Neue ökonomische Zukunft?

Elinor Ostrom und der neue institutionenökonomische Lösungsansatz der Kollektivgutproblematik am Beispiel eines fiktiven lokalen Frischwasserversorgungsbetriebes


Hausarbeit, 2011

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Prolog

2. Klassische Gütertypologie und Allmendenressourcen

3. Ökonomische Erklärungsmodelle der Kollektivgutproblematik
3.1. Das Aneignungsproblem - Garret Hardins „Tragödie der Allmende“
3.2. Das Bewahrungsproblem - Mancur Olsons „Logik Kollektiven Handelns“

4. Der Ansatz der Neuen Institutionenökonomie
4.1. Vom Versicherungsspiel zum Gemeinschaftsspiel – Die Bedeutung des Sozialkapitals
4.2. Elinor Ostrom und die Überlegenheit lokaler Selbstverwaltung
4.3. Institutionelle Designs zur Lösung örtlicher Allmendenproblematiken
4.4. Kritische Würdigung

5. Epilog

Literaturverzeichnis

1. Prolog

Die zunehmende Verschuldung bundesdeutscher, als auch europäischer Gemeinden führte in jüngster Vergangenheit vielfach dazu, dass öffentliche Versorgungsbetriebe kurzerhand an international agierende Konzerne veräußert wurden und damit deren betriebswirtschaftlichen Kalkülen unterlagen. Ein europäisches Beispiel: 1999 hat die hoch verschuldete Stadt London Thames Water, einen der größten kommunalen Versorgungsbetriebe der Welt, an das deutsche Energieunternehmen RWE verkauft. Die volkswirtschaftlichen Lehren, die inzwischen aus dieser Transaktion gezogen werden können, zeigen unverblümt das wahre Gesicht der freien Marktwirtschaft. Selbstredend stiegen zunächst die Gehälter und auch die Preise für die Verbraucher fielen. Die Infrastruktur hingegen wurde zunehmend vernachlässigt. Einige Wasserleitungen blieben und wurden dadurch derart marode, dass in manchen Vierteln der Leitungsdruck bald nicht einmal mehr ausreichte, um auch höher gelegene Etagen zu versorgen.[1] Die Administration Blair reagierte im April 2006 auf das Fehlverhalten des Konzerns mit der Gründung der staatlichen Regulierungsbehörde Ofwat, die dem Unternehmen hohe Investitionen und Obergrenzen bei den Renditen vorschrieb und Strafzahlungen einforderte, woraufhin RWE den baldigen Verkauf beschloss.[2] Seit Oktober 2006 ist das Unternehmen nun im Besitz von Kemble Water, eines Konsortiums unter Leitung eines australischen Investmentfonds.[3] Bis heute mangelt es an wichtigen Investitionen.

Im interdisziplinären Forschungsbereich der Politik- als auch Wirtschaftswissenschaften eignet sich das Beispiel und die Evidenz der Frischwasserversorgungsproblematik hervorragend um die Bedeutsamkeit der meist abstrakten Diskussionen nach einer neuen ökonomischen Zukunft, also der Frage nach den politisch definierten Kriterien (institutionelle Designs), unter denen die beteiligten Akteure ebenen jene gemeinsamen Aktivitäten entfalten können, die eine ökonomisch effiziente und gleichzeitig ökologisch sinnvolle Ressourcenallokation endlicher Güter zur Folge hat, zu veranschaulichen. In meiner Hausarbeit möchte ich deshalb zunächst mithilfe der Spieltheorie und des ökonomischen Prinzips die Kollektivgutproblematik detailliert beschreiben, um anschließend auf den, insbesondere durch Elinor Ostrom angestoßenen Alternativansatz lokaler Selbstverwaltung einzugehen, dessen institutionelle Kriterien an einem fiktiven Frischwasserbetrieb visualisiert werden und belegen, dass die lokale Selbstverwaltung im Sinne des Subsidiaritätsprinzips die ökonomisch und ökologisch sinnvollste Form nachhaltiger Ressourcenwirtschaft darstellt.

2. Klassische Gütertypologie und Allmendenressourcen

Unter einem Gut versteht man traditionell ein materielles oder immaterielles Mittel zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse.[4] Im wirtschaftstheoretischem Sinne wird dabei zwischen Kollektiv- (öffentlichen Gütern)[5] und Individualgütern (privaten Gütern) unterschieden.[6] Die Unterscheidung zwischen den beiden Güterformen ist idealtypisch und geschieht traditionell anhand der beiden Kriterien Ausschließbarkeit und Konsumrivalität. Kollektivgüter unterscheiden sich gegenüber Privatgütern hinsichtlich der Tatsache, dass zwischen den beteiligten Akteuren eine Rivalitätsbeziehung ausgeschlossen werden kann oder wie es der Finanzökonom Richard A. Musgrave formuliert: „spezifisch öffentliche Bedürfnisse sind solche, die durch Leistungen befriedigt werden, deren Konsum von A den Konsum von B nicht stört.“[7] Öffentliche Güter können demnach zur selben Zeit von verschiedensten Personen oder Personengruppen genutzt werden, ohne dass Dritte gehindert werden selbiges Gut parallel ebenfalls zu nutzen. Der Idealfall dieses nichtrivalisierenden Konsumgutes (auch polares öffentliches Gut genannt) bleibe allerdings, so der Volkswirt Axel Weber, nur auf ganz wenige Güter beschränkt (bspw. die Landesverteidigung), unter anderem weil öffentliche Güter (bspw. ein Park) zusätzliche Kosten mit steigender Konsumentenzahl verursachen (Siehe CPRs).[8] Zum Kriterium der Ausschließbarkeit äußert sich Musgrave wie folgt: „Diejenigen, die nicht für die Leistung zahlen, können trotzdem nicht von deren Genuss ausgeschlossen werden.“[9] Bei öffentlichen Gütern ist ein Ausschluss von Nicht-Zahlungswilligen aus organisatorischen und fiskalischen Hürden (Überwachungskosten u. Praktikabilitätsüberlegungen) also nicht, oder nur sehr schwer möglich. Durch die Nicht-Ausschussfähigkeit kommt es zur Trittbrettfahrerproblematik.[10] Die Güter können deshalb nicht mehr kostendeckend am Markt abgesetzt werden und müssen von einem öffentlichen Gemeinwesen bereitgestellt werden. Bei privaten Gütern hingegen können Nicht-Zahlungswillige Konsumenten problemlos ausgeschlossen werden, insofern ein Rechtssystem existiert, dass die jeweiligen „Zugriffsrechte definiert, zuteilt und durchsetzt.“[11] Es herrscht Konsumrivalität.

Einen Sonderfall bilden die Allmendenressourcen (sogen. Common Pool Ressourcen = CPRs). „Allmenderessourcen sind zwischen den extremen Polen ‚privat’ und ‚staatlich’ angesiedelt und deshalb verwundert es auch nicht, wenn die erfolgreichen Allmenderessourcen auf vielfältige Weise öffentliche und private Hilfsmittel miteinander kombinieren“[12], erklärt der Volkswirtschaftler Prof. Hans Nutzinger. Am Beispiel einer fiktiven, frei zugänglichen kommunalen Frischwasserquelle lässt sich dieser Spagat leicht illustrieren: Die Bereitstellungskosten für die Grundstückspflege und Überwachung der Pumpanlagen übernimmt die Gemeinschaft, wobei im Regelfall kein Gemeindemitglied direkt vom Konsum ausgeschlossen werden kann (Kollektivguteigenschaft). Nicht weil dies gar moralisch verwerflich, sondern vor allem organisatorisch aufwändig, da höchst kostenintensiv und damit nur schwer praktikabel wäre. Für jeden Ansässigen und auch Außenstehenden ist es aufgrund der freien Zugänglichkeit schließlich ein Leichtes Wasser direkt an der Quelle zu zapfen. Weil aber aus dem endlichen Ressourcensystem regelmäßig Ressourceneinheiten (der Frischwasserbedarf der einzelnen Gemeindemitglieder in Litern) abgeleitet werden, steht die Ressource anderen potentiellen Nutzern gleichzeitig nicht mehr in der gleichen Qualität oder Menge zur Verfügung (Individualguteigenschaft).[13]

Ein zentraler Aspekt, der einen nicht unwesentlichen Einfluss auf diese Unterscheidung nimmt, ist die natürliche Beschaffenheit der Ressource (Ressourceneigenschaft). Bei endlichen Ressourcen, wie der Frischwassermenge, die in der Regel aus Grundwasserbecken oder Regensammelbecken gewonnen wird, deren Kapazitäten bekannt und begrenzt sind, spricht man von Allmendenressourcen als Quasikollektivgütern (CPRs). Wenn jedoch die Regenerationsfähigkeit der Ressource den Abfluss bei Weitem übersteigt, die Ressource ergo in unendlicher Menge oder auch nur als Ganzes zur Verfügung steht (wie im Falle der oben angesprochenen Landesverteidigung) postulieren wir reine Kollektivgüter.

3. Ökonomische Erklärungsmodelle der Kollektivgutproblematik

Die nun folgenden Erklärungsmodelle sind Gedankenkonstrukte und basieren auf dem Leitbild des homo oeconomicus, den Lord Ralf Dahrendorf in Abgrenzung zu dem von ihm geprägten Begriff des homo sociologicus prägnant als „vollständig informierten, durch und durch ‚rationalen’ Mensch“[14] definiert. Mit dem Begriff ist also ein fiktiver Akteur gemeint, der nicht als soziales Wesen, sondern vielmehr isolierte Person im Sinne der ihm ureigensten Vernunft all seine Handlungsmaximen an gewissen Präferenzordnungen ausrichtet, die seinen persönlichen Nutzenmaximierungskalküle unterliegen.[15] Obgleich diese Modellvorstellung des Menschen - sozusagen als Quasi-Verkörperung der betriebswirtschaftlichen Minimax Regel – empirisch selbstverständlich unhaltbar ist und lediglich als theoretisches Konstrukt dient, ist sie dennoch zum Verständnis der beiden Erklärungsansätze unabdingbar.

3.1. Das Aneignungsproblem - Garret Hardins „Tragödie der Allmende“

Am Beispiel einer gemeinschaftlich genutzten, frei zugängliche Almweide verdeutlicht der Mikrobiologe und Ökologe Garret Hardin in seinem 1968 erschienen Aufsatz „The Tragedy of the Commons“ den für die Kollektivgutproblematik bezeichnenden Konflikt von Individualrationalität und Kollektivrationalität.[16] Das zugrunde liegende Dilemma lässt sich dabei wie folgt skizzieren: Alle Nutzer stellen ihre persönlichen individuellen Kosten-Nutzen Rechnungen an und treffen dann dieselbe rationale Entscheidung. Weil Sie die Gewinne aus den zusätzlichen Weidegängen für sich verbuchen können und die Kosten für die Überweidung die Gemeinschaft trägt, ist es für alle Nutzer vernünftig so viel Vieh zu weiden, wie maximal möglich. Theoretisch würde dieser Umstand keinen Schaden verursachen, wäre nicht die Ressource nur begrenzt auslastungsfähig und der Zugang ungeregelt. Was also passiert, kann als inhärente Logik der Allmende verstanden werden. Die individuellen Nutzenkalküle führen in Summe dazu, dass alle Herdenbesitzer ihre Weidetiere so oft wie möglich auf das Feld treiben - ohne Rücksicht auf eine Überweidung. Langfristig bedingt dieses „freerider“ - Verhalten dann die Übernutzung der Ressource.[17] Hardin selbst schreibt: „Therein is the tragedy. Each man is locked into a system that compels him to increase his herd without limit – in a world that is limited. Ruin ist he destination toward which all men rush, each pursuing his own best interest in a society that believes in the freedom of the commons. Freedom in a commons brings ruin to all.“[18]

[...]


[1] Vgl. Beck, Thomas: Nein zur Privatisierung der kommunalen Frischwasserversorgung. Antrag des Bezirksverbandes der Jungen Liberalen Schwaben zum LXXV. Landeskongress der Jungen Liberalen Bayern in München (03.-05.12.2010). In: 75. Landeskongress. Antragsbuch. München 2010, S. 90 f.

[2] Vgl. Deutsche Presse Agentur: Wasser weg – RWE Tochter Thames Water hat in London viel Ärger (23.06.2006). In: http://www.verivox.de/nachrichten/wasser-weg-rwe-tochter-thames-water-hat-in-london-viel-aerger-14619.aspx - Zugriff: 20.02.2011.

[3] Vgl. Werner Rügemer: RWE, Thames Water und das schale Wasser von London (2006). In: http://www.wasser-in-buergerhand.de/nachrichten/2006/rwe_thames_water.htm - Zugriff: 20.02.2011.

[4] Vgl. Gabler Wirtschaftslexikon Online. In: http://wirtschaftslexikon.gabler.de/ - Zugriff: 20.02.2011.

[5] Unter dem Terminus öffentliche Güter versteht man idealiter alle Kollektivgüter, die vom Staat gestellt werden.

[6] Vgl. Harry Zingel: Grundgedanken der Kollektivguttheorie oder weshalb elementare Erkenntnisse der Gütertheorie in die Pleite führen können. V. 1.10. In: http://www.zingel.de/pdf/01koll.pdf - Zugriff: 20.02.2011.

[7] Richard A. Musgrave: Finanztheorie. Tübingen, 1969, S. 8.

[8] Vgl. Axel Weber: die Rationalitätenfalle in der Kollektivgüterökonomik. Köln, 1980, S. 48 ff.

[9] Richard A. Musgrave (1969), S. 8.

[10] Die Trittbrettfahrerproblematik („freerider“ - Problem) wird im Punkt 3.1. detaillierter behandelt.

[11] Jan Kurbatsch: Ausarbeitungen zum Seminar „The Economics of Peer-to-Peer Architectures“. Die Tragik der Allmende: Eine Einführung. Berlin, 2003, S. 3.

[12] Hans G. Nutzinger: Nobelpreis in Wirtschaftswissenschaften für Elinor Ostrom. Ein Überblick über ihr ökonomisches Hauptwerk. MAGKS Joint Discussion Paper Series in Economics. No. 24-2010, S. 9.

[13] Der Einwand es gäbe wohl keine Kommune, die für ihre Wasserversorgung nicht entsprechende Gebühren beziehe und Kontrollen durchführe ist durchaus berechtigt, allerdings Bestandteil der institutionellen Arrangements auf die diese Arbeit im Folgenden Bezug (Punkt 4.) nehmen wird und damit vorerst irrelevant.

[14] Ralf Dahrendorf: Homo Sociologicus. Ein Versuch zur Geschichte, Bedeutung und Kritik der Kategorie der sozialen Rolle. Wiesbaden, 200616, S. 19.

[15] Vgl. Dietmar Braun: Theorien Rationalen Handelns in der Politikwissenschaft. Eine kritische Einführung. Hemsbach, 1999, S. 39 ff.

[16] Zwar wurde das Phänomen als solches bereits 1965 von Mancur Olson erstmals beschrieben, dennoch gelten Hardins Ausführungen als grundlegend für die Thematik. In diesem Zusammenhang sei auf die Grenzen der Erklärungsfähigkeit des Ansatzes verwiesen, der als solcher keine Entsprechung in der Wirklichkeit findet. Es handelt sich, wie bereits erwähnt, lediglich um ein gedankliches Konstrukt. Hardin selbst gab zu, dass er seinen Artikel besser als „Tragedy of the Unregulated Commons“ hätte titulieren sollen.

[17] Vgl. Garret Hardin: The Tragedy of the Commons. In: Science 162 (13.12.1968), S. 1243 ff.

[18] Garret Hardin (1968), S. 1245.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Neue ökonomische Zukunft?
Untertitel
Elinor Ostrom und der neue institutionenökonomische Lösungsansatz der Kollektivgutproblematik am Beispiel eines fiktiven lokalen Frischwasserversorgungsbetriebes
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
19
Katalognummer
V196349
ISBN (eBook)
9783656223467
ISBN (Buch)
9783656224730
Dateigröße
582 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
neue, zukunft, elinor, ostrom, lösungsansatz, kollektivgutproblematik, beispiel, frischwasserversorgungsbetriebes
Arbeit zitieren
Thomas Beck (Autor), 2011, Neue ökonomische Zukunft?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/196349

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