Die Akzeptabilität des Lexems 'übelst' im mündlichen und schriftlichen Sprachgebrauch


Seminararbeit, 2011
22 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Wortform ,übelst'- Theoretische Grundlagen
2.1 Vom Adjektiv zur Steigerungspartikel
2.2 Syntaktische und semantische Funktion

3. Konzeption des Fragebogens
3.1 Vorüberlegungen und Hypothese
3.2 Aufbau und Struktur
3.2.1 Anordnung der Beispielsätze
3.2.2 Funktion und intendierte Wirkung
3.3 Auswahl der Zielgruppe

4. Auswertung der Ergebnisse

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang

1. Einleitung

„Man kann den Wortvorrath [!] einer Sprache in keiner Weise als eine fertig daliegende Masse ansehen [.. ,],so lange die Sprache im Munde des Volkes lebt, [ist sie] ein fortgehendes Erzeugnis und Wiedererzeugnis des wortbildenden Vermögens."[1]

Die Sprache ist durch dynamische Prozesse geprägt, welche sie stetig modifizieren und neue Variationen ihrer bestehenden Form hervorbringen. Der Wandel kommunikativer Bedürfnisse evoziert einen Wandel des Sprach- und Wortgebrauchs. In der Folge erhalten bestehende Ausdrücke neue Bedeutungen, werden auf andere Benennungszu-sammenhänge angewandt oder gänzlich durch innovative Wortformen substituiert.

Wilhelm von Humboldt bezeichnete diese Fähigkeit als inneren Sprachsinn - das allen Menschen gegebene Vermögen, die Welt bewusst zu erfassen und zum Ausdruck dessen sinnvolle Symbole zu setzen.[2] Jene sprachkonstitutive Kraft lässt sich im Besonderen an (Neu-)Lexemen nachvollziehen, die den Superlativ ausdrücken. Zahlreiche Einträge im Synonymwörterbuch des Duden für den Superlativ von ,gut' beweisen, dass der Versuch, sprachliche Zeichen für besonders positiv wahrgenommene Sachverhalte zu finden, paradigmatisch für den Prozess der Vokabularerweiterung ist.[3]

Das Wort ,übelst' ist ein Resultat derartiger Entwicklungen. Nach ersten Beobachtungen scheint der Neologismus in den mündlichen Sprachgebrauch integriert zu sein. Doch inwieweit ist dieses Lexem auch außerhalb des Mündlichen akzeptiert? Lässt sich seine Verwendung auch in der geschriebenen Sprache beobachten? Und kann dies Evidenzen für seine Übernahme in die Standardsprache liefern?

Diese Fragestellung soll im Folgenden mit Hilfe eines Fragebogens untersucht werden. Dabei soll die Funktion und Rolle des Neologismus im aktuellen Sprachgebrauch geprüft werden. Maßgebend für diese Analyse ist der syntaktische und semantische Verwendungskontext des Wortes ,übelst', sowie Aspekte des kommunikativen Umfelds und der textsortenspezifischen Verwendung und Akzeptanz.

Die auf dieser Zielsetzung basierende Umsetzung und Konzeption des Fragebogens soll einen Teilaspekt der Forschungsarbeit darstellen. Im weiteren Verlauf erfolgt dann die Auswertung der Ergebnisse. Zunächst wirdjedoch die Entwicklung und Wortbildung des Neologismus erläutert.

2. Die Wortform übelst - Theoretische Grundlagen 2.1 Vom Adjektiv zur Steigerungspartikel

Die Wortform ,übel/-st' kann auf das Adjektiv bzw. Adverb ,übel' in der 2. Komparationsstufe zurückgeführt werden. Dabei wurde die morphologische Struktur der Superlativform ,am übelsten' übernommen und um den Affix -en verkürzt.

Als Ursprung und Motivation dieser Übernahme kann das prototypische Merkmal des Adjektivs verstanden werden, graduierende Funktion zu haben. Die superlativische Adjektivform dient in dieser morphologischen Konstruktion als eine dem Adjektiv vorangestellte Markierung des höchsten Steigerungsgrades. Das Adjektiv selbst wird demnach nicht kompariert, sondern der Positiv wird durch einen Steigerungsausdruck, der in seiner Wortform auf den Superlativ verweist, modifiziert. Besonders in der Umgangssprache des Deutschen wird diese Vergleichskonstruktion häufig verwendet.

Betrachtet man den Beispielsatz „Das Essen war übelst lecker."[4] zeigt sich, dass das Lexem ,übelst' in seiner Verwendung und Funktion mit der Steigerungspartikel ,sehr' vergleichbar ist. Damit besitzt das Wort ,übelst' semantisch nur eine geringe denotative Bedeutung, ist morphologisch nicht flektierbar und ist syntaktisch nicht erststellenfähig und daher kein Satzglied.[5] Folglich kann es der Wortklasse der Steigerungspartikeln zugeordnet werden. Steigerungspartikeln unterschieden sich von anderen Subklassen der Partikeln dadurch, dass sie sich nicht auf den gesamten Satz, sondern zumeist nur auf Adjektive bzw. Adjektiv-Adverbien beziehen. Dabei liegt ihre Funktion primär darin, den durch die Adjektive bezeichneten Eigenschaften eine implizite Grad-Skala zuzuordnen, indem sie den Grad dieser Eigenschaften angeben oder modifizieren.[6] Diese Funktionen lassen sich, wie im Abschnitt 2. 2 gezeigt wird, für den Ausdruck ,übelst' konstatieren.

Die adjektivische Form und die prototypische Superlativaffigierung -st(en) fungieren in der Bildung als Basis der Wortkonstruktion. Die Morphologie des superlativen Adjektivs wird übernommen und zugunsten der Sprachökonomie mittels einer Suffixreduktion verkürzt. Somit lässt sich hierin eine substrahierende Wortbildung erkennen, die das Produkt einer deadjektivischen Konversion ist. Aus einem Adjektiv mit negativem Denotat ist eine deadjektivische bzw. deadverbiale Partikel entstanden, die sowohl den Superlativ negativer als auch positiver Inhalte ausdrückt.

Der neuen Wortform liegt dabei keine vollständige semantische Modifikation im Hinblick auf das Ursprungswort zu Grunde. Es erfolgte lediglich ein Wortartenwechsel, der sowohl die Stellung des

Lexems als auch seinen Status im Satz modifiziert hat. Diese neue syntaktische Funktion und Varianten der Verwendung sollen im Folgenden kurz besprochen werden.

2.2 Syntaktische und semantische Funktion

Wie bereits im vorgehenden Abschnitt erwähnt, soll die syntaktische und semantische Funktion des Lexems ,übelst' an dieser Stelle anhand verschiedener Beispielsätze ver-anschaulicht werden. Dabei wird sowohl das ursprüngliche Adjektiv in verkürzter Form als auch die davon abgeleitete Partikel betrachtet und auf ihre Akzeptabilität untersucht. Die Fokussierung beider Wortarten ist relevant, da sich die Superlativform des Adjektivs ,übel' im mündlichen Gebrauch mit Suffixreduktion etabliert hat und dies folglich eine weitere Verwendungsweise darstellt, deren Akzeptabilität zu untersuchen ist.

Die syntaktische Stellung und semantische Funktion von ,übelst' wird in den folgenden Beispielsätzen exemplifiziert, indem das Lexem in einem identischen Satz durch synonyme und leistungsäquivalente Ausdrücke substituiert wird.

(I.) ursprüngliche Adjektivform mit Suffixreduktion „Das war wirklich übelst."

„Das war wirklich schön." -> positive Denoation

„Das war wirklich schlimm." -> negative Denotation

(II.) Modalpartikel

„das war übelst zum Kotzen"

„das war wirklich zum Kotzen"

(III.) Gebrauch als elative Steigerungspartikel:

(a) in Verbindung mit Präposition; flektiert

„Sie arbeiteten mit übelst-en Maschinen"

„ Sie arbeiteten mit modernst-en Maschinen"

(b) dem Superlativ geht indefiniter Artikel voran; flektiert „Das war eine übelst-e Aktion."

„Das war eine sehr gefährlich-e Aktion." -> positive Denotation

„Das war eine sehr lustig-e Aktion." -> negative Denotation

(c) ,übelst' + aufs (aufdas)

„Wir waren aufs Übelste beeindruckt."
„Wir waren aufdas Höchste beeindruckt.

(d) ,übelst' als unflektierte Gradpartikel

„Wir haben uns übelst amüsiert." -> Bezug auf Adverb „Wir haben uns sehr amüsiert."

„Die Reise war übelst interessant." -> Bezug auf Adjektiv „Die Reise war höchst interessant."

Diese Verwendungstypen ließen sich im allgemeinen Sprachgebrauch beobachten. Im Fragebogen zur Analyse wird jedoch lediglich der Typus (III. d) fokussiert. Um die Akzeptabilität dieser Verwendungsweise repräsentativ zu prüfen, ist es notwendig, mehrere Beispielsätze des gleichen syntaktischen und semantischen Typs zu untersuchen. Der Einbezug aller hier aufgeführten Phänomene würde den geplanten Umfang der Analyse übersteigen.

Ein möglicher Fragebogen zur Prüfung aller Verwendungsweisen wird dennoch in einem späteren Abschnitt zum Forschungsausblick angefügt. Das Ziel einer vollständigen Analyse, wenn der zeitliche Rahmen diese zuließe, wäre es, die Akzeptabilität des Wortes ,übelst' in allen Verwendungskontexten zu untersuchen, um so die semantische und syntaktische Bedeutungsebene dessen nachzuvollziehen und konkrete Ergebnisse über den Gebrauch und die Integration des neuen Ausdrucks zu erhalten.

[...]


[1] Humboldt, S. 99

[2] Vgl. Welke, S. 72f.

[3] In der Eintragung zum Superlativ von „gut" (hier: hervorragend) sind 48 Synonyme aufgeführt, wobei diese Auflistung (aus: 4. Aufl.; 2006) nicht alle umgangssprachlichen und aktuellen Variationen erfasst.

Vgl. dazu: Duden, S. 485f.

[4] Weitere Varianten der Verwendung und synonyme Ausdrücke werden im folgenden Abschnitt thematisiert.

[5] Vgl. Braun, S. 79

[6] Vgl. Helbig, S. 46f.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Akzeptabilität des Lexems 'übelst' im mündlichen und schriftlichen Sprachgebrauch
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Methodologie der Sprachwissenschaft
Note
2,0
Autoren
Jahr
2011
Seiten
22
Katalognummer
V195724
ISBN (eBook)
9783656218852
ISBN (Buch)
9783656219262
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Linguistik, Germanistik, Sprachwissenschaft, Deutsche Sprachwissenschaft, Angewandte Linguistik, Phänomene des Deutschen, Gegenwartssprache, Übelst, Jugendsprache, uebel, mündlich, schriftlich, Sprachgebrauch, Kiezdeutsch, Jugend, Lexik
Arbeit zitieren
B.A. Christian Luther (Autor)Julia Kothe (Autor), 2011, Die Akzeptabilität des Lexems 'übelst' im mündlichen und schriftlichen Sprachgebrauch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195724

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