Die historische Entwicklung der Gewerkschaftsbewegung in Deutschland


Hausarbeit, 2003
23 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die historische Entwicklung der Gewerkschaften in Deutschland
2.1. Industrialisierung und die Herausbildung der Arbeiterschaft und der Gewerkschaftsbewegung1
2.2. Im Wilhelminischen Kaiserreich: der Durchbruch zur Massen- organisation2
2.3. Die Gewerkschaften im Ersten Weltkrieg 1914 bis 1918
2.4. Die Gewerkschaften in den Jahren der Weimarer Republik 1918 bis 1933
2.5. Verfolgung, Widerstand und Exil in der nationalsozialistischen Diktatur3
2.6. Die Wiedergründung der Gewerkschaften nach Ende des Zweiten Weltkrieges und der Aufschwung in den Jahren 1950 bis 1965
2.7. Die Gewerkschaften in den Jahren des Wirtschaftswunders 1950 bis 1965
2.8. Ernüchterung und Neuorientierung: Die Gewerkschaften der 70er und 80er Jahre
2.9. Die Gewerkschaften am Ende des 20. Jahrhunderts

3. Programmatik und Selbstverständnis

4. Resümee

5. Literaturverzeichnis

1. Definition des Gewerkschaftsbegriffes

„Es ist nicht zu erwarten, eine Definition der Gewerkschaften zu finden, die sowohl der historischen wie der internationalen Vielfalt gewerkschaftlicher Organisationen gerecht werden könnte“.4

Aufgrund dessen, möchte ich in meiner Arbeit versuchen, eine Definiti-on der Gewerkschaften der Bundesrepublik Deutschland auf Basis der historischen Entwicklung seit ihrer Entstehung im 19. Jahrhundert her-auszuarbeiten. Diese Entwicklung wird hierbei unter vier Gesichtspunk-ten betrachtet, die die historischen Daten und Fakten ergänzen, und die Definition in ihrem Verlauf klar darstellen sollen. Den ersten Eckpunkt beschreibt die Organisationsbildung der Gewerkschaften. Neben der räumlichen Dimension sind es hierbei vor allem arbeitsmarktbezogene (Beruf, Betrieb und Industrie) und politisch-weltanschauliche Kriterien, die für diese Organisationsbildung von Bedeutung sind.5

Als zweites wird die Aufgabenstellung beobachtet, die den Gewerkschaften in der Gesellschaft und unter ihren Mitgliedern zuteil wurde und wie sich die gesellschaftliche Bedeutung der Gewerkschaften in der 150-jährigen Gewerkschaftsgeschichte verändert hat.

In Kapitel 3 schließlich (Programmatik und Selbstverständnis) werden im dritten Betrachtungspunkt die Veränderungen in der gewerkschaftlichen Programmatik, welche zur Erfüllung der gewerkschaftlichen Aufgaben in der jeweiligen Ära herangezogen wurde, erläutert. Insbesondere wird hier auf die vier existierenden Grundsatzprogramme in der Geschichte des DGB seit 1949 eingegangen.

Der vierte Punkt beinhaltet die Entwicklung des gewerkschaftlichen Selbstverständnisses und die Abgrenzung zur Programmatik der Ge-werkschaften.

Da sich diese vier Betrachtungspunkte im Laufe der 150-jährigen Geschichte dramatisch verändert haben, werden diese Punkte im Bezug auf die einzelnen Zeitepochen jeweils gesondert erläutert.

2. Die historische Entwicklung der Gewerkschaften in Deutschland

2.1. Die Herausbildung der Arbeiterschaft und die Entstehung der Gewerkschaftsbewegung im 19. Jahrhundert

„Die Herausbildung der Arbeiterschaft und die Entwicklung der sozialen Frage sind direkte Folgen der Industrialisierung, die im 19. Jahrhundert das Gesicht der Erde und das Leben der Menschen zu verwandeln be-gann. Zwar gab es abhängige Arbeit, Armut und Not auch in der vorin-dustriellen Gesellschaft; doch wurden sie früher als gottgegeben hinge-nommen, so lösten Lohnarbeit und Massenelend im 19. Jahrhundert die Forderung nach (radikalen) sozialen Veränderungen aus.“6

Die mit der Industrialisierung einhergegangenen Veränderungen lassen sich an mannigfachen Beispielen ausdrücken, die allesamt einen Pro-zess zur Arbeitsentfremdung beschreiben. Dazu gehörten die Arbeits-teilung, die die Arbeit eintönig machte, Dreck, Krach, Gestank und eine damit verbundene Gesundheitsgefährdung, sowie unmenschliche Arbeitszeiten und eine schlechte Bezahlung - oft nur in Waren (Truck-system). Es bestand ein enormes Überangebot an Arbeitskräften, was die Ausbeutung erst ermöglichte bzw. weiter verschärfte. Die Arbeiter-schaft lebte in Armut, was sich unter anderem in einer katastrophalen Wohnsituation widerspiegelte. Mitte des 19. Jahrhunderts sah sich der Staat erstmals verpflichtet einzugreifen. So wurde beispielsweise der Umfang der Kinderarbeit eingeschränkt.

Allerdings war es den Arbeitern, unter Androhung von Gefängnisstra-fen, vorerst noch verboten, sich in unabhängigen Interessenvertretun-gen der Arbeiterschaft zu organisieren.7 In den ersten Jahrzehnten der Industrialisierung waren so kaum Ansätze einer dauerhaften Arbeiteror-ganisation zu beobachten. Erste Formen der Organisation waren daher eher Unterstützungskassen zur Selbsthilfe bei Krankheits- und Sterbe-fällen und zur Wanderunterstützung, sowie Bildungs- und Streikverei- ne.8 Die wachsende Unzufriedenheit aber brachte bald erste (vereinzelte) Fälle von Maschinenstürmerei, Streiks und Boykotts von Handwerksgesellen, die durch die Zerstückelung der Arbeit ihre handwerkliche Qualifikation entwertet sahen und so zu Vorkämpfern der Organisationsidee wurden, hervor. Es entstanden die ersten Gesellenbünde, vorerst aus beruflichen und lokalen Zusammenhängen.9

Erste Versuche zu nationalen Zusammenschlüssen in Arbeitervereinen unternahmen während der Revolution 1848 die Buchdrucker (Guten-berg-Bund) und Zigarrenarbeiter (Assoziation der Zigarren-Arbeiter Deutschlands). Diese wurden durch die Einführung der Vereins- und Versammlungsfreiheit, sowie durch die Einberufung des Frankfurter Parlaments, das fortan als Adressat von Forderungen erkannt wurde, begünstigt.10 Die eingebrachten Forderungen umfassten einheitliche Löhne und Arbeitszeiten, sowie Fortbildungsmaßnahmen. Außerdem sollte durch die Beschränkung des Lehrlingswesens eine generelle Ein-schränkung des Konkurrenzdrucks erreicht werden. Die Forderungen scheiterten jedoch am Widerstand der Unternehmer und vor allem an den politischen Reaktionen auf die gescheiterte Revolution (Reaktions-zeit). Diese hatten unter anderem ein Generalverbot aller Arbeiterverei-ne zur Folge.11 Dennoch waren in beiden Vereinigungen bereits ge-werkschaftliche Ansätze und Organisationsstrukturen zu erkennen. Dies wird vor allem im demokratischen Aufbau, der geplanten Einrich-tung von Unterstützungskassen und Fortbildungsmaßnahmen, in der Selbstfinanzierung durch Beiträge und der geplanten Einführung von Lohntarifen sichtbar.12

Trotz der politischen Verfolgung, der die frühen Verbindungen zum Opfer gefallen waren, lebte die Organisationsidee fort - zunächst in den Unterstützungskassen und -einrichtungen und später in verdeckten Organisationen. Das die Gewerkschaftsidee nicht vollständig vernichtet werden konnte, zeigt sich am deutlichsten darin, dass es erneut die Berufsgruppen der Buchdrucker und der Zigarrenarbeiter waren, die in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts die ersten zentralen Berufsgewerkschaften gründeten - 1865 den Allgemeinen Deutschen Zi-garrenarbeiter-Verein und 1866 den Deutschen Buchdrucker-Verband.13 Bei nahezu allen Verbänden, die dann Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre in rascher Folge gegründet wurden, spielte die Arbeitskampferfahrung eine große Rolle. In den Jahren 1865 bis 1873 überzog eine Streikwelle, begünstigt von der guten wirtschaftlichen Konjunktur, das Land. Zeitgleich kam es zu einem Gründungsboom verschiedener Verbände. Vorherrschend blieben dabei zunächst die handwerklich geprägten Berufsverbände, die sich vorwiegend auf regi-onaler Ebene, vor allem in den aufstrebenden Großstädten wie Berlin, Hamburg, Leipzig und München herausbildeten.14 „Die Gründungspha-se war noch eine Zeit des Suchens, in der örtliche und überregionale, nach Berufsbewusstsein und Geschlecht gesonderte und übergreifen-de, kurzlebige und auf Dauer angelegte Organisationen nebeneinander bestanden.“15

In den Folgejahren erkannten auch die politischen Parteien, dass die Gewerkschaften und ihre Organisationsform am ehesten zur Massen-basis der Arbeiterbewegung werden könnten. Sie ergriffen ihrerseits die Initiative zur Gründung von Gewerkschaften und trugen so zur Expan-sion der Gewerkschaftsbewegung bei. Als Nebenwirkung verursachte die Politik aber gleichzeitig die Spaltung in Richtungsgewerkschaften, die den Parteien hinsichtlich Programmatik und Ideologie verpflichtet waren.16 In Deutschland existierten zunächst zwei verschiedene sozial-demokratische Strömungen, sowie die Strömung der Liberalen (Hirsch-Dunckersche Gewerkvereine) und die durch Organisationsbemühungen der Kirche erst später entstandene christliche Richtung. Die Entwick-lung ging hierbei in drei Phasen vonstatten: Der bereits erwähnten Or-ganisierung der Handwerker, folgte die Organisierung der Fabrikarbei-ter, sowie später die der Angestellten und Beamten.17

In der Ära von Reichskanzler Otto von Bismarck allerdings erlebten die Sozialdemokratie und die junge Gewerkschaftsbewegung zunächst ei-nen weiteren Rückschlag. Bismarck hatte sozialdemokratische, sozialis- tische und kommunistische Politik als wirtschaftsschädlich und gesell-schaftsfeindlich entlarvt. Die Folge war die Verabschiedung der Sozia-listengesetze (1878 bis 1890), welche unter anderem das Verbot der linksgerichteten Parteien, sowie der dieser Ideologie folgenden Ge-werkschaften beinhalteten. Einzig die liberale Gewerkschaftsrichtung, sowie die von vornherein politisch neutralen Verbände blieben von den Bestimmungen und der damit verbundenen Verbotswelle verschont.18 Jedoch konnten mit den Sozialistengesetzen weder die sozialdemokra-tische Politik noch die Gewerkschaftsbewegung und ihre Arbeitskämpfe aufgehalten werden. Schon Ende 1880 waren erste Ansätze zu Wie-deraufbau und Neustrukturierung erkennbar. Dies geschah zunächst im Untergrund in Form berufsorientierter Fachvereine auf örtlicher Ebene, weil sich kleinere Organisationsformen in der Illegalität leichter ab-schirmen ließen. Obwohl die Gewerkschaftsbewegung nach wie vor ihren Schwerpunkt in örtlichen Verbänden auf Basis handwerklicher Arbeiter hatte, begann man in den 90er Jahren bereits mit dem Ausbau berufsübergreifender Organisationen.19 Eine weitere große Neuerung bewirkte darüber hinaus die Einführung der Sozialversicherungen (kai-serliche Botschaft, 1881), womit die gewerkschaftlichen Unterstüt-zungskassen hinfällig wurden und die Aufgaben der Gewerkschaften sich in eine politischere Richtung änderten. Die Mitgliederzahlen und die Neugründungen stiegen in dieser Zeit extrem an (allein von Anfang bis Ende 1889 von 174.000 auf 230.000 Mitglieder und von 41 auf 58 Verbände) und mit dem Ende der Ära Bismarck und dem Auslaufen der Sozialistengesetze im Jahre 1890 begann für die Gewerkschaften eine neue Zeitrechnung.20

2.2. Im Wilhelminischen Kaiserreich: der Durchbruch zur Massen-organisation

In den 80er und 90er Jahren des 19. Jahrhunderts beschleunigte sich die Entwicklung Deutschlands zum Industriestaat. Landflucht, Verstädterung und Bevölkerungswachstum nahmen ebenso wie die Zahl der Industriearbeiter (Rückgang im Primärsektor zwischen 1882 und 1907 von 43,5 auf 35,2%) zu und die sozialen und politischen Probleme wuchsen.21

Es gestaltete sich sehr schwierig für die Gewerkschaften, ein einheitli-ches Klassenbewusstsein im Sinne eines übereinstimmenden politi-schen Willens innerhalb der Arbeiterschaft zu schaffen, um die Mächte bündeln zu können. Zu große Unterschiede bestanden in Beruf, Her-kunft und Glaube. Besondere Probleme für die Mitgliederwerbung be-reitete zudem der steigende Anteil an ungelernten Arbeitern, Frauen und Angestellten, die in den Berufsverbänden, die bis 1890 zunächst auf lokaler später auf zentraler Ebene vorherrschten, nicht aufgenom-men werden konnten.22 Diese sehr begrenzten Rekrutierungsfelder hatten zur Folge, dass die Mitgliederzahlen stagnierten. Hinzu kamen viele, auf Grund der schlechten Wirtschaftslage, verlorene Arbeitskämp-fe, die wiederum zu Mitgliederabgängen führten.

In den Jahren 1891 bis 1894 kam es schließlich zur „Großen Reorgani-sation der Gewerkschaftsbewegung“ und mit dem Zusammenschluss der sozialdemokratischen Gewerkschaften in die Freien Gewerkschaf-ten unter einem gewerkschaftlichen Dachverband (Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands) schafften die sozialdemokratischen Gewerkschaften endgültig den Durchbruch zur Massenorganisation. Zeitgleich zur Bildung erster Gewerkschaftsorganisationen für Hilfsar-beiter 1890 entstanden dann auch die ersten vertikal und umfassender organisierten Industriegewerkschaften in Deutschland, um den bereits oben erwähnten Rekrutierungskreis zu erweitern. Die alten horizontal organisierten Berufsverbände hingegen, deren organisatorische Stärke auf der Qualifikation und der Knappheit der Facharbeiter basierte, verlo-ren an Bedeutung, existierten aber dennoch bis 1933 parallel zu den sich immer stärker entwickelnden Industriegewerkschaften weiter.23 Faktisch bildeten sich bereits vor Beginn des ersten Weltkrieges Orga-nisationsstrukturen heraus, die bis in die Gegenwart Bestand haben sollten.

[...]


1 Schneider, a.a.O., S. 18

2 Schneider, a.a.O., S. 69

3 Schneider, a.a.O., S. 223

4 Müller-Jentsch, a.a.O., S. 84

5 Müller-Jentsch, a.a.O., S. 105

6 Schneider, a.a.O., S. 18

7 Schneider, a.a.O., S. 22/23

8 Schneider, a.a.O., S. 24

9 Schneider, a.a.O., S. 24

10 Schneider, a.a.O., S. 28

11 Müller-Jentsch, a.a.O., S. 108

12 Schneider, a.a.O., S. 31/32

13 Schneider, a.a.O., S. 42

14 Schneider, a.a.O., S. 43

15 Schneider, a.a.O., S. 44

16 Müller-Jentsch, a.a.O., S. 109

17 Schneider, a.a.O., S. 52

18 Schneider, a.a.O., S. 59

19 Schneider, a.a.O., S. 62

20 Schneider, a.a.O., S. 66

21 Schneider, a.a.O., S. 71

22 Schneider, a.a.O., S. 77/78

23 Müller-Jentsch, a.a.O., S. 111/112

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die historische Entwicklung der Gewerkschaftsbewegung in Deutschland
Hochschule
Fachhochschule für Wirtschaft Berlin
Veranstaltung
Arbeits- und Sozialstrukturen im Betrieb
Note
2,7
Autor
Jahr
2003
Seiten
23
Katalognummer
V19568
ISBN (eBook)
9783638236584
Dateigröße
426 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entwicklung, Gewerkschaftsbewegung, Deutschland, Arbeits-, Sozialstrukturen, Betrieb
Arbeit zitieren
Jörg Wagner (Autor), 2003, Die historische Entwicklung der Gewerkschaftsbewegung in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19568

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