Das Modell des rationalen Wählers

Die Rational Choice Theorie als Erklärung für Wahlentscheidungen?


Hausarbeit, 2011
12 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Modell des rationalen Wählers
2.1 Einordnung der Arbeit von Downs
2.2 Vorstellung des Ursprungsmodells
2.2.1 Rationale Wahlentscheidung des vollständig informierten Wählers
2.2.2 Parteiendifferential im Zwei-Parteien-System

3. Kritische Diskussion des Modells
3.1 Weitergehende Überlegungen von Downs
3.1.1 Komplexität in Mehrparteiensystemen
3.1.2 Prämisse des vollständig informierten Bürgers
3.1.3 Das Problem des geringen Stimmwertes
3.2 Fazit

5 Schluss

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Theorien des rationalen Wahlhandelns haben in den Sozialwissenschaften und nicht zuletzt in der Politikwissenschaft eine gewisse Popularität erlangt. Der Reiz des sogenann­ten Rational Choice Ansatzes liegt in seiner Einfachheit: Mit nur wenigen Variablen ver­sucht die Theorie das Handeln von Akteuren zu erklären. Gerade in der Politikwissen­schaft, wo für gewöhnlich sehr viele Faktoren Einfluss auf die Entscheidungen der Akteure haben, erscheint es attraktiv, mit Hilfe eines solch simplen Erklärungsansatzes allgemein­gültige Aussagen und Prognosen treffen zu können. Dabei stehen die jeweiligen Wissen­schaftler aber stets vor dem selben Problem: Zwar lassen sich mit der Rational Choice Theorie Zusammenhänge einfach erklären - allerdings weist die Erklärung meist größere Defizite auf, die durch die Einführung weiterer Variablen beseitigt werden müssen.

Der amerikanische Politikwissenschaftler Anthony Downs hat versucht den Rational Choi­ce Ansatz auf das Wahlverhalten der Menschen anzuwenden und dieses so nicht nur zu er­klären, sondern auch eine Prognosemöglichkeit für zukünftige Wahlentscheidungen zu schaffen. In seinem 1957 veröffentlichten Buch „An Economic Theory of Democracy" stellt er unter anderem das Modell des rationalen Wählers vor. Laut Falter und Schoen (2005) stelle das Buch die bedeutendste Anwendung des Rational Choice Ansatzes in der Politikwissenschaft dar (S. 244). Lehner spricht von einer „der wichtigsten Pionierleistun­gen derNeuen Politischen Ökonomie" (Lehner, 1981, S. 21).

In dieser Arbeit soll Downs Modell des rationalen Wählers vorgestellt werden. Dieses hat zwar weniger Aufmerksamkeit erlangt als Downs Auseinandersetzung mit den Parteien, es ist aber ein schönes Beispiel für die vermeintliche Einfachheit des Rational Choice Ansat­zes und für die Probleme, die diese Vereinfachung mit sich bringt. Es sollen Vor- und Nachteile der Anwendung des Rational Choice Ansatzes zur Erklärung des Wahlverhaltens aufgezeigt und die Frage geklärt werden, ob diese Theorie geeignet ist, um das vielfältige Phänomen einer Wahlentscheidung zu analysieren. Hierfür wird Downs Arbeit zunächst im Forschungsfeld verortet und das Ursprungsmodell kurz vorgestellt. Im zweiten Teil der Ar­beit soll die Brauchbarkeit und der Erklärungsanspruch des Modells ausführlich diskutiert werden.

2 Das Modell des rationalen Wählers

2.1 Einordnung der Arbeit von Downs

In der Arbeit mit der ökonomischen Theorie der Politik werden politische Zusammenhänge und Prozesse untersucht, indem man sich auf die Erfahrung der Wirtschaftswissenschaft stützt. Im Englischen ist dieses Vorgehen unter dem Begriff „Public Choice" bekannt, der nach Braun (1999) eine Forschungsrichtung charakterisiere, die individuelles, rationales und nutzenmaximierendes Verhalten unterstelle (S. 53f). Nach dieser Idee agieren politi­sche Akteure auf einem Markt, der durch Angebot und Nachfrage reguliert wird. Jeder die­ser Akteure, egal ob Partei, Politiker oder Wähler, versucht also mit knappen Mitteln sein persönliches Ziel zu erreichen.

Joseph A. Schumpeter hat in seinem Buch „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie" aus dem Jahr 1942 erste Überlegungen zu einer Ökonomischen Theorie der Demokratie angestellt. Laut Lehner (1981) hätte Downs diese Ideen aufgegriffen und zu einer systema­tischen Theorie weiterentwickelt (S.21). Im Unterschied zu Schumpeter würde Downs sei­ne Demokratietheorie nach der Ansicht von Schmidt (2010) aber viel stärker in der Wirt­schaftswissenschaft verankern (S. 197).

Braun (1999) unterscheidet zwischen normativen und positiven ökonomischen Theorien, wobei die Arbeit von Anthony Downs zu letzteren zählt. Diese charakterisiert Braun (1999) wie folgt: „Die positiven ökonomischen Theorien der Politik [Hervorhebung im Original] versuchen den normativen demokratietheoretischen Hintergrund der Fragestel­lungen in den normativen Theorien zu verlassen und sich auf empirisch-analytische Erklä­rungen von politischen Phänomenen zu konzentrieren" (Braun, 1999, S.60). Eine positive Demokratietheorie beschreibe also laut Lehner (1981) nicht den Sollzustand einer Demo­kratie, sondern versuche ihre Realität zu beschreiben (S.21). Bei der Betrachtung des poli­tischen Systems rücken also normative Aspekte wie beispielsweise das Gemeinwohl in den Hintergrund.

In seinem 1957 erschienen Werk „Die ökonomische Theorie der Demokratie" konzentriert sich Downs auf das Handeln zweier Akteure, die er als die entscheidenden Impulsgeber in einem demokratischen System ausmacht. Das sind zum Einen die Parteien, deren Ziel es ist, möglichst viele Wählerstimmen zu gewinnen. Der andere wichtige Akteur ist der Wäh­ler, der eine rationale Wahlentscheidung trifft. Seine Überlegungen zur Erklärung des Wahlverhaltens der Menschen fasst Downs in seinem Modell des rationalen Wählers zu­sammen, welches im folgenden Abschnitt erläutert werden soll.

2.2 Vorstellung des Ursprungsmodells

2.2.1 Rationale Wahlentscheidung des vollständig informierten Wählers

Downs Modell geht von einigen Prämissen aus, die gelten müssen, um überhaupt Überle­gungen anstellen zu können. So müsse der Wähler wissen, welche Ziele er verfolgt, welche Möglichkeiten zur Erreichung dieser Ziele zur Verfügung stehen und welche Folgen eine Entscheidung für eine dieser Optionen nach sich zieht, um zu einer rationalen Entschei­dungsfindung gelangen zu können (Downs, 1968, 202f). Das Modell basiert also auf einem vollständig informierten Wähler. Dieser trifft eine rationale Wahlentscheidung, mit der er seinen politischen Nutzen zu maximieren sucht.

Basiert die Entscheidung auf anderen Motiven, so sind diese in der Logik des Modells als irrational anzusehen und nicht erklärbar. An dieser Stelle tritt schon das erste Problem auf, denn laut Lehner (1981) würde damit die Erklärungskraft des Modells erheblich reduziert (S. 29). Auch Riker sagt, dass es „sicherlich keine Erklärung darstellt, wenn man einen be­trächtlichen Teil des politischen Geschehens der mysteriösen und unerklärlichen Welt des Irrationalen zuweist" (Riker, 1968, S. 25).

2.2.2 Parteiendifferential im Zwei-Parteien-System

Ausgangspunkt ist außerdem ein Zwei-Parteien-System nach amerikanischem Vorbild mit regelmäßig stattfindenden Wahlen. Der Wähler trifft eine rationale Wahlentscheidung, das bedeutet er wählt diejenige Partei, die ihm den größten Nutzen verspricht. Um herauszufin­den welche der beiden Parteien seinen eigenen Nutzen maximiert, nimmt der Wähler das sogenannte Parteiendifferential zur Hilfe. Hierbei werden die Wahlversprechen der Regie- rungs- und der Oppositionspartei betrachtet undjeweils ein Erwartungswert für den daraus resultierenden persönlichen Nutzen gebildet. Die möglichen Ergebnisse dieser Analyse durch den Wähler beschreibt Downs wie folgt: „Die Differenz zwischen diesen beiden er­warteten Werten des Nutzeneinkommens ist das erwartete Parteiendifferential [Hervorhe­bung im Original] des Bürgers. Ist es positiv, dann stimmt er für die gegenwärtige Regie­rung; ist es negativ, dann stimmt er für die Opposition; ist es Null, dann enthält er sich der Stimme" (Downs, 1968, S. 38).

Die Bildung des Parteiendifferentials ermöglicht demnach also auch die Entscheidung zur Stimmenthaltung, wenn sich der erwartete Nutzen der beiden Parteien nicht unterscheidet. Dieses Phänomen lässt sich empirisch nachvollziehen, wenn man vergangene Wahlen auf Bundesebene in Deutschland betrachtet. Nach Regierungsperioden mit einer großen Koali­tion ist die Wahlbeteiligung meist sehr niedrig, da die Wähler keinen entscheidenden Un­terschied in der ideologischen Ausrichtung der beiden großen Volksparteien CDU/CSU und SPD mehr ausmachen können.

Downs versucht die Möglichkeit der Stimmenthaltung allerdings aus seinem Modell zu entfernen, indem er zwei weitere Modifikatoren in die Bewertung der Parteien durch den Wähler einführt. Der Trendfaktor sei laut (Downs) eine Korrektur, die der Wähler in das Parteiendifferential mit einbeziehen würde, um bedeutsame Trends der jeweils aktuellen Regierungsperiode zu berücksichtigen (S. 39). Die zweite Erweiterung ist die sogenannte Leistungsbewertung: ein Vergleich von tatsächlicher und idealer Leistung einer Partei durch den Bürger. Diese Leistungsbewertungen würden die Entscheidung des Wählers laut Downs (1968) genau dann beeinflussen, wenn dieser weder zwischen den Programmen der beiden Parteien noch zwischen deren praktischem Handeln einen Unterschied ausmachen könne (S. 43).

[...]

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Details

Titel
Das Modell des rationalen Wählers
Untertitel
Die Rational Choice Theorie als Erklärung für Wahlentscheidungen?
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
12
Katalognummer
V195698
ISBN (eBook)
9783656219118
ISBN (Buch)
9783656219644
Dateigröße
414 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rational Choice, Anthony Downs, Rationaler Wähler
Arbeit zitieren
Benjamin Romberg (Autor), 2011, Das Modell des rationalen Wählers, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195698

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