1. Einleitung
Mit dem Fahrrad geht’s zum Bioladen. Der vegetarische Einkauf wird im Stoffbeutel verpackt, die am Tresen ausliegende Petition gegen die Abholzung der Lindenallee unterschrieben. Strom wird aus regenerativen Energiequellen bezogen und der Wasserverbrauch so gut als möglich reguliert – oder das Ganze auch nicht.
Umweltschonende Verhaltensweisen zeigen sich mannigfaltig und werden mit unterschiedlicher Beliebtheit umgesetzt. Die Freiheit der Entscheidung für oder entgegen umweltschonende Verhaltensweisen macht ein grünes Leben zur individuellen Geschmacksfrage.
Doch spätestens mit dem Blick über die Landesgrenze offenbaren sich Differenzen des Umgangs mit der ökologischen Umwelt, die aus einer kulturell deutsch geprägten Identität längst als selbstverständlich erscheinen. Fehlende Wasseraufbereitung, hohe Abgasbelastungen oder eine nicht funktionierende Müllentsorgung erscheinen befremdlich.
Die Konfrontation mit anderen Gesellschaften zeigt auf, dass Umweltbewusstsein weitaus mehr ist als individueller Geschmack. Es erstreckt sich auf gesellschaftliche Werte und stellt eine Orientierungslinie kollektiver Handlungen dar. Die Tatsache, dass diese Entwicklung in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern Unterschiede aufweist, signalisiert somit deren kulturspezifischen Prozesscharakter. Daraus ergibt sich die Frage: Über welche grundlegenden Mechanismen werden weitestgehend einheitliche Wahrnehmungen eines Phänomens hervorgerufen?
Unabhängig der transnationalen Grenzüberschreitung spiegelt sich die kollektive Wertschätzung der Umwelt in deren medialer Präsenz wider. Umwelt ist kein gesellschaftliches Randthema, sondern kontrovers umstritten und steht im Fokus der Aufmerksamkeit. Mediale Inhalte sind für große Teile der Bevölkerung die wesentliche Informationsquelle zu ökologischen Problematiken. Die Kenntnis ökologischer Risiken kann als wichtige Voraussetzung für die Entwicklung eines gesellschaftlichen Umweltbewusstseins betrachtet werden. Weder Massenmedien noch die Rezipienten gestalten sich dabei derart homogen, als dass eindimensionale Wirkungen zu erwarten wären. So ist zu fragen: Welche medialen Faktoren führten zur gesellschaftliche Wahrnehmung der Umwelt als schützenswertes Gut? Welchen Einfluss üben die Massenmedien auf das Umweltbewusstsein aus?
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Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. GRUNDBEGRIFFE
2.1. Natur – Umwelt – Ökologie
2.2. Ökologisches Bewusstsein
2.3. Massenkommunikation und Massenmedien
3. GESCHICHTE DES UMWELTBEWUSSTSEINS IN DEUTSCHLAND
3.1. Historische Formen des Umweltbewusstsein
3.2. Genese des Umweltbewusstseins in Deutschland
4. UMWELT ALS MEDIENTHEMA
5. ENTSTEHUNG DES ÖKOLOGISCHEN RISIKOBEWUSSTSEINS
5.1. Risiko und Katastrophe
5.2. Objektivität und Konstruktion
5.3. Ökologische Risiken aus systemtheoretischer Perspektive
5.4. Ökologische Risiken aus sozialkonstruktivistischer Perspektive
5.5. Massenmedien und Konstruktion
6. RISIKOBEWUSSTSEIN UND MEDIENEFFEKTE
6.1. Systematisierung der Medienforschung
6.2. Eingrenzung der Theorien
6.3. Agenda-Setting-Forschung
6.4. Wissenskluft-Hypothese
6.5. Framing-Analyse
7. ENTSTEHUNGSMECHANISMEN UND MEDIENWIRKUNGEN
8. FAZIT
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die gesellschaftliche Entstehung des ökologischen Bewusstseins in Deutschland mit besonderem Fokus auf den Einfluss der Massenmedien. Dabei wird der Frage nachgegangen, durch welche Mechanismen die Umwelt als schützenswertes Gut in das kollektive Bewusstsein gelangt und wie mediale Berichterstattung diesen Prozess strukturiert und beeinflusst.
- Historische Genese des Umweltbewusstseins in Deutschland
- Rolle der Massenmedien als Akteure in der Wirklichkeitskonstruktion
- Theoretische Perspektiven auf ökologische Risiken (Systemtheorie, Sozialkonstruktivismus)
- Analyse von Medieneffekten (Agenda-Setting, Wissenskluft, Framing)
- Zusammenhang zwischen Medienberichterstattung und politischer/gesellschaftlicher Mobilisierung
Auszug aus dem Buch
5.1. RISIKO UND KATASTROPHE
Ökologische Risiken existieren, seitdem Menschen in ihre natürliche Umgebung eingreifen, diese verändern und bearbeiten. Der Umgang mit ökologischen Risiken war in früheren Gesellschaften genauso Bestandteil der Alltagspraxis, wie er es heute ist (vgl. Beck 2008). Neu daran ist lediglich das Ausmaß in dem ökologische Risiken der Bevölkerung bewusst sind, denn die Handhabung von Risiken verlangt keine entsprechenden Kenntnisse. So existiert umweltgerechtes Verhalten auch ohne Umweltbewusstsein (vgl. Kuckartz 1998: 2).
Dennoch hat sich der Umgang mit ökologischen Risiken von der Neuzeit zur Moderne entschieden gewandelt (vgl. Beck 2008). Die im Prozess der Modernisierung erfolgte Loslösung von Vorstellungen religiöser Vorbestimmung hin zur Wirksamkeit des selbstbestimmten Handelns veränderte auch die Semantik des Risikobegriffes entscheidend. Ulrich Beck bringt dies folgendermaßen zum Ausdruck: „Die Welt ist nicht, wie sie ist, sondern ihr Sein und ihre Zukunft setzen Entscheidungen voraus, Entscheidungen, die Nutzen und Schattenseiten gegeneinander abwägen, die Fortschritt und Verfall miteinander verbinden und, wie alles Menschliche, Irrtum, Nichtwissen, Hybris, Kontrollversprechen und am Ende gar den Keim der möglichen Selbstzerstörung in sich tragen“ (Beck 2008: 20, Herv. i.O.).
Der Freiraum des Handelns wird somit zum entscheidenden Kriterium und wesentlichen Charakteristikum der modernen Handhabung von Risiken. Die Auffassung von Risiken als Verbindung von „Fortschritt und Verfall“ mutet dabei zunächst paradox an. Der scheinbare Widerspruch der Antagonismen löst sich jedoch auf, bei näherer Betrachtung der Entscheidungsräume. Die Abkehr vom Glauben an die Vorherbestimmung ermöglicht es, ökologischen Katastrophen entgegenzusteuern. Ob die Beeinflussung geglückt, ist im Moment des Handelns jedoch ungewiss. Der Versuch der Schadensbegrenzung birgt somit die Möglichkeit einer zweiseitigen Entwicklung: Erfolg oder Niedergang – „Fortschritt oder Verfall“ (vgl. ebd.: 19ff.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Hinführung zur Thematik des ökologischen Bewusstseins und Erläuterung der zentralen Fragestellung bezüglich des Medieneinflusses.
2. GRUNDBEGRIFFE: Klärung und Abgrenzung der Begriffe Natur, Umwelt, Ökologie, ökologisches Bewusstsein sowie Massenkommunikation.
3. GESCHICHTE DES UMWELTBEWUSSTSEINS IN DEUTSCHLAND: Historische Einordnung des Umweltbewusstseins von der industriellen Revolution bis zur modernen ökologischen Phase.
4. UMWELT ALS MEDIENTHEMA: Analyse der quantitativen und qualitativen Entwicklung der medialen Berichterstattung über Umwelt- und Risikothemen.
5. ENTSTEHUNG DES ÖKOLOGISCHEN RISIKOBEWUSSTSEINS: Untersuchung der Risikokonstruktion aus erkenntnistheoretischer, systemtheoretischer und sozialkonstruktivistischer Sicht.
6. RISIKOBEWUSSTSEIN UND MEDIENEFFEKTE: Systematisierung der Wirkungsforschung und Anwendung von Agenda-Setting, Wissenskluft-Hypothese und Framing-Analyse.
7. ENTSTEHUNGSMECHANISMEN UND MEDIENWIRKUNGEN: Zusammenführung der Erkenntnisse über die Rolle der Medien bei der Etablierung des Umweltbewusstseins.
8. FAZIT: Abschließende Bewertung der Bedeutung der Massenmedien für die Entstehung und dauerhafte Etablierung eines ökologischen Bewusstseins in Deutschland.
Schlüsselwörter
ökologisches Bewusstsein, Umweltberichterstattung, Massenmedien, Risikobewusstsein, Wirklichkeitskonstruktion, Sozialkonstruktivismus, Systemtheorie, Agenda-Setting, Wissenskluft-Hypothese, Framing-Analyse, Umweltbewegung, Umweltpolitik, Risikokommunikation, kulturelle Leitvorstellung, gesellschaftliche Identität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie sich das ökologische Bewusstsein in Deutschland entwickelt hat und welche Rolle die Massenmedien dabei spielen, dieses Bewusstsein zu formen und in der Gesellschaft zu verankern.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die Geschichte der deutschen Umweltbewegung, theoretische Ansätze zur Risikowahrnehmung, die mediale Konstruktion von Umweltproblemen sowie spezifische Wirkungsmodelle der Medienforschung.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt nach dem Einfluss der Umweltberichterstattung auf die Entstehung des ökologischen Bewusstseins in Deutschland und untersucht, wie Medien durch ihre Darstellung die Wahrnehmung ökologischer Risiken prägen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf einer umfassenden Literaturanalyse basiert und soziologische sowie kommunikationswissenschaftliche Theorien wie den Sozialkonstruktivismus und verschiedene Medienwirkungsmodelle miteinander verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die historische Entwicklung des Umweltbewusstseins, die Analyse von Risikokonstruktionen (systemtheoretisch/sozialkonstruktivistisch) und die Anwendung von Medienwirkungsmodellen auf die Umweltberichterstattung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Typische Schlüsselbegriffe sind ökologisches Bewusstsein, Massenmedien, Wirklichkeitskonstruktion, Risikobewusstsein, Framing, Agenda-Setting und Wissenskluft-Hypothese.
Welche Rolle spielte der Reaktorunfall von Tschernobyl für das Umweltbewusstsein?
Tschernobyl markierte einen entscheidenden Wendepunkt, der die öffentliche Alarmierung massiv verstärkte, das Risikobewusstsein auf ein neues Niveau hob und zur institutionellen Professionalisierung der Umweltpolitik in Deutschland beitrug.
Wie erklären die Autoren den Unterschied zwischen Risiko und Katastrophe?
Während eine Katastrophe ein bereits eingetretenes, räumlich und zeitlich begrenztes Ereignis ist, stellen Risiken eine Antizipation potenzieller zukünftiger Schäden dar und sind somit stärker durch gesellschaftliche Konstruktion und Kommunikation geprägt.
- Citation du texte
- Bianka Bülow (Auteur), 2010, Gesellschaft, Medien und Umwelt: Der Einfluss der Massenmedien auf die Entstehung des ökologischen Bewusstseins in Deutschland, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/196222