Eine Gender-Perspektive auf den medialen Diskurs der Libyen-Intervention im Frühjahr 2011

Bilder von Frauen und Männern


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

26 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theorie und Methoden
2.1 Theorieteil
2.2 Methodenteil

3. Durchführung
3.1 Die Bedeutung von Frauen und ihren Darstellungen für die Legitimation der Intervention
3.2 Die Bilder von Frauen und Männern im Kontext der Intervention
3.3 Die Problematik der Darstellungen von Männern und Frauen

4. Résumé

5. Quellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Armed rebels react to government warplanes flying over Ras La- nuf (Hicks 07.03.2011)

Abbildung 2: Rebels fired a Katyusha rocket against government soldiers (Hicks 09.03.2011a)

Abbildung 3: A man comforted his daughter before putting her on a ship to Tu- nisia (Bensemra 26.02.2011)

Abbildung 4: Eman al-Obeidy burst into a Tripoli hotel on Saturday to tell jour- - nalists that she had been raped by Qaddafi militiamen. She was taken away by Libyan officials (Hicks 09.03.2011b)

1. Einleitung

Zu Beginn des Jahres 2011 bricht der Arabische Frühling auch in Libyen an. Große Tei- le der Bevölkerung gehen gegen das Jahrzehnte währende Regime ihres Machthabers Gaddafi auf die Straße. In Reaktion auf ein hartes Vorgehen gegen die Demonstranten formieren sich Rebellionen gegen die übermächtigen Regierungstruppen. Medienbe- richten zufolge fordern sie unter anderem Presse- und Meinungsfreiheit sowie eine staatliche Verfassung (vgl. Gehlen 02.03.2011: 1). In der internationalen Öffentlichkeit lösen die Ereignisse eine Debatte über ein militärisches Engagement in der Region aus: Soll man die Rebellen unterstützen? In welchem Grad ist die einheimische Bevölkerung betroffen? Wie kann ein militärischer Einsatz gerechtfertigt werden? (vgl. Merkel 22.03.2011: 1)

Fragen nach der Legitimation humanitärer Interventionen gehören zu den Kernthemen der Internationalen Beziehungen. In der wissenschaftlichen Debatte zu diesem Themen- komplex wird zunehmend versucht, die Bedeutung von Frauen hervorzuheben (Sheperd 2006). Wie Sjoberg und Piet zeigen, kann beispielsweise ihre Schutzbedürftigkeit ein wichtiges Argument zur Rechtfertigung von Kriegen darstellen: „[...] women‘s need for protection justifies wars generally and individuals fighting in them specifically“ (2011: 173).

In jüngsten Beiträgen rücken vor allem die Rolle visueller Abbildungen in den Vordergrund der Analysen (Heck & Schlag 2012). Wenn man beispielsweise unter dem 2010 erschienen TIME-Magazin-Titel What happens if we leave Afghanistan das Bild einer jungen afghanischen Frau sieht, deren Nase und Ohren abgeschnitten wurden, drängen sich Fragen auf: Wie sind solche Darstellungen zu bewerten? Was bedeuten sie für den öffentlichen Diskurs über militärische Interventionen? Welchen Einfluss haben sie auf die Legitimation von politischem Handeln (vgl. ebd. 2012: 4ff)?

Wie verschiedene Autorinnen zeigen (Sheperd 2006; Heck & Schlag 2012; Sjoberg & Peet 2011), können Frauen und die Art und Weise, wie sie in den Medien dargestellt werden, für die Begründung militärischer Interventionen eine bedeutende Rolle spielen. Die Tatsache, dass dem Schicksal von Frauen im politischen Diskurs Aufmerksamkeit geschenkt wird und daraus offenbar politische Handlungsanweisungen abgleitet werden, ist einerseits als begrüßenswert zu erachten. Andererseits können ihre Darstellungen auf Bildern auch problematisch sein, wenn sie beispielsweise zur Stereotypisierung von Frauen beitragen. In diesem Fall müssen sie kritisch hinterfragt werden. Die vorliegende Arbeit knüpft an diesen janusköpfigen Befund an, indem sie Ansätze des Postmodernen Feminismus auf den Diskurs über die Libyen-Intervention im Frühjahr 2011 anwendet. Nachdem zunächst auf das theoretische und methodische Gerüst der Arbeit eingegangen wird, gliedert sich die Durchführung in drei Teilabschnitte:

Im ersten Abschnitt soll anhand verschiedener Quellen gezeigt werden, dass Frauen und ihre Darstellung auf Bildern für die Legitimation der Intervention in Libyen von Bedeutung waren. Anschließend wird an empirischen Beispielen untersucht, wie liby sche Frauen und M ä nnern in den Medien abgebildet wurden. Im dritten Abschnitt wird erörtert, inwiefern die Befundeüber die Darstellungen von Frauen und M ä nnern im Kontext der Libyen-Intervention problematisiert werden müssen. Zuletzt werden die Ergebnisse der Arbeit in einem Résumé zusammengefasst.

2. Theorie und Methode

2.1 Theorieteil

Internationale Beziehungen aus Sicht einer Gender-Perspektive

Die drei genannten Arbeitsschritte der Durchführung entspringen den theoretischen Ü- berlegungen des Postmodernen Feminismus. Aus der Perspektive dieser Theorie werden bestimmte Ausschnitte der Realität besonders betont. Um dies nachzuvollziehen, soll im Folgenden auf die Grundlagen des theoretischen Gerüsts eingegangen werden. Um den Ansatz darüber hinaus transparenter zu machen, soll gezeigt werden, inwiefern er sich von anderen theoretischen Perspektiven der Internationalen Beziehungen unterscheidet. Im Postmodernen Feminismus wird die soziale Konstruktion der Kategorie des Ge- schlechts betont. Um dies deutlich zu machen, wird zwischen den Begriffen sex und gender unterschieden: „[...] sex bezeichnet demzufolge das biologische Körperge- schlecht, während gender auf die soziale Konstruktion von Geschlechtsidentität refe- riert“ (Hervorhebungen im Text; Lochner 2000: 343). Im Mittelpunkt der Analyse stehen Fragen darüber, wie die Wahrnehmungen von Geschlechtern sozial konstruiert werden und welche Auswirkungen diese Konstruktionen auf die Gesellschaft haben (vgl. Krell 2004: 319f). Durch die Betonung der Gemeinsamkeiten zwischen den Geschlechtern und der Unterschiede innerhalb eines Geschlechts wird die sozial konstruierte Kategorie des Geschlechts als gesellschaftliches Unterscheidungsmerkmal in Frage gestellt. Das normative Ziel des Ansatzes ist die Offenlegung der Bedeutung der Kategorie des Geschlechts in allen Lebensbereichen (vgl. Lochner 2000: 332).

Wenn man diese Überlegungen auf die Internationalen Beziehungen überträgt, wird untersucht, was für eine Bedeutung die soziale Konstruktion von Geschlechtern auf der internationalen Ebene hat. Dabei wird unter anderem nach der Repräsentation von Frau- en in internationalen Organisationen oder der Rechtfertigung humanitärer Interventio- nen durch den Verweis auf das Schicksal von Frauen in dem betroffenen Land gefragt (Sheperd 2006).

Der erste Abschnitt der Durchführung greift diesen Problemkomplex auf: Es wird diskutiert, inwiefern Frauen und ihre die Darstellung eine Rolle für die Legitimation des Libyen-Einsatzes gespielt haben könnte.

Der zweite Abschnitt bezieht sich auf die Prämisse, dass die Kategorie des Geschlechts sozial konstruiert ist: Es wird angenommen, dass die Möglichkeit, sich in der Diskussi- onen über die Legitimation des Libyen-Einsatzes auf Frauen zu beziehen, durch einen bestimmten sozialen Konsens über deren Zustand bedingt ist. Wenn man beispielsweise eine Intervention aufgrund des Schicksals von Frauen in Libyen beschließen möchte, dann müssen auch gemeinsame Sichtweisen darauf herrschen, wie dieses Schicksal ge- nau beschaffen ist. Solche Sichtweisen entstehen jedoch nicht im luftleeren Raum, son- dern sind das Ergebnis eines sozialen Prozesses. Dieser Prozess ist in der heutigen Zeit zunehmend von einem medialen Diskurs und den darin vorkommenden Darstellungen von Frauen geprägt. Aus diesem Grund wird erörtert, wie Männer und insbesondere Frauen auf den Bildern dargestellt werden.

Der dritte Abschnitt der Durchführung, in dem die Darstellungen von Frauen problema- tisiert wird, ist auf den kritischen Aspekt des Postmodernen Feminismus zurückzufüh- ren: In den Internationalen Beziehungen stellt der Ansatz eine explizit normativ-eman- zipatorische und herrschaftskritischen Herangehensweise dar. Besonders im Hinblick auf Frauen soll die Ausgrenzung, Benachteiligung und Unterdrückung auf internationaler Ebene offengelegt und überwunden werden (vgl. Krell 2004: 324)

Abgrenzungen und Anknüpfungspunkte

Der Postmoderne Feminismus grenzt sich durch die angeführten Grundannahmen von anderen Ansätzen ab. Im Unterschied zu verwandten Schulen wie dem liberalen und radikalen Feminismus stehen nicht mehr allein die Gleichberechtigung oder Unterschiedlichkeit von Frauen im Mittelpunkt. Es geht vielmehr darum, die Darstellungen von Männern und Frauen kritisch zu hinterfragen und problematische Hierarchien in den Geschlechterverhältnissen aufzudecken (vgl. Lochner 2010: 332).

Darüber hinaus müssen aus dem Blickwinkel der Gender-Perspektive auch traditionelle Annahmen anderer Ansätze der Internationalen Beziehungen reformuliert werden: Mit der Betonung von gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen und ihrer Bedeutung für die internationalen Beziehungen wird beispielsweise die Trennung von Außen- und In- nenpolitik hinfällig. Der Staat, der in anderen Ansätzen als zentrale Untersuchungsein- heit gilt, büßt diese Rolle ein. Darüber hinaus wird auch die Trennung der gesellschaft- lichen Sphären von öffentlich und privat kritisiert. Ein häuslicher Raum, der unabhängig von einem politischen Bereich existiert und als Refugium der Frau konstruiert ist, wird aus feministischer Sicht äußerst kritisch betrachtet (vgl. ebd.: 345ff).

Im Hinblick auf andere theoretische Ansätze ergeben sich hingegen Anknüpfungspunkte. Im Rahmen Diskussion über die Bedeutung sozialer Prozesse für die Legitimation von Einsätzen konnte das Konzept der Securitization eine viel beachtete Debatte in den Internationalen Beziehungen auslösen.

Im Kern des Ansatzes steht eine Erweiterung des Verständnisses von Sicherheit: Sie wird als Ergebnis von Sprechakten definiert und somit nicht länger als ein objektiver Zustand, sondern als dynamischer outcome eines sozialen Prozesses aufgefasst (vgl. Williams 2003: 512f). Dieser Prozess zeichnet sich dadurch aus, dass ein Ereignis als besondere Bedrohung, die zwingenden Handlungsbedarf erzeugt, dargestellt wird:

„As an issue becomes securitized it is ‛presented as an existential threat, requiring emergency measures and justifying actors outside the natural bounds of political procedure“ (Buzan et al. zit. n. Hansen 2011: 53)

Wie Schlag und Heck zeigen, ist das Konzept für die theoretischen Überlegungen des Feminismus anschlussfähig (2012). Auch hier steht der soziale Prozess, in dem Legiti- mation erzeugt wird, im Fokus. Die Konstruktion von Geschlechtern kann dabei als ein Teilaspekt des Prozesses der Securitization gelten. Die Spezifikation, dass dabei ein Er- eignis als eine besondere Bedrohung präsentiert wird, wird in den zweiten Schritt der Arbeit einbezogen: Es wird nicht nur danach gefragt, wie Frauen und Männer darge- stellt werden. Auch der Frage, inwiefern anhand der Bilder externe Bedrohung im Be- zug auf Frauen belegt werden kann, soll besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Die Auffassung von Sicherheit als einen kommunikativen Sprechakt öffnet die Perspek- tive darüber hinaus für die Analyse von Bildern. Ein Bild kann zwar nicht selbst reden. Allerdings lösen die Eindrücke, die es erweckt, bei dem Betrachtern Botschaften aus, die versprachlicht und dadurch wirksam werden. Somit können Bilder als Teil des kommunikativen Prozesses der Securitization in das Konzept miteinbezogen werden (vgl. Williams 2003: 513).

2.2 Methode

Im Folgenden sollen Gründe dafür angeführt werden, warum in der Arbeit Bilder von Männern und Frauen analysiert werden. Anschließend wird darauf eingegangen, wie die empirischen Beispiele ausgewählt und mit welcher Methode sie in der Durchführung analysiert werden.

Auf die Bedeutung von Bildern für die Legitimation von Einsätzen weist bereits die zu- nehmende Aufmerksamkeit der Forschung für dieses Medium hin (vgl. Hansen 2011: 51). Schlag und Heck sprechen gar von einem „recent turn to aesthetics and visuality“ (2012: 2).

Einerseits spiegeln solche Aussagen vor allem eine ausgeprägte wissenschaftliche De- batte auf diesem Feld wider. Andererseits berücksichtigen sie den Fortschritt technolo- gischer Entwicklungen. So werden Bilder heute durch ein fast überall zugängliches In- ternet oder Handykameras global und nahezu ohne Zeitverzögerung verbreitet und kon- sumiert. Schockierende Szenen wie diejenigen aus Abu Ghraib oder Echtzeitübertra- gungen von 9/11, auf denen sich Menschen aus den Türmen des World-Trade-Centers in die Tiefe stürzen, haben einen enormen Einfluss auf politische Debatten gehabt (vgl. Hansen 2011: 52).

Darüber hinaus sind Bilder wegen ihrer besonderen Eigenschaften im Vergleich zum ‚klassischen‘ Datenmaterial des Textes für eine wissenschaftliche Analyse interessant. Zum einen wirken sie auf den Betrachter unmittelbarer als Text, da sie im Vergleich zu ihm sehr viel schneller und mit weniger kognitiven Aufwand verarbeitet werden. Zum anderen lösen Bilder wie das des TIME-Covers eine starke emotionale Reaktion aus, der man sich nur schwer entziehen kann. Zuletzt kann man behaupten, dass ein dokumentarisches Foto im Vergleich zu einem Text oft sehr viel authentischer wirkt. Das liegt daran, dass man bei Bildern viel eher davon auszugehen scheint, dass sie die Realität ‚wahrheitsgemäß‘ abbilden (vgl. ebd. 2011: 55f).

Die Auswahl der empirischen Beispiele im zweiten Abschnitt der Durchführung findet unter Rückgriff auf die Online-Plattform der New York Times statt. Sie ist Teil einer der weltweit wichtigsten meinungsbildenden Zeitungen und wird monatlich von 60 Millio- nen Nutzern aufgerufen (vgl. Adams 24.01.2011: 1). Unter dem Titel The Battle for Li- bya stellt sie ein Archiv mit hunderten Fotos von den Geschehnissen in Libyen bereit (vgl. New York Times Online 2011). Es wurde versucht, eine Auswahl typischer Bilder, die inhaltlich stellvertretend für viele andere gelten können, auszuwählen.

Der Analyse der Abbildungen liegt ein Bündel verschiedener Leitfragen zugrunde. Zu- nächst soll erläutert werden, welche Situation zu sehen ist und wie sie in den Kontext den Libyen-Einsatz eingeordnet werden kann. Anschließend werden die abgebildeten Personen beschrieben. Dabei wird auch darauf eingegangen, welche Eindrücke und E- motionen sie erwecken. Wenn Frauen und Männer gemeinsam dargestellt werden, wird darüber hinaus untersucht, wie sie im Verhältnis zueinander auf dem Bild wirken. Im Falle der Fotos von Frauen wird darauf eingegangen, ob sie in der Situation bedroht o- der wie Opfer wahrgenommen werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Eine Gender-Perspektive auf den medialen Diskurs der Libyen-Intervention im Frühjahr 2011
Untertitel
Bilder von Frauen und Männern
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Autor
Jahr
2012
Seiten
26
Katalognummer
V196193
ISBN (eBook)
9783656223054
ISBN (Buch)
9783656223801
Dateigröße
800 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gender, Libyen, Feminismus, Securitization, Bilder, Frauen
Arbeit zitieren
Ferdinand Issels (Autor), 2012, Eine Gender-Perspektive auf den medialen Diskurs der Libyen-Intervention im Frühjahr 2011, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/196193

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