gottes[2] ) kommt bei Philon die aus der Stoa entlehnte Vermittlerrolle zwischen Gott und den Menschen zu (Vogt 2003, S. 82). Philon lieferte bereits die Vorbereitungen fur die spatere christliche Rezepti- on des Neuplatonismus, beeinflusste er doch fruhchristliche Theologen wie Cle­mens von Alexandria und Origines, die wiederum Einfluss auf die Entwicklung der christlichen Mystik hatten. Insofern spielte Philon als Vertreter des judischen Ale- xandrinismus eine entscheidende Rolle fur die Entwicklung des spateren, christli- chen Alexandrinismus (Lohr 2010, S. 134). Auch der Gedanke der Mystik findet sich bereits bei Philon, denn er verwendet den Begriff der Weltseele - wenn auch nur als Metapher. Der Begriff und die Vorstellung des Kosmos als ein beseeltes Ganzes gehen auf den Naturphilosophen Pythagoras zuruck, wurden sowohl von Platon als auch von den Stoikern ubernommen und waren dem judischen Denken im Grunde fremd. Das Grundproblem, das sich durch die Pramisse eines jenseitigen Gottes fur Philon und spater fur Plotin ergab, mundete in dem gemeinsamen Versuch, die Herstellung einer Verbindung zwischen dem entruckten jenseitigen Gott und den diesseitigen Menschen herzustellen. Uberhaupt lassen sich bei Philon und Plotin, obwohl sie alles andere als Zeitgenossen waren, bereits sehr deutlich die ahnlichen Ideen fur das gleiche Grundproblem feststellen. Hilary Armstrong brachte dies 1940 zum Ausdruck: „[I]t is impossible not to be struck by the resemblance to the Logos of Philo. The Philonian Logos, like that of Plotinus, is the principle of unity-in­diversity, of the separation and uniting of contraries in the material world." (1940, S. 107). Was bei Philon die Synthetisierung von judischer Theologie und griechi- scher Philosophie war, wiederholte sich bei Clemens von Alexandria in der Synthe­tisierung von christlicher Theologie und griechischer Philosophie. Die eigentliche Aufnahme griechisch-paganer Philosophie in die christliche Lehre begann allerdings schon mit dem Philosophen und spateren Apologeten Justin, genannt „der Marty- rer", der unter Mark Aurel in Rom hingerichtet wurde. Dies zeigt, dass es neben den eklektischen Entwicklungen und Harmonisierungsbemuhungen entschieden gefuhrte Auseinandersetzungen und Abgrenzungsbemuhungen zwischen christli­cher Theologie und griechisch-paganer Philosophie (hier vertreten durch die romi- schen Machthaber) gab. Von dem Kirchenvater Tertullian, der das Eindringen grie­chischer Philosophie in den Bereich des Glaubens grundsatzlich ablehnte, stammt die provokante Frage: „Was hat Athen mit Jerusalem zu tun?"[3] - womit er eine kategorische Trennung von christlicher Theologie und griechischer Philosophie pos- tulierte und propagierte, die weder damals, in den 2. und 3. nachchristlichen Jahr- hunderten, argumentativ haltbar gewesen ware noch von der historischen Entwick- lung des Christentums nach ihm hatte bestatigt werden konnen. Die Zeit zwischen dem 2. und 7. Jahrhundert, der so genannten Patristik, zeichnete sich grundsatzlich durch den Versuch der Ubernahme antiker philosophischer Denksysteme (oder Teile dieser) in die christliche Lehre aus. Christen, wie z.B. der romische Kaiser Juli­an Apostata, wurden zu Neuplatonikern, diverse Neuplatoniker, wie z.B. Augusti­nus, konvertierten zum Christentum. Gleichzeitig kampfte das Christentum nicht nur gegen die Heiden, sondern auch gegen den Gnostizismus, dessen entschiede- ner Gegner auch Plotin war, bis die romische Kirche im 4. Jahrhundert begann, den Gnostizismus zu bekampfen und dessen Schriften zu vernichten. Das 3. nachchrist- liche Jahrhundert, in dem sich der Neuplatonismus aus dem Mittelplatonismus (von Rom aus) heraus entwickelte, war eine krisenhafte Zeit gepragt von der Sehnsucht nach Ordnung, Hoffnung und Erlosung. Das Romische Reich hatte mit Unruhen, Kriegen und Armut zu kampfen. Bei vielerlei Ubereinstimmung mit dem Stoizismus, begann mit Plotin, ein Schuler Ammonios Sakkas' und Begrunder der alexandri- nisch-romischen Schule des Neuplatonismus, eine Art dogmatische, spekulative Metaphysik. Vereinfacht gesagt, versuchte Plotin die nicht zuletzt auf Platons dua- listischer Philosophie mit der Annahme einer ideellen und einer materiellen Welt basierende Kluft, die nach der Absage an die homerische Mythologie zwischen dem jenseitigen Gott und dem diesseitigen Menschen herrschte, mittels mystischer Vereinigung mit dem Einen zu schlieRen. Dieses Ziel, die Teilhabe des Menschen am Gottlichen, eben weil der Mensch Teil Gottes ist, hatte der Neuplatonismus mit dem Christentum gemeinsam. Die Verbindung zwischen Mensch und Gott, Seien- dem und Uber-Seiendem, vollzieht sich bei Plotin uber den Logos (das Wort). Das Christentum hat diesen Begriff (basierend auf Philon) ubernommen und auf Jesus Christus als Mittler zwischen Gott und der Welt angewandt (vgl. Joh 1,1-1,14). Ent- scheidend dafur waren sowohl Philon als auch die fruhchristlichen Apologeten. Plotin wurde stark von dem Werk des Mittelplatonikers Numenios beeinflusst, auch wenn er nicht in allen Punkten mit ihm ubereinstimmte. Numenios' triadisches Gottermodell war fur christliche Denker aufgrund der Affinitat zur christlichen Trinitatslehre auRerst interessant. Der Kirchenvater Eusebius von Caesarea, der das neuplatonische, triadische System des Einen, des Nous und der Weltseele mit der christlichen Trinitat von Vater, Sohn und Heiligem Geist verglich, trug wesentlich zur Uberlieferung Numenios' Lehre bei. Bedeutende Schuler Plotins waren Amelios Gentilianos und Porphyrios, der ein entschiedener Christengegner war und dies in seiner Schrift Gegen die Christen ausdruckte und begrundete. Porphyrios wurde nach Plotins Tod dessen Nachfolger an der Akademie in Athen. Ihm ist die Verof- fentlichung von Plotins Lehre (bzw. dessen Platon-Auslegung) zu verdanken. Porphyrios versuchte, philosophische Kerngedanken von Aristoteles in den Plato- nismus zu integrieren, was seinem Neuplatonismus im Vergleich zu dem Plotins eine grundsatzlich andere Richtung gab. Als Kritiker der Schopfung und der „gottl chen" Figur Jesus Christus hatte Porphyrios groRen Einfluss auf Augustinus und Boethius. Daneben hatte Porphyrios ebenso groRen Einfluss in Ost-Griechenland und im arabischen Raum. In kritischer Auseinandersetzung zu Porphyrios stand sein Schuler lamblichos von Chalkis, Begrunder der syrischen Schule des Neuplatonis- mus und wichtigster Neuplatoniker des 4. Jahrhunderts, der die Theurgie in den Neuplatonismus einfuhrte. Der Begriff Theurgie bezeichnet dabei rituelle Kulthand- lungen, die das Ziel hatten, eine Verbindung zwischen Mensch und Gott herzustel- len. Das Konzept der Theurgie wurde fast 300 Jahre spater von dem christlichen Autor Pseudo-Dionysius Areopagita ubernommen. Im 4. Jahrhundert konvertierte der Neuplatoniker Marius Victorinus, der eine gewichtige Rolle in der Entwicklung der christlichen Trinitatslehre spielte und groRen Einfluss auf Augustinus hatte, zum Christentum. Moglicherweise stand seine Beschaftigung mit dem Johannesevange- lium in diesem Zusammenhang. Insgesamt lasst sich im 4. nachchristlichen Jahr­hundert innerhalb des Neuplatonismus eine verstarkte Entwicklung hin zum Mysti- zismus beobachten, nicht zuletzt durch lamblichos, der den Logos mit dem asiati- schen Erlosergott Mithras in Zusammenhang setzte. Neben den Kampfen des Chris- tentums gegen Heiden und Gnostiker gab es vor allem in den ersten nachchristli­chen Jahrhunderten auch fundamental unterschiedliche Auffassungen innerhalb des Christentums selbst. Das Dogma der Trinitat, in ihren Grundzugen auf den grie- chischen Begriff der Hypostase zuruckgehend (bevor er in der Spatantike im christ­lichen Sinne umgedeutet wurde), kann dabei als besonders bedeutend hervorge- hoben werden. Basierend auf Origines' Lehre, behauptete Arius, ein Presbyter aus Alexandrien, dass Jesus Christus (der Logos) lediglich die Verbindung zwischen Gott und den Menschen darstelle, mit Gott aber nicht wesensgleich sei. In dem Kirchen- vater Athanasius hatte Arius seinen energischsten Gegner. Seit dem Konzil von Nicaa, 325 von Kaiser Konstantin einberufen, wurde die Wesensgleichheit von Gott und dessen Sohn Jesus Christus festgelegt, die 381 in die Synode von Konstantino- pel und letztlich 581 in das 3. Konzil von Toledo mundete, die diese Kirchenlehre als verbindlich bestatigte. Athanasius' hagiographische Schrift Vita Antonii uber den Heiligen Antonius hatte groRen Einfluss auf Augustinus. Mit Gregor von Nyssa voll- zog sich eine weitere entscheidende Synthetisierung von christlicher und philoso- phischer (vor allem platonischer) Lehren. Wie Plotin war auch Gregor von Nyssa ein Mystiker und gilt gemeinhin als der Vater der christlichen Mystik. Er „begreift den Menschen als Verbindungsglied der sinnlichen und der geistigen Welt." (Burkard und Kunzmann 2011, S. 67). Julian Apostata, von 360 bis 363 romischer Kaiser, ver- suchte, das im Jahre 313 durch Konstantin protegierte Christentum („Konstantini- sche Wende") zu bekampfen, um die heidnischen Religionen und die Mysterienkul- te wiederzubeleben. 380 wurde das Christentum allerdings von Theodosius I. zur Staatsreligion des Romischen Reiches erklart, 395 kam es nach dem Tod von Theo­dosius I. zur Reichsteilung. Mit dem Kirchenvater Augustinus von Hippo ist in den 4. und 5. nachchristlichen Jahrhunderten ein weiterer Meilenstein hinsichtlich der Verschmelzung von griechisch-paganer Philosophie und christlicher Theologie, von Wissen und Glauben, erreicht. Auch Augustinus sah im Neuplatonismus die christli- che Theologie bereits enthalten. Seine Auseinandersetzung mit dem Neuplatonis­mus hatte ihren Ursprung in den christlich-platonischen Predigten des Kirchenva- ters Ambrosius, die letztlich zu Augustinus' Konversion zum Christentum fuhrten. Dem Neuplatoniker Proklos, beruhmter Vertreter des von Plutarch von Athen ge- grundeten athenischen Neuplatonismus im 5. Jahrhundert, ging es vor allem um die Tradierung und Kommentierung der neuplatonischen Schule. Neben Platons Philosophie wurde sich nun vor allem mit Aristoteles' Werken beschaftigt - mog- licherweise, um Kontroversen mit dem erstarkten Christentum zu vermeiden. Pro­klos hatte groRen Einfluss auf den altkirchlichen Schriftsteller Pseudo-Dionysius Areopagita, der spater falschlicherweise als der Bischof Dionysius von Paris identifi- ziert wurde (Blackburn 2008, S. 101). Ammonios Hermeion, ein Schuler Proklos', wurde spater Lehrer des christlichen Philosophen Johannes Philoponos, der wiede- rum ein scharfer Gegner Proklos' war. Dies bedeutet bereits die letzte Phase des Neuplatonismus in der Spatantike. Im Jahre 529 lieR Kaiser Justinian die platonische Akademie schlieRen, was fur die antike heidnische Philosophie im ostromischen Reich das endgultige Ende bedeutete. Erst 1459 wurde die neuplatonische Akade­mie unter der Leitung von Marsilio Ficino in Florenz gegrundet. Eine entscheidende Rolle spielte dabei die spatantike Handschrift Corpus Hermeticum, die von griechi- schen Gelehrten nach dem Fall von Konstantinopel im Jahre 1453 nach Italien ge- bracht worden war. Dessen fiktiver Autor war ein agyptischer Priestergott namens Hermes Trismegistus. Die Sammlung enthalt platonische, stoische, neuplatonische, astrologische und alchemistische Vorstellungen, die auch auf judisches Denken zuruckgriffen. Auch hier tritt (in der Figur des Trismegistus) das die griechische Phi- losophie und christliche Theologie immer wieder verbindende, weil gemeinsame Motiv auf: die Vermittlung zwischen Gott und den Menschen. Die Hermetik, die sich mit Meditation und Gottesschau auseinandersetzte, spielte eine groRe Rolle fur die Wiederentdeckung griechischer (platonischer) Philosophie in der Renais­sance. Als letzter, westromischer Vertreter der antiken Philosophie gilt der romi- sche, christliche Gelehrte Boethius im 6. Jahrhundert. Mit seinem Hauptwerk Trost der Philosophie schuf er eine der bis ins 17. Jahrhundert hinein meist gelesenen philosophischen Schriften. Neben Pseudo-Dionysius Areopagita spielten christliche Neuplatoniker wie Johannes Scotus Eriugena im 9. Jahrhundert, Meister Eckhart im 13. und 14. Jahrhundert und der Humanist Nikolaus von Kues im 15. Jahrhundert hinsichtlich der Pflege und Weiterentwicklung des neuplatonischen Denkens eine groRe Rolle.

III. Neuplatonismus im Christentum i. Trinitat

„Im 4. Jahrhundert erfolgte die christliche Rezeption neuplatonischen Denkens im Zusammenhang mit dem Streit um die Trinitat." (Halfwassen 2004b, S. 166). Wie bereits unter II. beschrieben, konzentrierte sich dieser innerchristliche Streit auf die Annahme der Wesensgleichheit zwischen Gott Vater, Gott Sohn und Heiligem Geist. Bis ins 4. Jahrhundert hinein gab es keine einheitliche, offiziell anerkannte christliche Haltung zur Trinitatslehre. Auch nach dem Konzil von Nicaa und dem Nicano-Konstantinopolitanum im 4. Jahrhundert konnten die unterschiedlichen Auffassungen zu dem Verhaltnis der drei gottlichen Personen zueinander nicht bei- gelegt werden[4]. In der Westkirche entwickelte sich die Betonung der Einheit der drei gottlichen Personen, sodass weiterhin die Annahme von nur einem Gott statt drei Gottern erhalten wurde, wahrend die Ostkirche weiterhin die drei gottlichen Personen im Einzelnen betonte. Unabhangig von diesen kontraren Auffassungen innerhalb des Christentums, brachte Bertrand Russell 1945 den fundamentalen.

[...]


[1] Grundlage fur Philon: Die Septuaginta.

[2] Vgl. Johannesevangelium.

[3] Vgl. Kapitel 7 in Tertullians De Praescriptione Haereticorum ubersetzt durch K. A. Heinrich Kellner. <www.tertullian.org/articles/kempten bkv/bkv24 14 de praescriptione haereticorum.htm> (28.4.2012).

[4] Vgl. „Filoque-Streit" und „Morgenlandisches Schisma".

Excerpt out of 27 pages

Details

Title
Neuplatonismus und Christentum
Subtitle
Ein Überblick über die Begegnungen zwischen griechischer Philosophie und Christentum
College
Christian-Albrechts-University of Kiel  (Philosophisches Seminar)
Course
Oberseminar: Der Neuplatonismus zwischen Antike und Mittelalter
Grade
1,3
Author
Year
2012
Pages
27
Catalog Number
V195672
ISBN (eBook)
9783656214410
ISBN (Book)
9783656216704
File size
764 KB
Language
German
Tags
negative Theologie, das Böse, Augustinus, Proklos, Tertullian, Aristoteles, Albert Camus, Eusebius von Caesarea, Christentum, Judentum, Justin der Märtyrer, Kant, Pseudo-Dionysius Areopagita, Russell, Schelling, Tennemann, Hilary Armstrong, Terry Eagleton, Jens Halfwassen, Eduard Zeller, Platon, Plotin, Trinität
Quote paper
Andrea Oberheiden (Author), 2012, Neuplatonismus und Christentum, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195672

Comments

  • No comments yet.
Read the ebook
Title: Neuplatonismus und Christentum


Upload papers

Your term paper / thesis:

- Publication as eBook and book
- High royalties for the sales
- Completely free - with ISBN
- It only takes five minutes
- Every paper finds readers

Publish now - it's free