Der Anblick der Lesbia – Motivtradition und lyrische Transformation bei Hofmannswaldau


Seminararbeit, 2010

24 Seiten, Note: gut bis sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Textnahe Leküre
2.1. Beobachtungssituation in I:
2.2. Beschreibung der Lesbia in I:
2.3. Beobachtungssituation in II:
2.4. Beschreibung der Lesbia in II:

3. Motivischer und stofflicher Hintergrund
3.1. Petrarkismus - Vernichtender Liebesblick
3.2. Lesbia bei Catull - Liebeskrankheit
3.3. Bukolik - Lust als unschuldiges Naturkonzept
3.4. Statuenbelebung - entarteter Liebesblick

4. Lyrische Transformation und Poetologie bei Hofmannswaldau

5. Schlusswort

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Christian Hofmann von Hofmannswaldau (1616-1679) gilt als einer der bedeutendsten Verfasser erotischer Gedichte in der deutschsprachigen Literatur des 17. Jahrhunderts. Die neckisch pointierten und bisweilen ins Derbe abdriftenden Gedichte lassen den Leser an mancher Stelle aufhorchen, doch ein „tieferer Sinn" scheint oftmals von der äusserst künstlichen Sprache verschüttet zu sein. Manch ein Literaturwissenschaftler hat seit der Entstehung dieser Texte darum die Frage gestellt, ob es sich lediglich um „unverbindliche Scherzgebilde zur Unterhaltung einer elitären Gesellschaft handelt."[1]

In der vorliegenden Arbeit werden die zwei erotischen Gedichte Als er die Lesbia sich entkleiden sehen und Er schauet der Lesbie durch ein Loch zu genauer untersucht. Dabei soll besonderes Augenmerk auf die Behandlung des Visuellen in den Gedichten gelegt werden. Der Komplex des Visuellen besteht aus dem Beobachter, dem beobachteten Objekt und der Beobachtungssituation. In einem ersten Teil werden die Gedichte einer textnahen Lektüre unterzogen. Dabei werden die Charakteristika der Beobachtungssituation und die Beschreibung des beobachteten Objekts grob skizziert. Daran anschliessend werden die dabei aufgedeckten motivischen und stofflichen Traditionen untersucht. Dabei steht nicht der direkte Vergleich mit den Prätexten im Vordergrund, sondern die Klärung der in den beiden Gedichten vorkommenden Verweise in ihrem ursprünglichen Kontext. Im weiteren Verlauf der Arbeit werden die Verarbeitung und die Transformation dieser verschiedenen Motivstränge durch Hofmannswaldau diskutiert. Dabei soll gezeigt werden, dass durch die Transformation und die poetologische Behandlung des Sehens der Einwand der Banalität gegen Hofmannswaldaus Gedichte entkräftet werden kann.

2. Textnahe Leküre

In diesem Kapitel werden die beiden Gedichte Hofmannswaldaus einer ersten textnahen Lektüre unterzogen. Dabei werden die Beobachtungssituationen und die Beschreibungen des Beobachtungsgegenstands, der Lesbia, in den beiden Gedichten untersucht. Dies dient dem Ziel, anschliessend verschiedene Motivstränge verfolgen zu können und diese für die Gedichtinterpretation fruchtbar zu machen.

Als er die Lesbia sich entkleiden sehen. Sonnet. Die saubre Lesbia sass mit geschrenckten füssen, Ihr netter finger war um schuh und strümpff bemüht. Hier konnt' ich, was sie doch sonst jedem aug entzieht, Durch einen kühnen blick in stiller lust geni essen. Die seide hatte kaum dem marmel weichen müssen, 5 Als sich der leichte rock von ihrem leibe schied; Doch als die sichre hand die weisse brust verrieth, So ward ich unvermerckt in ohnmacht hingerissen: Die augen suncken hin, die beine wurden matt. Die nackte Lesbia stieg sicher in das bad, 10 Eh ich mein auge konnt' aus der verwirrung führen. Und also ward sie mir kein ganz entdecktes land. Doch hat die blosse brust mir so viel krafft entwandt; Was würde Silvius nicht in der schos verliehren.[2]

Sonnet. Er schauet der Lesbie durch ein Loch zu. Es dachte Lesbie, sie säße ganz allein, Indem sie wohl verwahrt die fenster und die türen; Doch ließ sich Sylvius den geilen fürwitz führen Und schaute durch ein loch in ihr gemach hinein. Auf ihrem linken knie lag ihr das rechte bein, 5 Die hand war höchst bemüht, den schuh ihr zuzuschnüren, Er schaute, wie das moos zinnoberweiß zu zieren, Und wo Cupido will mit lust gewieget sein. Es rufte Sylvius: Wie zierlich sind die waden Mit warmem schnee bedeckt, mit elfenbein beladen! 10 Er sahe selbst den ort! wo seine hoffnung stund. Es lachte Sylvius. Sie sprach: du bist verloren Zum schmerzen bist du dir und mir zur pein erkoren: Denn deine hoffnung hat ja gar zu schlechten grund.[3]

2.1. Beobachtungssituation in I:

Das lyrische Ich beobachtet im Sonnett I die Lesbia, wie sie sich entkleidet, um ein Bad zu nehmen. Der Beobachter befindet sich an einem sicheren Ort, wo er zwar einen „kühnen blick" (Z. 4) auf die Lesbia werfen kann, selbst aber unentdeckt bleibt. Dadurch ist er in der Lage, heimlich etwas zu sehen, was die Lesbia „sonst jedem aug entzieht" (Z. 3). Die Lesbia ist erst darum „bemüht" ihre „schuh und strümpfF auszuziehen (Z. 2) und merkt in ihrer Konzentration nicht, dass sie beobachtet wird. Das Ich geniesst den schönen Anblick der sich entkleidenden Dame in „stiller lust" (Z. 4). Doch was das Ich in seinem Voyeurismus zu sehen bekommt, ist so überwältigend, dass es gleich ohnmächtig wird (vgl. Z. 8). Seine Augen „s[i]nken hin" und die Beine werden ihm „matt" (Z. 9) als die Lesbia ihre Brust enthüllt (vgl. Z. 7). So kommt es, dass das Ich erst wieder zu sich kommt, als die Lesbia bereits ins Bad gestiegen ist und nicht mehr in voller Nacktheit erblickt werden kann (vgl. Z. 12). Der Anblick der blossen Brust hat ihm zu viel Kraft geraubt, um sich den ganzen Körper ansehen zu können.

2.2. Beschreibung der Lesbia in I:

Die Dame wird vom Ich eingangs als „saubre Lesbia" (Z. 1) beschrieben. Auch die folgenden Adjektive charakterisieren die Frau als rein, schön und edel. Es ist ein seidenes und somit wertvolles Kleid, das sie zum Baden auszieht (vgl. Z. 5). Der Rock ist „leicht" (Z. 6), was das Bild einer anmutigen zarten Frauengestalt untersstreicht. Der Rock gleitet von ihrem Körper, dessen Form und Farbe an Marmor erinnert (vgl. Z. 5). Ihre Brüste, die das Ich in Ohnmacht versetzen, werden ebenfalls als weiss beschrieben (vgl. Z. 7).

Der reine und unschuldige Eindruck der Frau kommt auch durch den Umstand zum Ausdruck, dass sie „sonst jedem aug entzieht" (Z. 3), was das Ich in dieser Szene zu Gesicht bekommt. Nichts ahnend ermöglicht ihr „netter finger" (Z. 2) dem Voyeur einen Blick auf ihren entblössten Körper, den sie in ihrer Scham ansonsten niemandem zeigt.

2.3. Beobachtungssituation in II:

Während im ersten Gedicht offen bleibt, ob sich die Badeszene innerhalb oder ausserhalb eines Gebäudes befindet, wird im zweiten Sonnett der Ort der Szenerie angegeben. Es handelt sich um das „gemach" (Z. 4) der Lesbia. Um nicht beobachtet zu werden, hat sie die Fenster und die Türen sicher verschlossen (vgl. Z. 2) und fühlt sich deshalb auch hier unbeobachtet (vgl. Z. 1). Der Voyeur jedoch, ein gewisser Sylvius, lässt sich nicht durch die Sicherheitsvorkehrungen der Lesbia abhalten. Sein „geile [r] fürwitz" (Z. 3) bringt ihn auf die Idee, „durch ein loch" (Z. 4) in das Zimmer der Lesbia hinein zu schauen. Sein Plan funktioniert und er blickt auf die vollständig entblösste Lesbia (vgl. Z. 8). Im Gegensatz zum ersten Sonnett geniesst der Betrachter den Anblick aber nicht im Stillen. Er ruft aus, wie „zierlich [die] Waden" seien (Z. 9) und lacht sogar (Z. 12). Dadurch verrät er sein Versteck und die Lesbia spricht ihn an (Z. 12fE)

2.4. Beschreibung der Lesbia in II:

Es ist auch hier das Bild einer unschuldigen Frau, das durch den Umstand gezeichnet wird, dass sie sich unbeobachtet fühlt und sich nur darum entblösst. Mit verschränkten Beinen versucht sie, nichts ahnend, ihren Schuh zu schnüren (Z. 6). So ist es ihr peinlich, als sie merkt, dass sie beobachtet wird (Z. 13). Auch im zweiten Sonnett dominiert die Farbe weiss den Anblick der Lesbia. Als „zinnoberweiss" wird ihre Haut beschrieben (Z. 7). Wie mit „warmem schnee bebdeckt" und mit „elfenbein beladen" wirken ihre Waden auf Sylvius (Z. 9£). Die Erscheinung des Frauenkörpers, als eine aus Marmor gehauene Statue, wird im zweiten Gedicht durch die Schamhaare angedeutet, die wie „moos" den Schoss der Lesbia „zieren" (Z. 7.).

Nach dieser ersten Lektüre der beiden Sonette lässt sich vorerst grob zusammenfassen, dass sich die Beobachtungssituation in beiden Gedichten als eine voyeuristische Szene präsentiert. Die Lesbia glaubt sich ungesehen und wird durch einen lustgetriebenen „Spanner" beobachtet. Im folgenden Teil soll auf den literararischen Hintergrund der Gedichte eingegangen werden.

[...]


[1] Vgl. Fröhlich (2005), S. 153.

[2] De Capua 1961, Bd. 38, S. 19. (Transkription der originalen Frakturschrift durch M.H.)

[3] Ebd. Bd. 1, S. 45.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Der Anblick der Lesbia – Motivtradition und lyrische Transformation bei Hofmannswaldau
Hochschule
Universität Zürich
Note
gut bis sehr gut
Autor
Jahr
2010
Seiten
24
Katalognummer
V195863
ISBN (eBook)
9783656220404
ISBN (Buch)
9783656220732
Dateigröße
524 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Christian Hofmann von Hofmannswaldau, Hofmann von Hofmannswaldau, Hofmannswaldau, Barock, Dichtung, Barockdichtung, Lyrik, Barocklyrik, Lesbia, Sonnett, Catull, erotisch, erotische Dichtung, Buccolica, Ekloge, Bucolica, Hirtengedicht, Hirtenlyrik, Poetik, Poetologie
Arbeit zitieren
Mathias Haller (Autor), 2010, Der Anblick der Lesbia – Motivtradition und lyrische Transformation bei Hofmannswaldau, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195863

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