[...] In Zukunft wird sich auch ein anderer Einfluss stärker auf die Wohlfahrtsproduktion auswirken.
Das, was weder Staat noch Markt leisten können, sollen zunehmend kleinere Organisationseinheiten,
wie z.B. Selbsthilfegruppen und bürgerschaftliche Unterstützungsnetzwerke
bewerkstelligen. Man könnte alle diese Entwicklungen, die sich im Zwischenraum
vom Markt und Staat abspielen unter dem Begriff „ziviles Engagement“ zusammenfassen
(Wendt 1999: 233). Dieses Engagement wird in Zukunft mit dafür sorgen müssen,
soziale Herausforderungen zu bewältigen und den Gemeinsinn und die bürgerschaftliche
Hilfe und Selbsthilfe zu entfachen und zu stärken. Die Nutzung von gesellschaftlichen
Ressourcen ist keine Erfindung dieser Zeit. Evers/Olk sehen die Chance in der neuartigen
Kombination von Organisationen und Institutionen darin, das bestehende Niveau der Wohlfahrt zu sichern bzw. einen Zuwachs zu erreichen (vgl. Evers/Olk 1996:10). Ursachen
der stärkeren Einbeziehung sind zum einen finanzielle Grenzen, an die der Staat bei der
Verwirklichung von Wohlfahrt stößt - die Leistungsbereitschaft scheint weitgehend erschöpft
zu sein und das bürgerschaftliche Engagement dient somit als Lückenbüßer. Zum
anderen ist der Einsatz der Bürger füreinander Ausdruck einer lebendigen Demokratie und
einer Gesellschaft, die untereinander Solidarität zeigt und lebt. Die Entwicklungen und Strömungen sind vielfältig. Es gibt jedoch einen Bereich, der meiner
Meinung nach besondere Aufmerksamkeit verdient: Die Arbeitsmarktpolitik. Deshalb
versuche ich in dieser Hausarbeit, folgender Frage nachzugehen: Welchen arbeitsmarktpolitischen
Herausforderungen muss sich die Sozialpolitik/der Sozialstaat stellen und wie
kann sie/er diese bewältigen? Um mich der Fragestellung zu nähern, werde ich methodisch
folgendermaßen vorgehen. In Kapitel 2 dieser Hausarbeit werde ich sozialpolitischgeschichtliche
Entwicklungen der Bundesrepublik Deutschland von ca. 1900 bis heute
analysieren, um mir so über die Prozesse der Konstruktion des Sozialstaats und der Arbeitsmarktlage
klar zu werden und um die Hintergründe der aktuellen Debatte zu verstehen.
Im 3. Kapitel folgt dann die Auseinandersetzung mit den Herausforderungen und mit
ausgewählten Konzepten. Zum Abschluss werde ich meine Ergebnisse in einem Fazit zusammenfassen
(Kapitel 4).
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG - DER SOZIALSTAAT IN DER KRISE?
2 GESCHICHTLICHE ENTWICKLUNGEN
2.1 VON DER JAHRHUNDERTWENDE BIS ZUM ERSTEN WELTKRIEG
2.2 DER ERSTE WELTKRIEG
2.3 DIE WEIMARER REPUBLIK
2.4 DAS DRITTE REICH
2.5 NACHKRIEGSZEIT 1945 - 1965
2.6 DIE 60ER UND 70ER JAHRE
2.7 DIE 80ER UND 90ER JAHRE
3 DIE PROBLEMATIK DER ARBEITSMARKTPOLITIK
3.1 ZUR BEDEUTUNG DER ARBEIT
3.2 UMDENKEN
3.3 KLEINERE ORGANISATIONSEINHEITEN BEFÄHIGEN
3.4 EIN MODELLPROJEKT IN BERLIN
3.5 KOMMUNAL-VERBANDLICHE NETZWERKE
3.6 DAS NETZWERK FAMILIE
3.7 ERWERBSARBEIT, FAMILIENARBEIT UND SOZIALE DIENSTLEISTUNGEN
4 FAZIT
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Herausforderungen der deutschen Sozial- und Arbeitsmarktpolitik vor dem Hintergrund ihrer historischen Entwicklung und diskutiert neue Ansätze zur Bewältigung von Arbeitslosigkeit und zur Stärkung gesellschaftlicher Teilhabe.
- Historische Analyse des deutschen Sozialstaats von der Jahrhundertwende bis heute.
- Erosion des Normalarbeitsverhältnisses und die Bedeutung der Arbeitsmarktpolitik.
- Bedeutung lokaler Netzwerke und Eigeninitiative als Ergänzung zu staatlichem Handeln.
- Verzahnung von Erwerbsarbeit, Familienarbeit und sozialen Dienstleistungen.
- Entwicklungsperspektiven für eine zukunftsorientierte Arbeitsmarktpolitik.
Auszug aus dem Buch
3.4 Ein Modellprojekt in Berlin
Um die These, gute Arbeitsmarktpolitik könne nur in kleinen Netzwerken verwirklicht werden, zu stützen, führt Dettling ein interessantes Beispiel an. Es war ein Arbeitsvermittlungsprojekt, dass 1987 in Berlin gestartet wurde. Teilnehmer des Projekts waren junge Langzeitarbeitslose zwischen 18 und 25 Jahren, die aufgrund ihrer persönlichen Voraussetzungen keinen Anspruch auf Förderung durch das Arbeitsamt hatten. Viele der Teilnehmer hatten keinen Schulabschluss, lebten in sozialen Brennpunkten und waren großen sozialen und ökonomischen Belastungen ausgesetzt. Ziel des Programms war es, diese Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Wie sollte dieses Ziel verwirklicht werden?
Die Devise lautete „Eigeninitiative“. Die Teilnehmer konnten sich bei klein- und mittelständischen Betrieben ihrer Wahl einen Arbeitsplatz nach ihren Interessen aussuchen, der vom Programm finanziert wurde. Zu Beginn des Arbeitsverhältnisses arbeiteten die Beschäftigten nicht Vollzeit, sondern nur 80%, um sich wieder langsam in die Arbeitswelt einzufinden. Während der gesamten Laufzeit wurden die Teilnehmer von einer sogenannten Regiestelle begleitet, die das Projekt und die Zusammenarbeit mir den Arbeitgebern koordinierte. Die finanziellen Mittel wurden von Land, Bund und Europäischen Sozialfond bereitgestellt.
Statt das Geld für die Verwaltung auszugeben, sollte man es besser in solche Projekte investieren. Ich habe dieses Projekt vorgestellt, weil es zeigt, dass es noch finanzierbare Möglichkeiten gibt, um schwierige Arbeitsmarktgruppen wieder zu integrieren. Man ging hier von einem ressourcenorientierten Ansatz aus, der das Potential der Menschen sieht und nutzt. Die Betroffenen stehen nicht auf einem ohnmächtigen, verlorenen Posten, sondern man macht sie zu Gestaltern ihrer Situation, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Sinnvolle Programme können aber nur vor Ort ausgearbeitet werden, um den Ansatz mit den örtlichen Gegebenheiten abzustimmen. Dettling sieht in solchen Programmen die Zukunft der Arbeitsmarktpolitik.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG - DER SOZIALSTAAT IN DER KRISE?: Die Einleitung beleuchtet die aktuelle Krise des Sozialstaats und hinterfragt die Handlungsfähigkeit staatlicher Strukturen angesichts zunehmender Probleme auf dem Arbeitsmarkt.
2 GESCHICHTLICHE ENTWICKLUNGEN: Dieses Kapitel analysiert chronologisch die Entwicklung der deutschen Sozialpolitik von der Jahrhundertwende bis in die 90er Jahre, um aktuelle Debatten historisch zu fundieren.
3 DIE PROBLEMATIK DER ARBEITSMARKTPOLITIK: Hier werden die zentralen Probleme der heutigen Arbeitsmarktpolitik diskutiert und alternative, netzwerkorientierte Konzepte sowie Modellprojekte zur Integration Arbeitsloser vorgestellt.
4 FAZIT: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und betont die Notwendigkeit eines Umdenkens weg von starren staatlichen Strukturen hin zur Förderung kleinerer Netzwerke und individueller Eigeninitiative.
Schlüsselwörter
Sozialstaat, Arbeitsmarktpolitik, Wohlfahrt, Vollbeschäftigung, Eigeninitiative, Normalarbeitsverhältnis, soziale Sicherung, Arbeitslosigkeit, kleine Netzwerke, Familienarbeit, Erwerbsarbeit, Sozialpolitik, gesellschaftliche Teilhabe.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die geschichtliche Entwicklung und die aktuelle Problematik der deutschen Sozial- und Arbeitsmarktpolitik sowie notwendige Veränderungen derer Ausrichtung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten zählen die historische Entwicklung der Sozialfürsorge, die Herausforderungen der Arbeitsmarktpolitik, der Wandel von Erwerbsarbeit und die Bedeutung bürgerschaftlichen Engagements.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, arbeitsmarktpolitische Herausforderungen zu identifizieren und Lösungswege aufzuzeigen, wie der Sozialstaat diese bewältigen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Analyse sozialpolitisch-geschichtlicher Entwicklungen und der Auseinandersetzung mit ausgewählten Konzepten und Modellprojekten der Sozialarbeit.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Analyse bis in die 90er Jahre und eine kritische Auseinandersetzung mit modernen Konzepten der Arbeitsmarktpolitik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Sozialstaat, Arbeitsmarktpolitik, Eigeninitiative, Normalarbeitsverhältnis und Wohlfahrtspluralismus.
Welche Rolle spielen "kleine Netzwerke" in der Argumentation des Autors?
Der Autor argumentiert, dass kleinere, lokal organisierte Netzwerke oft flexibler und effektiver als große staatliche Zentralverwaltungen agieren können, um Arbeitslosigkeit zu bekämpfen.
Warum wird das Berliner Modellprojekt von 1987 als Beispiel angeführt?
Es dient als praktischer Beleg dafür, wie durch einen ressourcenorientierten Ansatz und die Förderung der Eigeninitiative selbst schwierige Zielgruppen in den Arbeitsmarkt integriert werden können.
- Quote paper
- Sören Funk (Author), 2000, Sozialstaat und Arbeitsmarktpolitik - Geschichtlicher Rückblick und neue Perspektiven, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19635