In der Wiederaufnahme der platonischen Philosophie in den 2. und 3. nachchristlichen Jahrhunderten durch die verschiedenen Schulen des Mittel- und Neuplatonismus wird noch einmal der Grundidee der griechischen Philosophie Ausdruck verliehen: der Idee des Kosmos als organischem Körper mit einer Weltseele. In einer Zeit, in der das Christentum erstarkte und sich zu einer dezidierten Konkurrenz spätantiker philosophischer Schulen entwickelte, gab es immer wieder Berührungspunkte zwischen griechischer Philosophie und dem noch jungen Christentum, die sich vor allem durch die Übernahme griechischer Konzeptionen auf frühe christliche Theoriesysteme auszeichneten. So waren es insbesondere christliche Neuplatoniker, die sich in der Spätantike mit der platonischen Lehre auseinandersetzten, sie auf dem christlichen Siegeszug durch das Mittelalter trugen und ihr durch die Renaissance der Antike im 15. Jahrhundert in Italien zu seiner buchstäblichen „Wiedergeburt“ verhalfen.
Diese Arbeit versucht weder die Frage zu klären, ob oder inwiefern der Neuplatonismus noch als rein pagan-griechische Philosophie ohne orientalische Einflüsse gelten kann noch versucht sie, nach Gründen für die Verbindungen zwischen christlichem und neuplatonischem Denken zu forschen. Sie versucht, die Hauptberührungspunkte zwischen Neuplatonismus und Christentum aufzuspüren. Dabei wird sich diese Arbeit auf die drei Themen Trinität, negative Theologie und das Böse konzentrieren. Die Spätantike wird dabei als eine Epoche betrachtet, die die entstandene Kluft zwischen Gott und den Menschen auf philosophischem und religiösem Wege zu überwinden versuchte; eine Kluft, die durch die Ablösung des mythischen Denkens durch den Logos auf der einen Seite und durch die allegorische Auslegung des Alten Testaments (durch den hellenistisch-jüdischen Denker Philon von Alexandria) auf der anderen Seite entstanden war. In den mystizistischen Bestrebungen von Neuplatonismus und Christentum Unterschiede, aber vor allem Gemeinsamkeiten ausfindig zu machen, die dazu geführt haben, dass unzählige christliche Denker über die Jahrhunderte zwischen Spätantike und Renaissance immer wieder an der doch eigentlich verfeindeten und entschieden bekämpften, weil heidnischen Philosophie Griechenlands festhielten, soll Gegenstand dieser Arbeit sein. Ein klarer Schwerpunkt liegt dabei auf Plotins Neuplatonismus sowie Augustinus und Pseudo-Dionysius Areopagita als Vertreter der christlichen Theologie.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Glaube und Vernunft – ein Überblick über die Begegnungen zwischen Christentum und griechischer Philosophie
III. Neuplatonismus im Christentum
i. Trinität
ii. Negative Theologie
iii. Das Böse
IV. Fazit – Gemeinsamkeiten und Unterschiede
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die zentralen Berührungspunkte und philosophischen Synthesen zwischen dem spätantiken Neuplatonismus und dem aufkommenden Christentum. Das primäre Ziel ist es, Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der metaphysischen Auseinandersetzung mit Gott und der Welt aufzuzeigen, ohne dabei die historische Trennung dieser Systeme zu negieren.
- Begegnungsgeschichte zwischen griechischer Philosophie und frühem Christentum
- Entwicklung und christliche Rezeption der Trinitätslehre
- Methodik und philosophische Bedeutung der negativen Theologie (via negativa)
- Metaphysische und ethische Definitionen des Bösen in beiden Denktraditionen
- Die Rolle des Neuplatonismus für die Ausbildung christlicher Mystik
Auszug aus dem Buch
ii. Negative Theologie
„Negative Theologie ist der Versuch, das Absolute als absolute Transzendenz zu denken.“ (Halfwassen 2004b, S. 43). Grundlage dafür ist die Annahme von der Unsagbarkeit des Höchsten (oder Einen), jenseits des Seins liegend, die auf Platon zurückgeht: „[…] nämlich daß wir über die Götter nichts wissen, weder über sie selbst noch über ihre eigentlichen Namen, mit denen sie sich selbst nennen.“ (Platon, Kratylos 400d). „Hier, bei Platon erst, beginnt die abendländische Metaphysik als rationale (negative) Theologie.“ (Maurer 1970, S. 244). In Platons Parmenides heißt es: „Unerkennbar also ist uns das wahre Wesen des Schönen an sich und des Guten und überhaupt alles dasjenige, was wir als an sich seiende Ideen annehmen.“ (Parmenides 498). Von diesem Dialog Platons geht der wichtigste Impuls aus hinsichtlich der Entwicklung des „Weges der Negation“: „Schon früh wurden die erste Hypothese des platonischen Parmenides und ihre Deutung durch die Neuplatoniker als Ursprungsort der via negativa betrachtet.“ (Westerkamp 2006, S. 13).
Im Zusammenhang mit der negativen Theologie, die vor allem von Pseudo-Dionysius Areopagita im 6. Jahrhundert auf der Grundlage platonischer/neuplatonischer Grundgedanken entwickelt wurde und einen enormen Einfluss auf die christliche Mystik hatte, ist die Annahme eines transzendenten Ursprungs (Gott, das Eine), der weder erkannt noch benannt werden kann, der gemeinsame Nenner von Neuplatonismus und Christentum. Es heißt bei Plotin, dass das Eine „in Wahrheit unaussprechlich“ ist (Enneaden V3, 13). Schon bei Justin dem Märtyrer war die Rede von einem unaussprechlichen Gott gewesen. Für ihn haben die griechischen Philosophen zwar „treffliche Aussprüche“ getan. Sie erlangten aber aufgrund widersprüchlicher Aussagen zu keiner wirklichen Erkenntnis (Zweite Apologie, 13). Die Folge der Annahme eines unaussprechlichen Gottes (bzw. ersten Prinzips) ist, dass über Gott (bzw. über das erste Prinzip) nur verneinende Aussagen getroffen werden können; dabei ist Gott über die Bestimmungen von Sein und Nicht-Sein erhaben: „Allerdings ist es [das Eine] nichts von dem, dessen Princip es ist, so zwar, dass nichts von ihm ausgesagt werden kann, nicht Sein, nicht Wesenheit, nicht Leben: es ist über diesem allen.“ (Plotin, Enneaden III 8, 10).
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Dieses Kapitel verortet den Neuplatonismus als geschichtliche Epoche und führt in die zentrale Fragestellung ein, wie sich griechische Philosophie und Christentum in der Spätantike gegenseitig beeinflussten.
II. Glaube und Vernunft – ein Überblick über die Begegnungen zwischen Christentum und griechischer Philosophie: Der Abschnitt skizziert die historische Entwicklung des hellenistischen Eklektizismus und die Rolle von Denkern wie Philon von Alexandria bei der Synthese von jüdischer Theologie und griechischem Denken.
III. Neuplatonismus im Christentum: Dieses Kapitel analysiert detailliert die drei Themenfelder Trinität, negative Theologie und das Böse als zentrale Schnittmengen und Reibungspunkte.
IV. Fazit – Gemeinsamkeiten und Unterschiede: Das Fazit resümiert, dass trotz grundlegender philosophischer Analogien, insbesondere im Bereich der Transzendenz, die christliche Inkarnationslehre ein trennendes Charakteristikum bleibt.
Schlüsselwörter
Neuplatonismus, Christentum, Trinität, Negative Theologie, Via Negativa, Das Böse, Plotin, Augustinus, Pseudo-Dionysius Areopagita, Metaphysik, Transzendenz, Mystik, Hypostase, Logos, Spätantike
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die philosophische und theologische Interaktion zwischen dem spätantiken Neuplatonismus und dem frühen Christentum, wobei der Fokus auf gemeinsamen metaphysischen Konzepten liegt.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Schwerpunkte bilden die Trinitätslehre, die Methode der negativen Theologie sowie die unterschiedlichen Auffassungen vom Ursprung und Wesen des Bösen.
Was ist das primäre Forschungsziel?
Das Ziel ist die Untersuchung der Hauptberührungspunkte und der wechselseitigen Beeinflussung von griechisch-paganer Philosophie und christlicher Theologie in der Spätantike und dem frühen Mittelalter.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine geisteswissenschaftliche, philosophiegeschichtliche Analyse, die primäre Quellen der antiken Philosophie und frühchristliche Texte vergleichend gegenüberstellt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Einbettung der Philosophie-Christentum-Begegnung sowie eine tiefgehende Untersuchung der Konzepte von Trinität, via negativa und der substanzlosen Natur des Bösen.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Neuplatonismus, Transzendenz, via negativa, Wesensgleichheit, christliche Mystik und die philosophische Begründung des christlichen Glaubens charakterisiert.
Wie unterscheidet sich die neuplatonische Emanation von der christlichen Trinität?
Während die christliche Trinität die Wesensgleichheit (Homoousios) der drei göttlichen Personen postuliert, beschreibt der Neuplatonismus ein hierarchisches Stufenmodell der Emanation vom Einen zum Nous und zur Weltseele.
Warum spielt die „negative Theologie“ bei Pseudo-Dionysius eine so große Rolle?
Die negative Theologie (via negativa) ermöglicht es, Gott als absolute Transzendenz zu denken, indem man alle positiven Zuschreibungen verneint, da das Göttliche jenseits von Sein und Sprache steht.
Wie bewertet der Autor die Rolle des freien Willens in Bezug auf das Böse?
Die Arbeit verdeutlicht, dass das Christentum – im Gegensatz zur klassischen griechischen Philosophie – das Böse zentral als Konsequenz des freien Willens des Menschen und des Sündenfalls begreift.
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- Andrea Oberheiden (Autor), 2012, Neuplatonismus und Christentum, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195672