Die Wohnsituation von Menschen mit geistiger Behinderung hat sich innerhalb der letzten 100 Jahre kontinuierlich verändert. Wurde die Betreuung bis Mitte des 19. Jahrhunderts ausschließlich von den Familien übernommen, entwickelten sich nach und nach große Behindertenzentren und psychiatrische Anstalten, die diesen Personenkreis aufnahmen. Als Folge des in den 60er Jahren in Skandinavien formulierten und praktizierten Normalisierungsprinzips, entstanden auch in Deutschland kleinere Wohneinrichtungen mit regionalem Bezug. Diese Tendenz fand durch die Integrationsbemühungen von Elterninitiativen in den 80er Jahren ihre Fortsetzung und machte es vor allem für relativ selbständige Bewohner 1 möglich, in gemeindeintegrierte Wohnformen umzuziehen, die mehr Raum für eine selbstbestimmte Lebensgestaltung boten. Die sonder- bzw. heilpädagogischen Paradigmen Normalisierung, Integration und Selbstbestimmung waren bei der Entwicklung von Diensten und Angeboten im Bereich der Behindertenhilfe über viele Jahre handlungsleitend und haben wesentlich zu einer Humanisierung der Wohnbedingungen beigetragen. Die Verbesserung der Bedingungen brachte für das Leben geistig behinderter Menschen positive Auswirkungen mit sich. Seit Anfang der 90er Jahre hat sich neben den allgemein anerkannten Leitideen eine neue Richtlinie etabliert: das Paradigma der Lebensqualität. In der Diskussion um Entwürfe und Ziele sozialer Dienstleistungen ist der Begriff Lebensqualität mittlerweile von zentraler Bedeutung. Nicht zuletzt durch § 20 des Sozialgesetzbuches IX und die novellierten §§ 93 ff. Bundessozialhilfegesetz wird Lebensqualität im Prozess des Qualitätsmanagements als Zielgröße sonderpädagogischer Hilfe- und Unterstützungsqualität festgelegt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung und Fragestellung
2 Bedeutung des Wohnens
2.1 Wohnpsychologie: das ökologische Modell
2.2 Wohnbedürfnisse
2.2.1 Biologisch-physiologische Bedürfnisse
2.2.2 Psychische Bedürfnisse
2.2.3 Soziale Bedürfnisse
2.3 Wohnbedürfnisse von Menschen mit geistiger Behinderung
3 Geistige Behinderung - Begriffsklärung und Personenkreis
3.1 Semantische Unzulänglichkeit des Begriffs „geistige Behinderung“
3.2 Schwierigkeit der Definition des Personenkreises
3.3 Geistige Behinderung als Stigma
3.4 Medizinischer Ansatz
3.5 Psychologischer Ansatz
3.6 Pädagogischer Ansatz
3.7 Juristischer Ansatz
3.8 Zusammenschau der Ansätze
4 Leitideen und Prinzipien des Wohnens für Menschen mit geistiger Behinderung im historischen Wandel
4.1 Anstaltsunterbringung - die Anfänge des institutionalisierten Wohnens
4.2 Diskriminierung und Vernichtung - Sozialdarwinismus im 3. Reich
4.3 Verwahrung in der Psychiatrie
4.4 Enthospitalisierung - die Folgen der Psychiatrie-Enquête
4.5 Normalisierung und Integration
4.5.1 Entstehung des Normalisierungsprinzips
4.5.2 Elemente des Normalisierungsprinzips
4.5.2.1 Normaler Tagesablauf
4.5.2.2 Normaler Wochenablauf
4.5.2.3 Normaler Jahresablauf
4.5.2.4 Normale Erfahrungen eines Lebenszyklus
4.5.2.5 Normaler Respekt
4.5.2.6 In einer zweigeschlechtlichen Welt leben
4.5.2.7 Normaler Lebensstandard
4.5.2.8 Normale Umweltbedingungen
4.5.3 Integration als Mittel und Ziel von Normalisierung
4.5.4 Missdeutungen des Normalisierungsprinzips
4.5.5 Erweiterung des Normalisierungsprinzip durch Wolfensberger
4.5.6 Aufnahme des Normalisierungsprinzips in Deutschland
4.6 Selbstbestimmung
4.6.1 Einfluss der Independent-Living-Bewegung
4.6.2 Entwicklungen in Deutschland
4.6.3 Personelle Erschwernisse
4.6.4 Strukturelle Erschwernisse
4.6.5 Gesetzliche Grundlagen des Selbstbestimmungsrechts
4.6.6 Selbstbestimmung bei schwerer geistiger Behinderung
4.6.7 Empowerment
5 Zielperspektive Lebensqualität
5.1 Annäherung an das Konstrukt Lebensqualität
5.2 Lebensqualität als Gegenstand der Fachdiskussion
5.3 Objektive Bedingungen und subjektives Wohlbefinden
5.4 Konzepte von Lebensqualität
5.5 Das Konzept von Seifert
5.5.1 Objektive Prüfkriterien
5.5.2 Kategorien des Wohlbefindens
5.6 Hilfequalität und Qualitätsstandards
5.7 Qualitätssicherung
5.8 Nutzerkontrolle als wichtiger Bestandteil von Qualitätssicherung
5.9 Verständnis von Lebensqualität in der vorliegenden Arbeit
6 Auswirkungen verschiedener Wohnsituationen auf die Lebensqualität: Objektive Rahmenbedingungen und Einschätzung aus der Außenperspektive
6.1 Wohnsituation 1: Wohnen im gruppengegliederten Wohnheim
6.1.1 Rechtliche Grundlagen
6.1.2 Beschreibung
6.1.3 Einschätzung der Lebensqualität
6.2 Wohnsituation 2: Wohnen in einer betreuten Wohngruppe innerhalb des Wohnheims
6.2.1 Rechtliche Grundlagen
6.2.2 Beschreibung
6.2.3 Einschätzung der Lebensqualität
6.3 Wohnsituation 3: Wohnen in einer betreuten Außenwohngruppe
6.3.1 Rechtliche Grundlagen
6.3.2 Beschreibung
6.3.3 Einschätzung der Lebensqualität
6.4 Wohnsituation 4: Ambulant-betreutes Einzelwohnen
6.4.1 Rechtliche Grundlagen
6.4.2 Beschreibung
6.4.3 Einschätzung der Lebensqualität
7 Qualitative Untersuchung der Lebensqualität in verschiedenen Wohnsituationen: Subjektive Bewertung aus der Nutzerperspektive
7.1 Methodisches Vorgehen
7.1.1 Untersuchungsinstrument
7.1.2 Auswahl der Stichprobe
7.1.3 Datenerhebung
7.1.4 Aufbereitung und Analyse der Daten
7.2 Auswertung der Interviews
7.2.1 Zufriedenheit und Wohlbefinden auf der materiellen Ebene
7.2.2 Zufriedenheit und Wohlbefinden auf der aktivitätsbezogenen Ebene
7.2.3 Zufriedenheit und Wohlbefinden auf der sozialen Ebene
7.2.4 Zufriedenheit und Wohlbefinden auf der interaktionalen Ebene
7.3 Zusammenfassung der Ergebnisse
7.3.1 Bewertung von Wohnsituation 1 durch Herrn M.
7.3.2 Bewertung von Wohnsituation 2 durch Frau D.
7.3.3 Bewertung von Wohnsituation 3 durch Herrn K.
7.3.4 Bewertung von Wohnsituation 4 durch Frau S.
7.4 Evaluation, Interpretation und Diskussion der Ergebnisse
7.4.1 Vorbemerkung
7.4.2 Vergleich der Ergebnisse mit den Arbeitshypothesen
7.4.3 Vergleich der außenperspektivischen Einschätzung mit den subjektiven Bewertungen
7.4.4 Empfehlungen für die Praxis
8 Kritische Würdigung und Ausblick
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht, wie sich verschiedene Wohnformen von Menschen mit geistiger Behinderung auf deren Lebensqualität auswirken, wobei sowohl objektive Rahmenbedingungen als auch die subjektive Perspektive der betroffenen Nutzer berücksichtigt werden. Zentrale Forschungsfrage ist dabei, welchen Einfluss die Gestaltung der Wohnsituation und die Qualität der pädagogischen Betreuung auf das Wohlbefinden und die Teilhabemöglichkeiten der Bewohner haben.
- Bedeutung von Wohnen und Wohnbedürfnissen für Menschen mit geistiger Behinderung
- Historische Entwicklung von Leitideen wie Normalisierung, Integration und Selbstbestimmung
- Diskussion des Lebensqualitätsbegriffs und dessen Operationalisierung durch verschiedene Fachmodelle
- Vergleichende Analyse von vier spezifischen Wohnformen (Wohnheim, betreute Wohngruppe, Außenwohngruppe, ambulantes Wohnen)
- Qualitative Untersuchung der Bewohnerzufriedenheit mittels problemzentrierter Interviews
Auszug aus dem Buch
2.2 Wohnbedürfnisse
Bedürfnisse sind Anliegen, deren Befriedigung bzw. Nicht-Befriedigung sich auf die Persönlichkeitsentwicklung auswirkt. Werden Bedürfnisse nicht befriedigt, so entsteht ein Widerspruch zwischen Anspruch und Realität, der nicht aufgelöst werden kann. Die Folge ist das Stocken der Persönlichkeitsentwicklung, da nachkommende Bedürfnisse höherer Ordnung nicht entwickelt werden können. Der Mensch bleibt gewissermaßen auf einer Entwicklungsstufe stehen. Betroffen sind davon die kognitive und emotionale Entwicklung sowie die Ausbildung differenzierter Verhaltensmöglichkeiten (vgl. Weinwurm-Krause 1999, 20). Maslow (1978) hat die unterschiedlichen Bedürfnisse klassifiziert und in eine Rangordnung gebracht:
- Physiologische Bedürfnisse (Nahrung, Schlaf, Sexualität etc.). Ziel ist die Herstellung des körperlichen Gleichgewichts.
- Sicherheitsbedürfnis (Schutz vor Gefahren der Außenwelt). Befriedigung dieser Bedürfnisse schafft eine geordnete Welt.
- Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Liebe. Jeder Mensch hat den Wunsch zu kommunizieren, zu lieben und geliebt zu werden.
- Bedürfnis nach Achtung. Dazu gehört Selbstachtung, Selbstvertrauen, der Wunsch nach Unabhängigkeit und Freiheit und die Achtung durch andere Menschen.
- Bedürfnis nach Selbstverwirklichung. Ausdruck und Entwicklung der eigenen Fähigkeiten gehören zum Menschsein (vgl. Maslow 1978 in Thesing 1998, 33).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung und Fragestellung: Diese Einführung erläutert die Relevanz des Themas Wohnen für die Lebensqualität von Menschen mit geistiger Behinderung und leitet die zentrale Forschungsfrage sowie das methodische Vorgehen der Arbeit ab.
2 Bedeutung des Wohnens: Das Kapitel widmet sich der allgemeinen Bedeutung des Wohnens als zentralem Lebensbereich und nutzt das ökologische Modell von Bronfenbrenner, um grundlegende Wohnbedürfnisse zu definieren.
3 Geistige Behinderung - Begriffsklärung und Personenkreis: Hier werden verschiedene Ansätze (medizinisch, psychologisch, pädagogisch, juristisch) zur Definition geistiger Behinderung kritisch beleuchtet und der Wandel hin zu einem ressourcenorientierten Menschenbild diskutiert.
4 Leitideen und Prinzipien des Wohnens für Menschen mit geistiger Behinderung im historischen Wandel: Das Kapitel zeichnet die historische Entwicklung von der Anstaltsunterbringung bis hin zu modernen Konzepten wie Normalisierung, Integration und Selbstbestimmung nach.
5 Zielperspektive Lebensqualität: Die Diskussion konzentriert sich auf das Konstrukt der Lebensqualität, wobei objektive Bedingungen und subjektives Wohlbefinden als zentrale Komponenten eines 4-Ebenen-Modells analysiert werden.
6 Auswirkungen verschiedener Wohnsituationen auf die Lebensqualität: Objektive Rahmenbedingungen und Einschätzung aus der Außenperspektive: Anhand vier konkreter Praxisbeispiele werden verschiedene Wohnformen hinsichtlich ihrer objektiven Rahmenbedingungen und ihres Potenzials zur Förderung von Lebensqualität bewertet.
7 Qualitative Untersuchung der Lebensqualität in verschiedenen Wohnsituationen: Subjektive Bewertung aus der Nutzerperspektive: Dieser Teil präsentiert die Ergebnisse problemzentrierter Interviews mit Bewohnern der untersuchten Wohnformen, um die Lebensqualität aus ihrer persönlichen Sicht zu ermitteln.
8 Kritische Würdigung und Ausblick: Das Fazit fasst die wesentlichen Erkenntnisse zusammen, reflektiert die Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität in der heutigen Behindertenhilfe und skizziert notwendige zukünftige Entwicklungen.
Schlüsselwörter
Lebensqualität, geistige Behinderung, Wohnsituation, Normalisierung, Integration, Selbstbestimmung, Empowerment, Wohnbedürfnisse, Behindertenhilfe, Qualitätssicherung, Nutzerkontrolle, Wohneinrichtung, stationäres Wohnen, ambulantes Wohnen, Partizipation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen der Wohnsituation von Menschen mit geistiger Behinderung und deren subjektiv sowie objektiv beurteilter Lebensqualität.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen umfassen die Bedeutung des Wohnens, die historische Entwicklung der Behindertenhilfe, Konzepte zur Lebensqualität sowie die Analyse unterschiedlicher Wohnformen von stationär bis ambulant.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, die Auswirkungen verschiedener Wohnformen auf das Wohlbefinden behinderter Menschen zu verstehen und durch die Einbeziehung der Nutzerperspektive praxisorientierte Empfehlungen abzuleiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung ist zweigeteilt: Zunächst erfolgt eine theoretische Analyse und eine Einschätzung der Rahmenbedingungen aus der Außenperspektive, gefolgt von einer qualitativen Untersuchung mittels problemzentrierter Interviews zur Erfassung der subjektiven Sichtweise der Bewohner.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden neben den theoretischen Grundlagen der Lebensqualität vier spezifische Wohnsituationen (Wohnheim, betreute Wohngruppe, Außenwohngruppe, ambulantes Einzelwohnen) in der Praxis beschrieben und hinsichtlich ihrer Qualität bewertet.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Normalisierung, Selbstbestimmung, Integration, Empowerment und das 4-Ebenen-Modell der Lebensqualität.
Welchen Einfluss hat das Gruppenkonzept auf die Lebensqualität laut der Arbeit?
Die Arbeit legt dar, dass kleinere Wohngruppen intensivere Zuwendung ermöglichen und somit die Bedürfnisorientierung und das subjektive Wohlbefinden der Bewohner signifikant steigern können.
Warum spielt die Nutzerkontrolle bei der Qualitätssicherung eine so wichtige Rolle?
Nutzerkontrolle ist zentral, da sie den behinderten Menschen als mündigen Konsumenten begreift, dessen persönliches Urteil über seine Lebenszufriedenheit als maßgeblich für die Entwicklung bedarfsgerechter Hilfsangebote betrachtet wird.
- Citar trabajo
- Sören Funk (Autor), 2002, Auswirkungen der Wohnsituation auf die Lebensqualität von Menschen mit geistiger Behinderung, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19633