Die Konstruktion von Geschlecht am Beispiel von Geschlechtstests im Leistungssport


Bachelorarbeit, 2011
44 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Zusammenhang von Gesellschaft, Geschlecht und Sport

3 Geschlechtstests im Sport
3.1 Konstruktion des biologischen Geschlechts
3.1.1 chromosomales Geschlecht
3.1.2 gonadales Geschlecht
3.1.3 hormonelles Geschlecht
3.1.4 morphologisches Geschlecht
3.1.5 zerebrales Geschlecht
3.2 Geschlechtstest im Sport
3.2.1 Visuelle Inspektion
3.2.2 Visuelle und gynäkologische Überprüfung
3.2.3 Geschlechts-Chromatin-Test
3.2.4 PCR-Untersuchung auf SRY
3.3 Zwischenfazit

4 Geschlecht als soziales Konstrukt
4.1 Sex und Gender
4.2 Interkultureller Vergleich
4.3 Konstruktionskonzepte des sozialen Geschlechts
4.3.1 Transsexualität als Bruch der Normalität

5 Aktuelle Richtlinien des Sports

6 Schluss

A Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Als Caster Semenya in Berlin 2009 die Goldmedaille gewann, war die Sportszene entsetzt. Semenya düpierte im Finale der 800-Meter-Strecke die Konkurrenz. Mit kraftvoller Dynamik lief sie ihren Konkurrentinnen in Weltjahresbestzeit davon und siegte mit über zwei Sekunden Vorsprung. Auf dieser Distanz ist das erheblich. Sportfunktionäre und Journalisten hinterfragten, ob sie als Frau in der Lage sein kann, solch erstaunliche Leistung zu vollbringen kann. Die Experten blickten skeptisch auf die damals 18-Jährige Südafrikanerin.1 Ihr muskulös definierter Körper und die männlichen Gesichtszüge erinnerten mehr an das Erscheinungsbild eines Mannes als an das einer Frau. Nach ihrem Sieg stand ganz unvermittelt ihr Geschlecht im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses, denn nach ihrem Lauf lud die International Association of Athletics Federation2 in Person von Generalsekretär Pierre Weiss zur Pressekonferenz. Er gab bekannt: „Es gibt Zweifel, dass diese Lady eine Frau ist.“3 Die Presse griff den Fall rasch auf und verkündete, ein Geschlechtstest werde Klarheit bringen. Die Debatte der Geschlechtsbestimmung hält allerdings nicht zum ersten Mal Einzug in die Sportwelt.

Doch die Frage nach der Geschlechtszugehörigkeit eines Menschen wirkt auf den ersten Blick als läge die Antwort auf der Hand. Das Geschlecht ist eines der zentralen Strukturprinzipien unserer Gesellschaft. Die Bevölkerung besteht aus Frauen und Männern, Mädchen und Jungen. Es besteht ein Gesellschaftssystem der Zweigeschlechtlichkeit und das Geschlecht scheint von der Natur gegeben. Im Alltag wird es mit der Vorstellung einer am Körper erkennbaren und unveränderlichen Unterscheidung zwischen Frau und Mann verbunden. Diese ist eng mit der Annahme einer Geschlechterpolarität verknüpft. So bestehen Auffassungen von unterschiedlichen Eigenschaften und Verhaltensweisen, sowie einer naturbedingten Geschlechterhierarchie und Leistungsfähigkeit. Mädchen spielen mit Puppen, schminken sich, tragen rosafarbene Kleidung und sind besonders zärtlich und feinfühlig. Jungen hingegen sind ehrgeizig und selbstständig, spielen mit Spielzeugautos und handwerken gerne. Doch dass dieses Gesellschaftssystem der Zweigeschlechtlichkeit eine so große gesellschaftliche Bedeutung erhielt, liegt nicht allein den natürlichen Gegebenheiten zu Grunde. Vielmehr ist es eine gesellschaftliche Ordnung, die sich vor allem seit dem 18. Jahrhundert in unserer Gesellschaft entwickelt und seit dem 19. Jahrhundert mit Biologie und Medizin bewiesen wurde. Es wurde ein durch vermeintlich wissenschaftlich präzise Fakten ein Verständnis der naturgegebenen Geschlechtscharaktere von Frau und Mann entworfen.

Im Rahmen dieser Arbeit wird das Themenfeld der Geschlechterkonstruktion aufgegriffen. Fachrichtungen der Sozial- und Naturwissenschaften versuchen mit Hilfe verschiedenster Theorien die Ursachen für die geschlechtsspezifischen Differenzen zu finden. Anhand eines ersten Schritts soll zunächst durch den Zusammenhang von Gesellschaft, Geschlecht und Sport ersichtlich werden, wie das gesellschaftliche Teilssystem Sport durch die Alltagstheorie beeinflusst und strukturiert wurde. Es soll am Beispiel des Phänomens der Geschlechtstests im Sport gezeigt werden, dass das Geschlecht eines Menschen nicht mit biologisch- medizinischen Kriterien messbar ist. Diese These steht entgegen der in der Medizin und Biologie weit verbreiteten Auffassung, dass das Geschlecht anhand von fünf Kriterien eindeutig bestimmbar sei. Daher soll zuvor durch eine Zusammenfassung dieser Kriterien ein Grundverständnis für die Verfahrensweise und Grundlagen der Geschlechtstests geschaffen werden. In einem Zwischenfazit werden die bis dahin erbrachten Erkenntnisse analysiert. In einem zweiten Schritt wird gezeigt, dass es durch eine sozialwissenschaftliche Theorie möglich ist, Hypothesen einer rein biologischen, vorsozialen Natur des Menschen in Frage zu stellen. Eine grundlegende Erkenntnis besteht darin, dass die Gesellschaft, in der wir leben, ein Ergebnis unseres eigenen Handelns darstellt. Die alltägliche Unterscheidung in Mann und Frau ist Ausdruck der Zuschreibung, die nicht auf den Akteur, sondern auf das kulturelle System verweist. Es stellt sich die Frage nach dem Sozialen der Kategorie Geschlecht. Diese stellt die kollektiven Annahmen des binären Systems der Zuschreibung in Frage, da der Prozess der Herausbildung der verschiedenen Geschlechter in der sozialen Welt betrachtet wird.4 Harold Garfinkel stellt hierbei den Bezugsautor für den ethnomethodologischen Ansatz dar. In seiner Transsexuellen-Studie Agnes stellt er fest, dass auch Transsexuelle dem sozialen Gesellschaftssystem der Zweigeschlechtlichkeit folgen. Im Bruch der Normalität liegt der herausragende Gehalt seiner Transsexuellenforschung. Doch durch diesen ergeben sich besonders im Teilsystem Sport besondere Probleme, denn das Geschlecht ist mit einer Geschlechtsklasse verbunden und ein Wechsel undenkbar.

„Die Frage, bei den Männern zu starten, stellt sich mir nicht. Die Welt des Sports ist klein. Umso dankbarer bin ich dafür, dass mich größeres erwartet.“5

2 Zusammenhang von Gesellschaft, Geschlecht und Sport

Der Sport gilt als Spiegel der Gesellschaft, da dieser zu jeder Zeit in Wechselwirkung mit gesellschaftlichen, kulturellen und ökonomischen Bedingungen steht. Als Bestandteil unseres Gesellschaftssystems durchlief der Sport etliche Entwicklungsstadien. Seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert galt die sportliche Betätigung nicht mehr nur als elitärer Zeitvertreib, sondern war einer größeren Bevölkerungsgruppe zugänglich.6 Der Zugang wurde jedoch Frauen aufgrund soziokultureller Eigenschaften wie dem Geschlecht weiterhin verwehrt. Die Teilhabe der Bevölkerung in dem sich etablierenden gesellschaftlichen Teilsystems des Sports war wie in anderen gesellschaftlichen Teilbereichen nicht umfassend.

Entgegen unserem Alltagsverständnis galt in unserer Gesellschaft vor dem 18. Jahrhundert das Geschlecht nicht als allgemein gültiges Strukturierungsprinzip. Im Zuge der modernen Gesellschaft verlor die Bezeichnung „Geschlecht“ den bis dato sozialen Kontext des genealogischen Gehalts und bezog sich fortan auf eine biologische Differenz zwischen Frau und Mann.7 Der Zusammenhang von zuvor primären sozialen Strukturierungsprinzipien, wie beispielsweise Standesangehörigkeit, wichen den Beschreibungen von geschlechtlichen Eigenarten, welche zumeist gegensätzlich formuliert waren. Dem männlichen Geschlecht wurden infolge Eigenschaften wie Stärke, Mut und Aktivität zugeschrieben, dem weiblichen Geschlecht hingegen Schwäche, Ängstlichkeit und Passivität.8 Durch medizinische Untersuchungen sollte die These der Gegensätzlichkeit der Geschlechter bestätigt werden. Durch die Verlagerung der Strukturierungsprinzipien in die Natur, wurden unterschiedliche körperliche Merkmale als geschlechtsspezifisch interpretiert. Körperliche Differenzen wurden zuvor als Zeichen der Ähnlichkeit begriffen.9 Daher spricht Laqueur für die Zeit nach dem Altertum bis zur Moderne von einem „Ein-Geschlechtermodell“10. Aufgrund dieser Umdeutung der körperlichen Differenzen weg von der Ähnlichkeit und hinzu den Unterschieden zwischen den Geschlechtern wurde ein Nachweis zwischen diesen und den geschlechtlichen Eigenarten gesucht. In nahezu allen Körperregionen wurden geschlechtsspezifische körperliche Unterschiede gesucht und gefunden. Diese dienten anschließend als Nachweis der gegensätzlichen Geschlechtereigenschaften und bildeten eine Naturalisierung des Sozialen.11 Das „Ein-Geschlechtermodell“ wurde durch das „Zwei- Geschlechtermodell“12 abgelöst. Durch das Vermessen des Skeletts „wurden die Geschlechter in eine evolutionsbiologische Reihenfolge gebracht, bei der die Frauen erwartungsgemäß auf einer niedrigeren Entwicklungsstufe eingeordnet wurden“13. Die angeblich differente körperliche Leistungsfähigkeit der Geschlechter war das Ergebnis dieser Studien. Auf diese Weise wurde eine biologische Geschlechterdifferenz legitimiert, die durch ein von Naturwissenschaft belegtes Naturrecht gestützt wurde. Noch bis in das 20. Jahrhundert wurde aus Sorge um die Gebärfähigkeit der Frau propagiert, dass „naturwidrige Arten von Bewegung oder Sport die Kräfte der Frauen übersteigen würden und Dauerschäden zu befürchten seien“14. Eine dieser naturwidrigen Bewegungen war beispielsweise das Radfahren. Aufgrund des Sattels könnte es zur Verlagerungen des Uterus kommen und weiterhin Perineum15 sowie Vulva geschädigt werden.16 Aufgrund solcher Erkenntnisse wurden Frauen wegen der soziokulturellen Eigenschaft Geschlecht aus dem gesellschaftlichen Teilsystem Sport ausgeschlossen.

Der Ausschluss und die „Instrumentalisierung von Turnen und Sport für militärische Zwecke“17 lenkte das Hauptaugenmerk im 19. und 20. Jahrhundert auf den männlichen Teil der Bevölkerung. Damit wurde die Assoziation von männlicher Aktivität und Sport produziert und stetig reproduziert. Infolge dessen stellte sich der Zusammenhang zwischen Sport sowie Körperlichkeit, Wettbewerb und Disziplin her.18 Die patriarchialische These von der Natur der Frau verfestigte die Ausgrenzung von Frauen und Mädchen besonders im Teilbereich Sport. Dies zeigt sich deutlich am Beispiel der seit 1896 stattfinden Olympischen Spielen. Nach dem Willen des Initiators, dem Franzosen Pierre de Coubertin, sollte bei den neuzeitlichen Spielen nur den männlichen Athleten die aktive Teilnahme gestattet sein. Frauen durften an den aktiven Spielen zunächst nicht teilnehmen. Coubertin war der Meinung, dass „women’s sports are all against the law of nature“19. Ihnen oblag lediglich die Entlohnung der Athleten. Durch Applaus sollten sie den Athleten ihre Achtung erweisen.

Doch bereits wenige Jahre später durften auch Frauen an einigen Disziplinen der Olympischen Spiele teilnehmen.20

3 Geschlechtstests im Sport

Aufgrund der zunehmenden aktiven Beteiligung von Frauen an den sportlichen Wettkämpfen, wurden innerhalb der für Frauen offenen Disziplinen Geschlechterklassen gebildet. Die Verantwortlichen wollten der differenten Leistungsfähigkeit der Geschlechter gerecht werden. Im Sinne der Gerechtigkeit starteten fortan Männer und Frauen in getrennten Leistungsklassen. Zu diesem Zweck war eine präzise Klassifizierung in Frau und Mann zwingend notwendig. Im Gegensatz zu anderen Klassifizierungsmerkmalen, wie beispielsweise Gewicht beim Boxen, gab es jedoch keine Richtlinien für die Zuordnung der jeweiligen Geschlechtszugehörigkeit.21 Aus diesem Grunde wurde auf Basis der Alltagstheorie die Geschlechtszugehörigkeit an den körperlichen Merkmalen und Genitalien festgelegt. Für viele Jahre reichte die Kombination aus Vornamen in den Ausweispapieren und dem äußeren Aussehen für eine Startberechtigung in der Frauenklasse.22

Im Laufe der Zeit kämpften somit immer mehr Frauen um Medaillen und Bestleistungen. Allerdings unter verschiedenen Rahmenbedingungen. Das Geschlecht stellte nach wie vor eine Kategorie der Selektion dar. Männer und Frauen starteten in getrennten Klassen und teilweise anderen Disziplinen, sowie mit ungleichen Leistungsanforderungen beziehungsweise Regeln. Als Beispiel gilt das unterschiedliche Gewicht von Wurfgeräten. Diese Regeln werden mit dem Schutz der Frau vor Verletzungen begründet oder als Ausgleich für die körperliche Benachteiligung.23 Die differenten Rahmenbedingungen für Frauen und Männer wurden jedoch nicht als unrechtmäßig erlebt, sondern aufgrund der alltagstheoretischen Gewissheit der geschlechtlichen Gegensätzlichkeit und der damit einhergehenden unterschiedlichen Leistungsfähigkeit als legitim betrachtet. Aufgrund der leichteren Bedingungen bei den Wettkämpfen der Frauen vermehrten sich Gerüchte und Ängste, dass Männer als Frauen verkleidet an diesen teilnehmen würden.24 Diese Auffassung existierte seit den 1930er Jahren. Dora Ratjen, alias Hermann Ratjen war wohl der bekannteste Fall dieser Zeit. Ratjen nahm am Hochsprungwettbewerb der Frauen bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin teil und belegte den vierten Platz, stellte 1938 den Frauen-Weltrekord auf. Ratjen besaß jedoch männliche Genitalien, die während des Wettkampfs hochgebunden waren, was nach Bekanntwerden zum Ausschluss von allen Wettkämpfen führte.25 Ähnliche Vorwürfe gegen andere Athletinnen konnten zumeist nie aufgeklärt werden. Vermutlich entstanden diese Gerüchte allein wegen der äußeren Erscheinung, die sich durch die Professionalisierung des Frauensports stark veränderte. Sportlerinnen fielen zumeist durch ihre ausgeprägte Muskulatur auf, die nicht dem zeitgenössischen Geschlechterstereotyp entsprach.26

Infolge der alljährlich aufkommenden Gerüchte und verstärkt durch die Propaganda des Kalten Krieges, forderten und forcierten ab 1960 besonders die USA die Erforschung einer zweifelsfreien Methode der Geschlechtsbestimmung. Internationale Sportwettkämpfe als Massenereignis waren während des Kalten Krieges Austragungsorte ideologischer Konflikte und das Wettkampfresultat symbolisierte die Dominanz der jeweiligen Ideologie.27 Herausragende Athletinnen waren die ukrainischen Press Schwestern, die zusammen fünf Mal Gold gewannen und zur Dominanz der UdSSR bei den Olympischen Spielen 1960 und 1964 beitrugen. Sportverbände und -funktionäre reagierten auf die Forderungen nach Geschlechtstests, um die alljährlich aufkommenden Gerüchte zweifelsfrei aufzuklären. Die International Amateur Athletic Federation (IAAF) und das Internationale Olympische Komitee (IOC) veranlassten 1966 die Festlegung von offiziellen Statuten für die Wettkampfzulassung von weiblichen Athletinnen.28 Diese sahen vor, dass Frauen erst nach einer positiven Geschlechtsverifikation zugelassen werden durften. Die Geschlechtsbestimmung erfolgte anhand biologisch-medizinischer Kriterien. Diese bilden in Kombination das biologische Geschlecht eines Menschen. Aufgrund der Komplexität der verschiedenen Kriterien sollen diese zunächst differenziert und erörtert werden, um ein Grundverständnis für die anschließende Erläuterung der Testverfahren sicherzustellen.

3.1 Konstruktion des biologischen Geschlechts

Bei keiner anderen Unterscheidung fällt es scheinbar so leicht, soziale Unterschiede auf Biologische zu beziehen, wie bei der von Mann und Frau. Das Geschlecht wird in unserer Gesellschaft als natürlich gegeben, binär, konstant und gegensätzlich wahrgenommen.29 Durch den Anspruch der Biologie, exakte empirische Fakten über „geschlechtliche Körper bereitzustellen“30, wurden im Laufe der biologischen Geschlechterforschung verschiedene Regionen des menschlichen Körpers betrachtet, um die „psycho-physiologische […] Naturbasis“ belegen zu können.31 Da in unserer Kultur eine zweigeschlechtliche soziale Ordnung und ein darauf bezogenes Wissenssystem besteht, wurde und wird nach biologisch bestimmbaren Divergenzen zwischen beiden Geschlechtern gesucht.32 Konkret bezieht sich dieser biologische Erklärungsansatz auf fünf Kriterien, die einen Menschen dem einen oder anderen Geschlecht zuordnen: das chromosomale, gonadale, hormonale, morphologische und zerebrale33 Geschlecht.

3.1.1 chromosomales Geschlecht

Laut Biologie und Medizin ist das Geschlecht eines Menschen bereits durch dessen Gene fixiert. Die Kombination der Geschlechtschromosomen nach der Verschmelzung von väterlicher Samenzelle und mütterlicher Eizelle bestimmt diese Fixierung.34 Diesen nicht sichtbaren Unterschied bezeichnet das chromosomale oder genetische Geschlecht.35 Das Geschlechtschromosom des Vaters, entweder X- oder Y-Chromosom, verbindet sich mit dem X-Chromosom der Mutter. Ist das väterliche Geschlechtschromosom ebenfalls ein X- Chromosom, wird die Chromosomkombination XX, der „chromosomal weibliche Typ“, gebildet.36 Der „chromosomal männliche Typ“ XY ergibt sich, sobald das Geschlechtschromosom des Vaters ein Y-Chromosom ist.37 Bei letzterer Kombination setzt der Entwicklungsablauf des männlichen Organismus ein. Entscheidend ist das Y-Chromosom, da sich auf diesem das SRY-Gen lokalisieren lässt. Diese Geschlechtsdeterminierende Region des Y-Chromosoms löst die Bildung der Hoden aus. Ist das SRY-Gen nicht vorhanden, bilden sich statt Hoden Eierstöcke. Dies geschieht bei der Kombination von zwei X-Chromosomen (Chromosomkombination XX), welche den weiblichen Entwicklungsablauf bestimmt.38

3.1.2 gonadales Geschlecht

Trotz des determinierenden chromosomalen Geschlechts läuft die Entwicklung des Embryos zunächst unabhängig von diesem in identischer Weise ab.39 Erste evidente Unterscheidungen zwischen den Geschlechtern sind erst nach zirka sechs bis sieben Wochen Schwangerschaft existent. Es kommt zur Ausdifferenzierung des gonadalen Geschlechts. Die Gonaden, auch Geschlechtsdrüsenanlage, sind bis dahin undifferenziert und bilden sich zu Ovarien, eine Vorform der Eierstöcken, oder zu Hodenvorformen aus.40 Im weiteren Verlauf der Embryonalentwicklung differenziert sich das gonadale Geschlecht, durch die Produktion der entsprechenden Sexualhormone, in den Phänotyp und das morphologische Geschlecht aus.41

3.1.3 hormonelles Geschlecht

Hormone beeinflussen den Aufbau und das Wachstum eines Individuums. Diese chemischen Stoffe werden durch die Gonaden gebildet. Die relevantesten Sexualhormone sind Östrogene und Androgene.42 Mit der Ausdifferenzierung der geschlechtsspezifischen Keimdrüsen wird vermehrt das jeweilige Geschlechtshormon produziert und ausgeschüttet. Testosteron, den Androgenen zugehörig, dient der Bildung der männlichen sekundären Geschlechtsmerkmale, der Hoden. Analog wird die Entwicklung der weiblichen sekundären Geschlechtsmerkmale durch das Östrogen gefördert.43 Diese spezifischen Hormone beeinflussen nicht nur die Entstehung der Geschlechtsorgane, sondern ihnen obliegt zudem die „Differenzierung des Gehirns nach männlichem Muster“44. Es ist jedoch darauf hinzuweisen, dass sowohl männliche als auch weibliche Individuen die gleichen Sexualhormone herstellen. In der Regel wird von weiblichen Individuen wesentlich mehr Östrogen als Testosteron gebildet. Männliche Individuen produzieren hingegen mehr Testosteron und weniger Östrogene. Daher ist das „hormonelle Geschlecht ein quantitatives, kein qualitatives Merkmal“45, welches sich aus dem Mischverhältnis der männlichen und weiblichen Hormone ergibt. Bis zur Pubertät ist die hormonelle Situation allerdings nahezu gleich.46

3.1.4 morphologisches Geschlecht

Die Genese des morphologischen Geschlechts beginnt ab der siebenten Schwangerschaftswoche und beschreibt die Phase der Herausbildung von primären und sekundären Genitalien. Diese ist genetisch induziert und hormonell gesteuert. Vor dieser Phase sind keine geschlechtstypischen Unterschiede beim Embryo sichtbar.47 Zu den männlichen primären Geschlechtsorganen sind Penis, Hoden und Samenleiter zuzuordnen. Den weiblichen primären Geschlechtsmerkmalen Vagina, Eierstöcke und Gebärmutter. Wesentlich später entwickeln sich die sekundären Geschlechtsorgane. Diese bilden sich unter der Einwirkung von Hormonen während der Pubertät aus. Während diesem Kontinuum zwischen Jugend- und Erwachsenenalter verändert sich die relational hormonelle Zusammensetzung bei den Geschlechtern.48 Diese Reifezeit beginnt im Alter zwischen 10 und 12 Jahren und startet bei Mädchen zirka ein bis zwei Jahre eher als bei Jungen.49 Der Anstieg von Östrogen bei Mädchen stimuliert das Wachstum der Brust und Schambehaarung. Bei Jungen führt der Anstieg von Testosteron ebenso zur Ausbildung der Schambehaarung sowie des Bartwuchses.50 Aufgrund der Funktion der Fortpflanzung wird den primären Geschlechtsorganen ein weitaus höherer Stellenwert zugeschrieben als den übrigen körperlichen Merkmalen. Zudem erzielen sie eine gleichsam andere Aufmerksamkeit. Die Genitalien bilden daher ein überaus geeignetes Symbol für die scheinbar natürliche Geschlechterdifferenz.51

[...]


1 Vgl. Wiesemann (2009b), S.656.

2 Anm.: IAAF (Dachverband aller nationalen Sportverbände für Leichtathletik)

3 Reinsch 2010.

4 Vgl. Bereswill 2008. S.98.

5 Balian Buschbaum im Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Vgl. süddeutsche.de (2007)

6 Vgl. Küchenmeister, Schneider (2011), S.3 ff.

7 Vgl. Müller (2009), S.54.

8 Vgl. Müller (2009), S.54 f.

9 Vgl. Müller (2009), S.56.

10 Laqueur (1992), S.39.

11 Vgl. Müller (2009), S.56.

12 Laqueur (1992), S.39.

13 Müller (2009), S.56 f.

14 Hartmann-Tews (2004), S.34.

15 Anm.: Bereich zwischen Anus und äußeren Geschlechtsorganen.

16 Vgl. Müller (2006), S.395.

17 Hartmann-Tews (2004), S.33.

18 Vgl. Hartmann-Tews (2004), S.33.

19 Müller (2006), S. 396.

20 Vgl. Hartmann-Tews (2004), S.34.

21 Vgl. Müller (2006), S.400.

22 Vgl. Müller (2006), S.400 f.

23 Vgl. Müller (2006), S.400.

24 Vgl. Müller (2006), S.401.

25 Vgl. Stephenson (1997), S.178. Vgl. Ferguson-Smith, Ferris (1991), S.17. Vgl. Müller (2006), S.401.

26 Vgl. Müller (2006), S.401.

27 Vgl. Müller (2006), S.401.

28 Vgl. Ferguson-Smith, Ferris (1991), S.17.

29 Vgl. Pates (2009), S.11.

30 Palm (2008), S.851.

31 Ebd., S.854.

32 Vgl. Meuser (2008), S.635.

33 Anm.: In der Literatur wird u.a. auch vom neuronalen Geschlecht gesprochen.

34 Vgl. Schandry (2006), S.367.

35 Vgl. Mammes (2009), S.160.

36 Asendorpf (2007), S.387.

37 Ebd., S.387.

38 Schandry (2006), S.367.

39 Vgl. ebd., S.367.

40 Vgl. Asendorpf (2007), S.387.

41 Vgl. Schandry (2006), S.367.

42 Vgl. Asendorpf (2007), S.387 ff.

43 Vgl. ebd., S.387 ff.

44 Tillmann (2000), S.48.

45 Asendorpf (2007), S.387.

46 Vgl. Stier, Weissenrieder (2006), S.6.

47 Vgl. ebd., S.6.

48 Vgl. ebd,. S.6.

49 Vgl. ebd., S.11 f.

50 Vgl. ebd., S.8.

51 Vgl. Meuser (2008), S.635.

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Die Konstruktion von Geschlecht am Beispiel von Geschlechtstests im Leistungssport
Hochschule
Universität Leipzig  (Politikwissenschaft)
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
44
Katalognummer
V195940
ISBN (eBook)
9783656217435
ISBN (Buch)
9783656218395
Dateigröße
739 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geschlechtstest, Geschlecht, Geschlechtersozialisation, Gender, Sex, Biologisches Geschlecht, Soziales Geschlecht, Caster Semenya, Leistungssport Geschlecht, Leistungssport, Olympia, IAAF, Olympische Spiele, IOC
Arbeit zitieren
Oliver Bellstedt (Autor), 2011, Die Konstruktion von Geschlecht am Beispiel von Geschlechtstests im Leistungssport, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195940

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