Ingeborg Bachmann wurde am 25. Juni 1926 in Klagenfurt geboren und gilt als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerinnen und Prosaschriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts. Ihr Roman „Malina“ entstand im Rahmen ihrer unvollendeten Trilogie „Todesarten“ und wurde 1971 veröffentlicht. Schon in der Einleitung zu „Malina“ fällt, mit Blick auf die Biographie Bachmanns auf, dass die Protagonistin, eine Ich-Erzählerin und die Autorin den gleichen Geburtsort haben und wie sich im Laufe des Romans herausstellt, auch den gleichen Beruf: Schriftstellerin. Die Literatur in den 70er Jahren der Bundesrepublik Deutschland war geprägt von Neuer Innerlichkeit / Neuer Subjektivität, Ich Erzählungen und Autobiographien, deshalb wird „Malina“ häufig als geistige imaginäre Autobiographie Bachmanns eingestuft.
In dieser Hausarbeit wird das Augenmerk besonders auf das Liebesverständnis der Erzählerin und auf die von Männern auf sie ausgeübte psychische und physische Gewalt gerichtet. Ebenso werden die Probleme ihrer Persönlichkeitsfindung beleuchtet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Beziehungen
2.1. Identitätsproblematik zu Beginn des Romans
2.2. Liebe zu Ivan: Heilung
2.3. Liebe zu Ivan: Krankheit
2.4. Hoffnungslosigkeit
3. Identitätsbestimmung der Ich-Erzählerin durch Männer
3.1. Ivan
3.2. Der Vater
3.3. Malina
4. Der „Mord“ an der Erzählerin
4.1. Die Mörder
4.2. Das Abrücken
4.3. Das Ende
4.4. Die mordende Gesellschaft
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die komplexe Identitätsfindung der Ich-Erzählerin in Ingeborg Bachmanns Roman „Malina“ unter besonderer Berücksichtigung ihrer zwischenmenschlichen Beziehungen zu den männlichen Hauptfiguren Ivan, dem Vater und Malina, um die damit einhergehenden psychischen Abhängigkeiten sowie das Scheitern ihrer Selbstverwirklichung zu analysieren.
- Die Darstellung von Liebe, Abhängigkeit und Krankheit in den Beziehungen der Protagonistin.
- Die identitätsstiftende bzw. identitätsvernichtende Funktion der männlichen Bezugspersonen.
- Die Verknüpfung von privatem Schmerz mit gesellschaftlichen Machtstrukturen und dem Patriarchat.
- Die symbolische Auseinandersetzung mit Gewalt und dem „Mord“ an der weiblichen Identität.
Auszug aus dem Buch
3.2 Der Vater
Eine weitere Person, die es auf die intellektuelle Autonomie der Erzählerin abgesehen hat, ist ihr Vater, der im zweiten Kapitel „Der dritte Mann“ auftaucht. Durch die Vernachlässigung ihrer künstlerischen Produktion und den Rückzug von Ivan befindet sich die Erzählerin anscheinend in einem desolaten psychischen Zustand, der sich in Albträumen von ihrem Vater ausdrückt. Die kafkaeske Vaterfigur, die sie in ihren Träumen heimsucht, verbrennt ihre Bücher, vergast sie in einer dunklen Halle, reißt ihr die Gedärme aus dem Leib, hetzt sie an den elektrisch geladenen Stacheldraht eines Lagers. Sie wird blamiert, geschlagen, in den Tod gehetzt und ermordet. Der Vater vergewaltigt die Tochter, demütigt seine Frau mit einer anderen und prügelt die ganze Familie. Das „Männliche“ bewahrt sich vor dem „Weiblichen“, indem es ihm einen Ort in der kulturellen Ordnung verweigert und unzählige psychische wie physische Todesarten für das „Andere der Vernunft“, das Abgespaltene oder Verdrängte bereithält.
Aus den Träumen lässt sich erschließen, dass gewisse Probleme im gegenwärtigen Leben der Ich-Figur (wie ihre Unterwürfigkeit und Abhängigkeit oder ihre Unsicherheit und ihre Ängste) auf das Verhältnis mit ihrem Vater zurückzuführen sind, der sie in den Träumen sowohl sexuell bezwingen, wie auch ihre geistige Entwicklung verhindern will. Es wird nicht aufgelöst, ob die Träume eine direkte Aufarbeitung des „Ichs“ mit ihrem Vater sind, aber es ist zu vermuten.
Der Vater, in seiner Machtposition, unterdrückt seine Tochter und beutet sie aus, sie wird in eine ihr unbekannte Rolle und ein schlecht sitzendes Kostüm gezwängt: „der Intendant selber, zwängt mich in ein Kostüm […] es ist keine Rolle für mich, es ist nur, um das Publikum scharenweise zu locken!“. Er duldet nicht, dass sich seine Tochter selber Wissen aneignet und ordnet an ihre Büchergestelle abzureißen. Nach getaner Arbeit rufen die Männer auf der Straße „Buchheil“, was auf die Bücherverbrennung des Nationalsozialismus anspielt und somit die Zensurenmaßnahme des Vaters in einen geschichtlichen Kontext stellt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung des Romans als imaginäre Autobiografie und Einführung in die Thematik der Identitätsfindung und Beziehungsgeflechte der Protagonistin.
2. Beziehungen: Untersuchung der abhängigen Beziehungen zu Ivan sowie der daraus resultierenden Krankheitssymptome und Hoffnungslosigkeit.
3. Identitätsbestimmung der Ich-Erzählerin durch Männer: Analyse der prägenden Einflüsse von Ivan, dem Vater und Malina auf die Autonomie der Erzählerin.
4. Der „Mord“ an der Erzählerin: Erörterung der Auflösung der weiblichen Figur durch die patriarchale Gesellschaft und das Scheitern ihrer Existenz.
5. Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Unausweichlichkeit des Konflikts zwischen Vernunft und Gefühl sowie die Bedeutung der Reflexion.
Schlüsselwörter
Ingeborg Bachmann, Malina, Identität, Patriarchat, Liebesbeziehung, Abhängigkeit, psychische Gewalt, Todesarten, Weiblichkeit, Geschlechterrollen, Selbstverwirklichung, Kommunikation, Isolation, Unterdrückung, Literaturwissenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Identitätskrise der Ich-Erzählerin in Ingeborg Bachmanns Roman „Malina“ und untersucht, wie ihr Selbstbild durch die Männer in ihrem Umfeld geformt und letztlich vernichtet wird.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind weibliche Identität, die zerstörerische Dynamik patriarchaler Beziehungen, die Verknüpfung von Krankheit und Liebe sowie die symbolische Darstellung gesellschaftlicher Gewalt.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die vielschichtigen Identitätsbestimmungen der Erzählerin durch die Männer zu beleuchten und aufzuzeigen, wie diese zur schließlichen „Auslöschung“ bzw. zum Mord an der Erzählerin führen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse des Romans unter Einbeziehung von biographischen Hintergründen, geschlechtertheoretischen Ansätzen und dem Bezug zu historischen Kontexten wie dem Nationalsozialismus.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die Interaktionen der Ich-Erzählerin mit Ivan, ihrem Vater und Malina, diskutiert das Phänomen der Abhängigkeit und beleuchtet das Ende des Romans als gesellschaftlich bedingten „Mord“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Identität, Patriarchat, Abhängigkeit, Liebe, Malina, Gewalt und Kommunikationslosigkeit.
Warum wird die Vaterfigur als "kafkaesk" bezeichnet?
Die Bezeichnung verweist auf die albtraumhaften, unterdrückerischen Züge der Figur, die der Erzählerin ihre geistige Autonomie entziehen und sie in eine Opferrolle zwingen, ähnlich den Vater-Sohn-Konflikten in Kafkas Werk.
Inwiefern spielt der Nationalsozialismus eine Rolle im Text?
Der Text interpretiert die Gewalt des Vaters als symbolische Anspielung auf die Gräuel des dritten Reiches und verdeutlicht damit die Verbindung zwischen männlicher Herrschaft in der Familie und faschistischen Machtstrukturen.
Was bedeutet das "Verschwinden in der Wand" am Ende?
Es symbolisiert das endgültige Scheitern der weiblichen Identität, die nicht mehr in der Lage ist, ihre Stimme gegen die männlich dominierte Ordnung zu behaupten, was zum verstummten Ende der Erzählerin führt.
- Arbeit zitieren
- Nadja Krakowski (Autor:in), 2010, Identitätsbestimmungen in Ingeborg Bachmanns Roman „Malina“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195814