Identitätsbestimmungen in Ingeborg Bachmanns Roman „Malina“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
18 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Beziehungen
2.1. Identitätsproblematik zu Beginn des Romans
2.2. Liebe zu Ivan: Heilung
2.3. Liebe zu Ivan: Krankheit
2.4. Hoffnungslosigkeit

3. Identitätsbestimmung der Ich-Erzählerin durch Männer
3.1. Ivan
3.2. Der Vater
3.3. Malina

4. Der „Mord“ an der Erzählerin
4.1. Die Mörder
4.2. Das Abrücken
4.3. Das Ende
4.4. Die mordende Gesellschaft

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ingeborg Bachmann wurde am 25. Juni 1926 in Klagenfurt geboren und gilt als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerinnen und Prosaschriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts. Ihr Roman „Malina“ entstand im Rahmen ihrer unvollendeten Trilogie „Todesarten“ und wurde 1971 veröffentlicht. Schon in der Einleitung zu „Malina“ fällt, mit Blick auf die Biographie Bachmanns auf, dass die Protagonistin, eine Ich-Erzählerin und die Autorin den gleichen Geburtsort haben und wie sich im Laufe des Romans herausstellt, auch den gleichen Beruf: Schriftstellerin. Die Literatur in den 70er Jahren der Bundesrepublik Deutschland war geprägt von Neuer Innerlichkeit / Neuer Subjektivität, Ich Erzählungen und Autobiographien, deshalb wird „Malina“ häufig als geistige imaginäre Autobiographie Bachmanns eingestuft.

Die Reaktionen auf „Malina“ waren nach seinem Erscheinen, neben, im Ganzen gesehen, zurückhaltender Zustimmung, zum Teil heftige Ablehnung und Verständnislosigkeit. Dies deutet möglicherweise auf Irritationen in der Orientierung des Lesers hin[1]. Denn bei dem Roman handelt es sich um ein sehr komplexes Werk. Die Autorin selbst bemerkte zu „Malina“: „es ist tatsächlich so, dass ich erst beim Korrigieren oder beim Versuch, einige Dinge zu streichen, gesehen habe, wie verzahnt es ist, dass es fast keinen Satz gibt, der sich nicht auf einen anderen Satz bezieht.“[2]

Es sei darauf hingewiesen, dass es mir in meiner Hausarbeit lediglich gelingen wird, einen kleinen Teil des Werkes zu beleuchten, welcher der Vielschichtigkeit „Malinas“ nicht gerecht werden kann. Um den Roman genauer zu verstehen, ist es wichtig die Ich-Erzählerin in ihrem Wesen zu betrachten und den Bezug zu den Männern ihrer Umgebung herzustellen. Ingeborg Bachmann selbst meinte: „Der Faschismus ist das erste in der Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau […] Er fängt nicht an mit den ersten Bomben, die geworfen werden [...] Er fängt an in Beziehungen zwischen Menschen.“[3].

Diese Beziehungsdefinition zwischen Mann und Frau ist nicht nur ein spannender Gedanke der Autorin, sondern schlägt sich als Identität stiftendes Element für die Ich-Erzählerin in „Malina“ nieder. Hierbei wird das Augenmerk besonders auf das Liebesverständnis der Erzählerin und auf die von Männern auf sie ausgeübte psychische und physische Gewalt gerichtet. Ebenso werden die Probleme ihrer Persönlichkeitsfindung beleuchtet.

2. Beziehungen

2.1 Identitätsproblematik zu Beginn des Romans

Der Roman wird mit der Beschreibung der wichtigsten Figuren eröffnet. Ivan (in Wien ansässig) wird als erster Charakter vorgestellt und er ist die einzige Person bei der Geburtsjahr und –ort angegeben werden: Er wurde 1935 in Ungarn geboren. Zu seinem Beruf will sich die Ich-Erzählerin nicht weiter äußern, um „keine unnötigen Verwicklungen (…) heraufzubeschwören“[4]. Danach werden zwei Kinder erwähnt, Béla und András, sieben und fünf Jahre alt. Man erfährt zunächst aber nicht um wessen Kinder es sich hierbei handelt. Es folgt die Beschreibung Malinas, einen „heute vierzig Jahre alt geworden[en]“4 Mann mit eigenartig geschlechtslosem Namen. Dass es sich bei Malina um einen Mann handelt, sorgt am Anfang des Romans erstmal für Irritation, die meisten Leser gehen davon aus, dass Malina ein Frauenname ist. Die Problematik der Kategorisierung und Identifizierung männlich/weiblich wird hier schnell deutlich. Man erfährt bald, dass es sich bei Malina auch nicht um einen Vor-, sondern um einen Familiennamen handelt, jedoch erst beim Begräbnis der Maria Malina wird dies explizit deutlich gemacht: „unter den Trauergästen habe sich der Bruder der Malina befunden“[5]. Ein klares Bild Malinas wird nicht vermittelt, es wird nur mitgeteilt, dass er Staatsbeamter beim österreichischen Heeresmuseum ist.

Die Ich-Erzählerin, deren Namen wir nicht erfahren, entnimmt ihre Selbstbeschreibung ihrem Pass, ihrem Identitätsausweis. Sie wurde in Klagenfurt geboren, allerdings wird das Geburtsdatum übergangen. Der Beruf ist „zweimal durchgestrichen und überschrieben“6 und die Adresse „dreimal durchgestrichen“[6]. Sie verrät lediglich, dass sie jetzt in Wien, in der Ungargasse wohnt. Ihr Lebenslauf wird im Dunkeln gelassen und die Ich-Erzählerin erzählt so distanziert von sich, dass der Eindruck einer Nicht-Identität entsteht, so als wäre sie sich selbst nicht ganz sicher, wie sie in ihr Leben einzuordnen ist.

Die unvollständigen und unklaren Personenbeschreibungen weisen darauf hin, dass vieles über diese Figuren bis zum Ende ungeklärt oder zweideutig bleiben wird. Es wird mit der Technik des Verschweigens gearbeitet, worauf besonders das zweimal erwähnte „durchgestrichen“ hinweist.

Auch das Verhältnis der Ich-Erzählerin zu den vorgestellten Männern bleibt erstmal unklar. Sie wohnt mit Malina zusammen in ihrem „Ungargassenland“ und beschreibt die Beziehung so, dass sie sich „von Anfang an unter ihn gestellt“[7] fühlt und als wäre sie „nur aus seiner Rippe gemacht“[8]. Das weist auf eine sehr enge Beziehung der beiden hin, eine Art unvermeidliche Zusammengehörigkeit beziehungsweise Abhängigkeit. Gleichzeitig wird hier durch den Bezug zur Bibel, der in dem Roman häufiger auftaucht, ihre Position als Frau klargemacht. Sie kann nur existieren, weil der Mann zuerst existiert hat.

Das Zusammenleben mit Malina macht die Erzählerin nicht glücklich, sie fühlt sich ungeliebt und meint Malina gleichgültig und unbedeutend zu sein. Dadurch wird die Liebe zu Ivan erklärbar. Diese Liebe ist sehr prägend für die Ich Erzählerin und ihr Verständnis davon wirkt idealisiert. Ihre Beziehung zu Ivan, die in ihren Anfängen im ersten Kapitel „Glücklich mit Ivan“ beschrieben wird, ist einer von vielen Schritten auf dem Weg des Scheiterns.

2.2. Liebe zu Ivan: Heilung

Die Ich-Erzählerin lernt Ivan vor einem Blumengeschäft kennen und setzt ihren Weg sofort mit ihm fort. Wenn sie mit ihm durch Wien geht, hastet sie immer „ein wenig hinter ihm drein“9, aber denkt sich: „ich will versuchen, wegen des Zusammenhangs mit der Welt, nicht zu weit zurückzubleiben“[9]. Sie will mit ihm den „Zusammenhang mit der Welt“ erlangen, er soll im Zusammenhang mit ihr die Zeit aufheben. Dabei passt sie sich seinem Schritttempo an, macht sich von ihm abhängig und verlässt sich auf ihn als Beschützer im Straßenverkehr. Ivan hat, im Gegensatz zu ihr, keinerlei Probleme mit der Orientierung in der Zeit[10]. Sie hingegen bringt schon ganz zu Anfang den Beweis für ihre Störung des Zeitbegriffes, im „Code der Mediziner“[11]. Das ist ein Hinweis darauf, dass alles was Ivan umgibt, was sie sich von ihm erhofft, eng mit Heilung und Krankheit verbunden ist.

Das „Ich“ fühlt sich von Ivan als Frau angesprochen, entwickelt Gefühle und Leidenschaft. Durch Ivans Kinder Béla und András, die sie im Laufe der Beziehung zu Ivan kennenlernt, erfüllt sie eine Art Mutterrolle, in der sie sich sehr wohl zu fühlen scheint. Denn nach anfänglicher Skepsis und Unsicherheit den Kindern gegenüber, fängt sie an sich ihnen gegenüber frei und gelöst zu verhalten: „sie sind von einer Zudringlichkeit, von der ich gar nicht genug bekommen kann“[12]. Sie beginnt die Treffen mit den Kindern des Mannes, den sie begehrt, zu genießen, obwohl es nicht ihre eigenen sind. Daraus lässt sich ableiten wie innig sie sich die Bindung zu Ivan wünscht[13]. Die Ich-Erzählerin betont überschwänglich, dass sie glücklich mit Ivan ist: „glücklich, glücklich, es heißt glücklich, es muss glücklich heißen“[14]. Doch diese intensive Betonung ihres Glücks wirkt durch den befehlsartigen Ton angestrengt und bemüht. Sowieso werden die Bemühungen um Ivan zu ihrem Lebensinhalt: Sie entwickelt eine Freude daran Ivan heimlich die Schuhe zu putzen und ihm das Abendessen zu bereiten, obwohl sie kochen nicht ausstehen kann. Sie fängt an sich von ihrer geliebten Literatur zu distanzieren, weil sie sie für Ivan nicht brauchen kann und beginnt Kochbücher zu lesen, damit das Essen auf dem Tisch steht, wenn er kommt. Die Ich-Erzählerin übernimmt eine Hausfrauenrolle und gibt sich größte Mühe Ivans Erwartungen zu entsprechen.

Als Ivan auf dem Schreibtisch der Erzählerin ein Blatt findet auf dem „Todesarten“ steht, bewertet er ihre Arbeit abfällig: „Das gefällt mir nicht“[15], er will lieber etwas Schönes, Einfaches und nicht so Düsteres. Sofort überlegt sich die Erzählerin für Ivan ein schönes Buch zu schreiben, sie will für ihn alles tun und lernen. Durch Ivan fühlt sie sich lebendig: „solange ich ihn höre und mich von ihm gehört weiß, bin ich am Leben“[16].

Die Liebe zu Ivan verändert ihr Leben, erfüllt es, gibt ihm einen Sinn und sie fühlt sich geheilt. Sie erhofft sich so viel von ihm und spricht von ihm, wie von einem Erlöser: „weil Ivan mich zu heilen anfängt, kann es nicht mehr ganz schlimm sein auf Erden.“[17] und “er wird diese Krankheit von mir nehmen, er soll mich erlösen“[18]. Ivan wird hier zur erlösenden Christus-Figur stilisiert[19], es finden sich mehrere Ausdrücke und Bilder aus der Bibel und Bezüge zur Auferstehung: „Dass ich auferstanden bin… Weil Ivan erstanden ist“[20]. Er hat es geschafft gegen ihre angesammelten „Abwehrstoffe“17 anzugehen und es ist ihm „schon in der ersten Stunde“17 gelungen ihre Gefühle „Misstrauen, Gleichmut, Furchtlosigkeit nach zu großem Fürchten […] zuschanden“[21] werden zu lassen.

Die Erzählerin ist euphorisiert von dem durch Ivan eingeleiteten „Wiedergutmachungsprozess“ und will allen Menschen helfen, indem sie sie mit dem Virus der Liebe ansteckt:

„Langsam werden wir unsere Nachbarn infizieren, einen nach dem anderen, mit dem Virus, von dem ich schon weiß, wie man ihn nennen dürfte, und wenn daraus eine Epidemie entstünde, wäre allen Menschen geholfen.“[22]

Das „Ich“ betont, dass es sich hierbei nicht um eine negativ gewertete Krankheit handelt, „aber doch nicht Krankheit, ich meine doch keine Krankheit“17, sondern um eine positive Infektion, die das Leiden der Welt verringern soll und die Menschen glücklich macht.

[...]


[1] Vgl. hierzu: Ilse Neumann: Ingeborg Bachmanns Roman „Malina“ – Kognition durch den Leser- Spontane Textablehnung und kognitive Lesedistanz. Hamburg 1985, S.11-14.

[2] Interview mit Toni Kienlechner: Ich schreibe keine Programmmusik. In: Die Zeit Nr.15 (09.04.1971), S.4

[3] Ingeborg Bachmann: Wir müssen wahre Sätze finden. Gespräche und Interviews. München 1983 (3. Auflage 1991), S. 144.

[4] Ingeborg Bachmann: Malina. Roman, München 2008 (Süddeutsche-Zeitung-Bibliothek Bd. 97; folgt der Originalausgabe Frankfurt a. M. 1971), S. 7.

[5] Ebd., S. 14.

[6] Ebd., S. 8.

[7] Ebd., S. 13.

[8] Ebd., S. 17.

[9] Ebd., S. 48.

[10] Wie Anfangs schon erwähnt, ist er der Einzige mit genauen Angaben zu Geburtsort und –jahr.

[11] Ebd., S. 9.

[12] Ebd., S. 114.

[13] Vgl. Robert Steiger: Malina. Versuch einer Interpretation des Romans von Ingeborg Bachmann. Heidelberg 1978, S. 99f.

[14] Ingeborg Bachmann: Malina, S. 51.

[15] Ebd., S. 46.

[16] Ebd., S. 36.

[17] Ebd., S. 27.

[18] Ebd., S. 73.

[19] Vgl.: Gabriele Bail: Weibliche Identität. Ingeborg Bachmanns ‚Malina‘, Göttingen 1984, S. 55 f.

[20] Ingeborg Bachmann: Malina, S. 52.

[21] Ebd., S. 30.

[22] Ebd., S. 29.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Identitätsbestimmungen in Ingeborg Bachmanns Roman „Malina“
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V195814
ISBN (eBook)
9783656217060
ISBN (Buch)
9783656216865
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
identitätsbestimmungen, ingeborg, bachmanns, roman, malina
Arbeit zitieren
Nadja Krakowski (Autor), 2010, Identitätsbestimmungen in Ingeborg Bachmanns Roman „Malina“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195814

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