Hermann Bahrs „Kampf“ gegen den Naturalismus – und seine Überwindung.

Eine Betrachtung ausgewählter Essays.


Seminararbeit, 2008

13 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

II. Einleitung

III. Bahrs Kampf gegen den Naturalismus

1. Die Situation der Literatur um 1890
1.1. Deutschland und Österreich
1.2. Frankreich

2. Erste Kritik am Naturalismus
2.1. Henrik Ibsen
2.2. Die Moderne

3. ‚Die Überwindung des Naturalismus‛
3.1. Erneute Kritik am Naturalismus
3.2. Forderungen
3.3. Die Mystik der Nerven

4. Décadence / Symbolismus als Überwindung des Naturalismus

IV. Schluss

V. Literaturverzeichnis

II. Einleitung

„Die Herrschaft des Naturalismus ist vorüber, seine Rolle ist ausgespielt, sein Zauber ist gebrochen.“ 1 So lautet der erste Satz in einem der bekanntesten Essays des gebürtigen Linzers Hermann Bahr. Er zählt, wenn auch heute nicht mehr allzu bekannt, zweifelsohne zu einem der wichtigsten Autoren bzw. Schreiber um die Jahrhundertwende des auslaufenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Wie kaum ein anderer behandelt Bahr, vor allem in seinen Essays, die Rolle der Kunst sowie der Literatur seiner Zeit und spart nicht selten mit Kritik an der Denkweise und den Ansichten des Naturalismus. Man wird in der Geschichte vermutlich kei- nen anderen Autor oder Literaturkritiker finden, der mit solch einem Eifer und einem ständigen Bedürfnis nach Antworten auf der Suche nach etwas Neuem, nach der Moderne war.

Im Folgenden möchte ich nun versuchen, Bahrs ‚Kampf‛ gegen den Naturalismus etwas näher zu erläutern. Dazu dienen vornehmlich einige seiner Essays, in denen er sich, auf verschiedene Art und Weise dargestellt, mit dem, seiner Meinung nach, längst überfälligem Ende des Naturalismus beschäftigt.

Nach einer kurzen Vorstellung der literarischen Welt der damaligen Zeit werden im Einzelnen ‚Henrik Ibsen‛, ‚Die Moderne‛ und ‚Die Überwindung des Naturalismus‛ betrachtet, wobei die Kritikpunkte Bahrs am Naturalismus vorgestellt und seine Forderungen besprochen werden sollen.

Letztendlich will ich aber auch der Frage nachgehen, ob Bahr, nach der von ihm proklamierten Misere der Literatur, auch eine Lösung für die „Neue[n] Schulen (…), welche von den alten Schlagworten nichts mehr wissen wollen“ 2 anbietet. Ist die Überwindung des Naturalismus in der Form der Décadence bzw. des Symbolismus vollzogen, oder hatten viele seiner Kritiker recht, indem sie ihm häufig vorwarfen, nichts Konkretes oder Verwertbares auszusagen und sich lediglich in den Mittelpunkt stellen zu wollen.

Ebenso soll versucht werden kurz Antwort darauf zu geben, ob Bahr mit seinen Ansichten und Ideen einer Moderne Erfolg und damit Einfluss auf das literarische Geschehen in Wien hatte.

III. Bahrs Kampf gegen den Naturalismus

1. Die Situation der Literatur um 1890

1.1 Deutschland und Österreich

Im deutschsprachigen Raum, vor allem in Deutschland und Österreich, waren um 1890 die Schlagworte und Ideen des Naturalismus weit verbreitet. Viele versuchten zu dieser Zeit insbesondere die französische Naturalismusliteratur zu verstehen und in ihrem Stil zu schreiben. Autoren wie zum Beispiel Emile Zola hgalten dabei häufig als erstrebenswerte Vorbilder.

Doch genau hier sah Bahr das Problem des deutschen Naturalismus, denn er sagt, „daß wir in Berlin den Naturalismus der Franzosen von Grund aus mißverstanden hatten. Wir legten ihn uns zu materialistisch aus, wir nahmen ihn beim Wort, wir hörten ihn nicht an, daß er von den Franzosen nur als Reaktion gegen die Roman- tik gemeint was, als Wiederkehr ihrer klassischen Tradition“ 3. Die in Deutschland falsch übernommene Form des Naturalismus war seiner Meinung nach somit zum Scheitern verurteilt.

1.2 Frankreich

Die französische Literatur hingegen bewegte sich mittlerweile immer weiter weg von den Ansichten und Ideen ihres Naturalismus. Zwar wurden noch immer naturalistische Werke verfasst und gelesen, aber es kamen mehr und mehr Autoren wie z. B. Baudelaire hervor, die einen neuen Stil prägten, nämlich den Symbolismus, bzw. die Décadence.

Die Entwicklung der französischen Literatur ist hier deshalb von großem Interes- se, da Bahr sich lange Zeit in Frankreich aufhielt und dort sein zunächst positives Bild vom Naturalismus allmählich zu bröckeln begann und er sich schließlich mit dem Suchen und Finden der Moderne beschäftige. Dabei wurde er stark von der neuen französischen Literatur beeinflusst und leitete viele seiner Gedanken aus den Ideen des französischen Symbolismus, bzw. der Décadence ab.

Auch verwies Bahr in vielen seiner Schriften mit Nachdruck auf das intelligentere Verständnis von Literatur, das er vielen seiner deutschen und österreichischen Zeitgenossen zunächst gar nicht zutrauen wollte.

2. Erste Kritik am Naturalismus

2.1 Henrik Ibsen

Bahr begann schon relativ früh damit, erste Kritik am Naturalismus, bzw. an der gegenwärtigen Situation der Literatur und der Kunst zu äußern. Beleg dafür ist unter anderem sein Essay über Henrik Ibsen von 1887. Bereits am Anfang fasst er seinen Hauptkritikpunkt in einem Satz zusammen, indem er schreibt: „Keine Wis- senschaft in Deutschland ist so völlig unberührt geblieben gerade von den charak- teristischen Aeußerungen des modernen Geistes, so durchaus ausgeschlossen von allen Errungenschaften des vorschreitenden Denkens und unwandelbar festge- schraubt in die einmal überlieferte Weise als die literarische Kritik.“ 4 Zwar spricht Bahr hier erst einmal nur die Literaturkritik an, doch er lässt den Leser im weite- ren Verlauf des Essays auch verstehen, dass er mit der deutschen bzw. deutsch- sprachigen Literatur selbst nicht besonders zufrieden ist.

Bahr sieht, wie nicht wenige seiner Zeitgenossen, in Ibsen eine Art Wegbereiter einer neuen Moderne. Oder zumindest jemanden, der die Tür zu einer neuen Mo- derne ein Stück weiter aufgestoßen zu haben scheint. Denn Bahr beschäftigt sich hauptsächlich mit der Frage: „welche Stellung nimmt er [Ibsen] ein im Zusam- menhange der Weltliteratur, worin führt er die Vergangenheit weiter und welche Aufgabe der Zukunft bereitet er vor“ 5, also was genau es ist, das Ibsen für die Moderne geleistet hat. Diese Leistung besteht nach Bahr darin, dass Ibsen in sei- ner Dichtung nicht länger naturalistische Wirklichkeitsgestaltung betreibt, sondern sich schlichtweg darüber hinwegsetzt. 6 Und dies gelingt ihm zum Teil, indem er sein Werk ‚Brand‛ in der, wie Bahr sie nennt, naturalistischen Problemdichtung ansiedelt. Darunter versteht er eine „Synthese von Naturalismus und Romantik“ 7 und sieht darin eine neue Möglichkeit für Literatur, in der sie sich entfalten kann und auch muss. Es handelt sich dabei um eine Dichtung, „in deren Zentrum ein Gedanke steht, der ‚unaufhaltsam in jede[r] Äußerung‛ verfolgt“ 8 wird und wer- den soll. Die naturalistische Problemdichtung soll, vereinfacht dargestellt, die Vorteile der Romantik, also das Verlangen, „daß nicht die Welt abzuschreiben, sondern ihre Erscheinungen der Ausführung eines Gedanken dienstbar zu machen, ihre Absicht ist“ 9 mit den Vorteilen des Naturalismus verbinden, wobei das Natu- ralistische an dieser Problemdichtung ist, „daß sie keine willkürliche Abweichung von den Gesetzen der Wirklichkeit, keine Vergewaltigung derselben durch die Absichten des Dichters duldet.“ 10 Es kommt darauf an, den „Zwiespalt zwischen modernem Inhalt und romantischer Form zu lösen (…).“ 11 Allerdings kritisiert Bahr die Arbeit Ibsens auch, denn er wirft ihm vor, den letzten Schritt nicht ge- gangen zu sein. Zwar sieht er in ihm eine Art Wegbereiter einer neuen Literatur, doch Ibsen sei viel zu sehr an den Naturalismus gebunden, wodurch es ihm auch nicht gelingt, die erwünschte Synthese von Romantik und Naturalismus zu voll- ziehen. „Wo Ibsen noch über die Psychologie den gesellschaftlichen Konnex bür- gerlicher Zwangsverhältnisse andeutet bzw. dieser sich über die Psychologie er- schließen läßt, verlangt Bahr nach - Sensationen, nach Genuß. So besteht Ibsens Beitrag zur Modernität nach Bahr lediglich in der Andeutung einer künftigen, von ihm für notwendig erachteten Überwindung der (naturalistischen) Gegenwartslite- ratur.“ 12 Ibsen ist für Bahrs Geschmack und seine Vorstellungen von Moderne einfach zu sehr Naturalist geblieben und zu stark vom Naturalismus geprägt.

Daher stellt Bahr am Ende seines Essays auch fest: „bringen wird diese Überwin- dung erst ein Größerer.“ 13 Mann kann nur vorsichtig vermuten, aber Bahr erweckt mit dieser Aussage den Eindruck, als wäre dieser Größere niemand anderes als er selbst.

2.2 Die Moderne

Nur kurze Zeit später beginnt Bahr damit, diese sich selbst gestellte Herausforde- rung anzunehmen. Beeinflusst durch seinen längeren Aufenthalt in Paris von No- vember 1888 bis März 1890 und geprägt von der dort aufkommenden und vorzu- findenden Literatur verfasste er unter anderem 1890 den Essay ‚Die Moderne‛. Zu Beginn scheint es, als beschreibe er eine gewisse Orientierungslosigkeit, in der die Literatur sich gegenwärtig befinde.

[...]


1 Bahr, Hermann: Die Überwindung des Naturalismus. In: Bahr, Hermann: Die Überwindung des Naturalismus (hrsg. von Claus Pias), VDG Verlag, Weimar, 2004, S. 128.

2 Ebd., S. 128.

3 Bahr, Hermann: Selbstbildnis. S. Fischer Verlag, Berlin, 1923, S. 224.

4 Bahr, Hermann: Henrik Ibsen. In: Bahr, Hermann: Zur Kritik der Moderne (hrsg. von Claus Pias), VDG Verlag, Weimar, 2004, S. 70.

5 Ebd., S. 71f..

6 Vgl. Dittrich, Rainer: Die literarische Moderne der Jahrhundertwende im Urteil der österreichischen Kritik. Untersuchungen zu Karl Kraus, Hermann Bahr und Hugo von Hofmannsthal. Verlag Peter Lang GmbH, Frankfurt am Main, 1988, S. 87.

7 Bahr, Hermann: Henrik Ibsen, S. 80.

8 Rieckmann, Jens: Aufbruch in die Moderne. Die Anfänge des Jungen Wien. Österreichische Literatur und Kritik im Fin de Siécle. Athenäum Verlag GmbH, Frankfurt am Main, 2. Auflage, 1986, S. 22.

9 Ebd., S, 80f..

10 Ebd., S. 81.

11 Rieckmann, Jens: Aufbruch in die Moderne, S. 23.

12 Dittrich, Rainer: Die literarische Moderne der Jahrhundertwende im Urteil der österreichischen Kritik, S. 89.

13 Bahr, Hermann: Henrik Ibsen, S. 90.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Hermann Bahrs „Kampf“ gegen den Naturalismus – und seine Überwindung.
Untertitel
Eine Betrachtung ausgewählter Essays.
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
PS Hermann Bahr
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
13
Katalognummer
V196298
ISBN (eBook)
9783656222842
ISBN (Buch)
9783656223887
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
hermann, bahrs, kampf, naturalismus, überwindung, eine, betrachtung, essays
Arbeit zitieren
Michael Brandl (Autor), 2008, Hermann Bahrs „Kampf“ gegen den Naturalismus – und seine Überwindung., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/196298

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