Christian Hofmann von Hofmannswaldau (1616-1679) gilt als einer der bedeutendsten Verfasser erotischer Gedichte in der deutschsprachigen Literatur des 17. Jahrhunderts. Die neckisch pointierten und bisweilen ins Derbe abdriftenden Gedichte lassen den Leser an mancher Stelle aufhorchen, doch ein „tieferer Sinn“ scheint oftmals von der äusserst künstlichen Sprache verschüttet zu sein. Manch ein Literaturwissenschaftler hat seit der Entstehung dieser Texte darum die Frage gestellt, ob es sich lediglich um „unverbindliche Scherzgebilde zur Unterhaltung einer elitären Gesellschaft handelt.“
In der vorliegenden Arbeit werden die zwei erotischen Gedichte Als er die Lesbia sich entkleiden sehen und Er schauet der Lesbie durch ein Loch zu genauer untersucht. Dabei soll besonderes Augenmerk auf die Behandlung des Visuellen in den Gedichten gelegt werden. Der Komplex des Visuellen besteht aus dem Beobachter, dem beobachteten Objekt und der Beobachtungssituation. In einem ersten Teil werden die Gedichte einer textnahen Lektüre unterzogen. Dabei werden die Charakteristika der Beobachtungssituation und die Beschreibung des beobachteten Objekts grob skizziert. Daran anschliessend werden die dabei aufgedeckten motivischen und stofflichen Traditionen untersucht. Dabei steht nicht der direkte Vergleich mit den Prätexten im Vordergrund, sondern die Klärung der in den beiden Gedichten vorkommenden Verweise in ihrem ursprünglichen Kontext. Im weiteren Verlauf der Arbeit werden die Verarbeitung und die Transformation dieser verschiedenen Motivstränge durch Hofmannswaldau diskutiert. Dabei soll gezeigt werden, dass durch die Transformation und die poetologische Behandlung des Sehens der Einwand der Banalität gegen Hofmannswaldaus Gedichte entkräftet werden kann.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Textnahe Leküre
- Beobachtungssituation in I:
- Beschreibung der Lesbia in I:
- Beobachtungssituation in II:
- Beschreibung der Lesbia in II:
- Motivischer und stofflicher Hintergrund
- Petrarkismus - Vernichtender Liebesblick..
- Lesbia bei Catull - Liebeskrankheit........
- Bukolik - Lust als unschuldiges Naturkonzept.
- Statuenbelebung - entarteter Liebesblick...
- Lyrische Transformation und Poetologie bei Hofmannswaldau
- Schlusswort
- Literaturverzeichnis
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Diese Arbeit analysiert die zwei erotischen Gedichte „Als er die Lesbia sich entkleiden sehen“ und „Er schauet der Lesbie durch ein Loch zu“ von Christian Hofmann von Hofmannswaldau (1616-1679). Der Fokus liegt auf der Behandlung des Visuellen in den Gedichten, insbesondere auf der Beziehung zwischen Beobachter, beobachtetem Objekt und Beobachtungssituation. Ziel der Arbeit ist es, die motivischen und stofflichen Traditionen aufzudecken, die in den Gedichten verwiesen werden, und zu zeigen, wie Hofmannswaldau diese Traditionen verarbeitet und in seinen eigenen poetologischen Kontext einbettet.
- Die Rolle des Visuellen in der Lyrik Hofmannswaldaus
- Die motivischen und stofflichen Traditionen, die in den Gedichten verwiesen werden
- Die Transformation und poetologische Behandlung des Sehens bei Hofmannswaldau
- Die Frage nach der Banalität von Hofmannswaldaus erotischen Gedichten
Zusammenfassung der Kapitel
Kapitel 2 führt die beiden Gedichte Hofmannswaldaus in eine textnahe Lektüre ein. Die Beobachtungssituationen und die Beschreibungen der Lesbia werden analysiert, um verschiedene Motivstränge für die spätere Gedichtinterpretation aufzudecken.
Kapitel 3 untersucht die motivischen und stofflichen Hintergründe der Gedichte. Die Analyse konzentriert sich auf den Petrarkismus, die Lesbia bei Catull, die Bukolik und die Statuenbelebung. Dabei geht es nicht um einen direkten Vergleich mit den Prätexten, sondern um die Klärung der in den Gedichten vorkommenden Verweise in ihrem ursprünglichen Kontext.
Kapitel 4 diskutiert die Verarbeitung und Transformation der verschiedenen Motivstränge durch Hofmannswaldau. Die Analyse zeigt, wie die poetologische Behandlung des Sehens die Einwände gegen die Banalität der Gedichte widerlegt.
Schlüsselwörter
Die Arbeit befasst sich mit den Themen Erotische Lyrik, Visuelle Darstellung, Beobachter, Beobachtungssituation, Motivanalyse, Transformation, Poetologie, Hofmannswaldau, Petrarkismus, Catull, Bukolik, Statuenbelebung.
Häufig gestellte Fragen
Wer war Christian Hofmann von Hofmannswaldau?
Er war ein bedeutender deutscher Dichter des 17. Jahrhunderts (Barock), der vor allem für seine erotische Lyrik und seine künstliche, pointierte Sprache bekannt ist.
Welche Rolle spielt das Visuelle in Hofmannswaldaus Gedichten?
Das Visuelle ist zentral und besteht aus der Trias: Beobachter, beobachtetes Objekt (meist die entkleidete Lesbia) und der spezifischen Beobachtungssituation (z. B. durch ein Loch zuschauen).
Was bedeutet der Begriff "Petrarkismus" in diesem Kontext?
Der Petrarkismus bezieht sich auf eine literarische Tradition, die oft den "vernichtenden Liebesblick" thematisiert. Hofmannswaldau greift diese Tradition auf und transformiert sie in seinen erotischen Versen.
Sind die Gedichte von Hofmannswaldau lediglich banal?
Die Arbeit argumentiert gegen den Vorwurf der Banalität. Durch die komplexe poetologische Behandlung des Sehens und die Transformation klassischer Motive (wie Catull oder Bukolik) besitzen die Texte eine tiefere literarische Ebene.
Was ist mit "Statuenbelebung" gemeint?
Dies ist ein Motivstrang, der in der Arbeit untersucht wird und einen "entarteten Liebesblick" beschreibt, bei dem das beobachtete Objekt fast wie ein Kunstwerk oder eine Statue wahrgenommen wird.
- Citar trabajo
- Mathias Haller (Autor), 2010, Der Anblick der Lesbia – Motivtradition und lyrische Transformation bei Hofmannswaldau, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195863