Reisesucht: Die Zukunft des Reisens in Zeiten virtueller Mobilität


Bachelorarbeit, 2011

83 Seiten, Note: 1,2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Grundlagen
2.1 Reisen als mediale Struktur
2.2 Ein Umriss des Mobilitätsbegriffs
2.3 Die Nomadenmetapher in der Literatur

3 Das Nomadische und das Sesshafte
3.1 Offener Raum - Fester Standpunkt
3.1.1 Raum
3.1.2 Zeit
3.1.3 Bewegung
3.2 Mobiler Jobber - Berufener Produzent
3.3 Horizontales Rhizom - Vertikale Hierarchie
3.4 Erfahren - Besitzen
3.5 Offene Behausung - Abtrennende Wände
3.6 Heimatlosigkeit - Verwurzelung
3.7 Zwischenfazit: Nicht-Identität - Identität

4 Das Physische und das Virtuelle
4.1 „Die Mobilität ist tot, es lebe die Telekommunikation!“
4.1.1 Die Substitutionsthese
4.1.1.1 Virilios Rasender Stillstand
4.1.1.2 Rötzers Telepolis
4.1.2 Die Komplementaritätsthese
4.2 Physischer Raum - Virtueller Raum
4.2.1 Einfacher Raum - Spaltung in mehrere Räume
4.2.2 Körper - Körperlos
4.2.3 Aura des Originals - Reproduktion
4.3 Nomadischer Mobilitätsrausch - Rasender Stillstand

5 Fazit

6 Quellenverzeichnis
Literatur
Weiterführende Websites
Andere Medien

7 Anhang
Beispiele Stellenanzeigen

„Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.“

„Alles Unheil dieser Welt rührt daher, dass die Menschen nicht still in ihrer Kammer sitzen können.“

Blaise Pascal (1623-1662)

1 Einleitung

Gibt man die Wortgruppe „Moderne Nomaden“ in die Suchleiste von Google ein, erscheinen innerhalb von 0,18 Sekunden über zwei Millionen interessante Einblicke in das, was gemeinhin als modern, nomadisch oder die Verbindung der beiden Begriffe angesehen wird. So wirbt die Reise- Organisation „Moderne Nomaden“ mit dem Angebot: „In einer kleinen Gruppe, die nur aus Frauen besteht, erleben Sie Marokko in 14 Tagen von seiner schönsten Seite”, auf einer nächsten Seite kann der Nomaden-Look zum Tiefstpreis erworben werden - ein „Lagen-Look im Tuareg-Stil aus Baumwolle, Seide und Leinen in strahlendem Weiß“. Die Universität Passau verspricht in einer Broschüre: „Wer hier studiert, hat als moderner Nomade beste Chancen und vielleicht sogar die Welt als Heimat.“ Also wer ist er, dieser moderne Nomade?

Mit der Eisenbahn, dem Schiff, dem Automobil und dem Flugzeug wurden Transportmittel konstruiert, deren technische Beschleunigung sowie infrastrukturelle Vernetzung dem Menschen viele Möglichkeiten geben, Distanzen zu überwinden und sich im physischen Raum fortzubewegen. Telekommunikationsmittel wie das Telefon und das Internet ermöglichen es zudem, virtuell an den entferntesten Orten präsent zu sein. Das Verkehrs- und das Kommunikationssystem machen sich die modernen Nomaden zunutze, wenn sie auf dem Weg zum Geschäftstermin den Globus umrunden. Der WLAN-fähige Laptop oder das Smartphone sind immer dabei, um eine fortwährende Erreichbarkeit sowie physische und virtuelle Präsenz gewährleisten zu können.

Der Arbeitsweg von rund eineinhalb Millionen Deutschen beträgt mehr als 50 Kilometer. Bis zu zweieinhalb Stunden Fahrzeit täglich sind laut Bundesagentur für Arbeit für Pendler zumutbar.1 Auch Geschäftsreisende befinden sich stets auf dem Weg, auf dem Sprung, auf der Durchreise. Sie alle, die auf dem täglichen Weg ins Büro einen Check-in Schalter oder Ländergrenzen passieren und für einen vielversprechenden Job ihre gewohnte Umgebung häufig wechseln, werden unter der Metapher der modernen Nomaden gefasst.

Lange Arbeitswege liegen historisch gesehen in der Industrialisierung begründet. In der vorindustriellen Gesellschaft arbeiteten die Menschen noch an denselben Orten, an denen sie wohnten. Die Charta von Athen erhob 1933 die Trennung von Industrie und Siedlung zum Postulat des Städtebaus, auch Kommunikation und Verkehr, Verwaltung und Handel, Bildung, Freizeit und Erholung hatten ihre eigenen Bezirke2. Die Idealstadt des 20. Jahrhunderts war demnach eine Pendlerstadt, deren strikte Funktionstrennung die Nutzung von Verkehrsmitteln bedingte. In der gegenwärtigen postindustriellen Zeit verschmelzen die Bereiche Arbeiten und Wohnen wieder zunehmend miteinander. Als „eine ‚historische Re- Integration‘ unserer Arbeits- und Privatsphären“3 bezeichnet der Autor Markus Albers diese Tendenz, die mit dem Phänomen der Telearbeit einhergeht. Laut Bundesagentur für Arbeit können darunter „verschiedene Arbeitsformen zusammengefasst [werden], bei denen [die] Beschäftigten zumindest einen Teil der Arbeit außerhalb Ihres Unternehmens verrichten.“4 Das muss nicht zwangsläufig im heimischen Wohnzimmer sein, der moderne Nomade arbeitet oft in den Transiträumen. Er ruft seine E-Mails auf dem Flughafen ab, erstellt im Zug auf dem Weg zur Arbeit eine Präsentation und kehrt für immer kürzere Zeit nach Hause zurück. Der Arbeitsbegriff scheint in seinem Innersten aufgerüttelt zu werden, wenn sich der Beruf auf Lebenszeit zum Job auf Projektbasis wandelt und Hierarchien horizontal werden. Ist nicht nur die Pendlerstadt mit ihren räumlich getrennten Bereichen, sondern auch die Festanstellung samt 40- Stunden-Woche ein Rudiment des Industriezeitalters? Für Heiner Hastedt sind sogar „[f]este, überwiegend ortsstabile Arbeitsplätze […] als Massenphänomen vielleicht nur eine Sonderform des 19. und 20. Jahrhunderts gewesen, die gegenwärtig stark an Bedeutung verliert“.5

Eine steigende Bedeutung erfährt in dem Zusammenhang das Prinzip des Nomadischen. Theodor Adorno erklärte bereits 1944 das Ende der Sesshaftigkeit zum Signum der Spätmoderne.6 Als Erweiterung dessen kam insbesondere in den letzten zehn Jahren in der wissenschaftlichen sowie populärwissenschaftlichen Literatur der Diskurs um ein modernes Nomadentum auf. Dass dies gegenwärtig Thema ist, belegen Filme wie Jason Reitmans „Up in the air“ von 2009 sowie die Hörspieltrilogie des Theaterautors René Pollesch mit den Titeln „Heidi Hoh” (1999), „Heidi Hoh arbeitet hier nicht mehr” (2000) und „Heidi Hoh - die Interessen der Firma können nicht die Interessen sein, die Heidi Hoh hat” (2001). Zudem veranstalteten die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten der ARD 2011 ihre jährliche Themenwoche unter dem Titel „Der mobile Mensch“.7

Die Metapher des modernen Nomadentums einzugrenzen oder gar zu definieren, erscheint unmöglich. Ähnlich wie die ihr inhärenten Strukturen des Wissens, des Internets sowie das Thema Mobilität ausufernd sind, entzieht sich die Nomadenmetapher jeglicher Kategorisierung. Termini wie Pendler, Telearbeiter, Geschäftsreisende und Umherziehende schaffen zwar einen Rahmen, dieser stellt sich jedoch als höchst durchlässig dar. Zudem ist die vielzählige Literatur zu dem Thema kaum zu bewältigen. In der vorliegenden Arbeit soll versucht werden, diese mit ihren Begriffen und Bildnissen zu ordnen und in eine Struktur zu bringen, um somit die Nomadenmetapher in ihren vielen Facetten zumindest umreißen zu können und damit das Prinzip des Nomadischen etwas zu schärfen. Um dies zu erreichen und möglichst viele Charakteristika abzudecken, wird mit Gegensatzpaaren gearbeitet. Diese Methode der Abgrenzung erscheint nach der Bearbeitung der umfassenden Literatur als ein guter Weg, das Verständnis eines so schwer greifbaren Themas zu ermöglichen.

Die vorliegende Arbeit unterteilt sich in drei Abschnitte.

Im ersten Teil werden Grundlagen geschaffen. Es wird erklärt, inwiefern Reisen eine mediale Struktur darstellt und somit für eine medienwissenschaftliche Arbeit relevant ist. Danach wird der Begriff der Mobilität in seiner physischen sowie virtuellen Ausprägung umrissen und die Anwendung der Nomadenmetapher in der verwendeten Literatur vorgestellt.

Im zweiten Teil wird das Nomadische zunächst vom Außen, von seinem Gegenüber, dem Sesshaften, anhand einiger Charakteristika abgegrenzt. Was unterscheidet das Nomadische vom Sesshaften? Dazu werden Gegensatzpaare zu den Themen Raum, Besitz, Arbeit, hierarchische Strukturen, Behausung, Heimat und Identität gebildet, aus denen gesellschaftliche Tendenzen und im Resultat das Prinzip des Nomadischen hervorgehen soll.

Im letzten Teil der Arbeit wird, basierend auf den gewonnenen Erkenntnissen, die Beziehung der Systeme Verkehr und Kommunikation, die das „Innere“ der Nomadenmetapher ausmachen, zueinander untersucht. Zuerst wird geklärt, ob und wie sich physische und virtuelle Mobilität gegenseitig ersetzen, bedingen oder erweitern. Dazu werden Thesen von Paul Virilio und Florian Rötzer vorgestellt, die im Folgenden zu widerlegen sind. Wenn der moderne Nomade durch die Möglichkeiten der Telekommunikation von überall aus arbeiten kann, warum tut er das dann nicht bequem von zuhause aus, sondern bleibt weiterhin physisch mobil? Was also hat der reale Raum zu bieten, was der virtuelle nicht simulieren kann? Dieser Frage wird sich durch die Unterteilung in die Kategorien

Raum und Zeit, Körper sowie die menschlichen Sinne genähert. Abschließend sollen die gewonnenen Erkenntnisse zur Erstellung einer eigenen These dienen.

Es muss an dieser Stelle festgehalten werden, dass sich der Gebrauch der Begriffe des Nomadischen und des Nomaden (griech. nom á s, Viehherden weidend und mit ihnen umherziehend)8 in der gesamten Arbeit nicht auf die traditionell umherziehenden Völker bezieht. Die Nomadenmetapher im modernen Kontext weist zwar Parallelen zu dieser traditionellen Lebensweise auf, stellt jedoch lediglich eine Attitüde dieser dar. Zudem soll an dieser Stelle erklärt werden, dass die Arbeit sich nur auf einen kleinen Teil der Gesellschaft bezieht, sie beschreibt keine Gesellschaftsform, sondern lediglich eine Metapher für eine urbane Arbeits- und Lebensform der westlichen Welt. Es gibt noch genügend Berufe, die nicht auf Dienstleistungen und Informationstechnologien aufbauen. Diese lassen sich folglich nicht so leicht von ihren Bindungen an feste Standorte und von ihrer Materialität lösen, die Arbeiter können ihre Arbeits- und Produktionsmittel nicht als Datensatz auf der Festplatte mit nach Hause nehmen. Das nomadische Arbeiten dominiert das sesshafte folglich nicht. Auch wenn Forscher um Studienautor Paul Flatters die optimistische Vorhersage tätigten, im Jahre 2020 würden in Deutschland 81 Prozent der Arbeitnehmer als flexible und mobile Freiangestellte arbeiten9, schätzen Arbeitsmartkforscher, dass es aktuell 20 bis 30 Prozent sind.10 Die in der Arbeit aufgestellten Thesen sind deswegen nicht verallgemeinernd zu verstehen.

Der Titel der Arbeit „Reisesucht. Moderne Nomaden im Rausch der Mobilität“ soll zunächst bewusst verwirren. Der Begriff Reisesucht ist aber nicht touristisch zu verstehen. Der virtuelle Raum konnte bis heute, allen gegenteiligen Prognosen zum Trotz, die physische Bewegung nicht ersetzen. Der Verkehr stößt vielmehr zunehmend an seine logistischen und ökologischen Grenzen. Der Begriff Reisesucht ist gekoppelt an die Fragestellung, was der physischen Mobilität immanent ist, was virtuell nicht simuliert werden kann. Was liegt dieser scheinbar unauslöschlichen „Sucht“ nach Reisen, im Sinne physischer Mobilität, zugrunde? Der Terminus kann aber genauso gut auf das Virtuelle bezogen werden, auf die „Sucht“ immer und überall präsent sein zu wollen. Der Untertitel „Moderne Nomaden im Rausch der Mobilität“ verweist auf den Teil der Arbeit, in dem das moderne Nomadische vom Sesshaften abgegrenzt wird. Was macht das Nomadische aus, ist es gar der Rausch der Geschwindigkeit, das Bewegen um der Bewegung willen?

2 Grundlagen

2.1 Reisen als mediale Struktur

Schon der altgriechische Historiograph Herodot (490/480 v. Chr. - um 424 v. Chr.) verstand „Reisezeit als Zeitreise, als Medium, um sich gleichzeitig in Zeit und Raum zu bewegen.“11 Das Reisen scheint also medienwissenschaftlich von Relevanz zu sein. Dass tatsächlich sowohl die physische Reise, basierend auf dem Verkehrssystem, als auch die virtuelle Reise, der das System der Telekommunikation zugrunde liegt, als mediales Konstrukt betrachtet werden können, soll im Folgenden aufgezeigt werden.

Zwei Gemeinsamkeiten verbindet die Reise, im Sinne einer physischen oder virtuellen Fortbewegung, mit der Idee, die sich hinter dem Begriff eines Mediums verbirgt. Einerseits ist beiden die Fähigkeit immanent, Distanzen zu überwinden. Andererseits verändern beide den Blick des Betrachters auf das zu Betrachtende, indem sie sich dazwischenschieben.

Der erste Teil der These bezieht sich auf die Theorie Marshall McLuhans, Medien seien Erweiterungen der menschlichen Funktionen, also Ausdehnungen der einzelnen Körperteile sowie Sinnesfähigkeiten. Der Mensch spiegle seine körperlichen und psychologischen Funktionen in der Außenwelt wider und amputiere sie gleichzeitig. McLuhan erklärt, dass [a]lle Medien […] eine Rekonstruktion [sind], ein Modell einer biologischen Fähigkeit, die die menschlichen Anlagen über sich hinausführt: Das Rad ist eine Ausdehnung des Fußes, das Buch eine Ausdehnung des Auges, die Kleidung eine Ausdehnung der Haut, und der elektronische Stromkreis ist eine Ausdehnung des zentralen Nervensystems.12

Somit können auch Verkehrsmittel (mit dem Rad als Grundlage) als Erweiterung der Füße respektive der menschlichen Fähigkeit, sich physisch fortzubewegen, angesehen werden. Die Eisenbahn beispielsweise beeinflusste nicht nur die Entwicklung des Transports, sondern auch die der Städte, die sie untereinander verband, sie ausdehnte und somit zur Weiterentwicklung führte.13 Sie vergrößert damit das Ausmaß früherer Funktionen und überwindet Distanzen. Sie kann demnach als Prothese eines menschlichen Körperteils, genauer des Fußes oder des gesamten Bewegungsapparates betrachtet werden.

McLuhans Medientheorie ist in gleichem Maße auf die virtuelle Reise anwendbar. Ebenso wie seiner Meinung nach im Gehirn jedes Element mit jedem anderen durch Schnittstellen zusammenhängt,14 ist es bei entsprechender technischer Ausstattung auch möglich, sich mit jedem anderen Menschen per Telefon, Fax oder E-Mail zu verbinden. Die Telekommunikationstechniken können folglich als Extensionen des Gehirns betrachtet werden. Das Internet stellt für McLuhan aufgrund seiner Netzstruktur eine Ausstülpung des menschlichen Nervensystems dar.15

Verkehrs- und Kommunikationsmittel helfen demzufolge dem Menschen, Distanzen zu überwinden, indem sie seine scheinbar unzulänglichen körperlichen Funktionen als mediale Prothesen erweitern. Diese medialen Amputationen sind jedoch nicht nur unterstützende Hilfsmittel, denn sie agieren nicht neutral:

Zum Beispiel erweitert das Automobil unsere Fähigkeiten, Entfernungen schneller zu überwinden sowie bis zu einer technisch bedingten Grenze Frachten zu transportieren, jedoch beeinflußte diese Erfindung die Beziehung des Menschen zu Zeit und Raum fast von Beginn an.16

Dieser Aspekt der Beeinflussung des Menschen führt zum zweiten Teil des zu Beginn aufgestellten Vergleichs von Reise und Medium. Er beruht auf der Theorie, dass Medien ein Zwischenraum zwischen dem Betrachter und dem zu betrachtenden Objekt darstellen. Sie vermitteln, ohne selbst unmittelbar zu bleiben.17 Medien ermöglichen zwar oft erst die Wahrnehmung, verändern diese aber auch gleichzeitig, weil sie nicht zurücktreten respektive eliminiert werden können. An dieser Stelle sei abermals die Eisenbahn als Beispiel heran gezogen. Beim Blick aus dem Zugfenster steht etwas zwischen dem Reisenden und der vorbeiziehenden Landschaft. Dieses Dazwischen meint nicht nur das Glas der Fensterscheibe, sondern die gesamte Einheit von den Schienen, die künstlich in den Raum gelegt wurden, bis hin zum dynamischen Zug, der den Reisenden in seinen Abteilen einschließt. Der Blick ist entrückt von der Realität durch das mediale Ensemble, das im Dazwischen ruht. Der Reisende ist nicht mittendrin, nicht in Tuchfühlung mit der Landschaft, er ist ein eingeschlossener Beobachter hinter der Scheibe. Die Eisenbahn als mediales Konstrukt ist das Vermittelnde, sie bleibt dabei aber nicht unmittelbar. Durch ihre infrastrukturelle Erschließung der Welt schafft sie den Zugang zu weit entfernten Landschaften, entfremdet den Reisenden gleichzeitig auch wieder von ihnen. Sie stört und verändert den direkten Blick. Das am Fenster Vorbeiziehende erhält dabei etwas Magisches und wird ästhetisiert, was auch der Autor Robert M. Pirsig belegt:

Im Auto sitzt man ja immer in einem Abteil, und weil man so daran gewöhnt ist, merkt man nicht, daß alles, was man durchs Auto sieht, auch wieder bloß Fernsehen ist. Man ist passiver Zuschauer, und alles zieht gleichförmig eingerahmt vorüber.18

Verkehrsmittel erscheinen offenbar ähnlich wie Kommunikationsmittel, weil sie eines vereint: ihr passiver und medialer Charakter.

Bei der virtuellen Reise gibt es ebenfalls einen nicht zu überwindenden Zwischenraum. Das Interface19 wie beispielsweise das Fenster, in dem eine Website geöffnet wird oder die Taskleiste lassen sich nicht eliminieren. Bexte sieht sogar die Verbindungsstücke der Endgeräte, also die Kabel als Medien an. Dieser Vergleich scheint auf den ersten Blick eventuell etwas weit hergeholt, doch auch Kabel sind Zwischenstücke, sie liegen in der Mitte (lat. medium, Mitte, Mittelpunkt)20 zwischen dem Betrachter und dem zu betrachtenden Bild, gleichwohl der Raum zwischen beiden überwunden scheint. Folglich wird auch bei der virtuellen Reise nichts direkt oder rein wahrgenommen. Digitale Medien und Kabel im Besonderen senden elektrische Signale und überwinden Distanzen, aber sie sind nicht neutral, ihre Materialität tangiert jede Nachricht.21

Bei den traditionell umherziehenden Völkern waren die Tiere als die natürlichen ‚Medien‘ der Nomaden, die Bindeglieder zwischen Mensch und Natur. Sie [verbanden] quasi als ‚Übersetzer‘ den Hirten mit Steppe und Wüste“.22 Heute sind es die Verkehrs- und Kommunikationsmittel, die Distanzen überwinden und sich dazwischenschieben. Jedoch wird der Mensch im modernen Kontext nicht mit der Natur verbunden, sondern es sind die Menschen untereinander, die einer medialen Verbindung sowohl physischer als auch virtueller Art bedürfen.

2.2 Ein Umriss des Mobilitätsbegriffs

In seinem Buch RASENDER STILLSTAND erzählt Paul Virilio eine Anekdote von einer jungen Frau, die auf die Frage „Was beängstigt sie wirklich?“ die Antwort gibt: „Daß alles statisch wird. Daß die Maschine anhält…, deshalb nehme ich niemals mehr als zehn Tage Urlaub. Mich erschreckt die Unbeweglichkeit.“23

Mobilität (lat. mobilitas, Beweglichkeit)24 ist kein modernes oder junges Phänomen. Der Drang zum Wandern ist, wie im Folgenden belegt wird, ebenso natürlich und alt wie der, sesshaft zu sein. Die beiden Lebensformen, das Sesshafte und das Nomadische existierten schon immer nebeneinander und sind nicht als aufeinanderfolgende Kulturstufen zu betrachten, obgleich historisch gesehen immer eine der beiden die andere dominierte.25 Zuerst brachte die neolithische Revolution der Jungsteinzeit26 den Menschen der Jäger- und Sammlerkultur dazu, seine innere Ruhelosigkeit zu zähmen. Ackerbau und Viehzucht ließen den Großteil der Menschen sesshaft werden und sich fest ansiedeln, was später zur Verstädterung führte. In der Gegenwart ist fortschrittlich, wer mobil und flexibel ist. Mobilität in ihren verschiedenen gesellschaftlichen Ausprägungen kann somit als anthropologische Konstante gesehen werden. Sie hat sich gegenwärtig ausdifferenziert und ihr Ausmaß verstärkt. Sie ist zu einem eigenständigen Wert geworden, der allerdings unbestimmt bleibt. Eine Definition erscheint schwierig, auch wenn Michael Gleich es in MOBILITÄT. WARUM SICH ALLE WELT BEWEGT versucht: „Mobilität ist die Notwendigkeit, die Fähigkeit und das Bedürfnis von Lebewesen, den Ort zu wechseln, um zu Ressourcen zu gelangen.“27 Auf die Gegenwart angewandt, sind die durch Fortbewegung zu erreichenden Ressourcen die Chancen auf einen besseren Job. Trotz der scheinbaren Unbestimmbarkeit wird im Folgenden versucht, einen Umriss des Begriffs zu entwickeln.

Mobilität bedeutet nicht nur eine räumliche, sondern auch eine geistige Beweglichkeit, die nach neuen Erfahrungen und gedanklichen Horizonten strebt.28 Beide Formen werden bereits bei jungen Menschen gefördert. Auslandsaufenthalte beginnen schon in der Schul- und Studienzeit, um dadurch bereits frühzeitig die Berufsperspektive zu verbessern.29 „Im Zeitalter des Internet und der Globalisierung der Märkte wird die Mobilität der Personen in Europa immer unerlässlicher“, steht im Europäischen Mobilitätspass der Europäischen Kommission geschrieben. Dieser Aktionsplan für die Mobilität hat das Ziel „möglichst vielen Menschen die Mobilität zu ermöglichen“ und damit grenzüberschreitendes Lernen noch weiter zu vereinfachen. Er wirbt mit Schlagwörtern wie „Zeitgemäß leben, d. h. mobil sein, über die Grenzen hinweg“ und „Mobil sein heißt, mit der Zeit gehen.“30

Der Begriff der Flexibilität (Biegsamkeit, Elastizität)31 geht mit dem der Mobilität einher. Dieser Terminus, der erst im 15. Jahrhundert im englischen Wortschatz auftauchte und beschrieb, wie ein Baum sich zwar im Wind biegt, aber immer wieder zu seiner Ausgangsform zurückkehrt, erfuhr eine Bedeutungsverschiebung. Stabilität kann in der Gegenwart als Erstarrung oder Leblosigkeit gesehen werden, wobei das Ziel nun nicht mehr darin besteht, zur Ausgangsform zurückzukehren.32 Das Merkmal der Flexibilität beschreibt Richard Sennett in DER FLEXIBLE MENSCH. DIE KULTUR DES NEUEN KAPITALISMUS vielmehr als „die Hinnahme von Fragmentierung“ sowie „die Fähigkeit sich von seiner eigenen Vergangenheit zu lösen“.33 Sind Mobilität und Flexibilität dennoch Werte, die Zukunftsperspektiven schaffen und den Lebensstandard verbessern können?

Der Kartograf und Begründer der Migrationsforschung Ernst G. Ravenstein beschreibt 1885 in den Gesetzen der Migration: „Migration ist gleichbedeutend mit Leben und Fortschritt; seßhafte Bevölkerung ist gleichbedeutend mit Stagnation.“34 Anhand von aktuellen Stellenanzeigen kommt der Eindruck auf, dass die Werte Mobilität und Flexibilität als Voraussetzung für persönlichen und beruflichen Erfolg gesehen werden. Oft wird nach einem im höchsten Maße reisefreudigen, mobilen und flexiblen Mitarbeiter gesucht. Für die Stellenausschreibung eines Malerjobs in Österreich beispielsweise verlangt die eigens vorhandene Kategorie Mobilität eine „uneingeschränkte Reisebereitschaft” und das Unternehmen Coca Cola gibt die vom Bewerber erwartete Reisefreudigkeit sogar in Prozentzahlen an.35 Andersherum gehört das Versprechen dieser Eigenschaften zum Standardtext jedes Bewerbungsschreibens. Zahlreiche Auslandsaufenthalte auf dem Lebenslauf zeigen räumliche und geistige Mobilität und werden mit zusätzlicher Qualifikation gleichgesetzt. Der http://www.duden.de/rechtschreibung/Flexibilitaet, letzter Zugriff: 06.07.2011 Bewerber der Kategorie „Homo mobilis”36 weist eine große Horizonterweiterung auf, er ist buchstäblich be-wandert.

Diese Erkenntnis führt zu den negativen Sichtweisen auf die wachsenden Flexibilisierungs- und Mobilisierungszwänge. Mobilität kann zwar mit Beweglichkeit, aber eben auch mit Veränderbarkeit assoziiert werden. So wird beispielsweise im GLOSSAR DER GEGENWART, herausgegeben von Ulrich Bröckling, Susanne Krasmann und Thomas Lemke, Mobilität mit Verflüssigung übersetzt: „Das Flüssige verhält sich zum Festen wie das Rohe zum Gekochten.“ […] Der Mensch möge seinen Aggregatzustand ins Flüssige verschieben.“37 Hat das Flüssige über das Feste gesiegt und spült es zunehmend weg? Wenn man bedenkt, dass Hartmut Rosa in BESCHLEUNIGUNG. DIE VERÄNDERUNG DER ZEITSTRUKTUREN IN DER MODERNE auch den virtuellen Daten und Informationsströmen Eigenschaften von Flüssigkeiten zuschreibt38, führt das zu der später zu untersuchenden Frage, ob in dieser Allegorie nicht nur das Sesshafte, sondern auch die physische Bewegung im Raum weggespült wird. Wolfgang Bonß und Sven Kesselring befürchten dazu in MOBILITÄT AM ÜBERGANG VON DER ERSTEN ZUR ZWEITEN MODERNE das Individuum werde wertlos und verliere seine festen Bezugspunkte im Orientierungssystem.39 Dies führe auch laut Sabine Boomers zu destabilisierenden Kräften, Entwurzelung und Heimatlosigkeit, zu einem ewigen Prozess der Delokalisierung und Relokalisierung.40 Des Weiteren scheint sich eine Klasse von Modernisierungsgewinnern herauszubilden. Wieso sollen sich Menschen außerhalb der Wohlstandszonen nicht auch vom Ruf nach Mobilität angesprochen fühlen? Die globale Beweglichkeit von Menschen, die für die Globalisierung wenig attraktiv erscheinen, ist noch stark eingeschränkt. Sie werden auch begrifflich als Migranten von den modernen Jobnomaden abgegrenzt, obwohl beiden Termini die Suche nach einem besseren Job und nach Wohlstand gemein ist.41

Es gibt so viele Begriffe und Formen der Mobilität, dass eine Kategorisierung schwerfällt und sie sich demnach eher als ein Kontinuum begreifen lässt. Das LEXIKON ZUR SOZIOLOGIE beispielsweise enthält 16 Arten, darunter räumliche, zeitliche, soziale, kulturelle und generationsbedingte Bewegungen.42 Mobilität kann physisch oder virtuell, temporär oder permanent, freiwillig oder unfreiwillig geschehen, sie kann aktiv oder passiv sein.43 Kurz vorgestellt werden soll hier der grundlegende Unterschied zwischen den zwei Formen, die für die vorliegende Arbeit relevant sind: die physische sowie die virtuelle Mobilität.

Die physische Mobilität ist eine materielle, körperliche und maschinelle Überwindung von räumlicher sowie zeitlicher Entfernung, sie bedient sich dem System des Verkehrs, also den Transportmedien. Die Botschaft (der Zweck der Reise) wird mit dem Körper des Boten (dem Reisenden) zusammen transportiert. Die beiden intervenieren einander, durch ihre Reise durch den Raum verändert die Botschaft ihren Zweck und ihren Inhalt. Wenn Mobilität im Allgemeinen die Bewegung in möglichen Räumen darstellt, ermöglicht die Nutzung des Verkehrssystems die Bewegung in konkreten Räumen.44

Die Trennung zwischen Bote (Körper) und Botschaft (Zeichen), bedeutet den entscheidenden Wendepunkt zwischen physischer und virtueller Bewegung:

Die virtuelle Mobilität datiert bereits zurück auf das Jahr 1832: Mit der Erfindung der Telegrafie erfolgte erstmals eine Trennung von Bote und Botschaft, genauer die Separation zwischen dem Körper des Boten und dem Zeichen der Botschaft. Elektronische Zeichen reisen heute ohne Körper.45

Der Körper bleibt vor Ort, nur die Stimme und das Bild des Menschen werden übertragen. Das bedeutet Beweglichkeit ohne notwendigerweise auch physisch mobil zu sein. Zudem kann die Bewegung im Virtuellen nicht in einem konkreten Raum geschehen, teilen sich Körper und Stimme oder Bild ja auf mehrere Räume auf. Diese Veränderung kann als Bruch mit dem bisherigen Konzept von Mobilität gesehen werden. Inwieweit dieser in der Nomadenmetapher, die im folgenden Kapitel vorgestellt wird, zum Tragen kommt, wird Untersuchungsgegenstand der weiteren Arbeit sein.

2.3 Die Nomadenmetapher in der Literatur

Die Metapher des modernen Nomaden repräsentiert die zuvor umrissenen Werte Flexibilität und Mobilität, zudem Weltgewandtheit sowie Unabhängigkeit46. Sie ist in der Literatur häufig, auch innerhalb anderer Bildnisse, zu finden.

Der Kulturphilosoph Thomas Macho beispielweise sieht die Entwicklung vom Nomadischen zum Sesshaften und wieder zurück in drei geschichtlichen Epochen: einer nomadischen (die Zeit der Jäger und Sammler), einer agrarisch-sesshaften (die Verstädterung) und einer urban- neonomadischen Phase: „Letztere wird bestimmt durch moderne Verkehrsmittel, mobile Arbeitsorganisation und distanzüberwindende Kommunikationsmittel.”47 Diese neonomadische Phase, die sich aus physischer und virtueller Mobilität zusammensetzt, erhält durch die Nomadenmetapher eine Begrifflichkeit. Karl Schlögel zufolge steht der moderne Nomade für Migration, also sowohl für freiwillige, aber auch erzwungene Ortsveränderung:48 „Die neue Welt bringt den Bewohner hervor, der ihr angemessen und vielleicht sogar gewachsen ist. Das ist die Stunde der Nomaden. Ohne sie wären wir verloren.“49 Holm Friebe und Sascha Lobo setzten die Nomadenmetapher in WIR NENNEN ES ARBEIT. DIE DIGITALE BOHÈME ODER INTELLIGENTES LEBEN JENSEITS DER FESTANSTELLUNG mit der Entstehung einer digitalen Bohème gleich, die innerhalb einer informellen Gruppenstruktur selbstbestimmt lebt und arbeitet. Diese Lebens- und Arbeitsweise lasse sich im Gegensatz zur abhängig beschäftigten Bourgeoisie schlecht mit einem festen Arbeitsvertrag vereinen.50 Heiner Hastedt definiert die Umherziehenden in seinem Buch MODERNE NOMADEN ganz allgemein als „Ortswechsler, die auf der Suche nach Arbeit und Wohlstand ihren angestammten Wohnort verlassen.“51 Wolfgang Bonß und Sven Kesselring differenzieren den Begriff und sehen eine Weiterentwicklung der Arbeitsmigranten der Ersten Moderne zu den digitalen Nomaden der Zweiten Moderne. Beiden immanent sei aber die Loslösung von Attributen wie definierter Örtlichkeit, Heimatgefühl sowie Ortsverbundenheit.52 Die zu untersuchende Nomadenmetapher liegt jedoch nicht in solch einem Stufenmodell begründet, sondern lässt sich als eine Mischung von vielen Modellen zu einem großen Gesamtbild verstehen.

Etwas ausführlicher soll hier eine Auswahl interessanter Verwendungen der Nomadenmetapher bei Marshall McLuhan, Jaques Attali, Vilém Flusser, Zygmunt Bauman sowie Richard Sennett vorgestellt werden.53 Zum Abschluss wird kurz das Bildnis des Wanderers von Béla Balázs beschrieben, das zwar schon in den 1920er Jahren entstand, dennoch ausgezeichnet zum gegenwärtigen Gebrauch der Metapher und zu den zuvor beschriebenen Bildnissen passt.

Marshall McLuhan ist vermutlich der erste Theoretiker, der die Metapher des modernen Nomadentums für ein urbanes Phänomen anwendet. Er prognostiziert bereits in den 1960er und 1970er Jahren die Entwicklung des Arbeitnehmers zu einem mobilen, permanent weltreisenden Menschen.54 Auch das berühmte Bildnis des globalen Dorfes, in das sich die Gesellschaft durch die modernen Kommunikationsmittel verwandle, sei für den Menschen der Zukunft von großer Bedeutung, denn er „wird ein beschleunigter, elektronischer Nomade sein - überall unterwegs im globalen Dorf, aber nirgends zu Hause.“55

Jaques Attali sieht in den 1980er Jahren hingegen die Gefahr einer Gesellschaftsspaltung aufkommen. Er befürchtet die Herausbildung einer Hierarchie des Wissens in drei Klassen bezogen auf die physische und virtuelle Mobilität. Der ersten, kleineren Klasse gehören demzufolge die hoch mobilen und erfolgreichen „Angeschlossenen“ an. Er nennt sie auch die „Hypernomaden“, weil sie überlegen und unabhängig seien und die Möglichkeiten besäßen, um die Welt zu reisen. Die zweite und größte Klasse bilden die Arbeitskräfte als „virtuelle Nomaden“ oder „Eingeschlossene“, deren (ausschließlich virtuelle) Bewegung kontrolliert würde. In Attalis Typenlehre wird die Mobilität zum höchsten Wert erklärt und die Sesshaften der untersten Klasse zugeordnet. Sie seien die „Infranomaden“ oder die „Ausgeschlossenen“, die weder virtuell noch physisch nennenswert beweglich seien.56

Vilém Flusser bezeichnet sich selbst als lebenslangen Flüchtling und Migrant, wenn er schreibt:

Wir, die ungezählten Millionen von Migranten (seien wir Fremdarbeiter, Vertriebene, Flüchtlinge oder von Seminar zu Seminar pendelnde Intellektuelle) erkennen uns […] nicht als Außenseiter, sondern als Vorposten der Zukunft.57

Mit der Behauptung „Allerorten beginnt man, sich über Nomaden den Kopf zu zerbrechen”58, beginnt er seinen Artikel von 1992, der den Titel NOMADEN trägt und verdeutlicht, dass die Metapher des modernen Nomadentums wenig mit den traditionell umherziehenden Völkern, wie den Beduinen oder Mongolen, gemein hat. Vor allem das „kopflose Hin- und Herrennen […] nach verschiedenen Rhythmen, die einander überlagern“ entspräche nicht dem Wanderrhythmus der traditionellen Nomaden. Flusser hält den Vergleich mit Flöhen, „die auf der Erdoberfläche herumspringen” oder einem Ameisenhaufen, „der von einem transzendenten Fuß aufgeschreckt wurde”59 für deutlich passender. Trotzdem sei das moderne Nomadentum historisch begründet:

Die Gattung Mensch in all ihren Spielarten ist eine nomadisierende, jagende und sammelnde Säugetiergattung, die sich von den übrigen Gattungen durch das Benutzen von Werkzeugen unterscheidet.60

Flusser zufolge reagierte der Mensch auf die ökologische Katastrophe vor 10.000 Jahren, in der das Klima plötzlich wärmer wurde und die Steppen sich in Wälder verwandelten, nur aus Überlebensgründen. Er entwickelte sich vom Jäger und Sammler zum Landwirt und Viehzüchter und wurde sesshaft.61 Diese Phase stellt für Flusser jedoch lediglich „eine zehntausend Jahre währende Unterbrechung des Nomadentums” dar.62 In der Gegenwart verwandeln sich die agrarisch nutzbaren Felder in immaterielle, zum Beispiel elektromagnetische Felder. Diese Veränderung zwinge den Menschen zum Wechsel in eine neue, abermals nomadische Lebensform.

[...]


1 Vgl. Klormann, Sybille (2011): Pendler in Deutschland: Stress wie im Kampfeinsatz. In: ARD-Themenwoche 2011 (Website). URL: http://web.ard.de/themenwoche_2011/?p=106, letzter Zugriff: 05.07.2011. o.S.

2 Vgl. Wieke 2000, 91f

3 Albers, Markus (2009): Digitale Nomaden: Wenn die Grenze zwischen Arbeit und Heim verschwindet. Juni 2009. In: markusalbers.com (Website). URL: http://www.markusalbers.com/artikel/weitere/detecon-management-report--digitale- nomaden/, letzter Zugriff: 18.07.2011. o.S. [Hervorhebung im Original]

4 Es wird hier zwischen Teleheimarbeit, alternierende Telearbeit sowie mobile Telearbeit differenziert. Vgl. Bundesagentur für Arbeit. Regionaldirektion Sachsen (Ed.): Was ist Telearbeit? Mai 2010. In: Telearbeit (Website). URL: http://www.arbeitsagentur.de/Dienststellen/RD-S/RD- S/Regionalinformationen/pdf/Telearbeit.pdf, letzter Zugriff: 05.07.2011. o.S.

5 Hastedt 2009, 11

6 Vgl. Holert/Terkessidis 2006, 93

7 Eine Woche lang, vom 22. Bis 29. Mai 2011, beschäftigte sich die gesamte ARD in Fernsehen, Radio, Internet und Videotext in mehr als 900 Fernsehsendungen und rund 1200 Hörfunkbeiträgen mit mobilem Leben in all seinen Facetten. Zum Abschluss der Woche diskustierte Anne Will in ihrer Talkshow unter dem Thema: “Moderne Job-Nomaden - mobil, heimatlos, ausgebrannt?“ mit ihren Gästen dem vielreisenden Unternehmer Ernst Prost, der Putzfrau und Betriebsrätin Susanne Neumann, dem Blogger und Autor Sascha Lobo, dem Weihbischof Hans-Jochen Jaschke sowie dem Publizisten Oswald Metzger. Die ARD-Themenwoche 2011 im Netz: http://web.ard.de/themenwoche_2011/, letzter Zugriff: 05.07.2011. o.S. 7

8 Vgl. [Art.] Nomade. In: Duden online (Website). URL: http://www.duden.de/rechtschreibung/Nomade, letzter Zugriff: 06.07.2011

9 Vgl. Albers, Markus (2009): Digitale Nomaden: Wenn die Grenze zwischen Arbeit und Heim verschwindet. Juni 2009. In: markusalbers.com (Website). URL: http://www.markusalbers.com/artikel/weitere/detecon-management-report--digitale- nomaden/, letzter Zugriff: 18.07.2011. o.S.

10 Vgl. Jostes, Dirk (2011): Mobil und immer bereit? Die Zukunft des Arbeitens. In: ARD-Themenwoche 2011 (Website). URL: http://web.ard.de/themenwoche_2011/?p=2046, letzter Zugriff: 18.06.2011. o.S.

11 Gleich 1998, 81f

12 McLuhan/Powers 1995, 121

13 Vgl. Shivelbusch 1989, 158ff

14 Vgl. ebd., 79

15 Vgl. Rötzer 1998, 65

16 McLuhan/Powers 1995, 34

17 Mersch 2006, 18ff

18 Robert M. Pirsig zitiert nach Bocconi 2007, 130

19 McLuhan betrachtet das Interface nicht als Schnittstelle sondern vielmehr als Nahtstelle oder Zwischenstelle. Vgl. McLuhan/Powers 1995, 26

20 Vgl. [Art.] Medium. In: Duden online (Website). URL: http://www.duden.de/rechtschreibung/Medium_Vermittler_Traeger, letzter Zugriff: 12.07.2011

21 Vgl. Bexte 2002, 18ff. Betroffen von der Materialität der Kabel ist beispielsweise die Frequenz bei der Übertragung der menschlichen Stimme. Vgl. Kapitel 4.2.3

22 Gleich 1998, 52 [Hervorhebung im Original]

23 Virilio 1998, 138

24 Vgl. [Art.] Mobilität. In: Duden online (Website). URL: http://www.duden.de/rechtschreibung/Mobilitaet, letzter Zugriff: 06.07.2011

25 In der “traditionellen Gesellschaft“, also bis ins 18. Jahrhundert, wurden Bewegungen jedoch kaum als Mobilität wahrgenommen, sie war kein Wert an sich, kein Ziel, sondern wurde von außen auferlegt. Vgl. Bonß/Kesselring 2001, 178

26 Der Begriff wurde von Vere Gordon Childe geprägt. Er bezeichnet eine Epoche, die sich durch die Aufgabe des nomadischen Lebensstils (des Jäger- und Sammlertums) sowie die Schaffung fester Siedlungen kennzeichnet und ist zwischen 9000 und 5.500 v.Chr. zu datieren.Vgl. [Art.] Die Neolithische Revolution 9.000 v.Chr. - 5.500 v.Chr. In: wissen.de (Website). URL: http://www.wissen.de/wde/generator/wissen/ressorts/geschichte/epochen/Vor- ~20und~20Fr~C3~BChgeschichte/index,page=2450320.html, letzter Zugriff: 06.07.2011. o.S.

27 Gleich 1998, 11

28 Vgl. Englisch 2001, 37

29 Im Frühjahr 2000 betonten die Bildungsminister der Mitgliedstaaten des G8 (USA, Frankreich, Deutschland, Japan, Italien, Kanada, Vereinigtes Königreich und Russland) in Okinawa, wie wichtig internationale Erfahrung für jeden Einzelnen ist. Am Beispiel des Erfolgs des Erasmus- Programms setzte sich der G8 das Ziel, in den nächsten zehn Jahren doppelt so viel Lehrenden, Studierenden, Forschern und Mitgliedern des im Bildungssektor tätigen Verwaltungspersonals wie bisher einen Auslandsaufenthalt zu ermöglichen. Vgl. Europäische Kommission (Ed.): Europa in Bewegung: Ein Europäischer Mobilitätspass. Mai 2010. In: europa.eu (Website). URL: http://ec.europa.eu/publications/booklets/move/29/txt_de.pdf, letzter Zugriff: 06.07.2011. o.S.

30 31 Länder beteiligen sich derzeit an den Gemeinschaftsprogrammen JUGEND, Sokrates, Leonardo da Vinci und den Marie-Curie-Stipendien. Vgl. Europäische Kommission (Ed.): Europa in Bewegung: Ein Europäischer Mobilitätspass. Mai 2010. In: europa.eu (Website). URL: http://ec.europa.eu/publications/booklets/move/29/txt_de.pdf, letzter Zugriff: 06.07.2011. o.S.

31 Vgl. [Art.] Flexibilität. In: Duden online (Website). URL:

32 Vgl. Bröckling/Krasmann/Lemke 2004, 82

33 Sennett 1999, 79f

34 Ravenstein zitiert nach Schlögel 2006, 40f. Es sei an dieser Stelle angemerkt, dass der Begriff „Migration“ von Schlögel als „die große und kleine Ortsveränderung, die Tag für Tag, Jahr für Jahr stattfindet“ definiert wird. Er hat in seinem Werk die gleiche Bedeutung wie der der Mobilität.

35 Einige Beispiele der Stellenanzeigen, die nach mobilen Mitarbeitern suchen sowie Mobilität versprechen, befinden sich im Anhang.

36 Gleich 1998, 7

37 Bröckling/Krasmann/Lemke 2004, 307ff

38 Vgl. Rosa 2005, 176f

39 Vgl. Bonß/Kesselring 2001, 180f

40 Vgl. Boomers 2004, 52

41 Vgl. Holert/Terkessidis 2006, 259

42 Vgl. Bonß/Kesselring 2001, 177

43 Dieses Gegensatzpaar findet in der Mobilitätspyramide 2010 Anwendung. Sie ist in Ihrer Darstellung an die bekannte Ernährungspyramide der Deutschen Gesellschaft für Ernährung angelehnt und stellt den ersten wissenschaftlichen Vorschlag für eine anzustrebende Verteilung der verschiedenen Mobilitätsformen im Alltag dar. Vgl. Klormann, Sybille (2011): Mobilitätspyramide 2010: Kein “weiter so”! In: ARD-Themenwoche 2011 (Website). URL: http://web.ard.de/themenwoche_2011/?p=16, letzter Zugriff: 06.07.2011. o.S.

44 Vgl. Ifmo 2004, 8 sowie 57ff

45 Ifmo 2004, 57

46 Vgl. Boomers 2004, 19

47 Magerl/Babisi/Stenzel (1999): Die fantastischen Vier. In: Zeit online (Website). URL: http://www.zeit.de/1999/49/199949.entscheiden_noma.xml, letzter Zugriff: 11.07.2011. o.S.

48 Vgl. Schlögel 2006, 25

49 Ebd., 119

50 Vgl. Friebe/Lobo 2006, 15ff

51 Hastedt 2009, 15

52 Vgl. Bonß/Kesselring, 2001, 189

53 Dies geschieht in chronologischer Abfolge des Erscheinungsjahres der jeweiligen Literatur.

54 Vgl. Albers, Markus (2009): Digitale Nomaden: Wenn die Grenze zwischen Arbeit und Heim verschwindet. Juni 2009. In: markusalbers.com (Website). URL: http://www.markusalbers.com/artikel/weitere/detecon-management-report--digitale- nomaden/, letzter Zugriff: 18.07.2011. o.S.

55 McLuhan zitiert nach Englisch 2001, 9

56 Vgl. Englisch 2001, 11 sowie Holert, Tom (2000): Genius Loci. New Economy, Flüchtlingspolitik und die neue Geographie der „Intelligenz“. 11.05.2000. In: heise online (Website). URL: http://www.heise.de/tp/artikel/8/8132/1.html, letzter Zugriff: 18.07.2011. o.S.

57 Flusser zitiert nach Schlögel 2006, 106

58 Flusser 1992, 70

59 Ebd.

60 Ebd., 70

61 Dies beschreibt sich in der neolithischen Revolution. Vgl. Kapitel 1

62 Flusser 1992, 70

Ende der Leseprobe aus 83 Seiten

Details

Titel
Reisesucht: Die Zukunft des Reisens in Zeiten virtueller Mobilität
Hochschule
Universität Potsdam  (Künste und Medien)
Veranstaltung
Europäische Medienwissenschaft
Note
1,2
Autor
Jahr
2011
Seiten
83
Katalognummer
V196100
ISBN (eBook)
9783656234739
ISBN (Buch)
9783656235149
Dateigröße
729 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Reisen, Reisesucht, Medien, Nomaden, Geschwindigkeit, Zukunft der Arbeit, Mobilität, Nomadentum, Sesshaftigkeit, Beschleunigung, Virilio, Rausch, prekäre Arbeitsverhältnisse
Arbeit zitieren
Elisabeth Mandl (Autor), 2011, Reisesucht: Die Zukunft des Reisens in Zeiten virtueller Mobilität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/196100

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