Drogen und urbane Gewalt in Brasilien

Eine Darstellung des Drogenkonfliktes am Beispiel Rio de Janeiros basierend auf der Fragestellung, ob in diesem Kontext der Kriegsbegriff Verwendung finden sollte.


Hausarbeit, 2009

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Beschreibung des Drogenkonfliktes

3 Die Gewaltakteure des Drogenkonfliktes
3.1 Die Drogenfraktionen
3.2 Der Staat und dessen Sicherheitskräfte
3.3 Die Milizen

4 Der Kriegsbegriff in verschiedenen Kontexten
4.1 Der Kriegsbegriff im Kontext urbaner Gewalt
4.2 Kriegsbegriff in der Wissenschaft
4.2 Der Kriegsbegriff in der quantitativen und qualitativen Konfliktforschung

5 Rio de Janeiros Gewaltsituation - ein „Neuer Krieg“?

6 Fazit

Bibliografie

1 Einleitung

„Guerra das drogas no Rio de Janeiro“ („Der Drogenkrieg in Rio de Janeiro“), „Guerra do tráfico deixa 19 mortos no Rio” („Der Krieg des Drogenhandels hinterlässt 19 Tote in Rio“) oder: „Ameaça de nova guerra amedronta Rocinha” („Die Bedrohung eines neuen Krieges erschreckt Rocinha“) - dies alles sind tägliche Schlagzeilen der brasilianischen Presse. Neben den Pressevertretern 1 sprechen auch Politiker häufig von einem Krieg, wenn es um die urbane Gewalt Rio de Janeiros geht. Und auch der Bevölkerungsteil, der direkt von den Gewaltauseinandersetzungen betroffen ist, hält diese Bezeichnung für durchaus realitätsnah. Doch ist es wirklich korrekt in den dort herrschenden Drogenkonflikten und Gewaltausübungen von einem „Krieg“ zu sprechen? Ist die organisierte bewaffnete Gewalt in urbanen Zentren als neuartiges Kriegsszenarium zu bezeichnen? Auf diese Fragestellungen soll in der vorliegenden Seminararbeit eingegangen werden.

Dabei soll zunächst in Punkt 2 der Drogenkonflikt beschrieben werden, um einen kurzen Überblick über die Gesamtsituation in Rio de Janeiro zu geben. Anschließend in Abschnitt 3 sollen die am Konflikt teilhabenden Akteure dargestellt werden. Hier wird vor allem auf deren „Funktion“ und Vorgehensweise innerhalb der gewaltsamen Auseinandersetzungen eingegangen. Weiterhin sollen die einzelnen Beziehungen der verschiedenen Gewaltakteure untereinander aus den Beschreibungen hervorgehen.

Abschnitt 4 bildet den Kern dieser Seminararbeit, indem der Kriegsbegriff in verschiedenen Zusammenhängen erläutert wird und anhand dessen ein Bezug auf den brasilianischen Raum, im speziellen die Stadt Rio de Janeiro, hergestellt wird.

Die Untersuchung in Abschnitt 5 soll das „neue Verständnis“ von Krieg aufzeigen. Hierbei wird der Begriff des „Neuen Krieges“ kurz erläutert und untersucht, ob diese Bezeichnung für den Drogenkonflikt in Rio de Janeiro verwendet werden kann.

Da der brasilianische Raum bezüglich dieser Thematik in Deutschland und Europa scheinbar wenig Beachtung gefunden hat, wird größtenteils auf portugiesischsprachige Quellen Bezug genommen. Allerdings war es unmöglich diese Literatur in Deutschland zu erhalten, weshalb die Bibliographie mehrteilig aus Internetquellen besteht.

2 Die Beschreibung des Drogenkonfliktes

Die Ursachen und Gründe für die Eskalation der urbanen Gewalt in Rio de Janeiro sind schwierig darzustellen, da diese enorm vielseitig sind. Richardson/Kirsten (2005: 4) sehen die grundsätzlichen Gründe vor allem in der enormen Ungleichheit und sozialen sowie wirtschaftlichen Ablehnung durch das öffentliche System. Dies geht einher mit kulturellen Faktoren, wie das ‚machismo’ (Machobenehmen) und dem Wahrnehmungsunterscheidungen gegenüber denjenigen mit sozial hohem Status und denen, die ihre Identität durch Banden erlangen. Die Erhältlichkeit von Waffen, Kokain und Marihuana verschlimmert das Problem. Der Mangel an einer integrierten öffentlichen Sicherheitsstrategie gepaart mit einer gewaltsamen, korrupten Polizei und einem Rechts- und Gefängnissystem, welches ineffektiv ist, sind ebenfalls entscheidende Faktoren (vgl. Richardson/Kirsten 2005: 4). Ein bedeutender Aspekt bezüglich der organisierten Gewalt ist in jedem Fall die Tatsache, dass Rio de Janeiro mit Beginn der 80er Jahre zu den international wichtigsten Drogenumschlagsplätzen geworden ist. Vor allem der Kokainexport ist seither um sein Vielfaches gestiegen und hat somit den lokalen Drogenmarkt vergrößert (vgl. Dowdney 2003: 25). Der Wert des innerstädtisch verkauften Kokains und Marihuanas wird auf 380 Millionen Reais (BRL) (= ca. 140 Mio. €) pro Jahr geschätzt (vgl. Amorim 2006: 411). Die hohen Einnahmen aus dem Drogenhandel verhelfen den organisierten Straßenbanden (facções do narcotráfico) einerseits zum Kauf von extremen Waffen und andererseits zur Unterhaltung einer eigenen Security sowie die Kooptierung einer großen Anzahl staatlicher Sicherheitskräfte. Ziel dieser Investitionen ist es, die Machtherrschaft über die Elendsviertel (favelas) auszubauen bzw. zu erhalten. Es gibt ca. 750 Favelas verschiedenen Ausmaßes in Rio de Janeiro, wobei das größte (Rocinha) 200.000 Einwohner zählt. Allein im Rocinha werden monatlich 120kg Kokain und 400g Marihuana im Wert von 3,5 Mio. BRL umgesetzt (vgl. Soares 2007: 68). Außerdem bieten die Favelas aufgrund der dichten Bebauung und dem unüberschaubaren Wegesystem den kriminellen Vereinigungen ideale Voraussetzungen um illegalen Unternehmungen nachzugehen. Die meisten Straßen sind nicht befahrbar, was Polizeifahrzeugen die Verfolgung erschwert, ortsunkundige Personen verlieren in dieser Umgebung schnell die Orientierung und denen, die mit der Ortschaft vertraut sind, bieten sie viele Fluchtmöglichkeiten und Verstecke. Daraus folgt, dass sich Verbrecherbanden als Territorialherren aufführen können, denn solche staatsresistenten Räume finden sich nirgendwo sonst in Brasilien. Außerdem wird in dieser Ortschaft ein Kontaktnetz zu anderen nationalen und internationalen kriminellen Organisationen, wie bspw. zu den Drogenkartellen Kolumbiens als Lieferanten, aufgebaut (vgl. Peterke 2009: 6).

3 Die Gewaltakteure des Drogenkonfliktes

In Rio de Janeiro können grundsätzlich drei Gewaltakteure differenziert werden: die Drogenfraktionen, der Staat in Form seiner Sicherheitskräfte und die substaatlichen Milizen. Diese Akteure und deren Handlungen in diesem Drogenkonflikt sollen im Folgenden näher erläutert werden.

3.1 Die Drogenfraktionen

Drogenfraktionen sind kriminelle Gruppen, die sich seit den 80er Jahren zu machtvollen und politisch wichtigen, lokalen Akteuren entwickelt haben. Heute wird davon ausgegangen, dass sie die Macht über 75% der Favelas haben (vgl. de Aragão 2007: 41). Die bekannteste Vereinigung dieser Art ist das ‚Comando vermelho’ (CV, ‚Rotes Kommando’), welches mit dem ‚Comando vermelho jovem’ (CVJ, ‚Junges rotes Kommando’) verbündet ist. Die Mitgliederzahl des CV wird auf 6.000 Personen geschätzt, die des CVJ auf ca. 4.000. Allein diese beiden Vereinigungen sollen 0,9 Tonnen Kokain und 13 Tonnen Marihuana pro Monat verkaufen. Als Hauptrivalen dieser beiden Gruppierungen gilt die zweitmächtigste Organisation, das ‚Terceiro comando’ (TC, ‚Drittes Kommando’) und die ‚Amigos dos Amigos’ (ADA, ‚Freunde der Freunde’) (vgl. Amorim 2006: 410). Diese Vereinigungen kämpfen mit dem höchsten Maß an Gewalt, d.h. mit Pistolen, Maschinengewehren, Granaten, Minen und sogar Raketenwerfern, um die Herrschaft der Favelas in Rio de Janeiro. Insgesamt wird die Zahl der Kriegswaffen, welche die Mitglieder dieser Drogenfraktionen besitzen, auf 4.000 Stück geschätzt. Allein in einer Nacht werden teilweise Tausende von Projektilen verschossen, was die Gruppen dazu veranlasst hat, selbst Munition zu produzieren (vgl. Amorim 2006: 31). Der Kokainkonsum ist in den letzten Jahren in Brasilien angestiegen, was dennoch zu keinerlei Beruhigung der Rivalitätskämpfe unter den Drogenfraktionen in Rio de Janeiro geführt hat (vgl. Azevedo 2009: 1).

In den jeweiligen Drogenfraktionen gibt es eine bestimmte Struktur, in der jedes Mitglied konkrete Aufgaben hat. Dem ‚dono’ (dem höchstrangigen Mitglied) steht ein ‚gerente geral’ (Hauptgeschäftsführer) zur Seite, der sich mit einem Sicherheitsteam gegen Rivalen schützt und die Arbeit der Untergeschäftsführer kontrolliert, die aus dem Kokain- und Marihuanaverkauf besteht. Die ‚soldados’ (Soldaten) sind für die Gewährleistung der äußeren Sicherheit zuständig, d.h. sie verteidigen ihr Gebiet gegenüber verfeindeten Fraktionen, Milizen und dem Staat (vgl. Peterke 2009: 9). Durch die hohen Einnahmen aus dem Drogenhandel können sich die Gruppenmitglieder mehr Konsum erlauben als die meisten Polizisten, was ihnen den Respekt vieler Einwohner der Favelas verschafft. Diese Bewohner befinden sich auch nicht unmittelbar in Gefahr durch die Drogenfraktionen, solang sie den aufgezwungenen Sozialkodex nicht missachten, z.B. keine Zusammenarbeit mit verfeindeten Akteuren tätigen und Gewalt gegen andere Favela-Bewohner vermeiden, da dies zu staatlichen Interventionen führen würde. Die Bewohner der Favelas profitieren sogar von dem Gewinn der Drogenfraktionen, indem diese Benefizveranstaltungen organisieren, Schulen fördern oder Nahrungsmittel verteilen (vgl. Peterke 2009: 10).

3.2 Der Staat und dessen Sicherheitskräfte

Durch die Darstellung der Drogenfraktionen und deren Funktionen wurde gezeigt, dass der Staat enorme Schwierigkeiten bei der Festnahme der Kriminellen, beim Auffinden der Verstecke oder beim Schlichten präsent sein hat. Der Versuch, den Drogenfraktionen entgegen zu wirken, erfolgt durch drei staatliche Akteure: den Spezialeinheiten der Militärpolizei, der Nationalgarde für öffentliche Sicherheit und den Streitkräften. Die Handlungen dieser Akteure sollen im Folgenden aufgezeigt werden.

Die größte Spezialeinheit in Rio de Janeiro ist die Batalhão de Operações Policiais Especiais’ (BOPE), welche mehrheitlich aus Mitgliedern der Militärpolizei besteht, die organisatorisch sowie technisch-operativ mit Soldaten vergleichbar sind (vgl. Flemes/Cholet 2004: 149). Beim Eindringen in die Favelas droht den Spezialeinheiten der ständige Beschuss von allen Seiten, weshalb seit 2004 auf den befahrbaren Straßen die ‚caveirões’ (‚Große Totenschädel’) gebraucht werden. Diese Panzerfahrzeuge sind mit Scheißscharten, einer Geschützhalterung und einschusssicheren Reifen ausgestattet. Sie schützen jedoch nicht nur vor Angriffen der Drogenfraktionen, sondern versetzen auch die Bewohner in große Angst (vgl. Jennerjahn 2006: 15). Da Silva et al. (2005: 18) merken deshalb an, dass dieses Fahrzeug das herausragende Symbol der Militarisierung von Polizeiaktionen ist. Das von den Sicherheitskräften verwendete Munitionskaliber ist Standard der regulären Streitkräfte. Allerdings wird dies ebenfalls von den Drogenfraktionen verwendet, was daraufhin deutet, dass diese eine große Menge ihrer Munition von staatlichen Sicherheitskräften erwirbt (vgl. Barros 2007: 2). Da die Straßen in den Favelas ein Vordringen mit den ‚caveiros’ meist gar nicht ermöglichen, muss dies zu Fuß geschehen. Um ein Einkreisen zu vermeiden, werden dabei häufig über 1.000 Militärpolizisten eingesetzt, die zusätzlich von gepanzerten Hubschraubern unterstützt werden. Außerdem verfügt die BOPE über eine eigene Rettungseinheit - Ärzte in schwarzen Tarnanzügen, die zum Eigenschutz ebenfalls Maschinengewehre bei sich führen (vgl. Gomide 2007a: 2). Aufgrund dessen bezeichnet Alston (2007: 20) die Repressionspolitik in Rio de Janeiro als „war approach“. Die Wirkung dieser Einsätze hat tatsächlich militärische Komponenten und auch die Mitglieder dieser Sicherheitstrupps sprechen häufig davon, dass sie sich im Krieg mit den Drogenfraktionen befänden. Inwieweit es tatsächlich möglich ist von einem Krieg zu sprechen oder ob die Bezeichnung bewaffneter Konflikt eher angebracht sei, wird auf den nachfolgenden Seiten dieser Arbeit eingegangen.

Der zweite staatliche Akteur ist die Nationalgarde für Öffentliche Sicherheit (‚Força Nacional de Segurança Pública, FNSP). Hierbei handelt es sich um eine aus freiwilligen Polizisten zusammengesetzte Sondereinheit des Bundes Brasilien, zu welcher ca. 8.000 Mitglieder gehören. Die Ausrüstung der FNSP ist ähnlich wie die der Streitkräfte, d.h. auch sie verfügen über moderne Maschinengewehre. Da die Nationalgarde erst 2004 gegründet wurde, kam es bisher zu wenigen Einsätzen in den Favelas. Im Dezember 2006 kam es erstmalig zu einer Konfrontation mit den Drogenfraktionen, die zwei Tage andauerte und bei der auch Handgranaten eingesetzt wurden. Im Juni 2007 kam es erneut zur Unterstützung der Polizeioperationen seitens der FNSP und zu einem der größten Einsätze, die es in Rio de Janeiro je gab. Es wurden 60 Granaten, fünf Gewehre, 30 Flugwehrraketen sowie kiloweise Marihuana und Kokain der Drogenhändler im ‚Complexo Alemao’, ein Favela, beschlagnahmt. Augrund des extremen Widerstands ist die Polizei in diesen Siedlungen seit mehreren Jahren nicht mehr gewesen. Dies zeigt den Kontrollverlust des Staates über einige Viertel in Rio de Janeiro (vgl. Peterke 2009: 17).

Als letzter staatlicher Akteur sind die Streitkräfte zu nennen, die nur stellenweise für das Erschaffen von öffentlicher Sicherheit zuständig sind. Den Anfang machte die ‚Operation Rio’, welche zwischen Oktober 1994 und Januar 1995 stattfand. Präsident Lula ordnete diesen autorisierten Einsatz an und nannte als primären Zweck die Unterstützung der staatlichen Sicherheitskräfte. Auch zu der damaligen Zeit wurden die Streitkräfte bereits von den Drogenfraktionen in den Favelas beschossen (vgl. Mendel 1996: 6). Aufgrund dessen sind Militäreinsätze fester Bestandteil politischer Forderungskataloge. Gegen diese bestehen jedoch praktische und verfassungsrechtliche Einwände, die vor allem durch das hochrangige Militär erbracht werden. Die Entscheidung für die Unterstützung der staatlichen.

[...]


1 In dieser Seminararbeit wird bei allen Personennennungen lediglich die männliche Bezeichnung verwendet. Dies dient einerseits der sprachlichen Vereinfachung und andererseits entspricht dies der Realität in Brasilien. Gewalt- und Staatsakteure sowie Personen mit höheren Berufspositionen sind fast ausschließlich männlichen Geschlechts.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Drogen und urbane Gewalt in Brasilien
Untertitel
Eine Darstellung des Drogenkonfliktes am Beispiel Rio de Janeiros basierend auf der Fragestellung, ob in diesem Kontext der Kriegsbegriff Verwendung finden sollte.
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Globalisierung und Ökonomisierung von Gewalt
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
17
Katalognummer
V195778
ISBN (eBook)
9783656215486
ISBN (Buch)
9783656218357
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Politik, Politikwissenschaft, Globalisierung, Ökonomisierung, Gewalt, Krieg, Drogen, Kriegsbegriff
Arbeit zitieren
Jenny Fischer (Autor), 2009, Drogen und urbane Gewalt in Brasilien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195778

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