Thomas Mann "Der Zauberberg"

Die Frage nach dem Bildungsroman im Vergleich zu Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012
10 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Bildungsroman
2.1 Herkunft und Definition
2.2 Abgrenzung vom Entwicklungs- und Erziehungsroman

3. Der Zauberberg: Ein Bildungsroman?

4. Der Prototyp: Wilhem Meisters Lehrjahre

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis
6.1 Primärliteratur
6.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

Die Gattungsbestimmung von Thomas Manns Zauberberg scheint in der Literaturwissenschaft ein großes Problem zu sein. Mit dieser Thematik haben sich schon viele Literaturwissenschaftler auseinander gesetzt, dennoch ist man bis zum heutigen Tage nicht zu einem verbindlichen Ergebnis gekommen. Von der Erneuerung des Bildungsromans, bis hin zur Parodie dieser Kategorie sind unzählige Deutungen vorgenommen worden. Ebenso sprechen sich viele Literaturwissenschaftler dafür aus, dass Manns Zauberberg genauso ein Gesellschafts-, Zeit-, oder gar ein Entwicklungsroman sei. Im Werk von Thomas Mann ist, bei genauerer Betrachtung, von jeder dieser Kategorien etwas zu finden. Thomas Mann selbst bezeichnete, noch während der Arbeit an seinem Werk, den Zauberberg als Bildungsroman1. Dennoch ist der Gattungsbegriff diesbezüglich unter den Forschern vielfach widersprochen worden.

In dieser Arbeit soll zunächst der Gattungsbegriff Bildungsroman näher gebracht werden, um dann in einem weiteren Kapitel die Motive des Bildungsromans im Zauberberg ermitteln zu können. In einem nächsten Kapitel soll dann Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre, der Prototyp des Bildungsromans, herangezogen werden. Interessant dabei ist auch, dass Thomas Mann selbst in seinen Tagebüchern erwähnt hat, dass er in dem Protagonisten Hans Castorp „Züge von Wilhelm Meister“2 entdeckt habe. Am Ende dieser Arbeit soll dann in einem Fazit die Frage geklärt werden, ob der Zauberberg als Bildungsroman bezeichnet werden kann.

2. Der Bildungsroman

2.1 Herkunft und Definition

Der Bildungsroman gehört zu der wohl bekanntesten Gattung in der deutschen Literaturgeschichte. Der heute allgemein verwendete Begriff Bildungsroman geht zurück auf den Ästhetiker und Literaturhistoriker Karl Morgenstern. Er hatte den Terminus im Jahre 1803 erstmals gebraucht, ihn aber nicht genauer definiert. In einer Serie von Aufsätzen deutete er daraufhin, dass dieser Romantypus „des Helden Bildung in ihrem Anfang und Fortgang bis zu einer gewissen Stufe der Vollendung darstellt“3 und deshalb die Bildung des Lesers wie kein anderer Roman fördern könne.4 Der kürzlich verstorbene Germanist Jürgen Jacobs definierte den Bildungsroman als eine „Großform erzählender Prosa [die] bestimmt [ist] durch die Entwicklungsgeschichte eines jungen Protagonisten“5. Es handelt sich dabei um eine erzählerische Darstellung des Weges einer zentralen Figur durch Irrtümer und Krisen zur Selbstfindung und tätigen Integration in die Gesellschaft. [...] Durch die Orientierung auf diesen Zielpunkt bekommt der epische Vorgang eine teleologische Struktur, in der die einzelnen Phasen der Entwicklung funktionalen Wert für den Gesamtprozeß zu haben.6

Demzufolge gibt es im Bildungsroman einen Protagonisten, der durch verschiede- ne Krisen und Einsichten ein Ziel, die eigene Identitätsfindung, anstrebt und ver- sucht, sich in eine bestehende Gesellschaft einzugliedern. Die o.g. teleologische Struktur ist insofern zu verstehen, dass jede einzelne Entwicklungsphase unver- zichtbar ist, da diese aufeinander aufbauen und Entwicklungsstadien beschreiben.

2.2 Abgrenzung vom Entwicklungs- und Erziehungsroman

Betrachtet man noch einmal genau die Definition des Romans, so fällt auf, dass ein Roman verschiedene Formen innehaben kann. Demnach können in einem Roman bspw. Elemente eines Ritter- oder Kriminalromans sowie Liebes- oder Bildungsthemen vorhanden sein7, welche auch im Bildungsroman zu finden sind.

In der Forschung ist man der Meinung, dass es nicht möglich sei, die beiden affinsten Typen des Bildungsromans (Entwicklungs- und Erziehungsroman) eindeutig zu differenzieren oder gar synonym zu gebrauchen.8 Der Entwicklungsroman wird in der Sekundärliteratur oft „als Oberbegriff für jene Romane eingesetzt, in denen die Lebensgeschichte eines Protagonisten erzählt wird.“9 Bei dieser Romangattung handelt es sich meist um Biografie-Erzählungen in der dritten Person oder Autobiografien in der Ich-Form, so dass der Entwicklungsgang des Protagonisten zentral ist.

Der Erziehungsroman hingegen behandelt die Entwicklung des Protagonisten „auf ein Ziel hin, das durch pädagogische Instanzen vorgegeben ist.“10 In ihm wird der Protagonist durch eine Lehrperson geformt, was einst schon bei Aristoteles vorgekommen ist. Der Pädagoge und Philosoph Jean-Jaques Rousseau ist bspw. in seinem Erziehungsroman Emil oder ü ber die Erziehung der Ansicht, dass der Zögling „vor den negativen Einflüssen einer verderbten Gesellschaft geschützt und vor deren Irrtümern bewahrt werden müsse“11, wodurch er ein Erziehungskonzept entwickelte, welches wichtige Aspekte für den Bildungsroman kennzeichnet.

Rousseau entwickelt[e] ein Erziehungsmodell, wonach der Zögling durch experimentierende Erprobung und nur unvermerkte Lenkung von Erziehern eine stufenförmige Entwicklung nehmen und das erwünschte Erziehungsziel umfassender Selbstentfaltung erreichen soll.12

Zusammenfassend lässt sich herausstellen, dass der Bildungsroman einiges mit den beiden Gattungen gemeinsam hat. Demnach steht im Bildungsroman, genauso wie im Erziehungsroman, der Protagonist im Zentrum und entfaltet sich stufenweise. Zudem lässt sich, wie im Entwicklungsroman, die Darstellung eines Reifeprozesses, wiederfinden. Trotzdem unterscheiden sich die beiden genannten Romantypen entscheidend vom Bildungsroman, denn „das eigene Gewordensein und damit gerade Erziehung und Entwicklung kritisch zu hinterfragen, [wird] als grundlegendes Bildungsvermögen zum Thema.“13

[...]


1 Vgl. Thomas Mann: Gesammelte Werke . Bd. 11, Frankfurt a.M. 1974, S.616.

2 Friedhelm Marx: Ich aber sage Ihnen… Christusfigurationen im Werk Thomas Manns. Frankfurt a.M. 2002, S. 103.

3 Vgl. Georg Stanitzek: Bildungsroman. In: Literaturlexikon Killy. Bd.13. München 1992 , S. 117.

4 Ebd.

5 Jürgen Jacobs: Wilhelm Meister und seine Brüder. Untersuchungen zum deutschen Bildungsroman. München 1972, S. 10.

6 Ebd.

7 Vgl. Metzler Literatur Lexikon. Begriffe und Definitionen. Stuttgart 1990, S. 658.

8 Ortrud Gutjahr: Einführung in den Bildungsroman. Darmstadt 2007, S. 12.

9 Ebd.

10 Gutjahr: Einführung in den Bildungsroman. S.13.

11 Ebd.

12 Ebd.

13 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Thomas Mann "Der Zauberberg"
Untertitel
Die Frage nach dem Bildungsroman im Vergleich zu Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
10
Katalognummer
V195884
ISBN (eBook)
9783656220091
ISBN (Buch)
9783656220541
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
thomas, mann, zauberberg, frage, bildungsroman, vergleich, goethes, wilhelm, meisters, lehrjahre
Arbeit zitieren
Dominik Schwanengel (Autor), 2012, Thomas Mann "Der Zauberberg", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195884

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