Mayer Amschel Rothschild - Die exogenen Faktoren der wirtschaftlichen Entwicklung eines Bankhauses


Diplomarbeit, 2011
128 Seiten, Note: Sehr Gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

I. Einleitung

II. Frankfurt am Main als rechtlich-wirtschaftlicher Standort und die jüdische Religion als sinnstiftender Moment

III. Rothschilds Anfänge im Münzhandel und sein Erfolg als Kommissionär und Spediteur
a. Die Rolle des Münzhandels in Rothschilds Unternehmen und die Anbahnung erster Geschäfte mit Wilhelm von Hessen-Kassel
b. Rothschilds Warenhandel mit englischen Stoffen

IV. Das Große Vermögen Hessen-Kassels, seine Rolle für den Frankfurter Anleihenmarkt und Rothschilds erste Bankgeschäfte
a. Der Soldatenhandel und die Rolle der englischen Subsidien für den
Landesfürsten von Hessen-Kassel
b. Banktechnische Entwicklung zur Zeit Mayer Amschel Rothschilds
c. Rothschilds bankmäßige Geschäfte bis 1806
V. Kurfürst Wilhelms Exil und Rothschilds folgenreiche Nachlassordnung
a. Rothschilds Dienste für den Kurfürsten nach 1806 und die Geschäftsstruktur des Familienunternehmens Rothschild
b. Rothschilds Erbe und die Auswirkungen seiner Nachlassregelung

VI. Konklusion

VII. Literaturverzeichnis

Vorwort

Die Wahl meines Themas fiel auf Mayer Amschel Rothschild da er zum Einen der Gründer der, einstmals sehr erfolgreichen und noch immer existierenden, Rothschild Bank war. Zum Anderen war er durch seine jüdische Religion von besonderem Interesse. Als Jude war Mayer Amschel Rothschild nicht Teil der ihn umgebenden Mehrheitsgesellschaft und musste dadurch mit zahlreichen Hindernissen kämpfen, wodurch sein unternehmerischer Erfolg umso beachtenswerter für mich wurde. Durch die Analyse der exogenen Faktoren, welche auf Mayer Amschel Rothschild wirkten und wie er diese nutzte, wollte ich eine Einschätzung über den Charakter dieses Mannes erlangen. Ich wollte wissen ob Mayer Amschel Rothschild einfach ein Produkt seiner Zeit war, oder ob sein Erfolg auf seiner eigenen Leistung beruhte. Anders mit den Worten meiner Professorin Renate Pieper gesagt; „Machte Rothschild Geschichte, oder machte die Geschichte Rothschild?“. Ich hoffe das der werte Leser, nach der Lektüre dieser Arbeit, für sich selbst eine Antwort auf diese Frage gefunden hat.

Auf diesem Wege möchte ich mich noch bei Marianita Keßler, meiner Lebensgefährtin, bedanken. Sie kümmerte sich um unsere beiden Kinder damit ich diese Arbeit schreiben konnte. Zusammen mit meiner Professorin Renate Pieper und meiner Mutter Brigitte Kutz, war sie es die mir wichtige Denkanstöße gab und mithalf die komplizierte Materie verständlicher zu gestalten. Neben meiner Lebensgefährtin und meiner Mutter danke ich Natascha Man für die Korrektur der Arbeit.

I. Einleitung

„ Man mu ß etwas sein, um etwas zu machen. Dante erscheint uns gro ß , aber er hatte eine Kultur von Jahrhunderten hinter sich; das Haus Rothschild ist reich, aber es hat mehr als ein Menschenalter gekostet, um zu solchen Schätzen zu gelangen. “ GOETHE, OKTOBER 1828 1

Bei dem hier von Goethe beschriebenen Menschenalter handelt es sich um das Leben von Mayer Amschel Rothschild. Mit ihm befasst sich auch diese Arbeit und auf seinem wirtschaftlichen Handeln liegt ihr Fokus. Auch wird hier versucht, die Frage zu klären, ob Rothschild2 tatsächlich der geniale und gerissene Gründer des gleichnamigen Bankhauses war, oder ob er schlicht und einfach das richtige Glück zu richtigen Zeit hatte. Um dies zu klären, werden die historischen Entwicklungen zur Zeit Rothschilds genauer betrachtet, da einige von ihnen maßgeblich Einfluss auf Rothschilds Geschäft und das spätere Bankhaus, hatten. Diese werden in der Arbeit als exogene Faktoren definiert und analysiert.

Rothschild lebte von 1744 bis 1812. Frankfurt am Main war sowohl seine Geburtsstadt, als auch sein Sterbeort. Für eine Analyse mancher exogener Faktoren muss die Arbeit über die Lebenszeit Rothschilds hinaus erweitert werden. So entstand etwa die Geschäftsverbindung, die Rothschilds Großvater mit Joseph Süß Oppenheimer einging, Jahre vor Rothschilds Geburt. Nach dem Tod beider Eltern konnte Rothschild auf diese Verbindung aufbauend nach Hannover zum dortigen Zweig der Oppenheimer gehen. Um Rothschilds Erb- und Nachfolgeregelung zu analysieren, musste sein Einfluss auf die spätere Geschäfts- und Familienstruktur unter seinen Nachfolgern aufgezeigt werden.

Das wirtschaftliche Schaffen Rothschilds ist das erklärte Forschungsobjekt dieser Arbeit. Zu welchem Zeitpunkt Rothschild plante, den Titel eines Hoffaktors zu erlangen, ist nicht dokumentiert. Dieser Titel war aber für Rothschild bedeutend. Durch ihn erlangte Rothschild Reisefreiheit in den Ländern des ernennenden Fürsten und er wurde an den exklusiven Aufträgen dieses Fürstenhofes beteiligt. Auch innerhalb der jüdischen Gemeinschaft bedeutete der Besitz dieses Titels den

Aufstieg hin zur Elite der Juden. Aber in seiner Heimatstadt Frankfurt am Main konnte Rothschild kein Hoffaktor werden, da Frankfurt von einem Stadtrat kontrolliert wurde und als unmittelbare Reichsstadt dem Kaiser unterstand. Dieser war aber in Wien und so warb Rothschild um die Gunst eines anderen, näher bei Frankfurt liegenden Hofes. Er fand ihn in der Grafschaft Hanau, welche weniger als 20 Kilometer von Frankfurt am Main entfernt und daher für Rothschild leicht zugänglich war. Der damalige Graf von Hanau war Wilhelm von Hessen-Kassel, der spätere Landgraf von Hessen-Kassel. Der Soldatenhandel dieses Landgrafen war für Rothschilds Entwicklung hin zum Bankhaus entscheidend und wird deshalb in dieser Arbeit näher analysiert. Denn Wilhelm erlangte durch diesen Soldatenhandel einen einzigartigen Reichtum innerhalb des Römischen Reiches Deutscher Nation. Das dadurch erworbene Vermögen musste vom Landgrafen veranlagt werden um weiteren Gewinn daraus beziehen zu können.

Rotschild gelang es zuerst, mittels des Handels von Münzen, Medaillen und Antiquitäten in die Nähe des Landgrafen zu gelangen und zum Hoffaktor ernannt zu werden. Durch gute Kontakte zu Karl Buderus, einem Finanzbeamten des Grafen, gelang es Rothschild an der bankmäßigen Veranlagung dieses Kapitals teilzunehmen. Gemeinsam gelang es ihnen, alle Konkurrenten aus diesem Geschäft zu verdrängen. Rothschild kamen bei diesem bankmäßigen Geschäft Entwicklungen im bargeldlosen Finanzverkehr zugute. Sein Konkurrent - die Firma Gebr. Bethmann hatte in den 1770er Jahren das Instrument von staatlichen Anleihen für Inhaberschuldverschreibungen für den Kaiser in Frankfurt eingeführt. Andere Länder sollten weitere Staatsanleihen in Frankfurt begeben. Wilhelm von Hessen-Kassel war einer der größten Käufer dieser Anleihen. Diese Arbeit bringt die erwähnten exogenen Faktoren in Zusammenhang mit Rothschilds Entwicklung vom KaufmannsBankier, der noch im Warenhandel involviert war, hin zum Privatbankier, der sich hauptsächlich auf Finanztransaktionen konzentrierte.

Rothschild reiste viel um in Kontakt mit Fürst Wilhelm von Hessen-Kassel3 zu bleiben. Wenn der persönliche Kontakt abgebrochen wäre, hätte Wilhelm bei der Vergabe seiner Aufträge wohl einen Konkurrenten Rothschilds, etwa die Gebrüder Bethmann, bedacht. Als Graf war Wilhelm in Hanau, als Landgraf und ab 1803 Kurfürst von Hessen-Kassel in Kassel. 1806 wurde Wilhelm von Napoleon zuerst nach Dänemark, dann nach Prag ins Exil gedrängt. Geografisch konzentriert sich die Arbeit aber auf Rothschilds Geburtsstadt Frankfurt am Main, zu jener Zeit einer der größten Finanzplätze innerhalb der Grenzen des heutigen Deutschlands. Es hatte aber noch nicht die bestimmende Rolle die es heute inne hat. Auf Rothschilds Söhne wird nur kurz Bezug genommen. Bei Nathan Rothschild ist es dessen Auszug nach England, bei Amschel Rothschild dessen geplante Etablierung in Kassel.

Es wurden schon zahlreiche Bücher über das Haus Rothschild geschrieben. Meist stimmt der Fokus des Autors mit seinem Heimatland überein. So schrieb Bertrand Gille4 und Herbert R. Lottmann5 über den französischen Zweig der Rothschild. Niall Ferguson6, Derek Wilson7 und Virginia Cowles8 beachten zwar meist auch die französischen, deutschen, österreichischen und italienischen Rothschilds, ihr Hauptaugenmerk liegt aber auf den Londoner Rothschilds. Conte Corti9 wiederum konzentriert sich auf den deutschsprachigen Zweig der Rothschilds. Diese sprachlich-geografische Aufteilung ist nicht willkürlich. Meist war jeder Historiker durch seine sprachlichen Kenntnisse beschränkt. In Ausnahmen halfen Dolmetscher und Übersetzungen über die sprachlichen Barrieren in der Forschung hinweg. Zusätzlich beschränkten sich die benutzten Archive auf jene, welche in geografischer Nähe lagen und zu welchen die genannten Autoren Zugang hatten. So konnte z.B. das Archiv der Rothschild, welches sich in London befindet, erst von Ferguson uneingeschränkt untersucht werden. Corti wiederum konnte vor allem auf das Wiener Archiv zugreifen, da er dort selbst ansässig war. Da die Frankfurter Linie der Rothschild keinen männlichen Erben hatte, wurden nach dem Tod von Amschel Rothschild alle Geschäftsdokumente nach Wien verlegt. Corti konnte also auch Briefe des Frankfurter Mutterhauses einsehen. Gille und Lottmann hatten wiederum auf die Quellen in Paris Zugriff, Ferguson, Wilson und Cowles auf die in London. Das neueste Gesamtwerk über die Familie Rothschild schrieb Ferguson. Da dieser erstmals ohne Restriktionen und unabhängig im Archiv der Rothschild arbeiten konnte, stellte es das umfassendste und präziseste unter den Gesamtdarstellungen dar. Leider ist die Qualität unter den genannten Werken nicht überall die gleiche.10 Diese Arbeit umfasst keine Gesamtgeschichte der Familie Rothschild. Einige Autoren haben - so wie in dieser Arbeit - bereits einzelne Mitglieder dieser Familie genauer betrachtet. Herbert H. Kaplan11 schrieb über Nathan Rothschild in London und konzentrierte sich auf Nathans Aufstieg zum führenden Bankier dieser Stadt. Anka Muhlstein12 hingegen konzentrierte sich auf das Leben von James de Rothschild, dem Begründer der französischen Dependance in Paris. Diese Arbeit hingegen konzentriert sich auf deren Vater Mayer Amschel Rothschild, Gründer des Bankhauses Rothschild, da erst sein Lebenswerk und seine Nachlassregelung den späteren Erfolg der Familie Rothschild ermöglichte.

Aus der bisherigen Literatur geht das Leben von Rothschild in groben Zügen hervor. Rothschild wurde in der Frankfurter Judengasse geboren und erlangte einen beträchtlichen Teil seines Vermögens durch die Abwicklung bankmäßiger Geschäfte für den Landgrafen von Hessen-Kassel. Schließlich erzog er seine Söhne solcher Maßen, dass sie befähigt waren, das Bankhaus Rothschild zu einem der bedeutendsten, wenn nicht überhaupt dem wichtigsten Bankhaus des 19. Jahrhunderts zu entwickeln.

Aber ist es wirklich klar, dass er für diesen Aufstieg auch die rechten Entwicklungen zur rechten Zeit benötigte? Hätte Rothschild seinen Durchbruch auch in einer anderen Stadt Deutschlands finden können? Wäre es zu einer anderen Zeit überhaupt zum reinen Bankgeschäft gekommen, oder wäre Rothschild & Söhne einfach weiterhin ein durch einen Hofjuden geführtes Speditions- & Kommissions- Geschäft geblieben? Mit diesen Fragen befasst sich die Arbeit, wobei es sich bei dieser Arbeit um keine weitere romanhafte Darstellung der Familiengeschichte der Rothschild handelt, wie sie etwa Conte Corti schrieb. Auch um kein so umfangreiches zweibändiges Gesamtwerk wie das von Niall Ferguson. Allein im Bezug auf seinen Hauptakteur muss sich diese Arbeit von den Genannten abgrenzen, da das Leben Rothschilds dort nur kurze Erwähnung findet. Bleibt noch das Standardwerk Christian Wilhelm Berghoeffers,13 welches im ersten Viertel des 20. Jahundert geschrieben wurde. Sein Werk gilt als die erste kritische Biografie über das Leben Rothschilds. Dabei kommt heftige Kritik an Berghoeffer von Seiten Alexander Dietz, Autor zweier grundlegender Werke über die Unternehmer Frankfurts.14 Berghoeffer wird von Dietz wegen seines Postens als Bibliothekar der Rothschild´schen Bibliothek kritisiert. Generell misst Dietz der Rolle Rothschilds keine allzu große Bedeutung für den Aufstieg der Familie Rothschild bei. Über Berghoeffers Biographie schreibt Dietz:

Sie ist eine blinde Verherrlichung dieses Geschäftsmannes mit ihrenüblichen Ü bertreibungen und der entsprechenden Unterschätzung anderer Männer der damaligen Geschäftswelt von gleicher oder gr öß erer Bedeutung. [ … ] Mayer Amschel ist zwar der verehrungswürdige Stammvater der Familie und Begründer des Bankhauses, aber unter den Christen und Juden des damaligen Frankfurt weder als Finanzmann noch als Mensch von derüberragenden Bedeutung gewesen [ … ]. Der schlichten und sympathischen Persönlichkeit dieses Mannes ist Gewalt angetan [ … ] worden. Nicht durch ihn [ … ] sondern durch seinen [ … ] Sohne Nathan Mayer [ … ] ist [ … ] die Familie [ … ] zur ersten europäischen Finanzmacht emporgewachsen. “ 15

Trotz dieser Kritik bietet Berghoeffers Biografie aber die umfassendste Lebensbeschreibung Rothschilds. Eine neuere Biographie Rothschilds legte Amos Elon vor. An manchen Stellen ist er jedoch zu begeistert von Rothschilds Persönlichkeit und betrachtet diesen zu unkritisch. Genau aus diesem Grund und da die neuesten Quellen von Ferguson auch genauso gut ausgearbeitet wurden, findet sein Werk16 in dieser Arbeit nur wenig Eingang. Berghoeffers Biografie dagegen dient als eine Art Leitfaden in dieser Arbeit.

Um das Hauptziel dieser Arbeit zu erfüllen, werden die Entwicklungen zur Zeit Rothschilds aufgezeigt. Dadurch kann Rothschilds tatsächliche Bedeutung für den Aufstieg seines Unternehmens ermittelt werden. So war Rothschild entweder ein Genie, wie es behauptet wird, oder er tat einfach das für alle Geschäftsmänner seiner Zeit Typische. Im Sinne der philosophischen Hermeneutik Hans-Georg Gadamers wird versucht, das Leben Rothschilds, welcher selbst als historischer Gegenstand betrachtet wird, in das gegenwärtige Weltverständnis einzufügen.17

Eine Dissertation mit ähnlichem Ziel schrieb Walter Pomiluek über den Montanindustriellen Beukenberg. Er definierte seine Aufgabenstellung wie folgt:

„ Die in diesem Kapitel aufgezeigte Spannbreite gegenwärtiger (Wirtschafts-) Biographik erfordert, da ß dieser Arbeit zugrundeliegende Erkenntnisziel explizit zu formulieren: Es ist die Darstellung der untersuchten Persönlichkeit mit ihren Determinanten und Begrenzungen, unter besonderer Berücksichtigung ihrer Einbindung in den Wirtschaftsprozess und den sich ergebenden Interdependenzen zu Politik, Kultur, Umwelt etc. sowie den Rückwirkungen sämtlicher gesellschaftlicher Bereiche auf ihr Handeln und ihr Selbstverständnis. “ 18

Im Großen und Ganzen schließt sich die Aufgabenstellung dieser Arbeit der Dissertation Pomilueks an, wenn auch im kleineren Rahmen einer Diplomarbeit. Hier stellen sich einige Fragen. Wie wurde aus einem jüdischen Jungen der Judengasse Frankfurts, der im Alter von 12 Jahren Vollwaise wurde, der Begründer des wichtigsten Bankhauses des 19. Jahrhunderts? Wie wurde aus einem Münz- und Antiquitätenhändler ein Privatbankier und aus seinem Speditions- und Kommissionsgeschäft19 ein Bankhaus? Diese Arbeit wird zeigen, dass das Leben Rothschilds der Grundstein für das spätere Bankhaus Rothschild war und daher auch essentiell für diese Betrachtung ist. Es wird versucht, die Situation des auf der Mikroebene Betrachteten Rothschild innerhalb der übergeordneten Strömungen zu vergegenwärtigen.

Während der biografischen Betrachtung wird näher auf exogene Faktoren eingegangen, die Rothschilds Leben beeinflussten. Zur Definition von exogenen Faktoren ein Beispiel: Rothschild trat als Hoffaktor in die Dienste des Landgrafen von Hessen-Kassel und konnte durch seine Banktätigkeit für diesen reichen Fürsten selbst reich werden. Durch den Verkauf seiner Soldaten an verbündete kriegführende Parteien - wie etwa England - waren der Landgraf von Hessen-Kassel und seine Vorgänger zu Reichtum gekommen. Der Soldatenhandel stellt also einen näher zu beleuchtenden exogenen Faktor dar. Durch in Bezugnahme der größten exogenen Faktoren im Leben Rothschilds soll eine Analyse des selbigen möglich werden. Ähnlich dem Begriff der exogenen Faktoren findet man innerhalb der Wirtschaftswissenschaft den bereits bestehenden Begriff der exogenen Variablen. Diese haben nur eine erklärende Rolle, werden selbst aber nicht erklärt.20 Diese Arbeit lehnt sich an diesen Begriff an. Die exogenen Faktoren dieser Arbeit sind aber im Unterschied zu den exogenen Variablen weiter definiert. Ähnlich exogenen Einflüssen in der Psychologie, beinhalten sie auch in dieser Arbeit Faktoren wie Erziehung, Bildung und soziale Kontakte. Bei Dilthey bilden die exogenen Faktoren Wirkungszusammenhänge, die auf das Individuum wirken. Zwar werden „Religion, Kunst, Staat, politische und religiöse Organisationen“ nicht dezidiert als exogene Faktoren verstanden, können aber als solche Anwendung finden.21

Die Arbeit soll aufzeigen, wie Rotschild agierte, welche Rahmenbedingungen er in seiner Zeit vorfand und wie er diese zu seinem Vorteil und zur Entwicklung seines Geschäfts nutzte. Als Rahmenbedingungen gelten die oben genannten externen Faktoren, welche sowohl Hindernis als auch Gelegenheit für das wirtschaftliche Leben Rothschilds verkörpern. Diese Arbeit nähert sich der Forschungsfrage, je nach Lehrmeinung mittels zweier oder dreier Methoden22. Die Unternehmensbiographie Rothschilds dient der Arbeit als Leitfaden. Zusätzlich findet eine Analyse der exogenen Faktoren der wirtschaftlichen Entwicklung des Bankhauses Rothschild statt.

Eine Biographie23 ist die Darstellung der Lebensgeschichte eines Menschen. Dabei wird sowohl auf die äußeren Lebensumstände und Ereignisse, insbesondere auf die historischen und sozialen Verhältnisse - wie etwa das Milieu der Frankfurter Judengasse - als auch auf die geistig-seelische Entwicklung - wie etwa Einflüsse der jüdischen Aufklärung - Rücksicht genommen. Seit Beginn des 20. Jh. hat sich die Biographie als anerkannter Teilbereich der Historiographie entwickelt.24 Was sie interessant macht, ist ihre Verbindung zu allen Feldern der Geschichtswissenschaft.25 Durch die Biographie findet sich ein multidisziplinärer Zugang zu den verschiedenen Aspekten von Rotschilds Leben. Dieser multiperspektivische Zugang findet sich sowohl in der soziologischen Analyse von Rothschilds Familienpolitik als auch in der kritischen Betrachtung des Soldatenhandels und der daraus resultierenden Zahlungen an Rothschilds Fürsten.26 Der multiperspektivische Zugang konzentriert sich in dieser Arbeit auf Bereiche der Wirtschafts-, Unternehmens- und Sozialgeschichte.

Die Person Rothschild lässt sich nicht allein durch Strukturen erklären. Daher werden auch die auf Rothschild einwirkenden Primärgruppen berücksichtigt. Auf diese Arbeit bezogen wird die Sozialisierung Rothschilds durch seinen Stand und seine Familie berücksichtigt. Schon Rothschilds Großvater verkehrte mit den großen Hoffaktoren. Er selbst wurde bei den Oppenheims ausgebildet, wodurch eine kaufmännische Tradition seiner Familie angenommen werden kann. Das familiäre Milieu ist durch einen frühen Verlust beider Eltern gekennzeichnet. Gleichfalls finden sich kulturgeschichtliche Themen in dieser Biographie. Kultur wird dabei als eine handlungsorientierte Sinnstiftung verstanden.27 Je nach Kultur geben die verschiedensten Handlungen einen Sinn im Leben. Zum besseren Verständnis wird das kulturelle Verständnis der jüdischen Gemeinschaft in Frankfurt am Main erläutert.

Diese Arbeit bezieht sich nicht auf Originalquellen - mit Ausnahme des Abschnitts über die versuchte Etablierung Amschel Rothschilds in Kassel. Sie schließt sich dem Ziel der Typologisierung und Strukturierung des hier behandelten Teils der Wirtschaftsgeschichte an. Möglicherweise sind die hier gelieferten Erkenntnisse auch für die Wirtschaftswissenschaften von Nutzen. Die Arbeit hat sich aber keinen kliometrischen Zielen verschrieben.28 Innerhalb der Arbeiten treten einmalige historische Vorgänge auf. So ist z.B. die Verdrängung von Rothschilds Konkurrenz durch Rothschild und seine darauf folgende beinahe Monopolstellung als Bankier für Kurfürst Wilhelm ein historischer Einzelfall. Rothschild machte aber auch Vorgänge durch, welche von anderen historischen Individuen gleicher Stellung vollzogen wurden. Ein Beispiel ist die Spezialisierung der Kaufmann-Bankiers hin zu Privatbankiers.29

Die Unternehmensgeschichte, die Teil diese Arbeit ist, wird selbst mal als Teil-, mal als eigenständige, wenn nicht sogar gegenüberstehende Disziplin der Wirtschaftshistorik gesehen. Der Unternehmer ist innerhalb der Unternehmensgeschichte der bestimmende Faktor.30 Nach klassischer Auffassung der Wirtschaftswissenschaften wird das Unternehmen als wirtschaftlich-rechtlich organisiertes Gebilde mit dem Ziel der Gewinnmaximierung aufgefasst. Es ist eine wirtschaftlich selbständige Produktionsstätte und kann mehrere Betriebe umfassen.31 Das Unternehmen wird dabei sowohl als soziales als auch wirtschaftliches Unternehmen verstanden. Der organisatorische und administrative Bereich wird bei dieser Arbeit weniger berücksichtigt. Rothschilds „Firma“ ist zu Beginn noch ganz auf die Person Rothschild konzentriert und wächst erst nach und nach zum Familienunternehmen heran. Da Rothschilds Söhne bis zu seinem Tode unter der Leitung ihres Vaters standen, ist diese Arbeit eine Unternehmerbiographie32. Es ist schwer, jene Firma, welche sich bei ihrer Gründung noch in der vorindustriellen Zeit befand, schon als Unternehmen zu kategorisieren. Diese Arbeit profitiert aber davon, dass in der Unternehmensgeschichte die Bedeutung und Entwicklung konfessioneller Minderheiten, wie der Juden in der deutschen Wirtschaft, schon relativ früh behandelt wurden.33 Eine sachgemäße Verortung der jüdischen Hoffaktoren als Unternehmer wurde bereits von Heinrich Schnee unternommen. Auf Grund der Rechtslage hat sich im 18. Jahrhundert das wirtschaftliche Handeln der jüdischen Bevölkerung auf Handel und Kreditwirtschaft beschränkt. Jüdische Unternehmer befanden sich in dieser Zeit daher allein in diesen beiden Bereichen und nicht etwa im Handwerk, oder der Industrie.34 Das Hauptaugenmerk der Unternehmensgeschichte liegt dabei auf der Geschichte des Managements, der Geschäftspraxis, der Geschäftsinstitution und des Geschäftsdenkens. Hauptziel der Unternehmensgeschichte war es, für den Geschäftsmann von praktischer Bedeutung zu sein.35 Das Ziel dieser Arbeit liegt aber in der Erklärung und Bewertung des wirtschaftlichen Handelns Rothschilds. Ein praktischer Nutzen für heutige Unternehmer wäre wünschenswert, hat aber eine untergeordnete Wichtigkeit.

Im überbetrieblichen Bereich untersucht die Unternehmensgeschichte auch die äußeren Rahmenbedingungen, welche auf die Unternehmen wirkten. Von Bedeutung ist hier vor allem der Einfluss des politischen, sozialen und wirtschaftlichen Umfeldes auf die Firma Rothschild. Welche Bedeutung das Unternehmen auf die allgemeine Gesamtwirtschaft und die sie umgebende Gesellschaft hat, wird in dieser Arbeit nicht untersucht, da dies den Rahmen der Arbeit sprengen würde.36

In den nun folgenden Kapiteln werden die einzelnen Bereiche von Rothschilds Unternehmen analysiert. Zu Beginn werden die exogenen Faktoren, welche Rothschilds soziale und wirtschaftliche Ausgangslage bestimmten aufgezeigt. Sowohl die wirtschaftliche Situation Frankfurts im europäischen Handel, so wie die rechtliche Stellung der Juden in Frankfurt, als auch das kulturelle Selbstverständnis der Frankfurter Juden, sind Faktoren die exogen auf Rothschild einwirkten. Die Darstellung von Rothschilds Warenhandel, beginnend mit seinem Münz- und Antiquitätenhandel, als auch der englische Warenexport und -Import, sind nötig um den späteren Einstieg ins Bankgeschäft erklären zu können. Es folgt eine Erläuterung der Herkunft hessen-kasselschen Vermögens aus dem Soldatenhandel. Dieses bildete als exogener Faktor einen wesentlichen Bestandteil des Rothschild´schen Bankgeschäfts. Die Erklärung wie dieses durch Wechseldiskontierung und als neues Kreditinstrument, durch den Handel mit staatlichen Anleihen, auf dem Börsenplatz Frankfurt angelegt wurde, bildet die Einleitung für Rothschilds Bankgeschäfte bis 1806. Das letzte Kapitel umfasst die Zeit des Exils von Kurfürst Wilhelm und wie Rothschild es schaffte sich als dessen einzige Bank zu profilieren. Im zweiten Unterkapitel dieses Kapitels wird Rothschilds Geschäftsstruktur, als auch die Folgen von dessen Nachlassregelung analysiert. Mit einer Einschätzung von Rothschilds Leistung und dessen Bedeutung für den generellen Aufstieg des Bankhauses Rothschild endet diese Arbeit.

II. Frankfurt am Main als rechtlich-wirtschaftlicher Standort und die jüdische Religion als sinnstiftender Moment

Beginnend mit einem Überblick über die politische Situation in Frankfurt am Main, wird das Selbstverständnis innerhalb der jüdischen Kultur und der Auswirkung auf Rothschilds Lebensphilosophie erläutert. Danach wird die Ausbildung Rothschilds mit der seiner Kinder verglichen. Im Zusammenhang damit stehen die Vernetzung mit den Oppenheims in Hannover, welche bereits etablierte Hoffaktoren waren, sowie der Beginn von Rothschilds Münzhandel. Abschließend wird die Institution des jüdischen Hoffaktors erklärt, warum Rothschild solch eine Ernennung anstrebte und welchen Gewinn der Titelerwerb für ihn darstellte.

Da Frankfurt als politisch unabhängiger Waren- und Geldumschlagsplatz galt, zogen im 18.Jh. viele Zuwanderer verschiedener Konfessionen und Handelsbürgerfamilien nach Frankfurt.37 Die Anzahl der Bewohner stieg dadurch von 24.800 im Jahre 1705 auf 39.204 ein Jahrhundert später.

An oberster Stelle der Reichsstadt stand der Kaiser, der immer gewählt werden musste und meist nicht in Frankfurt weilte. Aus diesem Grund regierte ein Stadtrat die Stadt. Da sie wie alle Städte dieser Zeit bis ins 18. Jh. ständisch bestimmt war, bestand der Stadtrat aus Mitgliedern des Patriziats. Im Konflikt mit diesen alteingesessenen Adelshäusern um die politische Führung Frankfurts standen die wirtschaftlich potenten Händler aus dem Stand des Bürgertums. Juden hatten keinen Einfluss auf die politischen Belange der Stadt. Vor allem das Handelsbürgertum - aus dem sich neben dem Judentum die späteren Bankhäuser entwickeln sollten - ist für diese Arbeit von Belang. Dieses setzte sich zusammen aus Lutheranern, Reformierten und Katholiken.38 1732 fand der Konflikt der Bürgerschaft gegen den Stadtrat durch die kaiserliche Haupt- und Finalresolution ein vorläufiges Ende. Die Bürger hatten ihr Hauptziel, mehr Einfluss auf die Finanzen des Rates zu bekommen, erreicht. Mittels des Bürgerausschusses besaßen sie jetzt eine Art Parlament, welches ein Vetorecht auf finanzielle Beschlüsse des Stadtrates hatte.39 Es war nur Frankfurter Bürgern lutherischen Glaubens erlaubt, ein städtisches Amt zu übernehmen oder in den Stadtrat gewählt zu werden.40

Als freie Reichsstadt hatte Frankfurt eine finanzwirtschaftlich attraktive Position inne, die es seiner geografischen Lage und den vom Reich gewährten Messeprivilegien verdankte. Der Übergang vom Jahrmarkt zur Messe war fließend. Auf Jahrmärkten trafen sich Produzenten und Kaufleute sowie Händler und Kunden. Auf Messen, wie es sie in Frankfurt gab, war der Austausch von Kaufmann zu Kaufmann gegenüber dem Verkauf zum Direktverbraucher vorrangig.41

Im 18. Jh. profitierte Frankfurt auch von dem in Europa vorherrschenden Merkantilismus. Die größeren Territorialstaaten, etwa Hessen-Kassel, Frankreich und England dehnten ihre gewerbliche Wirtschaft aus und steigerten damit die Produktion von Manufakturwaren. Frankfurt selbst diente schon lange als wichtiger Umschlagplatz und gewann durch den gesteigerten Warenverkehr an wirtschaftlicher Bedeutung. Als eigener Produzent von Manufakturwaren trat es weniger in Erscheinung. Der eigentliche wirtschaftliche Aufstieg gelang Frankfurt aber durch den 1778 einsetzenden Handel mit staatlichen Anleihen.42 Interessant hierbei ist die rückläufige Notierung des Frankfurter Wechselkurses in anderen europäischen Finanzmärkten im 18. Jahrhundert im Vergleich zu den Notierungen des 17. Jahrhunderts.43

Am wirtschaftlichen Aufschwung Frankfurts waren vor allem Bankiers wie Metzler, Bethmann und Rothschild beteiligt. Diese Bankiers entwickelten sich aber erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts aus Teilen des Bürgertums heraus. Erst in dieser Zeit kam es bei den vormaligen Kaufmann-Bankiers, zu einer Trennung von Geldgeschäften und Kommissions- und Speditionshandel.44

Der Stadtrat Frankfurts und das Heilige Römische Reich Deutscher Nation waren gegenüber den Juden auf ihrem Gebiet liberal. Durch die Verfassungsstreitigkeiten zwischen aristokratisch geprägtem Stadtrat und dem aufstrebenden Bürgertum kam es manchmal zu Übergriffen der Bürger auf die jüdische Gemeinde Frankfurts, da die Juden eine wesentliche finanzielle Stütze des Stadtrates darstellten. Die jüdische Bevölkerung wurde zur Tilgung des adeligen Finanzbedarfs gebraucht und musste durch den vom Kaiser gewährten Schutz eine höhere Steuer zahlen. Die bürgerliche Elite Frankfurts sah in den Juden aber nicht nur eine Konkurrenz, sondern auch potentiell brauchbare Kreditgeber. Ihre berufliche Tätigkeit wurde durch die Judenstättigkeit auf Pfandleihe, Münzwechselgeschäft und Kredithandel beschränkt. Die Judengasse stellte innerhalb Frankfurts einen eigenen Rechtsbezirk dar, in welcher Juden bezüglich Finanz-, Steuer-, und Bildungswesen Autonomie besaßen. Mitte des 18. Jhs. lebten im gesamten Gebiet des zukünftigen deutschen Kaiserreichs rund 70.000 Juden. Am Ende der napoleonischen Zeit beherbergte Mitteleuropa, vorwiegend im deutschsprachigen Raum, zwischen 400.000 und 500.000 Juden. Um 1780 war Frankfurt am Main eine der wenigen Städte mit einer jüdischen Gemeinde von mehr als 1.000 Mitgliedern neben Hamburg/Altona, Glogau, Mannheim, Zülz und Fürth. Zusammen umfassten die genannten Städte etwa ein Viertel der jüdischen Gesamtbevölkerung im Gebiet des Kaiserreichs. Die jüdischen Einwohner sprachen meist West-Jiddisch, auch Juden-Deutsch genannt, eine aus dem Mittelhochdeutschen entstandene Sprache. Neben dieser sprachlichen Abgrenzung von der christlichen Mehrheitsbevölkerung gab es auch eine räumliche.

Juden mussten bis spät im 18. Jahrhundert in eigenen, von ihren nicht-jüdischen Nachbarn abgetrennten Vierteln leben. Sie mussten die strengen Regeln der jüdischen Gesetze befolgen und standen unter der rechtlichen Aufsicht ihrer eigenen rabbinischen Gerichte45. Durch die „Judenordnungen“ waren Juden gezwungen, Sonderabgaben zu zahlen. Dazu zählten Schutzgelder wie der „Leibzoll“ auf Menschen, Vieh, oder Handelsgüter und Zahlungen auf Heiratserlaubnis, Ausübung des Berufes und Aufenthaltsgenehmigungen. Offene Verfolgung, Ausweisung oder körperliche Angriffe waren zu dieser Zeit selten. Das wirtschaftliche Hauptbetätigungsfeld unter den Juden war der Handel mit Waren. Dennoch waren etwa 50% der jüdischen Arbeitskräfte Tagelöhner, Handlungsgehilfen und Hausangestellte, welche indirekt über ihre Arbeitgeber von deren Handel abhängig waren. Geschäfte mit Geld und Kredit blieben unbedeutend. Berlin und Frankfurt waren Ausnahmen, denn hier waren 20% der jüdischen Familienvorstände im Geldgeschäft tätig.46 Rothschilds Bankgeschäft war also wesentlich auf Frankfurts wirtschaftliche Sonderrolle innerhalb der jüdischen Gesellschaft angewiesen.

„ Am Eingang der Stra ß e war ein Adler hingepflanzt, sonst das Symbol der Freiheit und Hochherzigkeit, hier ein Zeichen der Knechtschaft und der Schwäche. Es ist ein kaiserlicher Adler, den die Juden als Denkmal ihrer Dankbarkeit für den Deutschen Kaiser hingesetzt hatten, weil er sie so oft gegen die Wut der Frankfurter Bürgerschaft in Schutz genommen. “ 47

Ludwig Börne beschrieb 1808 die Frankfurter Judengasse in seinen beiden Werken „Die Juden in Frankfurt am Main“ und „Freimütige Bemerkungen…“ als einen dunklen, stinkenden und überbevölkerten Ort der Unterdrückung. Glaubt man seinen Erzählungen, war die sanitäre Lage der Juden mehr als schlecht. Kinder spielten im Dreck in einer engen hohen Gasse, in die kaum Sonnenlicht drang. Aus Platzmangel wurden die aneinander gereihten Häuser mit Türen verbunden und Zimmer und Stockwerk unter mehreren Familien geteilt. Börne sieht den Grund für fehlende Sittlichkeit und Bildung in dieser Überbevölkerung in Kombination mit dem notorischen Platzmangel. Da man unter sich war, gab es keine Trennung des privaten, oder öffentlichen Benehmens in der Gasse. Aufgrund der Bombardierung durch die Franzosen und in weiterer Folge die Zerstörung der Judengasse 1796 mussten die Juden außerhalb ihrer Gasse und unter Christen untergebracht werden. Ob dabei tatsächlich eine schnelle Akkulturation ausgelöst wurde, wie von Börne behauptet wird, ist fraglich. Die Dichtungen Börnes zeigen aber, was von den jüdischen Aufklärern an den Glaubensgenossen als rückständig bekrittelt wurde. Der jüdische Dialekt sollte nicht mehr gesprochen und Jüdische Gebete und Gebote nur im privaten ausgelebt werden.48 Man sieht also, dass Börne, welcher selbst Teil der Aufklärung war, allein in ihrer Ghettoisierung den Grund für eine Rückständigkeit der jüdischen Gesellschaft sah. Börnes Gedichte geben aber auch einen Teil von Rothschilds Lebenswelt wieder.

Über die generelle Armut der Juden wird durch den Reichtum Einzelner wie den Oppenheims, oder eben auch den Rothschilds, hinweggetäuscht. Mitte des 18. Jhs. machten die eigentlichen Reichen nur zwei Prozent der jüdischen Gesamtbevölkerung aus. Ende des 18. Jhs. lebten nur ein Viertel bis ein Drittel als „gesicherte“ Existenzen.49

Ehre innerhalb der jüdischen Gemeinschaft wurde jenen Individuen und Familien zugeschrieben, welche sich durch ihren Einsatz für die jüdische Gemeinschaft ausgezeichnet hatten. Generell spielte die Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit eine äußerst wichtige Rolle. Besonders die Erzählungen und Erinnerungen aus der Bibel, der Familie, oder der gesamten jüdischen Gesellschaft. Sie verwendeten die Vergangenheit, um damit die Gegenwart zu erklären und um sich selbst Ideale zu geben, die sie anstreben konnten. Innerhalb der Gemeinde wurde immer mit der Vergangenheit argumentiert. So zum Beispiel um Gesetze durchzusetzen, Autoritäten zu legitimieren und um Traditionen aufzunehmen. Zum Einen schufen sie dadurch eine gemeinsame, oft regionale, Identität. Aus jüdischer Sicht war die Existenz von Judengemeinden ausschlaggebend dafür, dass christliche Städte, Regionen und Nationen erst entstehen und sich entwickeln konnten. Zum Anderen fand sich dadurch eine Rechtfertigung gegen eine christliche Umgebung, welche durch ihre religiöse Lehre das Judentum als etwas Überkommenes und Irriges ansah. Die antijüdische Mentalität und Politik konnte so leichter ertragen werden.50

Am Beispiel Rothschilds wird der vermehrte Rückgriff auf die Vergangenheit in der Rezeption Rothschilds durch seine Söhne deutlich. Der von Rothschild geleistete Dienst an der jüdischen Gemeinde wurde als eine Art Dienst an Gott und Rothschilds Erfolg als Lohn dafür verstanden. Von Rothschilds Söhnen Carl und Salomon wurde der wirtschaftliche Erfolg ihres Unternehmens als göttlicher Lohn für die zuvor geleistete Unterstützung der Judenemanzipation gewertet. Das Ziel einer rechtlichen Gleichstellung zwischen Juden und Christen wurde auch von Rothschilds Söhnen verfolgt. So versuchte Salomon Nathan dazu zu bewegen, Druck auf die englische Regierung auszuüben, damit diese die Sache der Juden auf dem Kontinent verbessere:

„ Wenn ja alles vom lieben Gott abhängt, wenn wir ja Glück haben wollen, lieber Nathan, muss Dir dieses [das ganze jüdische Volk] ebenso angelegen sein als wie einst das wichtigste Geschäft. Wie können wir den seligen Vater mehr Ehre antun, als wenn wir unterstützen seine Arbeit wo er Jahren daran gearbeitet [?] “ 51

Durch Moses Mendelssohn (1729-1786) entwickelte sich von Berlin ausgehend die jüdische Aufklärung, genannt Haskala. Er interpretierte das Judentum als eine Religion der „praktischen Gebote“, ohne Theologie, gestützt auf die Offenbarung. Seiner Meinung nach war es eine freie Religion, die den Ansprüchen der umgebenden christlichen Gesellschaft angepasst werden konnte und sich mit den Prinzipien der Vernunft und Aufklärung vereinbaren ließ. Mendelssohn plädierte für die grundsätzliche Gleichheit der Menschen in einem reformierten, modernen Staat, der säkular und vorurteilsfrei sein sollte. Juden und Christen sollten als Staatsbürger koexistieren dürfen.52

Dass diese Gedanken der Aufklärung auch Rothschild beeinflussten, zeigt sich am von Rothschild gegründeten Philanthropin, einer Schule für arme jüdische Kinder in Frankfurt. Angeblich hatte er 1803 in Marburg einen dreizehnjährigen jüdischen Knaben aus Galizien, der sein Brot mit dem Absingen hebräischer Lieder verdiente, auf einen seiner Reisen getroffen. Diesen nahm er mit und gab ihn zu seinem Buchhalter Geisenheimer. Als dieser für eine Erziehung des Jungen Gelder sammelte, waren die Spenden ausreichend um das Philanthropin zu gründen. Der Hauslehrer der Rothschilds, Dr. Michael Hess wurde der spätere Leiter dieser Institution.53 Der Lehrplan des Philanthropin war auf die Ideale der jüdischen Aufklärung ausgerichtet, da Hess ein Anhänger Mendelssohns war. Trotz dieser Geschichte war Rothschild gegen eine vollständige Anpassung der Juden an die Christen. Er wünschte, die Erziehung jüdischer Kinder innerhalb der jüdischen Gemeinde zu halten. Diese Meinung stand gegen den Trend vieler jüdischer Familien, welche ihre Kinder in nichtjüdische Schulen schickten.54

Rothschild selbst war kein Vertreter der jüdischen Aufklärung55 die bei den Juden Haskala genannt wurde. Sie wurde von den Maskilim, den jüdischen Aufklärern getragen. Im Gegensatz zu vielen Juden führte die Haskalah bei den Rothschilds nicht zur Konversion hin zum Christentum. Allein diese Tatsache zeigt, dass in dieser Familie die jüdische Religion eine wichtige Rolle gespielt haben musste. Rothschild selbst soll streng nach den Regeln des Talmuds gelebt haben.56

Anbei eine Liste über Rothschilds Ahnen und Verwandtschaft zur leichteren Orientierung für die nachfolgenden Abschnitte:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Daten über Rothschild und seine Ahnen.57

Nun zum wirtschaftlichen Schaffen Rothschilds: Rothschild, der 1744 selbst als einer von drei Söhnen geboren wurde, arbeitete schon als Kind im Geschäft seines Vaters, Moses Amschel Rothschild, welcher mit Münzen und Seidenstoffen handelte. Rothschild hatte die Aufgabe, Münzen aus Gold und Silber gegen die entsprechende Menge Kupfer - sogenanntes grobes Geld - zu wechseln.58 Das Münzgeschäft von Amschel Moses Rothschild profitierte von der zentralen Lage Frankfurts inmitten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, welches in viele kleine Fürstentümer aufgeteilt war, da jedes von ihnen eine eigene Währung hatte. Um den Handel innerhalb Frankfurts zu erleichtern, waren nur Münzen erlaubt, welche denselben Silbergehalt wie der Frankfurter Gulden aufwiesen. Händler von außerhalb Frankfurts mussten ihre Währung also bei anderswertigem Silbergehalt umtauschen. Da der Gehalt oft variierte, bot dies viele Möglichkeiten für Geldwechsler, welche so wie die Juden durch ihre Familiennetzwerke ein gut informiertes Korrespondenznetzwerk in Europa hatten und stets über den aktuellen Silbergehalt der einzelnen Währungen informiert waren.59

Wie alle Buben der Frankfurter Judengasse besuchte auch Rothschild die „heder“, die jüdische Grundschule.60 Durch die Beschäftigung mit dem Münzhandel stieß er auch auf antike Münzen, welche er an Sammler verkaufte. Rothschild besuchte nach der Grundschulde die Jeschiwa61, eine Schule über die Lehren des Talmuds, die heilige Schrift der Juden, in Fürth, als Rothschilds Vater 1755 und seine Mutter ein Jahr später an einer Epidemie verstarben. Er brach seine Schulausbildung ab und gelangte für einige Jahre, vermutlich bereits 1760, nach Hannover in das Bankhaus der Oppenheims. Wer diesen Aufenthalt organisiert hatte, ist nicht bekannt. Er blieb bis 1764. Berghoeffer geht nicht davon aus, dass Rothschild von seinen Eltern dazu auserkoren war, Rabbi zu werden. Er bekrittelt außerdem, dass sowohl das Memorbuch62, als auch das Nekrolog von Salomon Jakob Cohen, die als Quellen für den Hannover Aufenthalt herangezogen wurden, genaue Zeitangaben vermissen lassen. Angaben von Backhaus lassen einen Aufenthalt Rothschilds in Hannover bis ins Jahr 1765 unrealistisch erscheinen. Hier wird 1764 statt 1765 als Jahr der ersten Transaktion mit Prinz Wilhelm von Hessen-Hanau angegeben. Um mit dem Fürsten ins Geschäft gekommen zu sein, musste er entweder direkt in Hanau oder zumindest in Frankfurt zugegen gewesen sein.63

Als Rothschild in Hannover im Oppenheimschen Handelshaus arbeitete, traf er auf General von Erstorff, der als begeisterter Numismatiker, einige Münzen von Rothschild kaufte. Ob sich Rothschild erst durch diese Erfolge oder bereits vor seinem Aufenthalt in Hannover vermehrt mit der Numismatik beschäftigte, bleibt unklar. Gesichert ist, dass er sich gezielt Kenntnis über die „Antike“ aneignete und sich alle erreichbaren, einschlägigen Schriften über Münzen und Medaillen beschaffte, um am Ende ein ausgezeichneter Fachmann zu werden. Er war also in gewisser Weise Autodidakt.64

Die Schwierigkeit bestand nicht nur darin, den Edelmetallgehalt zu bestimmen, sondern auch den historischen Wert zu erkennen. Rothschild musste enormes Wissen von Geschichte und Kunstgeschichte gehabt haben. Sicherlich half ihm die numismatische Anleitung des Pfarrers Samuel David Maddai, in welcher zahlreiche Münzen detailliert beschrieben wurden. Mit dieser Anleitung konnten Kunden den genauen Wert der von Rothschild angebotenen Münzen feststellen. In ihr wurden die Einzelnen Münzen nach Alter, Wert und Herkunftsort kategorisiert.65 Warum aber wurde Rothschild in Hannover aufgenommen? Die Vernetzung und Pflege von Geschäftsverbindungen ging im 18. Jh. einher mit der Ausbildung der potentiellen Nachfolger. Es war Usus unter den Kaufmannsfamilien, dass man Söhne, oder im Falle der Familie Bethmann Neffen zu befreundeten Kaufleuten entsandte. Dort lebten und arbeiteten sie für eine gewisse Zeit, meist einige Jahre. Dies hatte einige Vorteile. Sie lernten das Geschäft eines für sie fremden Kaufmanns kennen, mussten sich selbst außerhalb des Familienbetriebs behaupten und einen Namen machen. Sie konnten auch Handelskontakte in einer anderen Stadt knüpfen auf welche sie, wenn sie dem Vater nachfolgten, zugreifen konnten. Gleichzeitig war diese quasi „Patenschaft“ eine Stärkung der persönlichen und gleichzeitig geschäftlichen Verbindung zwischen den beiden Handelspartnern.66 Dieser Brauch, der von der Familie Bethmann bekannt ist, ist von den Kindern Rothschilds nicht bekannt. Rothschild selbst war bei den Oppenheims in Hannover in der Lehre. Rothschilds dritter Sohn, Nathan Rothschild, verließ als erster das Geschäft seines Vaters und ging 1798 nach Manchester. Aber auch in England unterstand er den Befehlen des Vaters und keinem anderen Kaufmann. Alle Söhne Rothschilds verbrachten ihre Lehrjahre in der Firma des Vaters und blieben auch bis ins Erwachsenenalter Teil dieser Firma.

Moses Kalmann Rothschild, welcher der Großvater von Rothschild war, handelte im Zuge seines Einzelhandels mit Wechseln. Einer seiner Handelspartner war Joseph Süss Oppenheimer, der Geheimrat der Finanzen und Hoffaktor am Hofe des Herzogs Karl Alexander von Württemberg war. In seinen letzten Lebensjahren 1733-1735 hatte Moses für 35.000 fl67 Wechsel von diesem übernommen, mit seinem Giro versehen weiter verkauft.68 Joseph Süss Oppenheimer wurde 1733 als des Herzogs Assistent nach Frankfurt geschickt. Dort lebte er im Goldenen Schwan Hotel in der „Grosse Friedberger Gasse“. Moses Kalmann Rothschild soll speziell zu den Oppenheims in Stuttgart und Hannover engen Kontakt gehabt haben. Ob es sogar freundschaftliche Beziehungen zwischen der Familie Oppenheim und der Familie Rothschild gab, blieb längere Zeit unklar und wird von älteren Autoren nicht beantwortet. Manfred Pohl erwähnt wie Wilson und Heuberger, dass es zwischen den Rothschilds und den Oppenheims eine Freundschaft gegeben haben soll.69

In Hannover war Rothschild unter der Obhut von Wolf Jakob Oppenheim, welcher der Enkel von Simon Wolf Oppenheim und selbst Sohn des großen Wiener Hoffaktors Samuel Oppenheim war. Ob Rothschild hier das Handwerk eines Hoffaktors erlernte, kann nicht gesagt werden. Sicherlich lernte er aber das Leben eines jüdischen Hoffaktors kennen. Heuberger vermutet eine Freundschaft zwischen den Familien Oppenheim und Rothschild, welche mit dem Großvater Rothschilds, Moses Kalmann Rothschild, ihren Anfang nahm. Diese Freundschaft zwischen den beiden Familien musste den Großvater überdauert haben und vom Vater Rothschilds, Amschel Moses, gepflegt worden sein.70 So wäre der Aufenthalt Rothschilds in Hannover erklärbar. Dieser Aufenthalt in Hannover entstand also aus einem Unglück und war vermutlich nicht beabsichtigt. Ob Rothschild, wären seine Eltern nicht verstorben, auch einen Teil seiner Jugendzeit bei den Oppenheims verbracht hätte, ist unklar. Möglicherweise hätte er nach seinem Aufenthalt in Fürth wieder im Betrieb seines Vaters gearbeitet, ohne jemals wo anders eine „Lehre“ gemacht zu machen. Seine Kinder schickte Rothschild auf keine Schule, sondern engagierte einen Hauslehrer, Dr. Michael Heß.71 Das Familiengeschäft erlernten sie von klein auf unter Aufsicht ihres Vaters.

Als er nun an praktischer Erfahrung reicher nach Frankfurt zurückkehrte, konnte er nun auch auf das väterliche Erbe zugreifen. Zur ungefähr gleichen Zeit verließ auch sein Gönner General von Erstorff die Stadt Hannover und begab sich zu dem ihm nahe stehenden hessischen Fürstenhaus an den Hof des Prinzen Wilhelm in Hanau. Dort musste der General den Prinzen angeregt haben, eine eigene Münzsammlung zu beginnen. Eine Münzsammlung zu besitzen war zu jener Zeit ein Ausdruck von höfischem Luxus. Nach des Prinzen Aufzeichnung wird eine eigene Münzsammlung ab dem Jahr 1763 belegt. Dabei hatte der General wohl auch Rotschild als Sachkundigen empfohlen.72

Ob Rothschild wirklich der erste und einzige Münzhändler in der Frankfurter Judengasse war, der auf den Handel mit griechischen und römischen Münzen, alten Talern und deren Teilstücken, und auf Gold- und Silbermedaillen spezialisiert war, ist nicht sicher.73 Dietz geht von einer anderen Sachlage aus. Rothschilds Geschäftstätigkeit sei ähnlich derer anderer Handels- und Wechseljuden gewesen, die jede sich bietende Möglichkeit für Geschäfte nutzten. Diese Geschäftsmöglichkeiten beinhalteten sowohl den Handel mit Münzen, Medaillen, Darlehen, Wechseldiskontierungen, Kleidern, englischen Manufakturwaren als auch Wein. Zusätzlich erledigten sie Lieferungen für das Militär.74

Aus der Hanauer Schatullkassen-Rechnung, die in Marburg nur für die Zeit vom Oktober 1764 bis zum Dezember 1765 vorhanden war, schienen Beträge für alte Silbermünzen, Medaillen, Medaillentische und ähnliches auf. Im Juni 1765 wurden dabei einem Juden mit Namen Meyer 38 fl und 30 Kronen75 für Medaillen ausgezahlt. Da in selbiger Schatullkassen-Rechnung ein Jude Namens Amschel Kahn aus Hanau mal mit Familiennamen, einige Male nur mit Vornamen aufgelistet wurde, lässt sich annehmen, dass diese Art der uneinheitlichen Auflistung auch auf Rothschild angewendet wurde. Mit dem Juden Meyer wurde vermutlich Meyer Amschel Rothschild gemeint. Man sieht also, dass Rothschild durch den Kontakt zu General v. Erstorff profitierte, denn Rothschilds Münzhandel brachte ihn in die Nähe des Landgrafen.

Dietz folgt auf eine andere Interpretation des Münzhandels. Er geht ebenfalls davon aus, dass Rothschild der Vertrauensmann vieler wohlhabender Familien beim Ankauf und Verkauf von Münzen und Medaillen war. Dietz macht aber einen Unterschied bei deren Verwendungszweck. Diese Münzen seien nämlich als Patengeschenke für Kinder aus wohlhabenden Häusern verwendet worden.76

Warum aber waren die jüdischen Hoffaktoren von solcher Bedeutung für die Fürsten der damaligen Zeit? Nach dem Dreißigjährigen Krieg wuchs die Bedeutung der Juden bei Hofe, auch Hofjuden genannt, im Römischen Reich Deutscher Nation,wie in keinem anderen Land. Dies lag daran, dass im Gegensatz zu Spanien, Frankreich und England das deutschsprachige Gebiet in viele kleine und mittelgroße Staaten geteilt war. Jedes dieser Fürstentümer hatte eine eigene Armee und einen eigenen Hof, der finanziert werden musste. Das Netzwerk der jüdischen Hoffaktoren wurde also zur Finanzierung dieser Ausgaben benötigt. Die Art der Beziehung des Hoffaktors mit dem Hofe war durch die Regierungsform und gewisse wirtschaftliche Faktoren bestimmt. In erster Linie war aber die Beziehung des jüdischen Hoffaktors zum Fürsten ausschlaggebend. Die Hoffaktoren hatten eine eigene Identität innerhalb der Gemeinschaft der Juden und nahmen aristokratische Züge an.77 In der Zeit Rothschilds ging die Bedeutung der Hoffaktoren zurück, da ein autonomer Banksektor entstand. Die vormals wichtige persönliche Beziehung zwischen Hoffaktor und Fürsten wurde durch Banken und höfischer Administration ersetzt.78

Durch die Kopfsteuer, die Juden zu zahlen hatten, hatten die absolutistischen Fürsten ein Einkommen, welches sie von den Ständen unabhängiger machte. Denn ohne Einwilligung der Stände konnte der Fürst keine Steuererhöhung durchsetzen. Die Hoffaktoren wurden dadurch zu Gegnern der Landstände, die mit dem Fürsten um die Macht im Staate stritten.79 Das Bekannteste Beispiel ist Joseph Süß Oppenheimer, welcher 1737 in Stuttgart auf Betreiben der Stände hingerichtet wurde. Dies geschah unter fragwürdigen Umständen und bezeichnenderweise nachdem sein Gönner Herzog Karl Alexander von Württemberg gestorben war.80 Die Hoffaktoren waren auch ausschlaggebend dafür, dass die Fürsten sich zu absoluten Fürsten entwickeln konnten. Dass heißt, ohne oder nur mit wenig Mitsprache der Landstände.81

Mitte des 18. Jhs., in der Zeit Rothschilds, machte das Hoffaktorensystem einen Wandlungsprozess durch. Die Lebensbedingungen der Juden waren gefestigter und die höfische Administration wurde leistungsfähiger. Wo zuvor eine Finanzierung durch Kredite für Einzelprojekte erbeten wurde, fanden nun geregelte, langfristig kalkulierbare Kreditbeziehungen statt. Geschäftspartner war nun nicht mehr der Fürst persönlich, sondern dessen Hofkammer und Regierung.82

Trotz der Freundschaft zwischen den Oppenheims und den Rothschilds kann man die Familie Rothschild in der Zeit vor Rothschild nicht der jüdischen Elite zuordnen. Zwar war ihre Familie als Zulieferer und Vertragspartner in das jüdische Wirtschaftsnetz eingebunden, jedoch partizipierten sie nicht im internen hofjudenschaftlichen Teil der jüdischen Gesellschaft.83 Mit dem Titel des Hoffaktors waren einige nützliche Rechte verbunden. Ein Hoffaktor konnte nun bei seinen Reisen Gewehr, Degen und Pistolen mitnehmen. Außerdem wurde er von allen Gebühren, wie Leibzoll, Maut und Aufschlägen, die normale Juden zahlen mussten, befreit. Dies galt ebenso für seine Familie und seine Bediensteten. Innerhalb des Herrschaftsbereich des Landesfürsten, der den Juden zum Hoffaktor erhoben hatte, durfte er überall übernachten wo er wollte und stand unter dessen Schutz.84 Ein Hoffaktor hatte also innerhalb der Herrscherdomäne weniger Beschränkungen als normal gestellte Juden.

Wie die Einstellung von Rothschild zu den Regierungen im Allgemeinen war, wird zum Teil aus Briefen seiner Söhne nach seinem Tode ersichtlich. So erinnerte Salomon Rothschild, zweiter Sohn Rothschilds, seinen Bruder Nathan Rothschild 1818, dass Titel wie Hofbankier und Konsul nützlich seien. Amschel Rothschild, ältester Sohn Rothschilds, erachtete den Titel eines „Hofagenten“ schon geringer, da vergleichbare Titel wie „Exzellenz“ bereits käuflich waren und nicht mehr ausreichten um potentiell neue Kunden zu beeindrucken oder für Ansehen sorgten. Es war wesentlich leichter mit Regierungen, die in finanziellen Schwierigkeiten steckten, zusammenzuarbeiten, als sich erst bei solchen beliebt zu machen, die über ausreichend Kapital verfügten. Dies war eine Regel die Rothschild seinen Söhnen verdeutlicht hatte, wie Amschel später erklären sollte.85 Salomon betonte eine Lehre seines Vaters, sich mit Politikern gut zu stellen. So schrieb er in einem Brief an Nathan 1815: „ Du wei ß t doch den Vater sein Grundsatz um an so gro ß e Regierungsleute zu kommen, muss man alles wagen. “ Rothschild hatte seinen Söhnen ein ganz eigenes Verständnis über das Verhältnis zwischen Juden und Fürsten gelernt. Sobald ein Fürst in eine finanzielle Partnerschaft mit einem jüdischen Hoffaktor trat, „gehört[e] er dem Juden.“86 Für diese Sichtweise war wohl die beinahe Monopolstellung, die Rothschild bei Wilhelm von Hessen-Kassel nach 1806 erreicht hatte, ausschlaggebend.

Nach dem Tode Rothschilds bemühten sich seine Erben auch weiter darum, Titel wie den des Hofbankiers vom Herzogtum Nassau zu erhalten. Eine weitere Strategie der Rothschild war, sich besonders mit den Thronerben und anderen nicht regierenden Mitgliedern der fürstlichen Häuser gut zu stellen. Mit berechnender Großzügigkeit wurden so Kredite an diese vergeben. Ähnlich wie Rothschild schon zum jungen Prinzen Wilhelm in Hanau Beziehungen pflegte, wurden dessen Sohn Wilhelm II. von Hessen-Kassel als Kurprinz87 1815 450.000 fl und 1818/19 heimlich 1,25 Mio. fl von den Rothschilds gewährt. Als Wilhelm II. Kurfürst wurde, erhöhte sich der von den Rothschilds begebene Kredit deutlich, was den Erfolg der Rothschild-Strategie belegt. Ebenso wurde beim Darmstädter „Groß- und Erbprinz“ verfahren.88

Die Rothschilds bemühten sich also früh um die Erben der regierenden Landesfürsten, um bei vollzogener Nachfolge bereits eine gute Reputation beim neuen Landesfürsten zu besitzen. Gleichfalls waren die Kronprinzen auf leicht verfügbaren Kredit angewiesen, da sie im Gegensatz zu ihren Vätern, noch nicht auf die herrschaftlichen Kassen zugreifen konnten. Ebenso wurde auch von Rotschilds Söhnen die Nähe zu den Höfen und nicht etwa wie bei den Bethmann zur Vorindustrie gesucht. Man kann sagen, das Portfolio der Bank Rothschild konzentrierte sich so weit uns bekannt wesentlich auf die Fürstenhöfe, während Banken wie Bethmann auch bürgerliche Kunden betreuten. Erst mit der rechtlichen Emanzipation der Juden, die erst nach dem Tode Rotschilds eintrat, sollte das Bankhaus Rothschild auch Industrie wie etwa Eisenbahnen finanzieren.

III. Rothschilds Anfänge im Münzhandel und sein Erfolg als Kommissionär und Spediteur

a. Die Rolle des Münzhandels in Rothschilds Unternehmen und die Anbahnung erster Geschäfte mit Wilhelm von Hessen-Kassel

Wie aber kam es dazu, dass Rothschild den Kontakt mit dem damaligen Prinzen von Hessen-Kassel herstellen konnte? Bei der Beantwortung dieser Frage gibt es zwei Meinungen; die erste stammt von Corti. Rothschild habe eines Tages eine Auswahl der schönsten Medaillen und seltensten Münzen ausgestellt und sich nach Hanau begeben, um diese dem Prinzen anzubieten. Auch wenn er nicht zu ihm persönlich vorgestoßen sein soll, sei sein Kaufangebot dem Fürsten zur Vorlage gebracht worden. Dieses Kaufangebot soll dann der Ausgangspunkt für eine lose und unpersönliche Geschäftsverbindung gewesen sein. Wilhelm von Hanau besuchte in Folge die Frankfurter Messen mehrmals. Darüber wurde Rothschild - so Corti - über Vertraute in dessen Dienerschaft rechtzeitig informiert. Er nutzte diese Gelegenheit um seine Waren dem Prinzen anbieten zu können. Dies geschah nur selten persönlich, meistens aber nur über Mittelsmänner aus des Prinzen Umgebung. Neben seltenen Münzen fanden sich auch Antiquitäten und schöne Steine im Sortiment. Dadurch gelangte er in regelmäßige Geschäftsverbindungen mit ihm.89

In der zweiten Version wird davon ausgegangen, dass der Prinz bereits im April des Jahres 1765 drei Reisen zur Messe nach Frankfurt unternahm und dabei mit Rothschild in geschäftliche Beziehung trat. Berghoeffer bezieht diese Annahme aus den Hanauer Schatullkassen-Rechnungen.90 Rainer von Hessen geht davon aus, dass Johann Jakob Wegner91, der Direktor der hessen-hanauischen Landkasse, die Verbindung zwischen dem Prinzen und Rothschild herstellte. Neben seiner Position als Ratsmitglied von Hanau war er zugleich für die Beschaffung von Medaillen für den Prinzen zuständig. Wegner war entweder selbstständig oder auf Anraten des Generals von Erstorff auf Rothschild gestoßen.92 Es lässt sich nicht ausschließen, dass Rothschild Wegner oder einen anderen Beamten des Landgrafen bestochen hatte, um den Verkauf an diesen zu vollziehen. Die Beamten des Landgrafen und späteren Kurfürsten nahmen für ihre Amtshandlungen Geschenke an, worüber der Kurfürst Bescheid wusste. Wenn Rothschild sich also mit den Beamten besonders gut stellte, war das in der damaligen Zeit normal. Ohne gute Beziehungen zu den Beamten war an Geschäfte mit dem Kurfürsten prinzipiell nicht zu denken.93 Da Rothschild auch Münzauktionen veranstaltete, ist es auch möglich, dass Wegner durch eine solche auf Rothschild aufmerksam wurde.94 Die Version Berghoeffers und Rainer von Hessens scheint die wesentlich glaubhaftere zu sein.

[...]


1 Niall Ferguson, Geschichte der Rothschild. Propheten des Geldes I (München² 2002).

2 Nachfolgend wird Mayer Amschel Rothschild meist allein Rothschild genannt. Wenn von seinen Söhnen gesprochen wird, werden deren Vornamen, etwa Nathan Rothschild, zur Unterscheidung zusätzlich angegeben.

3 Die Geschehnisse dieser Zeit aus erster Hand, nämlich der Sicht des Landes-, später Kurfürsten von HessenKassel finden sich in: Kurfürst Wilhelm I. von Hessen, Wir Wilhelm von Gottes Gnaden. die Lebenserinnerungen Kurfürst Wilhelms I. von Hessen, 1743 - 1821. In: Reiner von Hessen (Hg.), Eine Veröffentlichung des Archivs der Hessischen Hausstiftung in Verbindung mit der Historischen Kommission für Hessen (Frankfurt am Main1996). Da aber sowohl Buderus und Rothschild nur kurze Erwähnung finden, ist diese Autobiografie für diese Untersuchung nicht weiter relevant.

4 Bertrand Gille, Historie de la Maison Rothschild (Genf 1965).

5 Herbert R. Lottmann, The French Rothschilds. The Great Banking Dynasty Through Two Turbulent Centuries (London 1995).

6 Ferguson, Rothschild, I.

7 Derek Wilson, Rothschild. A Story of Wealth and Power (London 1988) 10-30. Hierzu gibt es eine deutsche Übersetzung: Derek Wilson, Die Rothschild-Dynastie. Eine Geschichte von Ruhm und Macht (Wien3 1990).

8 Virginia Cowles, Die Rothschilds. 1763-1973. Geschichte einer Familie (Würzburg 1974).

9 Conte Corti, Der Aufstieg des Hauses Rothschild (Wien² 1953).

10 Beim Werke Cowles liegt das an der Profession der Autorin. Im Gegensatz zum Historiker liegt der Schwerpunkt eines Journalisten weniger in einer genau nachgewiesenen Geschichte, als in einer unterhaltsamen Erzählung von Vergangenem. Corti macht leider nur spärliche Quellenangaben, wodurch der Wahrheitswert seiner Aussagen vom Historiker leider nur schwer überprüft werden kann.

11 Herbert H. Kaplan, Nathan Mayer Rothschild and the creation of a dynasty. The critical years 1806-1816 (London 2005).

12 Anka Muhlstein, James de Rothschild (Paris 1981).

13 Christian Wilhelm Berghoeffer, Meyer Amschel Rothschild. Der Gründer des Rothschild´schen Bankhauses (Frankfurt am Main 1923).

14 Alexander Dietz, Frankfurter Handelsgeschichte, Bd. 1-4 (Frankfurt am Main 1910 - 1925, Neudruck 1970) und derselbe, Stammbuch der Frankfurter Juden. Geschichtliche Mitteilungen der Frankfurter jüdischen Familien von 1349-1849 nebst einem Plane der Frankfurter Judengasse (Frankfurt am Main 1907).

15 Dietz, Handelsgeschichte, 4/II., 723f.

16 Amos Elon, Founder. Rothschild And His Time (London 1996). Als deutsche Übersetzung erschien der Titel: Amos Elon, Der erste Rothschild. Biographie eines Frankfurter Juden (Hamburg 1999). 7

17 Wolfram Pyta, Biographisches Arbeiten als Methode. Geschichtswissenschaft. In: Christian Klein (Hg.) Handbuch Biographie. Methoden, Traditionen, Theorien (Stuttgart 2009) 331-338, hier 331.

18 Klaus-Dieter Walter Pomiluek, Heinrich Wilhelm Beukenberg. Ein Montanindustrieller seiner Zeit (ungedr. geisteswiss. Diss. Düssesldorf 2002) 17-26.

19 Berghoeffer, Rothschild, 11.

20 exogene Variable. In: Gabler Wirtschafts Lexikon, A - E (Wiesbaden 14 1997) 1250.

21 Wilhelm Dilthey, Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften. Einleitung von Manfred Riedel (Frankfurt am Main 1981) 304.

22 Ob die Unternehmensgeschichte nun eine eigenständige Disziplin, oder bloß ein Teilbereich der Wirtschaftsgeschichte darstellt, darüber sind die Meinungen geteilt. Für unsere Arbeit ist diese Debatte aber unerheblich. Siehe Hans Pohl, Betrachtungen zum wissenschaftlichen Standort von Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte. In: VSWG Beiheft 178,1 (Stuttgart 2005) 669-686.

23 Verwechslungsgefahr gibt es zwischen der Biographie und der Biographieforschung. Letztere ist ein Zweig der Soziologie, welcher Lebensläufe einzelner Menschen mit ihrem lebensgeschichtlichen Umfeld vergleichend untersucht. Einführend zur Biographieforschung siehe Werner Fuchs-Heinritz, Biographische Forschung. Eine Einführung in Praxis und Methoden (Wiesbaden 42009).

24 Die Biographie als Gattung kämpfte mit einigen Vorurteilen. Schon Wilhelm Dilthey stufte die „Biographie als Kunstwerk“ ein und rückte die historische Biographie damit in die Nähe der literarischen Biographie. Siehe dazu Dilthey, Aufbau, 307-310.

25 Moshe Zimmermann, Biography as a Historical Monograph. In: Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte. Bd. 20 (1991) 449-457, hier 449.

26 Pyta, Biographisches Arbeiten, 332.

27 Pyta, Biographisches Arbeiten, 333.

28 Die Kliometrie versucht mittels quantitativer Methoden wirtschaftstheoretische Erkenntnisse aus der Geschichte zu gewinnen. Siehe; Henner Kleinewefers, Methodologische und Theoretische Überlegungen zu David S. Landes` „Wohlstand und Armut der Nationen“. Seminar für Wirtschafts- und Sozialpolitik der Universität Freiburg (Freiburg 2002) 1-11.

29 Pohl, Betrachtungen, 672.

30 Pohl, Betrachtungen, 678.

31 Joachim Wichert, Jörg Berwanger, Unternehmung. In: Gabler Wirtschaftslexikon. Das Wissen der Experten, online unter <http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/unternehmung.html> (6.Otkober 2011).

32 Eine Unternehmerbiographie welche sich auf die unternehmerische Tätigkeit seines Protagonisten konzentriert ist die Biographie über Werner von Siemens siehe: Wilfried Feldenkirchen, Werner von Siemens. Erfinder und internationaler Unternehmer (München ²1996).

33 Hans Pohl, Die Unternehmensgeschichtliche Forschung in der Bundesrepublik Deutschland seit 1945. In: VSWG Beiheft 178,1 (Stuttgart 2005) 771-790. Hier 774f.

34 Das Standardwerk hierzu wurde von Heinrich Schnee, Die Hoffinanz und der moderne Staat, 5 Bde. (Berlin 1953-1965) vorgelegt.

35 Pohl, Betrachtungen, 674.

36 Pohl, Betrachtungen, 677.

37 Holtfrerich, Finanzplatz, 90.

38 Carl-Ludwig Holtfrerich, Finanzplatz Frankfurt. Von der mittelalterlichen Messestadt zum europäischen Bankenzentrum (München 1999) 85.

39 Holtfrerich, Finanzplatz, 83.

40 Holtfrerich, Finanzplatz, 88.

41 North, Handelsexpansion, 159

42 Holtfrerich, Finanzplatz, 92f.

43 Markus A. Denzel, Das System des bargeldlosen Zahlungsverkehrs europäischer Prägung vom Mittelalter bis 1914. In: VSWG-Beiheft 201 (Stuttgart 2008) 213-216, hier 215.

44 Holtfrerich, Finanzplatz, 86.

45 Isaac Levitats, Bet-Din and Judges. Medival and Modern Period. In. Michael Berenbaum, Fred Skolnik (Hgg.) Encyclopedia Judaica Bd. 3 (Detroit² 2007) 512-524, hier 515f.

46 Shulamit Volkov, Das jüdische Projekt der Moderne (München 2001) 4-7.

47 Ludwig Börne, Freimütige Bemerkungen… . In: Hg. Siegbert Wolf (Hg.), Jüdisches Städtebild. Frankfurt am Main (Frankfurt am Main 1996) 67. Ludwig Börne (1768 Frankfurt am Main - 1837 Paris) wurde als Juda Löw Baruch in der Judengasse geboren, war Sohn eines angesehenen Geschäftsmannes und Bankiers und studierte selbst Medizin und Nationalökonomie. Er ließ sich 1818 evangelisch auf den Namen Carl Ludwig Börne taufen.

48 Börne, Freimütige Bemerkungen, 67-71.

49 Shulamit Volkov, Die Juden in Deutschland 1780-1918. In: Lothar Gall (Hg.) Enzyklopädie Deutscher Geschichte Bd. 16 (München 1994) 6.

50 Dean Phillip Bell, Jewish Identity In Early Modern Germany. Memory, Power And Community (Aldershot 2007) 153-155.

51 Ferguson, Rothschilds, I., 102.

52 Volkov, Juden, 15.

53 Berghoeffer, Rothschild, 141.

54 Ferguson, Rothschilds, I., 99.

55 Azriel Shochat, Judith R. Baskin, Haskalah. In: Michael Berenbaum, Fred Skolnik (Hgg.) Encyclopedia Judaica Bd. 8 (Detroit² 2007) 434-444, hier 434-436.

56 Ferguson, Rothschilds, I., 98f.

57 Berghoeffer, Rothschilds, 5f. Die Reihenfolge der Geschwister Rothschilds ist unklar. Insbesondere bei Rothschilds Bruder Moses Amschel gibt es widersprüchliche Angaben. Bei Dietz und Heuberger wird er als älterer, bei Berghoeffer und Manfred Pohl als jüngerer Bruder genannt.

58 Bei der Reihenfolge der Brüder gibt es einen Widerspruch. Berghoeffer, Rothschild, 6 schreibt von zwei älteren Schwestern und zwei jüngeren Brüdern Rothschilds. Dietz, Handelsgeschichte, 4/II., 725f erwähnt Moses Amschel Rothschild aber als den Älteren. Diese Verwirrung scheint sich auch bei neueren Autoren fortgesetzt zu haben. Pohl, Court Agent, 52 wähnt beide Brüder jünger, Heuberger, Rothschilds, 16f Moses als den Ältesten der drei Brüder.

59 Wilson, A Story, 7. Wilson gibt für die gesamte Stelle über Amschel Moses keine Quelle an und erwähnt noch dazu Josef Süss Oppenheim als dessen Freund und ehemaligen Nachbarn und als gebürtigen Frankfurter, der in Hannover sein Bankgeschäft hatte. Oppenheim aber ist erwiesener Maßen in Heidelberg geboren und war dann in Stuttgart tätig, siehe Zvi Avneri, Oppenheimer, Joseph Ben Issachar Suesskind. In: Michael Berenbaum, Fred Skolnik (Hgg.) Encyclopaedia Judaica Bd. 15 (Detroit² 2007) 449f. Elon, Founder, 29f. Elon gibt für seine Aussage, dass nur Münzen gleichen Silberwerts in Frankfurt erlaubt seien, ebenfalls keine Quellen an.

60 Heuberger, Rothschilds, 14. Bei Pohl, Court Agent, 52, wird statt der „heder“ eine Grundausbildung in der Synagoge erwähnt.

61 Mehr über die allgemeine Erziehung der Juden in Deutschland in dieser Zeit findet sich in Elijah Bortniker, Education, Jewish. Jewish Education - 16TH-18TH Centuries. In: Michael Berenbaum, Fred Skolnik (Hgg.) Encyclopaedia Judaica Bd. 6 (Detroit² 2007) 177-180.

62 Jerome Hochbaum, Memorbuch. In: Michael Berenbaum, Fred Skolnik (Hgg.) Encyclopedia Judaica Bd. 14 (Detroit² 2007) 17f.

63 Vergleiche hierzu: Berghoeffer, Rothschild, 6 und Fritz Backhaus, The Last Of The Court Jews. Mayer Amschel Rothschild And His Sons. In: Vivan B. Mann und Richard I. Cohen, From Court Jews To The Rothschilds. Art, Patronage, And Power 1600-1800 (München und New York 1996) 81.

64 Heuberger, Rothschilds, 18. Inwiefern Rothschild auf die gerade im Entstehen begriffene Kaufmannsliteratur zurückgriff, ist nicht bekannt. Der „Klassiker“, wie Denzel es nennt war sicherlich Johann Christian Nelkenbrechers „Taschenbuch eines Banquiers und Kaufmanns (Berlin 21769)“. Siehe dazu Markus A. Denzel, Handelspraktiken als wirtschaftshistorische Quellengattung vom Mittelalter bis in das frühe 20. Jh. Eine Einführung. In: VSWG-Beiheft 163 (Stuttgart 2002) 11-47.

65 Heuberger, Rothschilds, 18. Ein weiteres Buch welches Münz, Maß und Gewicht ausführlich beschrieb und dem Trend, das Kaufmannshandwerk erles- und erlernbar zu machen folgte, wurde von Johann Christian Nelkenbrecher 1769 in zweiter Auflage geschrieben. Dazu mehr bei Harald Witthöft, Nelkenbrecher’s Taschenbuch on Coin, Measure and Weight (1762-1890) - Merchants’ Arithmetic and Handbooks as Sources for a Material Economy of Long Duration. In: VSWG-Beiheft 163 (Stuttgart 2002) 173-196 und derselbe , Resümee und Perspektiven. In: a.a.O. 197-218.

66 Wolfgang Henninger, Johann Jakob von Bethmann 1717 - 1792 . Kaufmann, Reeder und kaiserlicher Konsul in Bordeaux (1993) 2 Bände.

67 Die Währung Gulden war in jener Zeit im Reich gebräuchlich und wird als „fl“ abgekürzt. Diese Abkürzung lehnt sich an die Währung Fiorino d´Oro an, auch „Florin“ genannt, welche in Florenz gebräuchlich war. Nachfolgend kann eine Angabe als „22 ff“ oder „24 ff“ folgen. Gulden zu 24 ff haben einen größeren Edelmetallanteil und sind daher wertvoller. Eine kleinere Einheit war der Kreuzer abgekürzt als „kr“. Ein Gulden waren 60 Kreuzer.

68 Dietz, Stammbuch, 246.

69 Vergleiche dazu: Manfred Pohl, From Court Agent to State Financier - The Rise oft he Rothschilds. In: Georg Heuberger (Hg.), The Rothschilds. Essays On The History Of A European Family (Frankfurt am Main 1994) 51- 54, Wilson, A Story, 10-30, Georg Heuberger (Hg.), The Rothschilds. A European Family (Frankfurt am Main 1994), 13.

70 Dazu Heuberger, Rothschilds, 13.

71 Berghoeffer, Rothschild, 141.

72 Corti, Rothschild, 12f. Die Rolle des General von Estorff als Vermittler zwischen Rothschild und Wilhelm, wird nur in Corti, aber mit keinem einzigen Wort in Berghoeffers Buch erwähnt; Dieter Raab, Frankfurts genialster Münzhändler und sein bester Kunde. Eine einmalige Geschichte. In: Geldgeschichtliche Nachrichten 191 (1999) 143-145, folgt hier ganz der Linie Cortis.

73 Raab, Münzhändler, 143 und Heuberger, Rothschilds, 18. Bei Backhaus, Court Jews, 82 wird dies bestätigt und spezifiziert. Im Handelsregister von 1778 war Rothschild der einzige jüdische Münzhändler.

74 Dietz, Handelsgeschichte, 4/II., 725.

75 Raab, Münzhändler, 144. Bei Raab wird von 38 fl und 30 Kronen gesprochen.

76 Dietz, Handelsgeschichte, 4/II., 725.

77 Schnee, Hoffinanz III, 124f und Hermann Kellenbenz, Court Jews. In: Michael Berenbaum, Fred Skolnik (Hgg.) Encyclopaedia Judaica Bd. 5 (Detroit² 2007).

78 Heuberger, Rothschilds, 36.

79 Pohl, Court Agent, 54f.

80 Pohl, Court Agent, 52. Näheres zum Fall Oppenheimer findet sich bei Barbara Gerber, Jud Süß. Aufstieg und Fall im frühen 18. Jahrhundert. Ein Beitrag zur historischen Antisemitismus- und Rezeptionsforschung (Hamburg 1990).

81 Pohl, Court Agent, 54f.

82 J. Friedrich Battenberg, Die Juden in Deutschland vom 16. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. In: Enzyklopädie Deutscher Geschichte Bd. 60 (München 2001), 44f.

83 Battenberg, Juden in Deutschland, 110.

84 Berghoeffer, Rothschild, 138.

85 Ferguson, Rothschilds, I., 101.

86 Ferguson, Rothschilds, I., 102.

87 Nach Corti, Rothschild, 53 hat Wilhelm II. bereits zur Lebzeiten Rothschilds, also vor 1813, diesen um Kredit gebeten.

88 Eckhart G. Franz, Der Finanzplatz Frankfurt und die Hof- und Staatsfinanzen der Hessischen Fürstenstaaten. In: Blätter für deutsche Landesgeschichte 125 (1989) 43-62. Hier 58.

89 Corti, Rothschild, 13-16.

90 Berghoeffer, Rothschild, 8. Ob in der Zeit von 1763, in welcher der Prinz seine Münzsammlung begann, bis zum Oktober 1764, ab welchem durch Berghoeffer Aufzeichnungen belegt sind, bereits Geschäfte zwischen Rothschild und Wilhelm stattfanden, bleibt unklar.

91 Es kommt auch die Schreibweise „Wegener“ vor.

92 Rainer von Hessen, „You didn´t recommend a fool to me“ - Elector William I of Hesse and Meyer Amschel Rothschild. In: Georg Heuberger (Hg.), The Rothschilds. Essays On The History Of A European Family (Frankfurt am Main 1994) 22 und Dietz, Handelsgeschichte, 4/II., 725.

93 Berghoeffer, Rothschild, 141.

94 Raab, Frankfurts genialster Münzhändler, 144.

95 Corti, Rothschild, 17.

Ende der Leseprobe aus 128 Seiten

Details

Titel
Mayer Amschel Rothschild - Die exogenen Faktoren der wirtschaftlichen Entwicklung eines Bankhauses
Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz  (Geschichte)
Veranstaltung
Wirtschaftsgeschichte
Note
Sehr Gut
Autor
Jahr
2011
Seiten
128
Katalognummer
V196413
ISBN (eBook)
9783656225430
ISBN (Buch)
9783656226581
Dateigröße
1079 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rothschild, Wirtschaftsgeschichte, Frankfurt am Main, Mayer Amschel Rothschild, Nathan Mayer Rothschild, Amschel Mayer Rothschild, Private Banking, historisch, Merchant Banker, Kaufmannabankier, Kaufmannsbankier, exogene Faktoren, Geschichte der Neuzeit, Neuzeit, Juden, jüdische Geschichte, Hofjuden, Münzhandel, Antiquitätenhandel, Französische Revolution, Hessen-Hanau, Hofbankier, Hofjude, kultureller Einfluss, Soziologie, Religion, Judentum, Heiratsmuster, innere Gliederung, Geschäft, London, Wien, Erbvertrag, Bankengeschichte, Unternehmerbiografie, Unternehmerbiographie, Wilhelm von Hessen-Kassel, Unternehmer, Feidel David, Rüppell, Harnier, Vergleich, Bethmann, historische Entwicklungen, Warenhandel
Arbeit zitieren
Andreas Kutz (Autor), 2011, Mayer Amschel Rothschild - Die exogenen Faktoren der wirtschaftlichen Entwicklung eines Bankhauses, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/196413

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