Sie reisen in den modernsten Verkehrsmitteln um die Welt: heute Frankfurt, morgen New York, übermorgen Shanghai und am Wochenende wieder zurück. Immer mit dabei sind Kommunikationsmittel wie Laptop und Smartphone, um Präsenz und Mobilität auf allen Ebenen zu garantieren. Sie sind die modernen Nomaden im Rausch der Mobilität.
In der Arbeit wird ein Umriss des Nomadischen in seinen vielfältigen Facetten gezeichnet, um den flüchtigen Eindruck eines Begriffs zu schärfen, der sich jeder Definition entzieht. Dies gelingt durch Gegensatzpaare und somit der Abgrenzung vom Außen, vom Sesshaften.
Danach wird die Beziehung der dem Nomaden immanenten Mobilitätssysteme zueinander analysiert, also der Zusammenhang zwischen Verkehr und Kommunikation. Die grundlegende Fragestellung ist dabei, warum der moderne Nomade weiterhin physisch mobil bleibt und sich nicht mit seinem Rechner auf der heimischen Couch ins Virtuelle zurückzieht. Was führt dazu, dass sich die Reisesucht nicht ersetzen lässt? Als das ausbleibende Moment des Virtuellen werden die Spaltung des Raums und des Körpers, vor allem aber die Haptik und die Aura, die Einmaligkeit voraussetzt, herausgearbeitet.
Der virtuelle Raum stellt eine Erweiterung, ein Medium des physischen dar. Der Unersetzbarkeit der physischen Mobilität wird die These vom menschlichen Bedürfnis nach Medienlosigkeit zugrundegelegt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Grundlagen
2.1 Reisen als mediale Struktur
2.2 Ein Umriss des Mobilitätsbegriffs
2.3 Die Nomadenmetapher in der Literatur
3 Das Nomadische und das Sesshafte
3.1 Offener Raum – Fester Standpunkt
3.1.1 Raum
3.1.2 Zeit
3.1.3 Bewegung
3.2 Mobiler Jobber – Berufener Produzent
3.3 Horizontales Rhizom – Vertikale Hierarchie
3.4 Erfahren - Besitzen
3.5 Offene Behausung – Abtrennende Wände
3.6 Heimatlosigkeit – Verwurzelung
3.7 Zwischenfazit: Nicht-Identität - Identität
4 Das Physische und das Virtuelle
4.1 „Die Mobilität ist tot, es lebe die Telekommunikation!“
4.1.1 Die Substitutionsthese
4.1.1.1 Virilios Rasender Stillstand
4.1.1.2 Rötzers Telepolis
4.1.2 Die Komplementaritätsthese
4.2 Physischer Raum – Virtueller Raum
4.2.1 Einfacher Raum – Spaltung in mehrere Räume
4.2.2 Körper – Körperlos
4.2.3 Aura des Originals – Reproduktion
4.3 Nomadischer Mobilitätsrausch – Rasender Stillstand
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das moderne Nomadentum als urbane Arbeits- und Lebensform, um die Beziehung zwischen physischer und virtueller Mobilität zu analysieren. Dabei wird der Frage nachgegangen, warum physische Mobilität trotz technischer Möglichkeiten der Telekommunikation nicht substituiert wird und worin das ausbleibende Moment der virtuellen Welt besteht.
- Analyse des Nomadismus-Begriffs in Literatur und Theorie.
- Gegenüberstellung von nomadischen und sesshaften Lebensstrukturen.
- Untersuchung der Wechselwirkung von physischem Verkehr und virtueller Kommunikation.
- Herausarbeitung der Bedeutung von Haptik, Körperlichkeit und Aura für das menschliche Erleben.
Auszug aus dem Buch
4.2.3 Aura des Originals – Reproduktion
Der virtuellen Annäherung an die Fremde fehlt etwas, das Béla Balázs schon in den 1920er Jahren erkannte und als Gefühl des Weit-Seins bezeichnet. Das Weit-Sein stellt einen Grund der Nicht-Ersetzbarkeit der physischen Mobilität dar, es beschreibt das Gefühl der eigenen Ferne. Denn setzt man voraus, dass das Fremde erst in der Nähe fern wirkt, kann dieser Moment der Fremde oder des eigenen Fremdseins bei virtueller Annäherung nicht erreicht werden. Hier wird deutlich, dass sich wie bereits in Kapitel 3.6 vermutet wurde diese sogenannten Nicht-Orte doch nicht nur auf ihre Funktion reduzieren lassen, sonst könnte der Wocheneinkauf einfach online bestellt und nach Hause geliefert werden.
Warum fährt man dann noch in den Supermarkt, wenn man doch eigentlich nur seine durchaus auch virtualisierbare Funktion benötigt? Warum gehen die Menschen zu einem Konzert, statt es sich auf einer DVD anzuschauen, warum ins Fußballstadion statt das Spiel im Fernsehen zu erleben? Der Mensch schätzt die Atmosphäre, die Haptik des physischen Erlebens, bei dem alle menschlichen Sinne zum Einsatz kommen. Die Lebensmittel im Supermarkt betasten und an ihnen riechen zu können, kann durch einen Datensatz nicht ersetzt werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Metapher der "Modernen Nomaden" ein und stellt die zentrale Fragestellung zur Unersetzbarkeit physischer Mobilität vor.
2 Grundlagen: Es werden die theoretischen Voraussetzungen durch Begriffe wie Mobilität, Reisen als mediale Struktur und die historische Verortung der Nomadenmetapher geschaffen.
3 Das Nomadische und das Sesshafte: Anhand von Gegensatzpaaren wie Raum, Zeit, Arbeit und Behausung wird das Nomadische vom Sesshaften abgegrenzt.
4 Das Physische und das Virtuelle: Dieses Kapitel analysiert das innere Verhältnis von Verkehr und Telekommunikation und widerlegt die Substitutionsthese zugunsten der Komplementarität.
5 Fazit: Das Fazit fasst die Erkenntnisse zusammen und betont die These, dass dem Menschen ein unstillbares Bedürfnis nach einer nicht-medialen, physischen Realität innewohnt.
Schlüsselwörter
Moderne Nomaden, Mobilität, Telearbeit, Virtueller Raum, Physische Präsenz, Raum-Zeit-Spaltung, Nomadenmetapher, Sesshaftigkeit, Telekommunikation, Aura, Haptik, Medienlosigkeit, Identität, Nomadismus, Transiträume
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser B.A.-Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Phänomen der "modernen Nomaden" in der heutigen Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft und deren spezifische Arbeits- und Lebensweise.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Schwerpunkte liegen auf der Abgrenzung nomadischer vs. sesshafter Lebensweisen sowie der Analyse der Beziehung zwischen physischer Reise und virtueller Kommunikation.
Was ist die primäre Forschungsfrage der Autorin?
Die Arbeit fragt, warum moderne Nomaden weiterhin physisch mobil bleiben und sich nicht rein ins Virtuelle zurückziehen, obwohl dies technisch möglich wäre.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin nutzt vorwiegend die Methode der Abgrenzung durch Gegensatzpaare, um die schwer greifbare Metapher des Nomadischen zu strukturieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Abgrenzung des Nomadischen vom Sesshaften (Raum, Zeit, Arbeit, Heimat) und eine Untersuchung des Verhältnisses von physischem und virtuellem Raum.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Mobilität, Medienlosigkeit, Aura, Rhizom und die Unterscheidung von physischer und virtueller Existenz.
Warum wird der Begriff "Reisesucht" im Titel verwendet?
Der Begriff zielt auf das scheinbar unauslöschliche Bedürfnis nach physischer Mobilität ab, das virtuell nicht simuliert werden kann.
Welche Bedeutung hat das "ausbleibende Moment" für das Fazit?
Das "ausbleibende Moment" (wie Haptik oder Aura) ist der entscheidende Grund, warum die physische Realität durch Medien nicht vollständig ersetzt werden kann.
- Citation du texte
- Elisabeth Mandl (Auteur), 2011, Reisesucht: Die Zukunft des Reisens in Zeiten virtueller Mobilität, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/196100