Therapy Management - Probleme der medizinischen Pflege unter Berücksichtigung einer afrikanischen Form des Gesundheitsmanagements


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
11 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Therapy Management
2.1 Personengruppe
2.2 Aufgabenbereiche

3 Probleme der Auseinandersetzung
3.1 Schwierigkeiten auf Seiten der therapy manager
3.2 Schwierigkeiten bei direkter Auseinandersetzung

4 Schlussbetrachtung

5 Literatur- und Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Eine streng jüdisch-orthodoxe, junge Frau wird auf Grund von Blutungen in das Seattle Grace Hospital eingeliefert. Ihre Religionsangehörigkeit teilte sie bereits zu Beginn der Untersuchung den Ärzten mit.

[nach der Hauptuntersuchung]

Dr. Preston Burke: „Ihre Tochter braucht eine neue Herzklappe…“

Dr. Alex Karev: „(…) [ihre Tochter] kann die Blutverdünner nicht nehmen, die sie für eine mechanische Herzklappe braucht.“

Dr. Preston Burke: „Wir würden eine Schweineklappe vorschlagen“

Vater der Patientin: „Vom Schwein? Nicht von ‚nem Menschen?“

Dr. Preston Burke: „Das ist die normale Behandlung für Patienten wie ihre Tochter.“

Vater der Patientin: „Schwein…?“

Mutter der Patientin: „Was sie auch tun müssen, retten sie meiner Tochter das Leben!“

[bei der Patientin im Zimmer; ihr wurden die Ergebnisse der Untersuchung mitgeteilt und die operative Behandlungsmöglichkeit mit einer Schweineklappe]

Patientin: „Ihr wisst genau was mir das alles bedeutet!“

Mutter der Patientin: „Es geht darum dein Leben zu retten, mein Schatz…“

Patientin: „Ihr respektiert mein Leben nicht und mich auch nicht! „Die sollen mir wirklich ein Schwein, ein völlig nicht koscheres unreines Säugetier in die Brust setzen, in mein Herz, in das Zentrum meines Wesens!“

Dr. Alex Karev: „Genau genommen handelt es sich nur um eine Schweineklappe…“

Patientin: „Hören Sie, das ist mir scheißegal. Bevor ich ein Schweineteil bekomme, bin ich lieber tot!“

Dr. Preston Burke: „(…) ich habe durchaus Respekt vor ihrer extremen, religiösen Überzeugung, doch es ist so, ohne diese Operation werden sie sterben.“

Patientin: „Sie sind die tollen Ärzte, da fällt ihnen doch was ein (…).“

[intensive Recherche bzgl. alternativer Behandlungsmöglichkeiten von Dr. Alex Karev; später bei der Patientin im Zimmer]

Dr. Alex Karev: „Es gibt noch eine Transplantationsoption (…) dann hatte ich eine Eingebung: man könnte ihr auch die Mitralklappe von einem Rind transplantieren.“

(DVD-Quelle: Grey’s Anatomy, 2006: 1. Staffel, Disc 2, Episode 8; Anmerkungen J.H.)

Diese Szenen verdeutlichen die kulturelle Gebundenheit von medizinischer Behandlung: ersichtlich wird, dass die Kultur wie beispielsweise in Form von Religion maßgeblich die Heilungsmethoden beeinflusst und für viele Patienten sogar Vorrang hat, so wie diese junge Frau eher den Tod akzeptieren würde als gegen die Regeln ihres Glaubens (= ihrer Kultur) zu verstoßen. Selbstverständlich muss man diese Herausforderung, (den Einbezug des sozialen Hintergrundes des Patienten) die an Ärzte gestellt wird, anerkennen, da diese in ihrer westlichen/modernen Ausbildung dazu befähigt werden an erster Stelle zu heilen und nicht kulturelle Sensibilität zu zeigen. Westlich geschulte Mediziner gehen von der Prämisse aus, dass die Vermeidung von Tod, Gesundheit und Heilung höchste Priorität beim Patienten haben, was allerdings nicht immer der Fall ist.

Diese Diskrepanz zwischen Kulturgebundenheit des Patienten und der Unkenntnis des Mediziners über diese sozialen Voraussetzungen führen zu Problemen, die der Behandlung hinderlich sind. Ein Konzept, welches den Dissens zwischen Kognition und Sozialem zwischen Experte (Arzt) und Laie (Patient) erneut zur Diskussion bringt, ist der Ansatz der therapy managing group nach Janzen. Dies ist eine Form von Gesundheitsmanagement, die vor allem in Afrika vorzufinden ist, und stellt „die soziale Einheit [dar], die das Patientenverhalten im afrikanischen Kontext bestimmt und steuert (…)“ (Janzen 1987: 68, Greifeld 2003: 41).

Im Kontext der therapy managing group stellt sich die Frage, welche Probleme sich hierbei auf Seiten der Gruppe im Umgang mit Krankheit ergeben und mit welchen soziokulturellen Schwierigkeiten auf medizinisch-professioneller Seite umgegangen werden muss. Vor allem die Konfrontation der beiden Parteien verlangt gegenseitige Rücksichtnahme wie die zu Beginn beschriebene Szene vorbildlich zeigt. In diesem Sinne gilt es sowohl den Personenkreis als auch die Aufgaben der therapy managing group zu definieren, sodass der entsprechende Prozess des therapy managements zu verstehen ist. Im Anschluss daran werden Probleme erläutert, mit denen die therapy managing group konfrontiert ist, und solche, die durch die Begegnung von westlichem Arzt und Laien entstehen. Insbesondere bei einer langwierigen Krankheit wie HIV/Aids behindern diese Probleme die Pflege erheblich, weshalb es wichtig ist die Schwierigkeiten zu erkennen, um in der Praxis konstruktiv an deren Lösung arbeiten zu können. Zum Schluss wird noch einmal ein Überblick über die Problematik gegeben, um Chancen und Handlungsoptionen aufzuweisen.

Eine Beurteilung über den Nutzen der therapy managing group und ob das westliche Konzept mit einem isolierten ‚Single-Patienten‘ oder das afrikanische ‚Gruppen-Prinzip‘ sinnvoller erscheint soll hier nicht vorgenommen werden, da dies nicht Anspruch der Debatte ist: es gilt das therapy management zu erkennen, um entsprechend im Gesundheitswesen darauf eingehen zu können. Zudem beschränkt sich die Betrachtung auf ärztliche Mediziner als Experten; Heiler als Experten werden bei dieser Darstellung ausgeklammert, da diese meist den gleichen sozialen Kontext wie der Patient besitzen und somit die bedeutenden Probleme nicht auftreten.

Bei der Diskussion wird sich hauptsächlich auf Janzen (1978) bezogen, da er das Konzept erkannte und als solches betitelte. Andere wissenschaftliche Rezeptionen beziehen sich mehrheitlich auch auf Janzen, sodass keine neuen Erkenntnisse und neueren Untersuchungen zu speziell diesem Verhaltensmuster herangezogen werden können. Die Überlegungen bezüglich der eigentlichen Fragestellungen beruhen auf eigenen Interpretationsansätzen und erheben somit keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

2 Therapy Management

Therapy Management ist der Prozess, den die therapy managing group ausführt, ein sogenannter „ process of guardianship “ (Janzen 1987: 68) zum Schutz des Patienten. Dieses Zusammenfinden einer Gruppe mit dem Ziel der Unterstützung einer hilfebedürftigen Person findet nicht nur bei HIV/Aids statt, sondern vielmehr bei allen Krankheiten und auch Problemen, mit denen der Einzelne überfordert ist (Janzen 1978: 4).

2.1 Personengruppe

Die therapy managing group besteht meist aus einer Gruppe von Verwandten, Bekannten, Freunden oder Nachbarn (Leslie 1987: xi, Janzen 1978: 4, Greifeld 2003: 42), die sich informell und spontan bildet und somit keinesfalls starr festgelegt bzw. aufgestellt ist. Trotz der Tatsache, dass Entscheidungen, die die Gruppe bezüglich Krankheit und Heilung beschließen muss, egalitär und im Konsens getroffen werden müssen, existiert eine Autoritätsperson als Leiter der Gruppe, der immer männlich ist und als letzte Entscheidungsinstanz fungiert (Feierman/Janzen 1992: 19). Mehrheitlich ließ sich in Untersuchungen erkennen, dass im ruralen Umfeld vermehrt Familie und Verwandtschaft den Kern der Gruppe bilden, wohingegen im urbanen Raum oft Freunde, Nachbarn, Kollegen, Parteimitglieder oder Religionsangehörige die Pflege innerhalb einer Gruppe organisieren, da im städtischen Gebiet die Familienbande geringer ist und die Verwandtschaft sich verstärkt verläuft (Janzen 1978: 131).

Zudem bestehen unabhängig von Wohnlage weitere Einflussfaktoren, die die Formation beeinflussen. Zum Einen spielen soziale Gegebenheiten und zwischenmenschliche Beziehungsmuster eine zentrale Rolle. In diesem Sinne werden verwandte Personen primär in die therapy managing group einbezogen, wobei dabei die Autoritätsbeziehungen (Kipp/Tindyebwa/Karamagi/Rubaale 2007: 358) und veränderte Verwandtschaftsformen berücksichtigt werden müssen (Feierman/Janzen 1992: 16). Zum Anderen beeinflusst die Dauer der Krankheit die Aufstellung der Gruppe maßgeblich. Da eine Tätigkeit in der Gruppe enorme Probleme für das eigene Leben wie Stigmatisierung, Depressionen, gesundheitliche und finanzielle Einschränkungen bedeutet (Kipp/ Tindyebwa/ Karamagi/ Rubaale 2007: 358) – diese werden im Verlauf thematisiert und erklärt werden – kann die Verantwortung bei einer langwierigen und pflegeintensiven Krankheit wie beispielsweise HIV/Aids nicht von einer permanenten Gruppe betreut werden. Vielmehr rotiert in einem solchen Fall die Zusammensetzung, jedoch nicht in einem festgelegten Modus, sondern in flexibler Form. Daraus ergibt sich, dass auch temporär sogenannte passers-by[1] in den Therapieprozess integriert werden, um die ‚regulären Helfer‘ zu entlasten (Feierman/Janzen 1992: 18, Janzen 1978: 67).

2.2 Aufgabenbereiche

Die therapy managing group hat zwei Funktionen: zum Einen eine Autoritätsfunktion, bei der sie die Kontrolle und Entscheidungsmacht über die Behandlung und Heilungsmethoden hält. Dadurch wird der Gruppe eine „ courtlike function “ (Feierman/Janzen 1992: 19, Janzen 1987: 18), eine juristische Vertretungsmacht, zugesprochen. Zum Anderen übernimmt die Gruppe die Pflege des Patienten. Dies kann unterschiedliche Ausprägungen annehmen je nach Erkrankungszustand des Leidenden (Feierman/Janzen 1992: 19, Janzen 1987: 68). So kann die Pflege der Kinder übernommen werden, die Organisation des Haushaltes, finanzielle Unterstützung bei Medikamenten, Hilfe bei Arztbesuchen und deren Koordination etc. (Greiffeld 2003: 42). Dabei geht die therapy managing group folgendermaßen vor: zunächst wird das Problem (die Krankheit) realisiert. Danach findet die Diagnose unabhängig von einem Experten statt: die Art der Erkrankung und der Grund werden in gemeinsamer Diskussion gesucht und es wird sich per Konsens geeinigt. Daran schließt sich die Lösungsfindung, die die Einigung auf einen Experten, die Organisation der Pflege etc. beinhaltet (Janzen 1978: 63, Janzen 1987: 68). Insgesamt sammelt die Gruppe Informationen über Krankheit, Heilungsmethoden, Reputationen von Medizinern, sie geben moralische Unterstützung, treffen alle Entscheidungen für den Patienten, da dieser mit wenigen Ausnahmen eine passive Rolle einnimmt bzw. einnehmen muss, die Gruppe koordiniert therapeutische Konsultationen und nehmen allgemein eine Vermittlerfunktion zwischen Laie (Patient) und Experte (Arzt) ein (Greifeld 2003: 42, Janzen 1978: 4, Feierman/Janzen 1992: 19, 197).

[...]


[1] Als passers-by werden Personen beschrieben, die nicht dauerhaft im Dorf leben, sondern auf Besuch oder Durchreise sind, also ‚vorbeipassieren‘.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Therapy Management - Probleme der medizinischen Pflege unter Berücksichtigung einer afrikanischen Form des Gesundheitsmanagements
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Ethnologie und Afrikastudien)
Veranstaltung
HIV/AIDS in Afrika: Strategien der Gesundheitsförderung aus ethnologischer Perspektive
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
11
Katalognummer
V195926
ISBN (eBook)
9783656219798
ISBN (Buch)
9783656220879
Dateigröße
720 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
therapy, management, probleme, pflege, berücksichtigung, form, gesundheitsmanagements
Arbeit zitieren
Julia Helmstädter (Autor), 2009, Therapy Management - Probleme der medizinischen Pflege unter Berücksichtigung einer afrikanischen Form des Gesundheitsmanagements, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195926

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