Subkulturelle Bewegungen in Osteuropa und Ihre Auswirkungen auf die Ereignisse von 1988/89


Hausarbeit, 2012
18 Seiten, Note: 2,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Historische Kontextualisierung und Fragestellung

2. Subkulturen in Polen
2.1. Solidarnosc
2.2. Orange Alternative und ihr Einfluss
2.3. MROK und szkola-Zeitschrift

3. Subkulturen in anderen sowjetischen Ländern

4. Konklusion der Fragestellung

Literaturverzeichnis

1. Historische Kontextualisierung und Fragestellung

Die Revolutionen, die in der Sowjetunion im Jahre 1988/89 und auch 1990 noch stattfanden, waren eine Auflehnung gegen den Kommunismus und den Sozialismus wie er zu dieser Zeit in diesen Ländern herrschte. Sie bewiesen, als Fazit des 20. Jahrhunderts, die Unfähigkeit und Probleme des Kommunismus. In Polen, der Deutschen Demokratischen Republik, Bulgarien, Rumänien, der Tschechoslowakischen Republik und den drei Ländern des Baltikums (Estland, Lettland und Litauen) trat die Unabhängigkeit ein, welche auf verschiedene Weisen zustande kam.

Die UdSSR war zu diesem Zeitpunkt, ab Mitte des Jahres 1988, bereits auf dem Weg der Auflösung. Beschrieben wurde dieser Prozess mit dem Wort Perestrojka, was eigentlich Umbau heißt 2, aber auf nationaler Ebene inhaltlich noch eine zusätzliche Bedeutung hatte, da die Reformen und Restrukturierungen dem Land nicht halfen, sondern seinen Zerfall untermauerten. Demnach war jeder Versuch der Veränderung zu großen Teilen ein Eingeständnis darin, dass der Untergang der Sowjetunion nicht mehr abzuwenden war.

Auf dem Höhepunkt des Einflusses der Sowjetunion sah diese sich mit mehreren Krisen konfrontiert, wie zum Beispiel der sogenannten Kuba-Krise, bei der sie schließlich nachgab und des weiteren schließlich auch den Verlust des Vietnamkrieges, der immerhin 11 Jahre dauerte, eingestehen musste. Nachdem auch noch politische Differenzen mit China auftraten 3, welches versuchte in anderen Ländern eine militärische Konkurrenz darzustellen, und der „Prager Frühling“ beendet werden musste, stieß das Land an seine bis dahin vorzeitigen Grenzen, welche schließlich später unter Präsident Gorbacev in der Perestrojka mündeten.

Verschiedene politische und ökonomische Reformen sollten die Sowjetunion vor dem Untergang bewahren, welche mittlerweile 40% der Staatsausgaben in das Militär steckte um den Kalten Krieg aufrecht zu erhalten.. 4

Die Reformen verfehlten aber ihre Ziele. Außerdem scheiterte die Sowjetunion auch an ihrer wirtschaftlich schlechten Lage.

Die langsam daraus folgende Demokratisierung des Landes bezog sich aber vorerst auf die Sowjetunion selbst und nicht auf ihre Satellitenstaaten. Sie sollten trotzdem nicht als unwichtig angesehen werden, da ihre Unabhängigkeit mit dem Untergang der Sowjetunion selbst einhergeht. Dieser Vorgang wurde gestützt durch eine Reihe nationaler Unabhängigkeitsbewegungen in den sowjetischen Staaten, die sich nun auf ihre nationale Identität beriefen und zu verschiedenen Zeitpunkten, aber in kurzen Zeitabständen, ihre Unabhängigkeit einleiteten.

Die verschiedenen Staaten wurden offiziell als eigenständig anerkannt, als sie ihre eigenen Parlamente und vorsitzenden Regierungschefs wählten oder ihre Unabhängigkeit direkt aussprachen.

In Polen wurde die Solidarnosc beim Fall der Sowjetunion als treibende Kraft der Opposition sofort aktiv und stellte in einer Vorreiterrolle die führenden Kräfte der neuen Regierung. Tadeusz Mazowiecki, der Berater und Publizist der Solidarnosc, wurde der neue Ministerpräsident und seine Gewerkschaft übernahm bei den Parlamentwahlen vom 4. und 18. Juni 99 von 100 Sitzen im Senat Polens.

Am 23. Oktober 1989 verkündete Ungarn seinen Übergang in die parlamentarische Demokratie und wählte im nächsten Jahr das „Ungarische Demokratische Forum“ als ihre Regierungspartei.

In der Tschechoslowakei wurde am 29. Dezember 1989 Václav Havels zum Staatspräsidenten gewählt, nachdem mehrere Proteste gegen das vorangegangene Regime gewaltsam niedergeschlagen worden waren, was in der Tschechoslowakei durchaus öfter vorkam. Im Zuge des Herbstes der verschiedenen Revolutionen war allerdings der darauffolgende Protest größer als die Angst vor der Gewalt und somit kapitulierte die Regierung und gab die Wahlen frei.

In Rumänien wurde am 20. Mai 1990 ein Zweikammerparlament gewählt und zusätzlich ein neuer Staatspräsident. Die politische Elite wurde aber bis 1996 noch mitunter von führenden Kommunisten gestellt, was die Ambivalenz des Landes und seiner politischen Richtung darstellte. Es ist aber anzunehmen, dass diese Eliten nicht unbedingt aus einer ideologischen Überzeugung in das Parlament gewählt wurden, sondern ihre Einflüsse in der Wirtschaft und ähnlichen Lobbys zu diesem Zweck geltend machen konnten. Die rumänische Revolution wird gemeinhin als die blutigste bezeichnet, da der Diktator erst gefunden und verfolgt werden musste um anschließend erschossen zu werden und weiterhin ein mehrerer Tage andauernder Kampf zwischen den Oppositionellen und dem diktatorischen Militär herrschte. Im Baltikum verliefen die Revolutionen und ihre Ergebnisse um einiges friedlicher als in Rumänien. In Estland verkündete das Parlament am 20. August 1990 die Unabhängigkeit von der Sowjetunion. In Lettland wurde diese Unabhängigkeit am 4. Mai 1990 verkündet und in Litauen wurde die erste Wahl bereits am 24. Februar durchgeführt und am 11. März die Unabhängigkeit beschlossen. 5

Eine solche fast beispiellose Revolution, sollte man diese Veränderungen so nennen, hat sich im Laufe der Geschichte der Demokratie selten abgespielt. Die Oppositionen waren zum Schluss dieser Entwicklung zwar teilweise aggressiv, wie am Beispiel Rumäniens zu sehen ist, aber zumindest der Weg dahin lässt sich mit dem Begriff der sogenannten 'Friedlichen Revolution' sehr gut für fast alle diese Staaten beschreiben. Die Erklärung Russlands als Führer der sowjetischen Staaten von Waffengewalt gegen die Länder der eigenen Allianz abzulassen 6 sollte den Anstoß geben für diesen Weg der Revolution, der sich jedoch nicht nur durch Proteste sondern vor allem auch durch Demonstrationen und die reformistischen Reaktionen der betroffenen Regierungen auszeichnete.

Anhand mehrerer Beispiele wird in dieser Arbeit nun versucht die Beiträge der Bürger, der Bürgerrechtler, verschiedener Künstler und ihrer Bewegungen zu dieser historischen Veränderung deutlich zu machen. Die verschiedenen Bewegungen, unter anderem in Polen, welches eine wichtige Rolle in dieser Form des Protestes und Widerstands innehält, der Ukraine, Tschechoslowakei und Slowenien waren subkultureller Natur. Schlussendlich wird versucht werden anhand der historischen Umstände und Verläufe den Zusammenhang und die Auswirkungen der einzelnen Subkulturen und ihrer Bewegungen auf die 'Friedliche Revolution' und ihren Ausgang insgesamt zu untersuchen. Die Gründe für eine Revolution sind im Allgemeinen vielfältig. Unzufriedenheit ist oft ein Grund, aber dieser kann sich auf ganz verschiedene Bereiche beziehen wie zum Beispiel eine wirtschaftliche oder politische Problematik, aber auch eine ideologische oder Identitätsdifferenz, die zwischen Volk und Regierung besteht.

Der Zerfall der Volksrepubliken, auch ohne die Schwierigkeiten der Sowjetunion selbst, begann aber ebenso so ruhig, wie sich fast die gesamte Veränderungen vollzogen. Der Sozialismus versuchte in vielen Ländern eine Aufbaupropaganda zu vollziehen und durch die Beeinflussung der Bevölkerung ihre Wahrnehmung so zu verändern, dass die Probleme, die nicht direkt gelöst werden konnten, nicht bemerkt werden sollten. Der Vergleich mit dem Westen wurde bei dieser Form der Propaganda kompliziert, da der Kommunismus den Wohlstand schon von der Ideologie her nicht in einem solchen Maße zulässt, wie der westliche Kapitalismus. Ein Übertrumpfen wurde zwar propagiert aber von der Bevölkerung nicht wahrgenommen. Die kroatische Schriftstellerin und Journalistin Slavenka Drakulic stellte es so dar, dass die sozialistischen Systeme auch daran scheiterten der Bevölkerung grundlegende Versorgung, wie zum Beispiel Toilettenpapier, zu bieten. In einem ihrer Essays beschreibt sie wie wichtig diese elementaren Produkte waren und dass sie damals in ihren Händen den Grund hielt, warum der Kommunismus versagte. 7

Ein weiterer wichtiger Faktor auf der Seite der Bürger waren die Gegeneliten, die in den Ländern gebildet wurden und aus welchen die oben erwähnten Sub- und Gegenkulturen zu einem großen Teil hervorgingen. Die Gegeneliten bestanden nicht im ökonomischen oder politischen Sinne aus Privilegierten, sondern aus Menschen, die ihr elitäres Dasein in ihren Fähigkeiten anstatt in ihrem Einfluss sahen. Diese Gemeinschaften waren geprägt durch eine zum Großteil eher künstlerisch zusammengesetzte Gruppe aus Musikern, Malern, Tänzern und Literaten, die sich an der politischen Bewegung von 1968 in den USA orientierte, der amerikanischen 'Hippie'kultur 8, welche einen friedlichen, beziehungsweise pazifistischen Widerstand propagierten. Diese Art des Widerstandes wurde zum „Motor der Emanzipationsbewegungen im östlichen Mitteleuropa“ 9 und erklärt warum die Revolution zu einem Großteil friedlich verlief.

2. Subkulturen in Polen

Subkulturen kennzeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie sich abgrenzen vom normalen kulturellen polnischen Alltag.

Die Abgrenzung findet, wie auch häufig bei Jugendkulturen, durch eine bewusste Einstellung gegen die Kultur der Eltern ab. Es werden demnach eigene Namen erfunden, die als Spitznamen innerhalb des eigenen Kulturkreises verwendet werden. Außerdem wird die Sprache verändert, unter anderem durch Anglizismen und Neologismen, wobei die Anglizismen in der mittelosteuropäischen Region natürlich eine besondere Provokation darstellten.

In Polen gingen diese Subkulturen zum größten Teil aus der Hippiebewegung hervor, was ein weiterer Punkt der Annäherung mit der westlichen Kultur war.

Es gab allerdings verschiedene Aufspaltungen von Subkulturen in Polen, welche sich thematisch in folgende Richtungen einordnen lassen. Ein wichtiger Teil der Subkulturen Jugendbewegung der sechziger und siebziger Jahre zu beschreiben, die sich durch gewaltlose Proteste und verschiedene esoterische und exzentrische Lebensweisen auszeichnet.

Kraushaar, Wolfgang: Achtundsechzig: Eine Bilanz, Propyläen, Berlin 2008, S. 298ff. bildeten die anarchistisch orientierten Gegenbewegungen zum politischen System.

Weitere Subkulturen in Polen setzten sich zusammen aus Tierschützern, Pazifisten aber auch den faschistischen Skinheads und weiteren nationalistischen Gruppen wie den sogenannten 'Nazi-Punks'. Was diesen Gruppen grundsätzlich gemein war, wurde als die Abweichung von der traditionellen bisherigen polnischen Kultur verstanden, was auch für die Nationalisten galt, da diese eine Form von veränderter polnischer Kultur forderten, die sich auf ein Minimum an ethnischer Diversität beschränken sollte.

Diese verschiedenen Arten der polnischen Subkultur haben sich über mehrere verschiedene Medien geäußert. Ein weit verbreitetes Medium neben der Musik waren die Zeitschriften. Die Zeitschriftenkultur im polnischen Untergrund funktionierte allerdings nicht so wie die normale Verbreitung von Zeitschriften.

Sie passten sich an die Untergrundkultur der Szene an und wurden in Eigenproduktion selbst hergestellt und entworfen. Das Team, das die Zeitschrift entwarf, war ein kleines, das selbst viele der Artikel schrieb und die Zeitschrift auch in Umlauf brachte. Die Produktionskosten waren niedrig gehalten, da die meisten der Leser nicht genug Geld für eine Zeitschrift erübrigen konnten. Weitere Vorteile dieser Untergrundproduktionen waren die Schwierigkeit sie zu zensieren und ihre Flexibilität. Da sie keinerlei vom Staat regulierte Behörde oder Kontrollinstanz durchliefen, konnten sie sehr gut ihre antiautoritären und antitotalitären Inhalte umsetzen und selbst wenn eine Zeitschrift einmal ins Fadenkreuz der Fahndung fiel, konnten sich die Hersteller sehr schnell von der Zeitschrift lossagen und sich auflösen nur um sich an anderer Stelle oder mit einem anderen Herstellerteam wieder zusammenzufinden.

Die Zeitschriften bestanden aus verschiedenen Kategorien und sogenannten „Zinssorten“ 10 Ein wichtiger Zins war der Musikzins. Er umfasste das größte Sortiment an verschiedenen Zeitschriften und war eine Sammlung aus rein musikorientierten Publikationen. Die Inhalte hatten dennoch eine Art politische Aussage, da die musikalischen Inhalte, die präsentiert wurden eher alternativ, zum Punk hin und anarchistisch orientiert waren. Immer wieder wurden diese Zeitschriften auch gedruckt mit Pamphleten und verschiedenen anderen politischen Diskursen. Eine genauere Unterteilung berücksichtigt noch den dominant musikorientierten Zins, welcher etwas mehr dieser politischen Inhalte abdruckte.

Ein weiterer wichtiger Zins war der politische Zins der Zeitschriften. Dieser enthielt nicht nur Artikel zu politischen Themen sondern auch Ankündigungen zu Demonstrationen oder Happenings und darüber hinaus Diskussionen, die schriftlich innerhalb der Zeitschrift von verschiedenen Parteien geführt werden durften. Die politischen Themen wurden von 10 Fleischer, Michael: Overground, Die Literatur der polnischen alternativen Subkulturen der 80er und 90er Jahre, Slavistische Beiträge: Band 316, Otto Sagner Verlag, München 1994, S.47ff.

[...]


2 Hildermeier, Manfred: Die Sowjetunion 1917.1991, Grundrisse der Geschichte, Band 31, R. Oldenbourg Verlag, Münschen 2001, S. 94

3 Hildermeier, Manfred: Die Sowjetunion 1917.1991, Grundrisse der Geschichte, Band 31, R. Oldenbourg Verlag, Münschen 2001, S. 89

4 Hildermeier, Manfred: Die Sowjetunion 1917.1991, Grundrisse der Geschichte, Band 31, R. Oldenbourg Verlag, Münschen 2001, S. 94

5 Von Puttkammer, Joachim: Ostmitteleuropa im 19. und 20. Jahrhundert, Grundriss der Geschichte, Band 38, R. Oldenbourg Verlag, München 2010, S. 143ff.

6 Von Puttkammer, Joachim: Ostmitteleuropa im 19. und 20. Jahrhundert, Grundriss der Geschichte, Band 38, R. Oldenbourg Verlag, München 2010, S. 244f.

7 Drakulic, Slavenka: Wie wir den Kommunismus überstanden... und dennoch lachten, Rohwolt Berlin, Berlin 1991, S. 74ff.

8 Der umgangssprachliche Begriff 'Hippie' wird hier und im folgenden verwendet um die amerikanische

9 Von Puttkammer, Joachim: Ostmitteleuropa im 19. und 20. Jahrhundert, Grundriss der Geschichte, Band 38, R. Oldenbourg Verlag, München 2010, S. 141

10 Fleischer, Michael: Overground, Die Literatur der polnischen alternativen Subkulturen der 80er und 90er Jahre, Slavistische Beiträge: Band 316, Otto Sagner Verlag, München 1994, S.47ff.

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Details

Titel
Subkulturelle Bewegungen in Osteuropa und Ihre Auswirkungen auf die Ereignisse von 1988/89
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
2,5
Autor
Jahr
2012
Seiten
18
Katalognummer
V196326
ISBN (eBook)
9783656224440
ISBN (Buch)
9783656224778
Dateigröße
426 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
subkulturelle, bewegungen, osteuropa, ihre, auswirkungen, ereignisse
Arbeit zitieren
Jay Hem (Autor), 2012, Subkulturelle Bewegungen in Osteuropa und Ihre Auswirkungen auf die Ereignisse von 1988/89, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/196326

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